Dieser Artikel ist für dich kostenlos
Du kannst diesen Beitrag lesen oder anhören, weil ein JETZT-Mitglied ihn mit dir geteilt hat. Schließe eine Mitgliedschaft ab, um auch unabhängigen Journalismus zu unterstützen!
Hinweis
In dieser Geschichte kommt es immer wieder zu recht bildhaften Beschreibungen von Gewalt. Bitte lest oder hört diese Geschichte nur, wenn ihr euch damit wohlfühlt oder wenn ihr mit jemandem darüber sprechen könnt.
Ich bin keine Polizistin, ich bin keine Richterin. Also, meine Aufgabe ist in dieser Beratung nicht, mir ein Urteil zu bilden, sondern Sie eben zu diesem Thema Gewaltprävention zu beraten und dass wir uns gemeinsam damit auseinandersetzen, was bei diesem Vorfall passiert ist und was Sie tun können, damit Sie in Zukunft nicht mehr in so eine Situation kommen.“
Das ist Frau Kundrat, Sozialarbeiterin beim Verein NEUSTART. Sie startet gerade in meine Gewaltpräventionsberatung. Ich versetze mich in die Rolle von Herrn P., einem mutmaßlichen Gewalttäter, der seiner Ex-Partnerin gedroht haben soll, sie zu töten. Dafür hat er ein Betretungs- und Annäherungsverbot bekommen und muss eben diese sechsstündige Beratung bei NEUSTART machen. Es ist ein Fall, der so oder so ähnlich sehr häufig bei NEUSTART vorkommt.
Das hier ist der zweite Teil meiner Geschichte über den Umgang mit Männlichkeit und Gewalt; über das „Ich doch nicht“, wenn neue Gewalttaten von Männern bekannt werden. Wenn ihr es nicht eh schon gemacht habt, hört euch den ersten Teil an. Da geht es um persönliche Krisen und ein Telefonat, das viel bewirken kann.
Ich sitze also als Herr P. mit NEUSTART-Beraterin Kundrat in einem sehr schlichten Büro. Sie erzählt mir, was wir in der ersten von sechs Beratungssitzungen machen, und fragt, ob ich einverstanden bin. Bin ich. Dann will sie wissen, ob ich verstanden habe, was ein Betretungs- und Annäherungsverbot ist. „Nein“, antworte ich. Ich dürfe mich meiner Ex-Partnerin – zunächst mal zwei Wochen lang – nicht auf hundert Meter nähern. Die Frist verlängert sich, wenn meine Ex-Partnerin einen Antrag auf einstweilige Verfügung stellt. Wenn dem Antrag stattgegeben wird, sagt Kundrat, gelte das Kontaktverbot mal für ein Jahr. Ob meine Ex-Partnerin eine einstweilige Verfügung beantragt hat, das werde mir voraussichtlich von der Polizei oder dem Gericht mitgeteilt. Frau Kundrat bietet an, dass wir die Dokumente gemeinsam durchgehen können, wenn sie da sind. Und sie gibt mir ihre Visitenkarte. Ich könne mich melden, wenn ich Fragen habe. „Danke“, sage ich.

Weiter: Ein Ermittlungsverfahren wegen gefährlicher Drohung wurde gegen mich eingeleitet. Frau Kundrat erklärt mir, welche Folgen eine Verurteilung haben kann. Außerdem solle ich auf jeden Fall zu allen Beratungsterminen mit ihr kommen. Wenn ich nicht komme, ist sie nämlich verpflichtet, die Polizei zu informieren. Mit wem sie sich sonst noch austauscht oder austauschen darf, erklärt Frau Kundrat mir auch noch. Grundsätzlich gelte Verschwiegenheitspflicht. Und dann fragt sie mich, was ich zu all dem sage.
„Ich finde, es ist ein bisschen viel, was da jetzt passiert. Ich habe das Gefühl, dass sie sowieso immer wieder das Thema damit hat, dass sie übertreibt, also wirklich die Sachen so krasser darstellt, als sie sind. Ich meine, es ist eine Menge, was jetzt hier alles kommt. Betretungs … Also weiß ich nicht, es ist viel einfach.“
„Ja, das ist viel“, sagt Frau Kundrat. Sie will wissen, was denn genau passiert sei. Ich behaupte, dass die Trennung herausfordernd war und dass es doch normal sei, dass ich da traurig oder wütend bin, dass ich zu ihr gegangen bin, weil ich wollte, dass sie zurückkommt.
