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Flashback 2020. Die Corona-Pandemie rüttelt Europa und die Welt auf. In Österreich steht plötzlich alles still. Genauso in den Niederlanden, wo Remco Moen Marcar eigentlich große berufliche Pläne hatte. Er ist Mitgründer der Kreativ-Agentur Frank Lee, die Kampagnen für Nachhaltigkeit entwickelt. Ursprünglich wollten er und sein Team eine kleine Bar bespielen. Durch das Dach der „Nachhaltigkeitsbar” regnet es herein – aus dem aufgefangenen Regenwasser wurde Bier gebraut, das ausgeschenkt wird. Dann kam Corona und die Pläne wurden hinfällig.
„Wir haben also darüber nachgedacht, wie wir nachhaltige Geschichten erzählen können, wenn keine Events möglich sind.” Für die Projekte ist Remco regelmäßig in Kontakt mit niederländischen Stadtverwaltungen. Die zwei größten Städte im Land sind Amsterdam und Rotterdam. Die beiden verbindet eine traditionelle Rivalität – zum Beispiel im Fußball: „Wenn es um Rivalitäten geht, dann heißt das hier in Holland vor allem Feyenoord gegen Ajax – das Derby schlechthin.”
Aber auch die Fußballspiele fielen Corona zum Opfer. Deswegen denken sich Remco und Team kurzerhand ein neues Spiel aus – eines, das man von Zuhause aus spielen kann – wo im Corona-Frühjahr viele im Eigenheim und Garten festsitzen. „Genau das wollten wir ausnutzen. Wir wollen die Stadtrivalitäten nutzen und einen Wettkampf zwischen ihnen starten.” Das Ziel: Die gelangweilte Lockdown-Bevölkerung dazu motivieren, dass sie Betonfliesen aus ihrem Garten entfernen und ihn so klimafreundlicher machen. „Wir zählen dann die Fliesen zusammen und schauen welche Stadt mehr entsiegelt hat”.

So war eine Initiative geboren, die europaweit Schlagzeilen machen sollte und bis heute dabei geholfen hat, knapp 2,25 Millionen Quadratmeter zu entsiegeln. Die Rede ist vom sogenannten Tegelwippen – auf Deutsch könnte man das als “Fliesen aushebeln” übersetzen. 2020 treten also Amsterdam und Rotterdam in dieser Disziplin gegeneinander an. Alle sind aufgerufen mitzumachen und Betonfliesen aus dem Boden zu entfernen. Sei es im eigenen Garten, am Schulhof, oder der Arbeit.
Die typische Betonfliesen in den Niederlanden sind 30 mal 30 Zentimeter groß. Ist eine entfernt, liegt der Boden darunter wieder offen und kann beispielsweise bepflanzt werden. Vorher-Nacher Fotos von den Fliesen-befreiten Flächen können über eine Website der Kreativagentur hochgeladen werden – die Anzahl entfernter Fliesen wird der jeweiligen Stadt zugerechnet. Online kann live verfolgt werden, wer gerade vorne liegt.
Die Siegerstadt bekommt eine goldene Fliese. 2020 entsteht ein echter Run und ein ein Kopf-an-Kopf Rennen der beiden Städte. Den ganzen Sommer wird gezählt – bis zu einem Stichtag im Herbst. Rotterdam entscheidet das Rennen knapp für sich. Insgesamt werden 100.000 Fliesen entfernt. Was als spontane Corona-Idee einer Kreativagentur gestartet ist, hat sich von da an etabliert und professionalisiert. „Im zweiten Jahr wollten wir so viele Gemeinden wie möglich aus den ganzen Niederlanden einladen. Und tatsächlich waren schon 80 Gemeinden in der zweiten Saison dabei.”
So wächst das Tegelwippen seit seiner Erfindung immer weiter – vergangenes Jahr nahmen über 300 Gemeinden Teil. Mittlerweile wurden insgesamt knapp 25 Millionen Fliesen entfernt. In 60 Gemeinden gibt es spezielle Tegel–Taxis, die die Fliesen kostenlos abholen und zum Recycling bringen. Außerdem gibt es in den Niederlanden eine gesetzliche Regelung, die das Entsiegeln leicht macht. In fast allen Gemeinden gibt es eine Genehmigung, dass die Anwohnerinnen und Anwohner die Gehwegplatten, die direkt an der eigenen Hauswand liegen, selbstständig entfernen dürfen, um dort Blumen, Kletterpflanzen oder Stauden einzusetzen.
Außerdem haben Remco und Team verschiedene Preise ins Leben gerufen. Die besten Gemeinden bekommen in verschiedenen Kategorien etwas. Außerdem wird jeden Monat der „Wipper van de maand” von einer Jury gewählt. Wer seine Fliesen auf besonders lustige, schöne oder originelle Art entsiegelt, kann hier gewinnen. Für Remco ist es jedes Mal eine Freude, wenn er die Preise überbringt.
