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Auf unserer Welt wird Tag für Tag viel Blut vergossen. 61 Konflikte, bei denen mindestens ein Akteur ein Staat ist, zählt das Osloer Friedensforschungsinstitut Prio für das Jahr 2024. Das sind so viele wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Die Zahl der Schusswaffen liegt weltweit bei etwa einer Milliarde, die 100 größten Rüstungshersteller machen zusammen einen Rekordumsatz von knapp 700 Milliarden Dollar. Unsere Zeit steht wie lange nicht mehr im Zeichen des Krieges. Ich will dir heute aber nicht vorrangig vom Krieg erzählen oder wie man es schafft, dass die Waffen schweigen – das hat mein Kollege Michalis Pantelouris vergangene Woche in seinem Artikel getan. Ich möchte zeigen, wie sich Staaten, Regionen und Menschen wieder versöhnen können. Wie es in Ruanda nach dem Völkermord zur Annäherung kam und warum Städtepartnerschaften die ehemaligen Erzfeinde Deutschland und Frankreich wieder zusammengebracht haben.
Was ist Frieden? Diese banale Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Die einfachste Antwort wäre: die Abwesenheit von Krieg. Wo Menschen aufeinander schießen, da kann kein Frieden sein. Negativer Frieden wird das in der Friedensforschung genannt. Im negativen Frieden können Elemente wie Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Hass also trotzdem bestehen.
Für einen positiven Frieden, der nicht nur auf der Verneinung von Krieg beruht, braucht es wesentlich mehr. Zum Beispiel eine Aufarbeitung, Gerechtigkeit, die Anerkennung von Schuld, Raum für Dialog und Gedenken, Gesten, Vertrauen und so weiter.
Wenn das Utopische gelingt
Frieden braucht also mehr als nur das Schweigen der Waffen. In der Weltgeschichte gibt es einige Beispiele für tiefgreifenden, nachhaltigen Frieden. Eines davon ist Ruanda. Das Land hat ungefähr ein Drittel der Fläche Österreichs und liegt im Zentrum Afrikas. Oft wird es als „Schweiz Afrikas” bezeichnet. Einerseits, weil es von Bergen und Seen durchzogen ist, andererseits, weil es als recht sicheres Land mit stabilem Wirtschaftswachstum gilt. Aber das war nicht immer so. 1994 eskalierte der Konflikt zwischen zwei ethnischen Gruppen, die unter anderem durch die deutschen und belgischen Kolonisatoren aufgestachelt wurden. Die hatten damals die ruandische Bevölkerung in zwei vermeintliche Ethnien unterteilt. Die Ackerbauern Hutu wurden als rassisch weniger wertvoll eingestuft als die Viehzüchter Tutsi. Gegeneinander aufgebracht, kam es im Lauf des 20. Jahrhunderts immer wieder zu blutigen Konflikten und Episoden, die dann im Völkermord 1994 gipfelten. 800.000 bis eine Million Tutsi wurden in nur drei Monaten umgebracht. Drei Viertel aller Tutsi wurden ermordet – oft mit einfachen und umso brutaleren Mordwaffen wie Macheten.

Dieudonné Munyankiko war damals 19 Jahre alt. Sein Vater ist ein Hutu, die Mutter Tutsi, deren Familie fast vollständig ermordet wurde. Über drei Wochen versteckte sich Dieudonné. Als er zurück nach Hause kommt, ist er schockiert:
„Als ich im August 1994 zurückkam, gab es überall Zerstörungen… überall.”

Dieudonné und unzählige andere beginnen zu realisieren, wie dramatisch der Völkermord war. Geschwister, Freunde, Mütter und Väter sind tot, oft brutal umgebracht von Menschen aus der Nachbarschaft. Für ihn war das eine tiefgreifende Erfahrung, die jeden jahrelang gezeichnet hat und es immer noch tut. An Versöhnung war direkt nach dem Völkermord nicht zu denken – zu groß war die direkte Not:
„Es gab kein Essen, kein Haus, kein Zuhause – nichts. Das Überleben war das einzige Ziel.”
Frieden nicht als Konfliktlosigkeit – sondern als Konfliktfähigkeit
Schritt für Schritt setzt das Bewusstsein über die neue Realität ein. Eine Realität, in der Opfer und Täter Haus an Haus und in unmittelbarer Nähe leben. „Wenn ich nicht sterbe – wie möchte ich dann leben?”, erzählt Dieudonné und erklärt, dass das der Schlüssel für das Versöhnungsprogramm war.
„Wie kann ich in guten Umständen mit Menschen leben, die ihre eigenen Familienmitglieder verloren haben, die von den eigenen Nachbarn getötet wurden?”
Der Weg, den die ruandische Bevölkerung daraufhin einschlägt, ist beeindruckend. Denn nach so viel Brutalität und Gewalt würde man doch schnell davon ausgehen, dass die Fronten sich noch weiter verhärteten und die Gewalt früher oder später wieder eskaliert. Aber die Menschen in Ruanda begegnen und konfrontieren sich mit dem, was sie sich gegenseitig angetan haben. Das führt zu unglaublichen Geschichten, so wie der von zwei Jugendlichen, die zu einem Gefangenenlager gehen, um den Mörder ihrer Eltern zu sehen. Der Schweizer Jurist und Soziologe Eric Dieth hat diese Geschichte übermittelt bekommen und erzählt sie mir im Gespräch. Die Lagerleitung erlaubt den Besuch, stellt aber sicherheitshalber Security-Personal zur Verfügung. Dann kommen der Täter und die zwei Jugendlichen im Raum zusammen.
„Und das Erste, was passiert ist, ist, dass die beiden den Täter umarmen.”
Er war jahrelang ihr guter Nachbar und Freund der Familie gewesen – einer, der noch am Leben war, aber er eben auch Täter, der die Eltern der beiden umgebracht hatte. Von ihm wollten sie wissen, wo die Körper ihrer Eltern liegen, damit sie diese begraben könnten. Dieth erklärt, dass diese Konfrontationen in Ruanda fast zwangsläufig notwendig sind: „Es gibt eigentlich fast niemanden, der sich dem Ganzen entziehen kann, weil so viele Personen auf Täter- wie auf Opferseite involviert waren.”
Geschichten wie diese finden sich in Ruanda unzählige. Nicht jede Beziehung zwischen Tätern und Opfern ist harmonisch oder das Geschehene vergessen. Aber die Hutu und Tutsi haben es geschafft, sich zusammenzusetzen, miteinander zu sprechen und sich in vielen Fällen auch zu versöhnen.

Eine Voraussetzung für Versöhnung ist das Gefühl, dass alle Beteiligten Gerechtigkeit erfahren. Eric Dieth ist Mitgründer des Vereins COERESO, der finanzielle und kooperative Entwicklung und Studienreisen aus der Schweiz anbietet. Er kennt Ruanda dementsprechend gut und hat sich als Jurist auch damit beschäftigt, wie die rechtliche Aufarbeitung abgelaufen ist. Hätte der Internationale Gerichtshof die Aufarbeitung übernommen, dann hätte es wahrscheinlich 200 Jahre gedauert, bis alle Fälle aufgearbeitet worden wären – zu groß war die Zahl der Beteiligten und Verbrechen. Um aber Gerechtigkeit und damit den Weg der Versöhnung herzustellen, greift man in Ruanda auf eine alte Tradition zurück – die Gacaca-Gerichte. Gacaca ist eine Grasart in Ruanda. Und auf dieses Gras setzen sich die Ruander seit Jahrhunderten, um Konflikte in der Gemeinde zu lösen. Das System ist sehr integrativ und gemeinschaftsorientiert: „Man kannte das europäische Strafsystem und Gefängnisse vor der Kolonialzeit noch nicht”, erklärt Eric Dieth. „Wenn etwas geschieht, dann war klar, dass die Person entweder in der Gemeinschaft gehalten wurde und eine Lösung gefunden werden musste – oder sie im Notfall ausgeschlossen wurde.”

Das Konzept der Gacaca fokussiert also mehr auf Integration als auf Bestrafung. Und so wurden in etwa 11.000 Dorfgerichten über eine Million Fälle verhandelt.
Für ein friedliches Zusammenleben braucht es aber mehr als nur Verurteilungen. Auch deshalb hat Dieudonné Munyankiko eine Nicht-Regierungsorganisation mitgegründet. Association Modeste et Innocent heißt die Initiative – kurz AMI, was „Freund” auf Französisch bedeutet. Dieudonné und sein Team organisieren und mediieren Begegnungen von Tätern und Opfern. In mehr als der Hälfte aller Gemeinden in Ruanda ist AMI aktiv.
„Natürlich können wir die Vergangenheit weder ändern noch vergessen, weil sie Teil von uns selbst ist. Aber wir haben gezeigt, dass wir etwas tun können. Wir sind nicht nur Menschen, die es schaffen, ihre Nachbarn umzubringen, sondern Menschen, die in Frieden zusammenleben können.”
Auch nach 30 Jahren sind die psychischen Wunden bei vielen noch nicht verheilt – ganz generell ist Dieudonné aber sehr stolz darauf, dass in Ruanda Versöhnung möglich war.
Vom Feind zum Freund
Ruanda ist also ein Beispiel dafür, wie Konflikte gelöst werden können. Ein anderes ist die deutsch-französische Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Denn die Ausgangslage war denkbar schlecht. Damals gab es drei Kriege in nur 75 Jahren zwischen den beiden Ländern: „Die deutsch-französische Beziehung war so schlecht wie noch nie im Moment des Kriegsendes”, erklärt mir Ulrich Pfeil, Historiker an der Université de Lorraine (Metz) und Spezialist für die deutsch-französischen Beziehungen. Die Voraussetzungen für Versöhnung waren also nicht gut – und trotzdem hat sie stattgefunden. Viele verschiedene Faktoren haben laut Pfeil eine Rolle gespielt. Zum Beispiel der Kalte Krieg, der die Länder des Westens näher zusammenbringt. Oder Politiker beider Seiten, die erkannten, dass ein „Weiter so” früher oder später wieder zum Krieg führen würde. Ein Umdenken, das sich im Schuman-Plan und in der Gemeinschaft für Kohle und Stahl manifestierte, die den Grundstein für die Europäische Union gelegt hat. Aber auch die Bevölkerung begann sozusagen „von unten” den Versöhnungsprozess anzutreiben – vor allem durch die Städtepartnerschaften. Ihr Ziel war es, Kontakte zwischen den Bevölkerungen herzustellen, Vorurteile abzubauen und sich schrittweise anzunähern. Über 2000 Städtepartnerschaften bestehen bis heute zwischen Deutschland und Frankreich.
Ulrich Pfeil sieht in ihnen ein wichtiges Mittel, das bis heute beide Länder und Gesellschaften zusammenbringt. Die Historikerin Lucie Filipová, die sich speziell mit den deutsch-französischen Städtepartnerschaften beschäftigt hat, geht sogar noch einen Schritt weiter. Ohne diese Partnerschaften wäre keine echte Versöhnung zwischen den beiden Ländern zustande gekommen, sagt sie.

Die Versöhnung war so angelegt, dass sie auch in der Zukunft lebendig bleiben sollte. Deshalb wurden Institutionen wie das Deutsch-Französische Jugendwerk oder ein gemeinsames Schulgeschichtsbuch ins Leben gerufen. Die Herangehensweise unterschied sich auch deutlich von der nach dem Ersten Weltkrieg: „Im Gegensatz zu den 20er-Jahren, wo man eine Annäherung nach den Locarno-Verträgen nur auf höchster Ebene der Eliten versucht hat, gab es nach dem Zweiten Weltkrieg die Idee, auch wirtschaftlich, politisch und kulturell die Gesellschaften in Verbindung und Austausch zu bringen.”
Ein Gedanke liegt nahe: Wenn die Mittel zur Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich funktioniert haben, warum dann nicht auch woanders? Ulrich Pfeil erklärt, warum das nur bedingt funktioniert: „Es gab in den 90er-Jahren nach dem Jugoslawien-Krieg diese Idee, das deutsch-französische Modell auf den Balkan zu exportieren. Jedes Beispiel und jede Konstellation ist aber anders.” Trotz aller Unterschiede gibt es Hilfsmittel, die angepasst in der neuen Situation weiterhelfen können, findet Pfeil. Generell findet er aber beim Thema Versöhnung eines wichtig:
„Versöhnung ist nie abgeschlossen – man muss immer daran arbeiten.”