„Ich habe angeklopft, ganz normal. Natürlich war ich wütend oder traurig, ich war wütend, auf jeden Fall. Ich weiß, dass sie da war, das ist klar. Ich weiß, dass sie da war, und ich habe sie gebeten, dass sie rauskommt.“
„Und dann? Wollen Sie mir da mehr erzählen dazu?“
„Ja, sie ist halt nicht rausgekommen, und da ist, weiß ich nicht, ich habe nicht das Gefühl, dass das irgendwas Arges oder so war. Ich bin dann noch wütender geworden, weil sie nicht aufgemacht hat. Und das kenne ich von ihr, dass sie dann nicht spricht und dass sie dann ganz zu macht und jetzt einfach auch nicht aufmacht – die Tür nicht aufmacht – und dann, weiß ich nicht, klar, dann war ich irgendwie da in der Situation und das mit dem Auto, also letztendlich, das ist eine Kleinigkeit, eine Sicherung vielleicht durchgebrannt oder so.“
Frau Kundrat fragt mich, was die Polizei denn genau gesagt hat
„Ja, weil ich irgendwie was besonders Schlimmes zu ihr gesagt haben soll. Also ich soll ihr irgendwas angedroht haben, weiß ich nicht, irgendwas, ich würde ihr den Kopf abschneiden oder irgendwas. Das bin ich nicht, das sage ich nicht.“
„Also quasi, dass Sie gedroht hätten, sie umzubringen, wird Ihnen vorgeworfen.“
„Ich meine, das ist krass. Das habe ich sicher nicht gesagt. Ich weiß, ich merke das, ich bin emotional, so, ich bin ein emotionaler Mensch, aber das ist einfach nicht meins. Und ich kenne das von ihr, dass sie einfach total übertreibt.“
Dann kommen wir langsam auf eine andere Schiene
„Also grundsätzlich, dass Sie Gefühle empfinden nach einer Trennung wie Wut oder Trauer, das ist ja vollkommen legitim, und das möchte ich Ihnen keinesfalls absprechen. Das ist ja verständlich. Die Frage ist eben: Wie können Sie mit solchen starken Emotionen auch umgehen, ohne dass Sie sich selbst und andere in Gefahr bringen?
„Ja, aber ich habe sie ja jetzt nicht in Gefahr gebracht, also sie war ja in der Wohnung.“
Da lässt Frau Kundrat mich nicht raus
Sie erinnert mich daran, dass mir eine gefährliche Drohung vorgeworfen wird und dass das Konsequenzen hat – nicht zuletzt, dass ich jetzt hier mit ihr sitzen muss. Sie fragt mich, wie ich sonst mit Trauer umgehe.
„Also normalerweise, also ich bin ein emotionaler Mensch, habe ich eh schon gesagt, aber normalerweise ist das okay. Also ich denke mir, wenn man auch mal lauter wird und auch mal sagt, was Sache ist, und dass man halt auch klare Verhältnisse schafft und dass man redet, das finde ich wichtig.“
„Das ist wichtig, das stimmt. Aber das ist ja nicht dasselbe wie eine gefährliche Drohung oder eine Sachbeschädigung.“
Das erlebe ich häufiger während des Gesprächs: Sie hört mir zu, zeigt Verständnis, aber macht immer wieder glasklare Punkte.
„Was ist eigentlich Ihr Verständnis von Gewalt? Was verstehen Sie überhaupt unter Gewalt?
„Schlagen.“
„Schlagen, also körperliche Gewalt.“
„Ja, schlagen halt.“
„Jetzt geht es ja bei Ihrer mutmaßlichen Straftat, bei einer gefährlichen Drohung, um psychische Gewalt. Was ich hier sehr oft höre in der Beratung, wenn es zum Beispiel um gefährliche Drohung geht, ist, dass mir meine Klienten zum Beispiel erzählen: ‚Ah, da habe ich halt in der Wut und in der Emotion so was gesagt wie ‚ich bringe dich um‘, aber das war ja nie so gemeint.’ Das Problem ist – ganz kurz – das Problem ist eben, selbst wenn das nicht so gemeint ist: Die andere Person weiß es nicht. Und für die andere Person kann es trotzdem sehr bedrohlich sein, weil die hat keine Sicherheit, dass Sie es nicht so meinen könnten.“
Psychische Gewalt?