„Vor zwei Jahren hat eine Schule irgendwo mitten in Holland den Preis gewonnen. Wir haben uns also auf den Weg gemacht und wussten eigentlich gar nicht, was uns erwarten würde. Es ist nur ein kleiner Preis, aber als wir kamen, um ihn zu überreichen, war die ganze Schule draußen. Manchmal ist da nur der Hausmeister, oder vielleicht der Schulleiter oder so. Aber hier waren 200 Kinder. Und sie hatten tatsächlich ein Lied über das “Fliesen entsiegeln” geschrieben, darüber, wie man die Fliesen herausnimmt. Und sie haben es für uns gesungen, während wir dort waren. Das war schon etwas ganz Besonderes.”

Warum ist diese Geschichte für uns in Österreich interessant? Weil wir in großem Maß Flächen verbrauchen und versiegeln. Das kritisiert auch Simon Pories vom WWF. „Wir brauchen in Zeiten der Klimakrise, der Hitze und des Biodiversitätsverlusts jeden Quadratmeter an intakten, unversiegelten Böden.” Doch davon gehe immer noch viel zu viel verloren.
Das politische Ziel von 2,5 Hektar pro Tag ist mittlerweile mehr als 24 Jahre alt – und wurde bisher in jedem Jahr überschritten. Das Ziel ist der politische Richtwert dafür, wie viel Boden in Österreich pro Tag höchstens neu verbraucht werden soll. Gemeint sind Flächen, die für Siedlungen, Verkehr, Betriebsgebiete und Ähnliches neu in Anspruch genommen werden. Wichtig: Es geht dabei um Verbrauch, nicht um Versiegelung.
Verbraucht ist nicht gleich versiegelt
Der Flächenverbrauch wird in der Fachsprache Flächeninanspruchnahme genannt. Im Schnitt ist nur die Hälfte von ihm tatsächlich versiegelt, der Rest ist zum Beispiel Gärten oder Gebüsch. Diese Unterscheidung ist wichtig, um die Lage ehrlich analysieren zu können. Darauf legt auch Peter Görgl großen Wert. Er ist Raumplaner und Geograf und arbeitet an Berichten der Österreichischen Raumordnungskonferenz (ÖROK) mit. Görgl erklärt den Unterschied am Beispiel eines Einfamilienhauses: Das gesamte Grundstück gelte als in Anspruch genommen. Versiegelt seien aber nur die Flächen, auf denen das Haus steht, oder zum Beispiel ein Pool oder feste Wege. „Nicht teilversiegelte oder verbrauchte Flächen, sondern nur die, die zu 100 Prozent versiegelt sind, gelten in dieser Analyse als versiegelt.”
Der Bodenverbrauch gibt also nur an, wie viel Fläche dauerhaft für Siedlung, Verkehr, Gewerbe oder Freizeit umgewidmet wird. Wird eine Fläche aber versiegelt, hat das ernste Folgen. Denn gerade in Zeiten des Klimawandels sind Böden extrem wichtig. Sie nehmen bei Regen Wasser auf und schützen uns so vor Hochwasser. Außerdem kühlen sie ihre Umgebung – Stichwort Hitzesommer. Sie binden Schadstoffe und fördern die Artenvielfalt.
Trotzdem wird in Österreich gerne mal nicht immer sinnvoll versiegelt. Das kann gravierende Folgen haben. Liegt nämlich eine undurchlässige Schicht über dem Boden, wie beim Straßen- oder Hausbau, verkümmert die Humusschicht, und die Lebewesen darin sterben ab. Das ist nicht nur ungünstig, sondern vor allem schwer rückgängig zu machen. Bis ein Zentimeter Boden entsteht, dauert es je nach Bodenart 100 bis 300 Jahre.

Simon Pories glaubt, dass das zu wenig beachtet wird. „Es muss noch viel mehr ins Bewusstsein kommen, dass wirklich jeder Quadratmeter an intaktem Boden wertvoll ist“, sagt er. Was einmal verbaut sei, bekomme man nicht so einfach wieder weg. „Das sind Entscheidungen, die relativ schnell getroffen werden. Eine Fläche ist relativ schnell planiert und asphaltiert, aber so eine Straße oder einen Gebäudekomplex kriegst du so schnell nicht mehr weg.“ Damit verbaue man sich alle Möglichkeiten für die nächsten Jahrhunderte bis Jahrtausende.
