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Das ist Teil zwei von „Nach dem Absturz“: Eine investigative Podcast-Serie in fünf Teilen über die Folgen eines großen Unglücks – und darüber, wie man ein tiefes Trauma bewältigen und wieder zurück ins Leben finden kann.
Es ist wie eine Achterbahnfahrt, die außer Kontrolle gerät“, sagt Martin. „Es ist laut. Es ist Krach, alles fliegt im Inneren des Flugzeuges umher. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, und man ist halt machtlos, man kann nichts machen, man sitzt da und wartet auf das Ende.“
Martin und sein bester Freund Harald sind auf dem Weg zu ihrem Männerurlaub zum Lachsfischen in den Fjorden von Kanadas Westküste. Nur wenige Kilometer vor dem Ziel streift das Wasserflugzeug plötzlich die Baumwipfel.
„Es macht einen gewaltigen Bums. Wir kommen zum Stehen, halb schräg liegen wir im Wald. Das Erste, was ich höre, ist: ,Well, that’s the way how to start a fishing trip.’ Ich glaube, den Satz werde ich in meinem Leben nicht vergessen“, erzählt Martin.
Er muss sich erst einmal orientieren und verstehen, was gerade passiert ist. Er ist noch immer angeschnallt und hängt im Gurt, kann schwer atmen. Alles ist surreal. Er kann sich befreien und kann aus dem Flugzeug krabbeln.
Martin ist im Schock. Sein erster Gedanke: Er muss zurück ins Flugzeug, um seinem Freund Harald zu helfen. „In dem Moment kommt mir der stechende Geruch von Kerosin in die Nase und dann sehe ich, dass aus dem abgerissenen Flügel Kerosin in das Innere der Maschine läuft. Ich sehe, dass der Motor des Flugzeuges qualmt“, erzählt er. „Und wie man es sich im Film vorstellt, denkt man, dass das Ding jetzt jede Sekunde in die Luft geht.“
Aber Martin geht trotzdem zurück ins Wrack. Zuerst schaut er zum Piloten, doch der ist völlig regungslos. Er ist tot. Dann sieht er Greg, einen Mitreisenden, der sich nicht alleine aus dem Flugzeug befreien kann.
„Und wie man es sich im Film vorstellt, denkt man, dass das Ding jetzt jede Sekunde in die Luft geht.“
Martin erzählt: „Es sieht so aus, als würde es Greg gut gehen. Ich helfe ihm und ich setze ihn auf den Baumstumpf ab, und da merke ich erst, dass er ganz, ganz große Schwierigkeiten beim Atmen hat.“
Dann geht Martin noch mal ins Flugzeug, zu seinem Freund Harald. Er ist ansprechbar, kann sich aber nicht bewegen. Die Maschine liegt schräg, sodass Harald in seinen Sicherheitsgurt gepresst ist. Martin findet im Erste-Hilfe-Koffer eine Schere und schneidet den Gurt durch. Obwohl Harald sehr schwer ist, schafft es Martin, ihn herauszuziehen. Mike, ein anderer Überlebender, kommt zur Hilfe und gemeinsam lehnen sie Harald an einen Baum. Haralds linkes Bein blutet stark.
Sie binden Haralds Bein mit einem Gürtel ab. Martin weiß nicht genau, wo sie sind – auf dem Festland, nahe eines Dorfs? Auf einer Insel oder tief in einem Naturreservat? Aber er weiß, er muss Hilfe holen, weil er der Jüngste ist und glaubt, im Adrenalinrausch nicht verletzt zu sein. Aber so wie er ausschaut, wird man ihn nicht finden, mit seiner Camouflagehose und der grünen Jacke. Er findet im Erste-Hilfe-Koffer eine blaue Plane und nimmt sie mit.
„Dann gehe ich zu Harald hin und nehme seinen Kopf in meine Hand und sage, dass ich Hilfe holen gehe. Für mich ist klar, dass er diesen Absturz überleben wird, weil das Bein abgebunden ist.“
Martin hastet los und bahnt sich seinen Weg durch die Wildnis. Er ist total durchnässt und seine Fleecejacke bleibt immer wieder an Ästen hängen. Alles ist mit Moos bedeckt: nasse Stämme, umgefallene Stämme und eine absolute Stille. Man hört nur, wie Regen auf Holz prasselt, und sonst überhaupt nichts.