Warum wir mehr frieden sollten
Ich habe mich auch mit dem Tiroler Friedens- und Konfliktforscher Wolfgang Dietrich getroffen, um mit ihm über mein Thema zu sprechen: den Frieden. Aber da fangen die Schwierigkeiten schon an – Dietrich erklärt mir, dass es DEN Frieden so nicht gibt. Er sieht es als großen Nachteil, dass das Wort Frieden im Deutschen keinen Plural haben kann. Dadurch würde auch sprachlich die Vorstellung gefestigt, dass es nur eine Version von Frieden mit fixen Parametern gebe. Das kann als Teil des historischen Imperialismus Europas gesehen werden, der durch die kastilische Grammatik von Elio Antonio de Nebrija von 1492 explizit als Instrument kolonialistischer Machtpolitik eingeführt wurde und grammatikalisch bis heute wirkt. „Es gibt auf der Welt sehr viele Sprachen, die von Milliarden Menschen gesprochen werden, wo das Frieden als Tun – als Zusammenhangsaktivität – vollkommen selbstverständlich ist.” Es ist ein europäisches Phänomen, das sich wirkmächtig in unsere Sprache eingeprägt hat. Dietrich sieht außerdem ein Problem darin, dass es zum Hauptwort Frieden kein Verb gibt – man also Frieden nicht tun kann. So entsteht der Eindruck, Frieden wäre ein statischer Zustand, der entweder da ist oder nicht.
„Frieden ist etwas Dynamisches, etwas Situatives und etwas Relationales.”
Er plädiert deshalb dafür, neue sprachliche Formen zu finden, weil Sprache am Ende auch beeinflusst, wie wir handeln. „Was ist der Unterschied, wenn ich von dem Frieden spreche, oder wenn ich versuche zu frieden – was tut das mit der Begegnung?” Aber neben diesen sprachlichen Schwierigkeiten sieht Dietrich noch ein Problem, das dem Frieden immer wieder im Weg steht. Und zwar, dass jede Gesellschaft, Gruppe oder jeder Staat eigene Überzeugungen davon hat, was gut und was schlecht ist, was friedvoll und was nicht. Soziale Glaubenssätze sind unterschiedlich und nicht einheitlich, wenn es um die Frage geht, was alle Betroffenen als Frieden empfinden.
„Nachdem es immer eine Interpretations- und Wahrnehmungsfrage der Betroffenen ist, gibt es eben keine Weltformel für Frieden.”
Was Mut macht
Die Sache mit dem Frieden ist also komplex – Frieden ist weit mehr als nur die Abwesenheit von Krieg. Und auch wenn die Konflikte in den vergangenen Jahren wieder zugenommen haben – der Soziologe Eric Dieth hat eine Botschaft, die Mut macht: Wir haben alles selber in der Hand:
„Ich muss relativ viel aufwenden, um Menschen zu Vernichtungsmaschinen zu machen. Es ist möglich, aber das Gegenteil ist ebenfalls möglich. Wie resilient Menschen sind, wie auch aus den schlimmsten Situationen alles wieder aufgebaut werden kann, das macht enorm viel Hoffnung. Wir müssen einfach unseren Beziehungen, unseren Werten und Vorstellungen des Anderen Sorge tragen.”
Zum Schluss blicken wir noch einmal zu Dieudonné Munyankiko nach Ruanda. Er hat schlimmste Verbrechen miterlebt, trägt aktiv zur Versöhnung in seinem Land bei und hat einen Rat an all jene, die sich auch für mehr Frieden auf der Welt einsetzen wollen.
„Es ist trotz der Kriege und Konflikte, die weltweit herrschen, niemals zu spät. Allen Menschen, die leiden, würde ich sagen, dass auch für sie der Tag kommen wird, an dem die Sonne wieder aufgeht. Gemeinsam können wir eine bessere Welt bauen.”
Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas
Deutsche Synchronstimme: Philipp Bernhard