Falsche Anreize
Warum in Österreich so viel Boden verbraucht wird, hat viele Gründe. „Wir haben in Österreich eine Reihe an sehr falschen Strukturen“, sagt Simon Pories. Eine davon sei das Steuersystem, „wo ein Anreiz vorhanden ist, für Gemeinden Betriebe anzusiedeln, Wohnbauten hinzustellen, weil wir diese Konkurrenz zwischen den Gemeinden auch haben, dadurch, dass alles auf Gemeindeebene gewidmet wird.” Durch die finanziellen Probleme drohe sich diese Dynamik noch zu verstärken. „Da fehlt einfach dieser Ausgleich, diese Belohnung für eine Gemeinde, wenn sie jetzt ihre Böden schützt und wenn sie wirklich landwirtschaftliche, natürliche Flächen erhält.”
Wenn du an Versiegelung und die größten Treiber dahinter denkst, dann kommen dir wahrscheinlich schnell Bilder von Supermärkten mit riesigen Parkplätzen oder Industriegebieten in den Kopf. Dabei machen sie gar nicht den größten Teil aus. „In der Summe sind es tatsächlich Siedlungsbauten“, sagt Peter Görgl. Gemeint seien Wohnnutzungen und gemischte Nutzungen, aber auch die alten Ortskerne, die dicht bebaut und entsprechend versiegelt sind. Görgl plädiert auch in diesem Punkt für Differenzierung: Versiegelung müsse nicht per se schlecht sein. „Wenn ich Innenbereiche total nutze, jeden Leerstand bespiele und dort für entsprechende Frei- und Grünräume sorge, aber trotzdem auf Dichte setze und damit auch Versiegelung in Kauf nehme, dann ist das eigentlich nicht schlecht.“

Trotzdem bleibt Bodenverbrauch in Österreich ein relevantes Thema, denn nur 39 Prozent der Landesfläche sind Dauersiedlungsraum – also Raum, der potenziell für Landwirtschaft, Siedlung und Verkehr zur Verfügung steht. Der Rest ist von Wäldern, Seen und Bergen „belegt”. In Zukunft werden unsere Böden noch stärker belastet und gleichzeitig noch wichtiger als heute.
Eine erschreckende Prognose gibt es zum Beispiel für Spanien. Dort drohen bis 2050 über 70 Prozent der Böden zu verwüsten. Das bedeutet, dass der Boden so stark versandet, dass er praktisch zu Wüste oder Steppe wird. Dann kann sich kaum noch Humus bilden, und die Verwüstung gilt als nahezu unumkehrbar.
Vorsichtige Hoffnung
Und was nun? Den Kopf in den versiegelten Sand stecken? Nicht unbedingt – denn es gibt auch gute Entwicklungen, wie Peter Görgl betont. Das politische Bewusstsein für das Thema sei heute „ein ganz anderes, als es vor zehn Jahren war“, auch wenn es nach außen vielleicht nicht den Eindruck mache. Auch Simon Pories ist vorsichtig optimistisch. „Ich bin vielleicht naiv, aber man muss ja irgendwie die Hoffnung behalten“, sagt er. Der WWF bekomme zu dem Thema sehr viele Rückmeldungen, und in Umfragen zeigten sich immer wieder große Mehrheiten besorgt. „Das ist, glaube ich, wirklich ein Thema, an dem man nicht mehr so leicht vorbeikommt. Und das gibt mir Hoffnung.“
Noch einmal zurück in die Niederlande, wo Remco Moen Marcar bald die diesjährige Tegelwippen-Saison beenden und eine neue Siegerstadt küren wird. In der Kategorie der Städte mit über 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern führt Venlo. In der Stadt nahe der deutschen Grenze leben 104.000 Menschen, in dieser Saison wurden dort knapp 24.000 Fliesen gewippt. Der Tegelwippen-Hype geht weiter. Dass Klima- und Umweltmaßnahmen begeistern, ist erstaunlich. Meistens verbindet man damit ja eher Verzicht und Verlust – beim Fliesenwippen ist das anders. Remco glaubt, das liege vor allem daran, dass andere Maßnahmen oft zu abstrakt seien. Beim Tegelwippen dagegen nehme man eine Fliese heraus, werde Teil einer Bewegung und tue gleichzeitig etwas für die Natur – „und das auf eine sehr zugängliche und einfache Art. Ich glaube, das ist Teil des Erfolgs.“
Was in Corona-Zeiten als Kreativkampagne begann, ist heute fixer Bestandteil der niederländischen Nachhaltigkeitspolitik. Und Remco hat noch größere Träume. „Wir bekommen viel Aufmerksamkeit aus anderen europäischen Ländern, sogar von außerhalb Europas“, sagt er. Er träume von einem Wettkampf der Großstädte, einer Europameisterschaft – „oder vielleicht sogar einer Weltmeisterschaft im Fliesenwippen“.
Audioproduktion und -mix: Katharina Ressl
