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2. April 2026

Vier Jahre nach dem Massaker von Butscha: Vom Schock zur Normalisierung?


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Archivfoto vom 4. April 2022: Szenen von Tod und Zerstörung in der Stadt Butscha. (Foto: IMAGO / i Imagesu)

Seit vier Jahren dauert der großangelegte Angriff Russlands auf die Ukraine an. Innerhalb kürzester Zeit beginnen am 5. März 2022 russische Besatzer mit den ersten Durchsuchungen in Butscha. Nach der Befreiung durch die ukrainischen Streitkräfte, am 2. April 2022 – heute vor vier Jahren –, werden in den Straßen die Leichen von Zivilistinnen und Zivilisten gefunden. Teilweise mit gefesselten Händen.

Berichte sprechen von klaren Anzeichen für Hinrichtungen. Außerdem wurden zwei Massengräber mit über 100 Leichen entdeckt. Insgesamt sind es laut ukrainischen Angaben allein in Butscha mehr als 400 zivile Tote. In der Region waren es mehr als 1300, darunter mehr als 700, die erschossen wurden.
Auch von Vergewaltigungen an Mädchen und Frauen durch russische Soldaten wird berichtet. Bis heute weisen russische Offizielle diese Vorwürfe zurück. Das Massaker von Butscha ist zu einem Symbol für russische Kriegsverbrechen geworden.

Ich spreche heute mit Lidiia Akryshora über dieses Trauma, das bis heute nachwirkt. Sie ist freiberufliche Journalistin aus der Ukraine sowie Kommunikatorin und Kulturmanagerin. Sie lebt in Österreich und organisiert hier zahlreiche Kultur- und Bildungsinitiativen.

Lidiia Akryshora ist freiberufliche Journalistin aus der Ukraine sowie Kommunikatorin und Kulturmanagerin. (Foto: Project Chornobyl-Children- Mira Nograsek)

Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Gespräch:

  • Das Massaker in Butscha war für viele ein Schockmoment, der Enttäuschung, Verlust von Vertrauen und psychische Belastung ausgelöst hat. Der Krieg und Ereignisse wie Butscha führen zu anhaltenden mentalen und emotionalen Belastungen. Gleichzeitig zeigen viele Ukrainer und Ukrainerinnen Resilienz, indem sie trotz allem versuchen, ihr Leben weiterzuführen.
  • Es besteht eine deutliche Lücke im Verständnis und in der unterschiedlichen Wahrnehmung zwischen Ukraine und Westeuropa: Während in der Ukraine das Leben trotz Krieg weitergeht, wird dies in westlichen Ländern oft fälschlich als Normalität oder "Ende des Krieges" interpretiert. Für Ukrainer und Ukrainerinnen ist der Krieg allgegenwärtig, permanent im Hintergrund. Selbst im Ausland oder im Alltag bleibt er präsent.
  • Vergessene beziehungsweise wenig beachtete Verbrechen und Regionen: Die Krim und insbesondere die Situation der Krimtataren, die unter hybrider Repression, Verfolgung und kultureller Unterdrückung weiterhin leiden. Okkupierte Gebiete bestehen Gewalt und Terror fort, auch ohne offene Kampfhandlungen.
  • Kriegsverbrechen beschränken sich nicht auf einzelne Ereignisse, sondern sind Teil eines größeren Musters von Gewalt, Repression und Zerstörung von Leben, Träumen und Gemeinschaften.
  • Lidiia Akryshora empfiehlt als Quellen und Dokumentation mehrsprachige, internationale Berichterstattung wie lokale Archive. Sie nennt Medien wie zum Beispiel Kyiv Post, Radio Liberty sowie Ukraine.com. Sowie auch historische Bücher, wie beispielsweise vom ukrainisch-amerikanischen Historiker Serhii Plokhy.
  • In Wien organisiert Akryshora den ukrainischen Wohltätigkeitsball und hat auch das Online-Archiv "Interaktives Ukrainisches Wien" mitaufgebaut. Sie versucht, Brücken zwischen Ländern, spezifisch zwischen Österreich und der Ukraine, zu bauen und so die historischen Verbindungen und die gemeinsame Kultur sichtbar zu machen. Durch ihre Arbeit möchte sie die ukrainische Identität und das kulturelle Bewusstsein stärken.
  • Aufarbeitung braucht Zeit: Die Verarbeitung der Erlebnisse ist ein langfristiger Prozess - sowohl individuell als auch gesellschaftlich. Historisches Wissen kann dabei helfen, Einordnung und Orientierung zu finden.
  • Es braucht ein Umdenken hin zu einem realistischeren Verständnis moderner Kriegsführung und gesellschaftlicher Resilienz. Alltag kann parallel zum Krieg existieren.
  • Wichtig ist die historische Einordnung. Der Krieg begann nicht 2022, sondern mit der Annexion der Krim und dem Konflikt im Donbass. Eine präzisere sprachliche und historische Einordnung hilft beim Verständnis.
  • Die zentrale Botschaft Akryshoras: Hinter Zahlen stehen individuelle Menschen, Schicksale und zerstörte Lebensrealitäten. Gleichzeitig ist kollektives Handeln entscheidend für Widerstand, Unterstützung und gesellschaftliche Wirkung.

Welcher Aspekt der ukrainischen Geschichte interessiert euch besonders, um die Identität und die Widerstandskraft dieses Landes besser zu verstehen?

Einen schönen Nachmittag wünscht dir

Celeste-Sarah Ilkanaev

B-Seite-Team