Zu dem Zeitpunkt weiß ich nicht, dass sie auf einer Insel aufgeschlagen sind. Er kann nur erahnen: bergab.

Auf einmal überkommt ihn die Angst. Was ist, wenn da jetzt ein Bär vor ihm steht? Weil Martin weiß: Die Gegend von der Fischerhütte hat eine Riesenpopulation an Grizzly- und Schwarzbären.
Aber er geht trotzdem weiter. Plötzlich hört er ein Geräusch. Wasser schlägt gegen Felsen. Und dann sieht er eine riesige Bucht im Nebel und das endlose Meer. Aber da ist nichts, was Martin helfen könnte: keine Rettungsboote, keine Menschen. Dafür spürt Martin zum ersten Mal starke Schmerzen im Rippenbereich.
Er setzt sich auf einen Stein und wartet. Und er überlegt, wie sein bester Freund Harald mit seiner Beinverletzung weiterleben wird. „Ich denke dran, dass Haralds Haus gar nicht behindertengerecht ist. Die Türen sind so klein, das Schlafzimmer ist oben. Wie soll er da zurechtkommen? Wie soll er mit einer Prothese zurechtkommen? Aber ich denke, dass er bereits so viel im Leben geschafft hat.“
Auf einmal taucht ein Segelboot am Horizont auf. Es ist so weit weg, dass man es fast nicht sieht.
„Und ich springe auf und schreie ,Help, Help‘ und schwenke wie wild mit der Plane umher. Aber das Boot fährt vorbei, dieses Gefühl ist unbeschreiblich.“
Dann, sagt er, fliegt ein Wasserflugzeug von Süden nach Norden. Wieder springt er auf und winkt mit der Plane, wie im Film. Aber die Maschine fliegt weiter. Ein weiterer Schlag ins Gesicht für Martin.
Wie lange Martin da sitzt und wartet, weiß er nicht, aber auf einmal biegen zwei Fischerboote in die Bucht ein und kommen immer näher. Er sieht einen Mann mit Vollbart hinterm Steuer und der schreit zu Martin: „How many people are in the water?“
Martin erklärt die Situation: „Weil er glaubt, dass wir im Wasser abgestürzt sind. Ich sage ihm, dass da keiner im Wasser ist, sondern dass die oben an der Absturzstelle sind und dass ich hier runtergegangen bin, um nach Hilfe zu suchen.“
Wegen der Wellen kann das Fischerboot aber nicht so nahe an Land fahren und deswegen muss Martin Anlauf nehmen und mit einem großen Satz aufs Boot springen. „Sofort gibt mir eine Frau eine Jacke und zwei Männer wickeln mich in eine Decke und dann dreht das Boot und fährt los“, sagt Martin.

Währenddessen wendet eine Touristenfähre und nimmt Kurs auf die Insel. Etwa zeitgleich hat auch diese Touristenfähre vom Flugzeugabsturz erfahren. Nur wenige Kilometer von der Insel entfernt, auf der Martin und die anderen abgestürzt sind, wird nun eine Rettungsmission vorbereitet.
„Ich bin die Sonja. Ich bin in Österreich geboren und habe lange in Wien gelebt. Ich war fast zwei Jahre lang in Vancouver.“ Die Augenärztin Sonja forscht 2019 an der Uni in Vancouver. In ihrer Freizeit reist sie viel und erkundet die kanadische Natur. Am Tag, an dem das Flugzeug mit Martin und Harald an Bord abstürzt, ist Sonja mit ihrem Mann auf einer Touristenfähre von Vancouver ins Grizzly-Paradies Bella Coola.
Alles läuft nach Plan, Sonja und ihr Mann genießen die Fahrt und versuchen, aus dem Fenster Wale zu erspähen. Sie plaudern, trinken Kaffee und planen, was sie in den nächsten Tagen so unternehmen wollen. Doch dann stoppen die Motoren der Fähre plötzlich und der Kapitän meldet sich über die Lautsprecher.
Sonja erinnert sich an diese Situation:
„Es kommt eine Durchsage, in der es heißt, dass es einen Flugzeugabsturz gegeben hat. Und wir die nächsten Menschen in der Nähe sind. Und dann kam eine weitere Durchsage mit der Frage, ob Ärzte an Bord sind.“
Ein Schweizer Orthopäde meldet sich freiwillig und auf der Fähre befindet sich auch ein kanadischer Notfallsanitäter. Auch Sonja meldet sich freiwillig. „Weil mir ganz klar ist, wenn ärztliche Hilfe gebraucht wird, dass man sich meldet. Dann schaut man immer, ist jemand anderer da, der mehr geeignet ist als ein Augenarzt“, erzählt Sonja. „Aber ich weiß einfach, dass man als Arzt, auch wenn das nicht die Fachrichtung ist, oft mehr allgemeinmedizinisches Wissen hat als jemand, der sich damit nicht beschäftigt.“
Dann passiert erst mal: nichts. Das Flugzeug ist gerade erst abgestürzt und es herrscht Verwirrung, ob man Leute aus dem Wasser retten muss und wo sich die abgestürzten Passagiere befinden. „Aber dann sagt man uns, dass der Absturz auf einer Insel passiert ist und dass wir dorthin gebracht werden, um vor Ort zu helfen“, sagt Sonja.
Die Drei schnappen sich alles, was bei der ersten Hilfe nützlich sein könnte: Verbandsmaterial, eine Sauerstoffflasche und Decken. Und dann werden sie mit einem kleinen Rettungsboot an Land gebracht. Dort steigen sie in einen Helikopter von der Küstenwache, der sie so nahe an die Unfallstelle wie möglich bringen soll.
„Es war für uns alle eine Ausnahmesituation. Wir drei sind keine First Responder. Wir kennen uns nicht.“
Sonja hat ein Notarztdiplom. Dort hat sie gelernt, wie man PatientInnen mit Hilfe von Notarztwagenausrüstung so stabilisiert, dass man sie ins Spital bringen kann. Aber sie war nie als Notärztin tätig. „Mir war nur wichtig, dass ich das Know-how habe für den Fall der Fälle. Aber da geht es vor allem um Medikamente, zum Beispiel bei Herzinfarkten. Da geht man davon aus, dass man innerhalb von 20 Minuten in einem Spital ist. Und dort auf der Insel ist das eine völlig andere Situation.“
Der Helikopter landet auf der Insel und die drei ErsthelferInnen steigen aus. Jetzt müssen sie sich zur Unfallstelle den Berg raufkämpfen, durch ein wildes Gelände mit Gestrüpp und dichtem Wald. Sonja hat nur Freizeitsneakers, Jeans und eine Softshelljacke an. Immer wieder rutscht sie mit ihren durchnässten Schuhen ab.
Sonja hat die ganzen Decken in der Hand. Es ist schwierig, weil sie sich nirgends festhalten kann. Die anderen beiden tragen die schweren Sachen, die Sauerstoffflasche und den Verbandskasten.
Trotz der Ausnahmesituation bleiben die Drei ruhig. Sie sind vollgepumpt mit Adrenalin.
„Es gibt keine Hektik, nein. Das Schicksal hat über diejenigen entschieden, die nicht überlebt haben, da konnten wir nichts mehr tun.“
„Adrenalin bewirkt, dass der Geist ganz scharf ist und die Emotionen zurückgeschraubt werden“, erklärt Sonja. „Man spürt weder Hunger, Durst noch Kälte, das ist alles nebensächlich. Das klingt jetzt hart, aber Emotionen lässt man in dem Moment nicht zu. Ohne das Adrenalin könnte man in so einer Situation nicht logisch und sachlich handeln.“
Die Ersthelfer und Ersthelferinnen kommen an einem schäumenden Bach vorbei, ein stechender Geruch steigt ihnen in die Nase: Kerosin. Sie wissen: Jetzt ist die Absturzstelle nicht mehr weit.
Die Stimmung am Absturzort ist überraschenderweise total ruhig und abwartend. Es gibt keine Schreie, kein Gejammer. „Der Regen hört auf und die Sonne kommt teilweise durch. Wir sind da mitten im Nirgendwo. Aber es gibt keine Hektik, nein. Das Schicksal hat über diejenigen entschieden, die nicht überlebt haben, da konnten wir nichts mehr tun“, erzählt Sonja.