Darunter fallen z. B. verbale und emotionale Misshandlung, Beschimpfung, Demütigung, Bedrohung und Beleidigung. Und das gelte eben auch als Straftat, sagt Frau Kundrat. Anzuerkennen, dass psychische Gewalt genauso wenig okay ist wie physische Gewalt, würde nicht nur mir schwerfallen, sondern auch vielen anderen Klientinnen und Klienten. Kurz vor Ende unserer Sitzung fragt sie mich noch, ob ich Interesse an weiterführenden Angeboten wie Therapie habe. Ich stelle mich skeptisch. Sie meint, sie werde mir auf jeden Fall ein paar Angebote mitgeben. Auch wenn es im Moment zu viel sei, so eine Trennung dauere ja an und müsse verarbeitet werden.
*„Und jetzt am Anfang, da kennen wir uns noch nicht, aber vielleicht schaffen wir es dann ja doch auch, ein bisschen Vertrauen aufzubauen. Vielleicht, dass Sie sich auch ein Stück weit öffnen hier in der Beratung. Und vielleicht werden Sie dann auch merken, dass es auch guttun kann, über Ihre Gefühle, die jetzt zum Beispiel mit der ganzen Situation verbunden sind, auch mal zu reden – mit einer außenstehenden Person eben.“
Es fällt mir nicht leicht, Herrn P. nach der Sitzung abzuschütteln. Das dauerhafte Rechtfertigen und Ausweichen war anstrengend, die schiere Masse an Informationen und Konsequenzen überwältigend. Ich fühle mich erschöpft und ein bisschen schäbig. Frau Kundrat tut sich dankenswerterweise leichter mit dem Umschalten. Ich frage sie, ob das Gespräch authentisch war und ob sie Aussagen aus anderen Gewaltpräventionsberatungen wiedererkannt hat. Sie meint, das „Ja, aber“ würde sehr oft fallen. Laut zu werden oder zu beleidigen, sei oft ein Teil-Eingeständnis. Bei vielen, die die gesamte Beratung absolvieren, nehmen sie auch Dankbarkeit wahr. Nicht nur für die Unterstützung im Umgang mit Behörden, sondern für das Redeangebot. Weil viele Täter in ihrem sozialen Umfeld eben nicht darüber reden oder reden können, dass sie Täter sind, sagt sie.
Ein paar Tage nach meiner Gewaltpräventionsberatung stolpere ich bei Bluesky – das ist Twitter ohne Elon Musk und mit deutlich weniger Hass – über eine Ankündigung. Am 07.03.2026, einen Tag vor dem Weltfrauentag, findet in Wien eine Demo gegen Gewalt an Frauen statt. Ich schreibe dem Initiator Manfred Zeisberger. Als ich mit ihm ein Interview vereinbart habe, wusste ich, dass er als Kind schwer misshandelt wurde und eine Menge Gewalt erlebt hat. Das schreibt er auf gegengewalt.at – der Website zur Demo. Dass ich mit ihm schließlich auch einen Täter interviewe, wusste ich nicht.

Ich war vor 30, 35 Jahren selbst am besten Weg, ein Gewalttäter zu werden. Ich habe zugeschlagen. Und ich hatte nur das riesengroße Glück, Freunde zu haben. Also vor allem mein bester Freund, der dann zu mir gesagt hat: Was ist nur für ein Monster aus dir geworden? Und das hat mich dann sehr schockiert, aber weil er es gesagt hat, hat es mich auch zum Nachdenken gebracht”, sagt Zeisberger. Er erzählt, dass er damals in einer Beziehung mit einer Frau war, die „auch psychisch krank“ und „ihm verbal weit überlegen war“. Oft sei es ihm gelungen, Konflikten aus dem Weg zu gehen und sich selbst herunterzuregulieren.
„Es sind dann im Zuge der Konflikte immer wieder Situationen aufgetreten, wo mir das nicht möglich war. Also, wo ich die Wohnung verlassen wollte, sie ist an mir vorbeigerannt, hat die Wohnungstür zugesperrt und den Schlüssel aus dem Fenster geworfen und noch weiter gestichelt und gestichelt und gestichelt. Und dann habe ich nicht mehr weitergewusst und habe ihr eine Watschen gegeben.“ Zeisberger verlässt seine Partnerin. Er will kein „Monster” sein.