Die schlimme Erkenntnis für Sonja: Nicht alle haben den Absturz überlebt. Der Pilot ist tot, und auch drei der Passagiere sind gestorben. Die HelferInnen haben aber keine Zeit, darüber nachzudenken, sie arbeiten jetzt nach Triage, helfen also den Schwerstverletzten als Erstes. Der Passagier Greg hat starke Atemnot und bekommt Sauerstoff. Der Schweizer Orthopäde kümmert sich um einen Mann, der sich als Doug vorstellt. Er hat schwere Beinverletzungen. Und Sonja verteilt erst mal die Decken, die sie den Berg raufgeschleppt hat.
„Das ist das Wichtigste, weil, wenn die Unfallopfer unter Schock stehen, vergisst man oft, dass der Körper auskühlt. So banal das am Anfang scheint, aber sie waren richtig dankbar, dass sie dann eine Decke hatten.“
Sonja schaut sich nach weiteren Verletzten um und geht zu einem Mann namens Kevin. Er ist Ende 60 und liegt am Boden. Sein Bein ist völlig, völlig verdreht. Sie untersucht ihn kurz, misst ihm den Blutdruck und schaut, dass er bei Bewusstsein bleibt. Das ist wichtig, damit sie Kevin immer wieder nach seinem Zustand fragen kann. Denn Kevin liegt auf dem Rücken und wenn er bewusstlos wird, besteht die Gefahr, dass die Zunge nach hinten rutscht und er keine Luft bekommt. Ob die stabile Seitenlage bei ihm funktionieren würde, ist unklar, wegen seiner schweren Beinverletzungen und eventueller Verletzungen am Rücken.
Beide Beine von Kevin sind am Oberschenkel abgebunden. Sonja weiß, dass das später zu Komplikationen führen kann. Sie möchte die Gurte aber nicht aufmachen, weil das seinen Zustand verschlechtern könnte. Die ErsthelferInnen wissen nicht, wann professionelle Hilfe kommt. Deswegen unterhält sie sich einfach mit Kevin.
Sonja meint, dass es sehr wichtig war, den Verletzten das Gefühl zu geben, dass sie nicht alleine sind, und zu helfen, auch wenn sie mit der begrenzten Ausrüstung nicht viel tun konnten.
„Kevin war faszinierend“, erzählt Sonja. „Er liegt in dieser misslichen Lage, am Boden, schwerst verletzt, aber er jammert nicht. Er macht humorvolle Meldungen. Das war für mich ganz faszinierend, dass jemand in dieser misslichen Lage noch so einen Spirit verbreitet.“
„Ich liege am Boden und dann kommt da diese Frau aus den Bäumen heraus. In Yogapants und Flipflops! Und ich kann es nicht fassen, was ich da sehe.“
Sonja erfährt, dass Kevin aus Oklahoma City in den USA kommt und dass er ein pensionierter Geologe ist. Eigentlich wollte er mit Freunden fischen gehen, stattdessen liegt er jetzt kerosingetränkt im Gatsch neben einem Flugzeugwrack. Und Kevin ist wirklich ein lustiger Zeitgenosse. Er nennt den Platz, wo er liegt, „Kevin’s Mudhole“, also Kevins Schlammloch. Seine Erinnerung an die Begegnung mit der österreichischen Augenärztin Sonja ist etwas anders als die Wirklichkeit.
Kevin erinnert sich: „Ich liege also am Boden und dann kommt da diese Frau aus den Bäumen heraus. In Yogapants und Flipflops! Und ich kann es irgendwie nicht fassen, was ich da sehe. Jetzt im Nachhinein ist es natürlich extrem lustig, dass ich das so wahrgenommen habe. Es ist fast so, als hätte sie auch getanzt, so absurd!“
Kevin beginnt zu verstehen: Die Frau ist echt! Er ist wahnsinnig erleichtert, dass er jetzt tröstende Gesellschaft hat. Auch weil es ihm ziemlich kalt ist. „Ich liege also in meinem, also Kevins, Schlammloch. Und Sonja kommt zu mir rüber und sie legt sofort eine Decke auf mich drauf. Für mich war diese wärmende Decke in dem Moment wie eine
fantastische Entdeckung der Medizin und Wissenschaft.“
Kevin fragt nach ihrem Namen und Sonja erzählt, dass sie aus Österreich kommt. Und ab diesem Zeitpunkt erinnert sich Kevin an nichts mehr, es ist alles weg.
„Ich habe keine Ahnung mehr, ich kann mich an absolut nichts mehr erinnern. Wahrscheinlich hat da der Schock erst so richtig eingesetzt und natürlich die Unterkühlung. Ich glaube, dass sich mein Hirn langsam runtergefahren hat, um mich zu schützen.“
Etwa eine Stunde sind Sonja und die anderen beiden Ersthelfer jetzt schon an der Unfallstelle, und dann kommt endlich die lang ersehnte professionelle Unterstützung.

SAR-Techs, Such- und Rettungstechniker von den kanadischen Streitkräften, in grellen, orangen Ganzkörperanzügen, seilen sich von einem Helikopter ab. Zwei springen aus einer Militärmaschine mit Fallschirm ins Meer und steigen dann zu den Opfern, rauf auf den Berg der Insel. Sie haben Schmerzmittel und Infusionen mit, um den Kreislauf zu stabilisieren. Sie entschärfen jetzt erst mal die Batterie vom Flugzeug. Es ist ein kleines Wunder, dass der in Kerosin getränkte Unfallort nicht explodiert ist.
Sonjas Erste-Hilfe-Einsatz ist vorbei. Sie wird zur Leuchtturmstation auf der Insel gebracht. Dort hat sich ein kleines Lager gebildet, um die Rettungsmission zu koordinieren. Und dort … ist auch Martin mittlerweile angekommen. Das Fischerboot hat ihn an der Küste gefunden und zur Leuchtturmstation gebracht.
Martin erinnert sich: „An der linken Wand hängen ein Telefon und eine Landkarte. Ein Schreibtisch steht am Fenster. Ich setze mich auf einen Stuhl in der Ecke.“ Kurze Zeit später stürmt ein riesiger Mensch in einem roten Trockenanzug in das Zimmer. Der Mann ist Rettungssanitäter von der Küstenwache und sagt, dass er Martin jetzt untersuchen wird. Er möchte seine Vitalfunktionen checken und bittet Martin, sich auszuziehen.
„Und kurze Zeit später stehe ich in meiner Unterhose bekleidet in diesem kleinen, winzigen Raum und er fühlt meinen Puls. Er verbindet meine Wunde am Arm“, erzählt Martin. Für ihn ist die ganze Situation surreal. Er erzählt dem Sanitäter, dass acht Passagiere und ein Pilot an Bord der Maschine waren. Er erzählt auch, wie der Zustand der Überlebenden war, wie er von der Unfallstelle weggegangen ist, um Hilfe zu holen. Seine Informationen werden via Funk an die Retter weitergegeben.
Martin hört auch am Funkgerät vom Sanitäter, was gerade vor Ort passiert. Dann wird von den Sar-Techs am Unfallort ein Code durchgegeben, der eigentlich nicht für Martins Ohren bestimmt war.
„Der Mensch am Funkgerät sagt: ,four black, two red and two yellow.‘ In dem Moment weiß ich, dass Harald gestorben sein muss.“
„Yellow“ und „red“ sind die Farbcodes für die Verletzungsgrade der Passagiere, und „black“ bedeutet: verstorben. Martin weiß, als er Harald zurückgelassen hat, war er sehr schwer verletzt. Während er runter zum Wasser gegangen ist, um Hilfe zu holen, ist sein bester Freund verstorben. „Ich fühle Schmerz, Trauer, Wut, Hilflosigkeit. Mit einem Mal war meine Welt, ja, als ob mir was genommen worden ist.“
Es passiert so viel um Martin herum, dass er nicht klar denken kann. Er sieht aus der Ferne, wie die SAR-Techs mit Fallschirm aus der Militärmaschine springen. Der Einsatzleiter bespricht mit Martin, wie er die Insel verlassen kann, und dann kommt da plötzlich eine Frau zu ihm. Es ist Sonja.
Sie erinnert sich: „Ich denke, dass jemand, der so einen Aufprall erlebt, vielleicht auch Verletzungen davonträgt, die er im Schockzustand auch nicht spürt. Da frage ich ihn, wie es ihm geht. Er schaut mich ganz verwirrt an, wahrscheinlich, weil ich ihn auf Deutsch angesprochen habe. Dann sagt er mir, dass er schon untersucht wurde. Aber ich glaube, er fragt dann noch nach seinem Freund, ob ich ihn gesehen hätte und ob er noch lebt.“
Sonja weiß nicht mehr, was sie darauf geantwortet hat. Ab dem Zeitpunkt sinkt bei ihr der Adrenalinspiegel und sie hat Erinnerungslücken. Sie weiß nicht mehr, wie sie zurück auf die Fähre kommt. Aber sie weiß, dass sie ihrem Mann weinend in die Arme gefallen ist. Sie setzen ihre Urlaubsreise fort, aber ihre Gedanken kreisen die ganze Zeit um das Erlebte.
Aber Martins Albtraum geht noch weiter.
Der Einsatzleiter kommt zu ihm und gibt Martin ein Päckchen Oropax. Er wird raus zum Heliport geführt.
„Da sehe ich dann im Graben mehrere Leichensäcke liegen“, erzählt Martin. „Ich kann mir vorstellen, dass in einem Harald liegen wird. Ich frage, ob ich Harald noch einmal sehen darf, weil ich weiß, dass er im Kopf oder am Gesicht keine Verletzungen hat. Ich hätte ihn gerne noch einmal berührt.
Dieser Wunsch wird Martin aber nicht erfüllt. Es ist schwer für Martin, an den toten Körpern vorbeizugehen.

Der Rettungshelikopter landet. Als sich die Türe öffnet, hofft Martin, dass sein Freund Harald vielleicht doch noch am Leben ist, aber es sind andere Passagiere, die dort in den Transportbetten liegen. Martin und die anderen werden ins Krankenhaus nach Port Hardy, der nächstgelegenen Kleinstadt, geflogen. „Ich werde komplett untersucht. Ich kriege einen Venenzugang für die Schmerzen. Ich muss eine Urinprobe abgeben, damit ausgeschlossen wird, dass ich innere Verletzungen habe“, erzählt Martin.
Aber die Ärzte finden die Ursachen für seine fast unerträglichen Schmerzen im Rippenbereich nicht. Das macht ihm große Sorgen. Er liegt und wartet, dass etwas passiert. Dann kommt eine Büroangestellte des Spitals zu ihm. „Das ist die Dame vom Accounting und die fragt nach der Kreditkarte“, erinnert sich Martin. „Und mit einem Satz wurde mir natürlich klar, was die Dame möchte.“
Aber Martins Kreditkarte ist in seinem Gepäck, und das ist noch im Flugzeugwrack. Die Frau schreibt etwas auf ein Armband und bindet es Martin um sein Handgelenk. Darauf steht NC, und Martin glaubt, das stehe für „no credit card“.
„Es fühlt sich so an, als ob von dem Moment an anders mit einem umgegangen wird.“
Martin bittet eine Krankenschwester um ein Telefon, damit er endlich seine Frau Dagmar anrufen kann. Martin sagt, das war der schlimmste Anruf seines Lebens. Dagmar ist gerade auf Urlaub in Deutschland mit den gemeinsamen Kindern, als sie den Anruf von Martin bekommt. Sie weiß, dass sie jetzt einen kühlen Kopf bewahren muss, die Familie managen, den Martin zurück nach Österreich holen. Die beiden reden seitdem nicht viel über den Absturz. „Ich habe nur einmal oder zweimal mit Dagmar über das komplette Ereignis geredet“, sagt Martin. „Und Dagmar hat damals gesagt, du bist zurückgekommen und bist am Leben. Und das ist alles, was zählt. Vielleicht ist das ihre Art, das zu verdrängen.“
In jenem Moment aber setzt Dagmar alle Hebel in Bewegung, um ihren Mann wieder nach Hause zu bekommen. Während sie mit dem Außenministerium telefoniert, wird Martin in ein anderes Spital überstellt, um eine Computertomografie zu machen, aber auch dort finden sie die Ursache für seine Schmerzen nicht. Martin ist verzweifelt und fühlt sich einsam. So gerne hätte er jetzt einen Freund an seiner Seite als seelischen Beistand. „Ich war todmüde, aber sobald ich die Augen geschlossen habe, habe ich die Baumwipfel vor meinem inneren Auge gesehen und konnte nicht schlafen.“
Irgendwie übersteht Martin die Nacht. Am nächsten Tag bekommt er Orangensaft und eine Eierspeise zum Frühstück, er kann sich duschen und rasieren. Und dann kommt die Visite. Der Arzt sagt, dass sie die Ursache für Martins Schmerzen nicht finden können. Deswegen soll Martin das Spital verlassen. Er ist entsetzt.
„Wie kann man so was verantworten? Wie kann man einen Menschen, nach nicht einmal 24 Stunden, der so was durchgemacht hat, vor die Tür setzen?“
Martin muss das Spital verlassen und er bekommt den Tipp, den Hinterausgang zu verwenden. Wahrscheinlich warten Pressefotografen beim Eingang, um die Überlebenden zu fotografieren. In Kanada war der Absturz mit vier Toten und fünf Verletzten damals ein großes Thema in den Medien.
Martin sitzt also am Provinzflughafen irgendwo in British Columbia und wartet auf seinen Flug zum nächsten internationalen Airport, nach Vancouver. Er hat immer noch das Kreditkarten-Armband vom Spital am Handgelenk. In einem Sackerl liegt seine alte Kleidung, alles stinkt nach Kerosin. Er sitzt am Terminal mit Kaffee in einem Papierbecher und ihm rinnen die Tränen herunter. Langsam beginnt er zu realisieren, dass sein Freund und Mentor Harald gestorben ist. Und jetzt muss Martin noch einen schweren Anruf machen: Er muss der Frau von seinem Freund Harald erzählen, was passiert ist. Aber sie können nur ganz kurz sprechen, weil dann sein Flug aufgerufen wird.
„In dem Moment habe ich wirklich Angst, Panik. Ich weiß nicht, wie ich den Flug überleben soll. Wegen der Angst“, sagt Martin. Er krallt sich in die Sessellehne und übersteht den 45-minütigen Flug. In Vancouver fährt er zum deutschen Konsulat. Dort wird ihm ein Notpass ausgestellt, damit er wieder zurück nach Österreich reisen kann. Sein eigentlicher Reisepass liegt irgendwo im Flugzeugwrack.
„Ich habe höllische Angst vor dem langen Flug. Wenn die 45 Minuten schon so schlimm waren, wie soll das funktionieren mit einem 11- Stunden-Flug?“
Vor dem Abflug am nächsten Tag geht Martin noch in eine Arztpraxis. Dort bekommt er drei Pillen in einem kleinen orangefarbenen Röhrchen. Sie sollen seine Angst dämpfen. Am nächsten Tag ist es dann so weit, Martin fährt zum Flughafen. Er denkt die ganze Zeit an seinen Freund Harald und daran, wie er am Absturzort gestorben ist. Mit jeder Minute vor dem Abflug wird seine Flugangst größer. Gleichzeitig hat Martin immer noch starke Schmerzen im Brustbereich und macht sich deswegen große Sorgen. Martin überwindet sich und steigt völlig übermüdet in das riesige Flugzeug. Sein Herz pocht.
„Ich bin dann jedenfalls auf die Toilette gegangen und habe die Beruhigungspille unter die Zunge gelegt“, erinnert sich Martin. „Das Medikament hat zum Glück funktioniert, erschreckend schnell. Also ich war auf dem Sitz zurück und das war dann das erste Mal, dass ich schlafen konnte.“ Die Beruhigungsmittel sind so stark, dass er trotz der Schmerzen zum ersten Mal seit drei Tagen einschlafen kann.
Was er da noch nicht weiß, ist, dass die Ärzte in Kanada etwas Gravierendes übersehen haben.
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Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas
Mitarbeit: Nico Knappe und Philipp Bernhard
Musik und Komposition: Olivia Ahltorp