„Man muss von nichts Teil sein. Man kann sich all dem entziehen. Man kann immer gehen und sagen: Ich schnappe jetzt mal Luft, bevor ich irgendeinen Scheiß baue. Und das kann man üben. Das mache ich jetzt auch schon seit vielen Jahren. Also wirklich professionell und habe so meine ein bis zwei wöchentlichen, also jede Woche oder alle zwei Wochen einen Termin bei meiner weisen Frau.“ Die „weise Frau“ ist seine Therapeutin, die auf Traumatherapie spezialisiert ist. „Ich erzähle ihr, was war, wo ich nicht einverstanden bin mit dem, wie ich gehandelt habe, oder habe ich das richtig wahrgenommen und, und, und, und. Und die sagt mir dann, wo das herkommen könnte. Also ich hole mir dann quasi meine Hausaufgaben ab bis zur nächsten Therapie. Man sagt ja, die eigentliche Therapie findet zwischen den Sitzungen statt”, sagt Zeisberger.
Neben seinen therapeutischen „Hausaufgaben“ setzt sich Zeisberger unter anderem dafür ein, dass auch andere Männer den Weg zur Therapie finden. So ist auch die Demo gegen Gewalt an Frauen entstanden. Auf der Demo-Website schreibt er: „Dank professioneller Arbeit in einer Psychotherapie ist es mir gelungen, meine schädlichen Konditionierungen aufzulösen. Daher bin ich davon überzeugt, dass Therapie der Weg ist, wie man(n) toxische Verhaltensmuster loswerden kann und eben nicht zum Täter werden muss. Mit der Demo bzw. Kundgebung möchte ich Ehrenmännern die Gelegenheit geben, gegen Gewalt in jeder Form gegen Frauen aufzutreten.“
Was können wir aus dieser zweiteiligen Geschichte mitnehmen, liebe Männer?
Das „Ich doch nicht“ hält sich hartnäckig – nachvollziehbar insofern, als dass sich niemand als Täter verstehen möchte; nicht unter Generalverdacht gestellt werden möchte. Whataboutisms à la „aber Frauen sind auch Täterinnen“ sind ebenso nachvollziehbar: Ja, Frauen sind auch Täterinnen, aber wenn wir uns z. B. die Zahlen von NEUSTART anschauen, spricht der Anteil mutmaßlicher männlicher Gewalttäter Bände.
Es kann nicht darum gehen, dass wir Männer uns deswegen die Täterrolle ganz generell umhängen. Niemand ist verdammt dazu, Täter zu sein oder zu werden. Es gibt immer eine Option. Professionelle Unterstützung ist wie im Fall der MÄNNERINFO nur einen Anruf oder Chat entfernt. Am besten holen wir uns frühzeitig Unterstützung, dann, wenn wir merken, dass es uns schlecht geht, und nicht erst, wenn es keinen Ausweg mehr zu geben scheint.
Dass aus dem „Ich doch nicht“ ein „Ich doch“ wird, geht verdammt schnell. Gewalt fängt nicht bei Schlägen an. Mit NEUSTART-Geschäftsführer Nikolaus Tsekas habe ich nach meiner Gewaltpräventionsberatung noch über das Anerkennen von psychischer Gewalt gesprochen. Er hat gemeint: „Das soll mir mal einer sagen, dass er das noch nie in einer Beziehung erlebt hat: etwas sagen, das man nachher bereut.“ Und da komme ich zum Punkt.
Vermutlich haben wir alle solche Momente erlebt, liebe Männer. Doch mit wem reden wir darüber, bevor es eskaliert? Reden wir überhaupt darüber? Der rote Faden, der sich durch meine gesamte Geschichte hier zieht, das, was all meine Gesprächspartnerinnen und -partner betont haben, ist das Nicht-Reden – vielleicht, weil viele von uns sich nicht „in die hilfsbedürftige Rolle begeben“, wie MÄNNERINFO-Projektleiter Manfred Kummer sagt. Vielleicht, weil wir Angst haben, abgestempelt zu werden. Vielleicht, weil wir nicht als „Monster“ wahrgenommen werden wollen. Welche Wirkung ein schonungslos offenes Gespräch unter Freunden haben kann, zeigt Manfred Zeisberger. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir Männer miteinander über das sprechen, was uns an unserem Verhalten Angst macht, wo wir uns nicht wiedererkennen – nicht in Talkshows, Social Media oder anderen Nebenschauplätzen, sondern im intimen Austausch.
Bestimmt gibt es einige, die das eh schon machen. Für alle, die das ausprobieren möchten: Am 05.03.2026 um 18.00 Uhr macht die MÄNNERINFO exklusiv für alle männlichen JETZT-Mitglieder einen kurzen Online-Impulsvortrag mit anschließender Diskussion. Es geht um uns Männer und die Krisen, die wir durchleben. Ich würde mich sehr freuen, wenn einige von euch dabei sind. Hier geht es zur Anmeldung zum Event:
Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas
