Warum Venezuela? Was Trump wirklich antreibt!

Offiziell kämpfen die USA gegen Drogenschmuggel in Venezuela. Doch es steckt mehr dahinter als der „War on Drugs“: geopolitische Machtspiele, wirtschaftliche Interessen und ein erbitterter Kampf um Einfluss in Südamerika. Eine Analyse.

Warum Venezuela? Was Trump wirklich antreibt!
Foto: Adriana Loureiro Fernandez/New York Times

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Seit Wochen beobachten wir die Militäraktionen der Trump-Regierung gegen Venezuela. Das Land verfügt über enorme Ölreserven und liegt strategisch in einer politisch instabilen Region. Die Krise macht deutlich, wie globale Machtpolitik funktioniert. Die freie Südamerika-Korrespondentin Katharina Wojczenko ordnet für JETZT die Hintergründe und Motive der amerikanischen Intervention ein: Was sind die Gründe für das Vorgehen der USA? Welche Interessen gibt es, und was bedeutet das für die Region?

In den vergangenen Monaten haben die USA ihre Militärpräsenz in der Karibik, unmittelbar vor der venezolanischen Küste, erheblich verstärkt. Der größte Flugzeugträger der Welt, die „USS Gerald R. Ford“, wurde zusammen mit mehreren Kriegsschiffen und rund 15.000 Soldaten in die Region verlegt. Offiziell begründen die USA diesen Schritt mit dem Kampf gegen den Drogenhandel. Viele Beobachter werten die Militäraktion jedoch auch als unmissverständliches Signal an die venezolanische Regierung.

Seit Anfang September greifen die USA mutmaßliche „Drogenboote“ aus der Luft an, ohne Beweise, Anklage oder Gerichtsverfahren. Was in der Karibik begann, hat sich inzwischen bis in den östlichen Pazifik ausgeweitet. Mittlerweile soll es mehr als 20 Angriffe mit über 90 Todesopfern gegeben haben, und die Attacken gehen weiter. All dies geschieht entgegen dem Völkerrecht.

US-Präsident Donald Trump hat verdeckte Einsätze des Auslandsgeheimdienstes CIA in Venezuela genehmigt und den venezolanischen Luftraum für „geschlossen“ erklärt. Im Dezember beschlagnahmten die USA erstmals einen Öltanker vor der Küste Venezuelas und brachten ihn in die Vereinigten Staaten. Zudem kündigte Trump eine Seeblockade gegen „sanktionierte“ Öltanker an.

Zuletzt sicherten sich die USA die Unterstützung der Karibikstaaten Dominikanische Republik sowie Trinidad und Tobago, um deren Flughäfen für Betankung und Logistik zu nutzen. Trump erklärte, die Tage von Nicolás Maduro als Präsident Venezuelas seien gezählt. In den vergangenen Wochen schloss er sogar den Einsatz von Bodentruppen nicht aus.

Der Flugzeugträger „USS Gerald R. Ford“ mit Begleitschiffen: Etwa ein Viertel der gesamten US-Flotte wurde vor Venezuela in Stellung gebracht. (Foto: Imago)

Doch die Anfang Dezember veröffentlichte Nationale Sicherheitsstrategie der US-Regierung bringt es schwarz auf weiß auf den Punkt: Der außen- und sicherheitspolitische Schwerpunkt der zweiten Trump-Regierung liegt auf der westlichen Hemisphäre. Gemeint sind damit vor allem „The Americas“ – von Kanada (einschließlich Grönland) bis hinunter nach Chile, mit besonderem Fokus auf Lateinamerika. Im Sinne von „America First“, das heißt: in erster Linie zum Wohle der Vereinigten Staaten.

Die Strategie spricht von einem „Trump-Zusatz“ zur Monroe-Doktrin, Medien nennen das längst die „Donroe-Doktrin“. Zur Erinnerung: US-Präsident James Monroe verkündete 1823 die Monroe-Doktrin, um die Einmischung europäischer Mächte in der westlichen Hemisphäre notfalls mit Waffengewalt abzuwehren. Heute gilt als der wirtschaftliche Rivale in Lateinamerika allerdings das allgegenwärtige China.

Die US-Interessen in der westlichen Hemisphäre sind klar benannt: „Massenmigration“ in die USA und Drogenschmuggel sollen bekämpft werden. Wo es nötig ist, auch mit Gewalt, heißt es in der Strategie. Zudem will Washington seinen wirtschaftlichen Zugang sichern und ausbauen sowie unliebsame Konkurrenz zurückdrängen. Besonders im Fokus stehen dabei fossile Rohstoffe und seltene Erden, auf die die USA verstärkt Zugriff erhalten wollen.

Für Trump ist Lateinamerika längst nicht mehr nur der sprichwörtliche „Hinterhof“ der USA, sondern vielmehr die Einfahrt, durch die der Tesla in die Garage fährt. Bemerkenswert ist, dass im Zusammenhang mit Lateinamerika das Wort „Demokratie“ in der aktuellen Nationalen Sicherheitsstrategie, anders als in früheren Strategiepapieren, gar nicht vorkommt und im übrigen Text nur dreimal in abfälligem Kontext erwähnt wird. Gleichzeitig kündigt die Strategie an, dass sich die Trump-Regierung militärisch aus anderen Weltregionen zurückziehen und dort nur noch als Vermittler auftreten will. Das bekommen vor allem die Europäische Union und ihre Partner im Ukraine-Krieg zu spüren. Auch das ist im Zusammenhang mit Venezuela von Bedeutung, denn Russland zählt zu den engen Verbündeten der venezolanischen Regierung.

Präsident Wladimir Putin (rechts) empfing Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro im Mai im Kreml. (Foto: Imago)

Eine schwierige Frage! Bei genauerem Hinsehen greifen die naheliegenden Antworten alle zu kurz. Als Hauptgrund für die Angriffe auf Boote in der Karibik nannte Trump zunächst den Drogenhandel. Seiner Darstellung nach überschwemmt Venezuela die USA mit Drogen, insbesondere Fentanyl und Kokain. Präsident Nicolás Maduro, so Trump, sei der Kopf eines internationalen Drogenkartells namens „Cartel de los Soles“.

All das widerspricht den Berichten der UNODC und sogar jenen von US-Behörden. Fentanyl gelangt demnach aus Mexiko in die USA, hergestellt aus Zutaten, die aus China stammen. Kokain nimmt den Weg über die Pazifikroute und nicht über die Karibikroute in die Vereinigten Staaten. Venezuela ist dabei kein bedeutendes Produktionsland, sondern vor allem ein Transitland, von dem aus Drogen hauptsächlich Richtung Europa transportiert werden.

Das „Cartel de los Soles“ existiert laut Kolumbiens Präsident Gustavo Petro gar nicht. Auch das auf Verbrechen spezialisierte Investigativportal Insight Crime kommt zu einem ähnlichen Schluss: Der Begriff sei eher eine Metapher, eine Sammelbezeichnung für korrupte Strukturen innerhalb der venezolanischen Sicherheitskräfte, die sich durch kriminelle Aktivitäten wie Benzinschmuggel, illegalen Bergbau und auch Drogenhandel bereichern. Es handelt sich also nicht um eine hierarchisch organisierte Organisation, wie der Begriff „Kartell“ suggeriert.

Hinzu kommt: Die kleinen Boote sind im Drogengeschäft bestenfalls unbedeutende Akteure. Oft handelt es sich schlicht um Fischer, die sich mit gelegentlichem Schmuggel ein Zubrot verdienen. Die eigentlichen Profiteure des internationalen Drogenhandels sind andere. Einer von ihnen ist der ehemalige Präsident von Honduras, der in den USA zu 45 Jahren Haft verurteilt wurde und den Trump kürzlich begnadigte. Dennoch ist es durchaus möglich, dass Trump selbst von seiner Drogenthese überzeugt ist. Es wäre nicht das erste Mal, dass er wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert, wenn sie nicht in sein Weltbild passen.

Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro,der Präsident des Nachbarlands Kolumbien und einige Analystinnen und Analysten sind überzeugt: Es geht um das Erdöl. Nicht nur James Bosworth vom Latin America Risk Report argumentiert hingegen, dass Geschäftsleute, die an Venezuelas Öl interessiert sind, eher einen Deal mit Maduro anstreben, nicht eine Invasion. Die US-Ölfirma Chevron ist zudem seit mehr als 100 Jahren in Venezuela präsent.

Die Ausnahmegenehmigung, die Chevron trotz US-Sanktionen erlaubt, mit Venezuela Ölgeschäfte zu machen, hat die US-Regierung erst im Juli nach einem fragwürdigen innenpolitischen Deal verlängert. Mit der jüngsten Beschlagnahmung des ersten Öltankers ist die Öl-Frage jedoch wieder stärker in den Fokus gerückt. Als Trump zuletzt die Seeblockade gegen „sanktionierte“ Öltanker ankündigte, die Venezuela ansteuern oder verlassen, schrieb er: Die US-Flotte werde nur „noch größer“ werden, bis Venezuela das gesamte Öl, Land und andere Vermögenswerte zurückgegeben habe, die es den Vereinigten Staaten „gestohlen“ habe. Welche Öl- oder Landansprüche er damit konkret meint, ließ Trump offen.

Tatsächlich ist Erdöl die wichtigste Einnahmequelle des autoritären Regimes in Caracas. Der Großteil des Öls gelangt über eine Schattenflotte nach China, der zweitwichtigste Abnehmer sind die USA. Wer Nicolás Maduro finanziell austrocknen und sein Regime schwächen oder gar zu einem Rücktritt zwingen will, für den liegt es nahe, die Öltanker ins Visier zu nehmen. Das gilt allerdings auch, falls es den USA weniger um einen Regimewechsel als schlicht um das Öl geht.

Für die Bevölkerung könnte die Öl-Blockade die humanitäre Krise verschärfen und das Regime sogar stärken, sagt Elizabeth Dickinson, Senior Analyst der International Crisis Group. Denn Venezuela exportiert nicht nur Rohöl, sondern muss Benzin importieren. Das brauchen die Menschen für Transport und Stromgeneratoren. Wird das Benzin knapp, wird die verarmte Bevölkerung noch mehr von der Regierung abhängig, die Loyalität zur Bedingung für Hilfe machen könnte.

Dass Trump mit militärischer Macht Demokratie nach Venezuela bringen will, ist eher unwahrscheinlich. Zum einen verfolgt er in den USA selbst eine gegenteilige Politik, zum anderen ist die Förderung von Demokratie auch nicht Teil der Nationalen Sicherheitsstrategie. Sollte es dennoch dazu kommen, wäre das allenfalls ein Nebeneffekt.

Ein Detail am Rande: Abschiebeflüge mit Migrantinnen und Migranten aus den USA dürfen weiterhin in Venezuela landen.

Welche strategischen Motive verfolgen die USA?

Zuletzt hat die Trump-Regierung den Druck auf Nicolás Maduro weiter erhöht. Laut der New York Times soll Maduro, trotz öffentlicher Gesangs- und Tanzeinlagen, zunehmend nervös geworden sein und mehr kubanische Bodyguards um sich geschart sowie mehr kubanische Spionageabwehrbeamte dem venezolanischen Militär zugewiesen haben. Sein Misstrauen gegenüber den eigenen Sicherheitskräften soll gewachsen sein. Allerdings hat Maduro schon den Druck mehrerer US-Regierungen ausgesessen.

Ob und welche Strategie tatsächlich hinter dem Vorgehen der Trump-Regierung steckt, bleibt offen. Viele Expertinnen und Experten sind überzeugt: Es gibt keine. Trump agiere vielmehr aus einer schwer vorhersehbaren Mischung aus Instinkt, Abneigung und Ego und treffe laut Insidern Entscheidungen oft erst wenige Tage, manchmal sogar nur Stunden im Voraus. Eine langfristige Strategie für Venezuela existiere demnach nicht.

Hinzu kommt, dass innerhalb der US-Regierung Uneinigkeit herrscht. Außenminister Marco Rubio führt den sogenannten Falken-Flügel an, der einen gewaltsamen Regimewechsel befürwortet. Richard Grenell und Mauricio Claver-Carone stehen für den pragmatischeren, verhandlungsorientierten Ansatz. Inzwischen soll Rubio die Oberhand gewonnen und einen stärkeren Einfluss auf den Präsidenten als der andere Flügel haben. Die US-Bevölkerung steht laut einer CBS-Umfrage mehrheitlich bislang nicht hinter einer Militärintervention. Das meiste spricht dafür, dass bislang keine Entscheidung über einen militärischen Einsatz getroffen wurde.

Was sich klar abzeichnet, ist ein juristischer Trick: Die Trump-Regierung bastelt seit Monaten daran, den „War on Drugs“, der in Lateinamerika seit Jahrzehnten mehr schadet als nützt, mit dem „War on Terror“ zu vermischen. Mit solchen drastischen Begriffen sollen eben auch drastische Maßnahmen gerechtfertigt werden, selbst wenn sie gegen das humanitäre Völkerrecht verstoßen. Plötzlich werden Drogenkartelle und kriminelle Banden zu Terrororganisationen erklärt. Und Fentanyl? Das ist für die US-Regierung inzwischen nicht mehr einfach nur eine Droge, sondern eine „Massenvernichtungswaffe“.

Das Perfide daran: Diese Strategie wird nicht nur im Ausland, sondern auch im eigenen Land angewandt. Und immer mit dem Ziel, Recht und demokratische Strukturen auszuhebeln. Wer in den USA unbequem demonstriert, gilt plötzlich ebenfalls als „Terrorist“. In der Karibik lässt Trump handeln, ohne dass der Kongress je zugestimmt hätte. Einen Krieg gegen Venezuela haben die USA offiziell nie erklärt.

Wie beeinflusst die Situation in Venezuela das regionale Machtgefüge?

Die Nationale Sicherheitsstrategie bringt es auf den Punkt: „Wir möchten, dass andere Nationen uns als ihren bevorzugten Partner betrachten. Und wir werden (mit verschiedenen Mitteln) ihre Zusammenarbeit mit anderen verhindern.“ In Südamerika scheint das bislang aufzugehen. Der Subkontinent ist seit der jüngsten Wahl in Chile praktisch in zwei Lager gespalten: Rechte und linke Regierungen stehen sich unversöhnlich gegenüber, die ideologische Polarisierung ist enorm.

Trump setzt in der Region auf Zuckerbrot und Peitsche. Wer sich mit ihm gutstellt – etwa Argentinien, Ecuador, Paraguay oder in Mittelamerika El Salvador und Costa Rica – bekommt Unterstützung, auch finanzieller Art. Gleichzeitig bauen die USA ihre Militärpräsenz in Lateinamerika aus, mischen sich zunehmend in Wahlen und Gerichtsprozesse ein und drohen Regierungen, die nicht mitziehen, mit Kürzungen oder Strafzöllen. Viele Länder, wirtschaftlich abhängig von den USA, sind eingeschüchtert. Die meisten haben zu den Angriffen in der Karibik bislang geschwiegen.

Länder wie Mexiko, Brasilien und Kolumbien, die Trump offen widersprechen oder ihn sogar kritisieren, stehen dem gegenüber. Am deutlichsten stellt sich Kolumbiens Präsident Gustavo Petro gegen den US-Kurs – und das, obwohl Kolumbien als größter Kokainproduzent der Welt jahrzehntelang der wichtigste Partner der USA im Kampf gegen Drogen war. Rund 85 Prozent der Informationen, die den USA bei der Beschlagnahmung von Drogen aus Südamerika helfen, stammen laut Berichten aus Kolumbien.

Doch Kolumbien zählt trotz aller Bemühungen für die USA längst nicht mehr als Partner. Präsident Petro, den Trump kurzerhand selbst zum Drogenboss erklärt hat, spricht von den US-Angriffen als „außergerichtlichen Hinrichtungen“. Nach Petros Angaben waren die meisten der bei den Bootsattacken Getöteten Kolumbianer.

Kolumbianische Polizei- und Spezialeinheiten sichern die Grenze zu Venezuela in der Grenzstadt Cúcuta. Hintergrund des Einsatzes sind verschärfte Sicherheitsvorkehrungen nach Äußerungen von US-Präsident Donald Trump, der erklärte, die Tage des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro seien gezählt, und warnte, dass Kolumbien als Nächstes dran sei. (Foto: Imago)

Mit Trump liefert sich Petro regelmäßig verbale Schlammschlachten in den sozialen Medien. Doch nicht nur dort: Auch sonst teilt er kräftig aus – gegen alle Amtskollegen auf dem Kontinent, deren Politik ihm nicht passt. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum er, obwohl er derzeit den Vorsitz der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (Celac) innehat, keine gemeinsame Reaktion auf die US-Gewaltdrohungen organisieren konnte.

Kolumbien steckt in einer Zwickmühle. Das Land leidet enorm unter dem Drogenhandel, der die inneren Konflikte weiter anheizt und täglich Menschenleben fordert. Trump hat bereits klargemacht: Jedes Land, aus dem Drogen in die USA kommen, muss mit Angriffen rechnen. Wenn Petro nicht aufpasse, sei er der Nächste, so die Drohung.

Dazu kommt: Rund drei Millionen Venezolanerinnen und Venezolaner sind wegen der Krise ins Nachbarland Kolumbien geflohen. Die beiden Länder teilen sich eine mehr als 2000 Kilometer lange Grenze. In der Grenzregion haben bewaffnete Gruppen auf beiden Seiten das Sagen. Die ursprünglich kolumbianische ELN-Guerilla hat eine Vormachtstellung, ist längst auch in Venezuela aktiv und hat sich mit der chavistischen Regierung verbündet. Teils arbeitet sie wie andere illegale Gruppen eng mit ihr zusammen. Für erste, mittlerweile ausgesetzte Friedensgespräche, einem der wichtigsten Projekte der Petro-Regierung, war deshalb in Caracas der Auftakt.

Kolumbien hat die Präsidentschaftswahl 2024 zwar offiziell nicht anerkannt, aber diplomatische Kanäle offengehalten. Und je heftiger der Streit zwischen Petro und Trump wurde, desto solidarischer zeigte sich Kolumbien zunächst gegenüber Venezuela.

Vor Kurzem hat die ELN einen mehrtägigen „bewaffneten Streik“ ausgerufen, angeblich, um für einen drohenden US-Angriff zu üben. Die Wirklichkeit sah anders aus: In 16 Departamentos gab es Straßen- und Ausgangssperren, Anschläge, Verletzte und mindestens fünf Tote. Kolumbien spürt die Folgen der Venezuela-Krise also schon jetzt – und bei einer Militärintervention dürfte das alles noch dramatischer werden.

Interessant ist auch, dass Petro kürzlich zum ersten Mal Maduro offen einen „Diktator“ genannt hat. Bislang hatte er sich da immer gewunden und lieber von einem „Demokratiedefizit“ gesprochen. Und bezeichnete Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado als „Verräterin“. Zuletzt schlug er erstmals eine Übergangsregierung für Venezuela vor und brachte sogar eine Generalamnestie ins Spiel. Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum und Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva haben angeboten, zwischen Washington und Caracas zu vermitteln, um einen bewaffneten Konflikt in Lateinamerika zu verhindern und eine friedliche Lösung zu finden.

Die venezolanische Oppositionspolitikerin María Corina Machado wurde in Oslo mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. (Foto: Imago)

Die Nominierung und vor allem die Verleihung des Friedensnobelpreises an Oppositionsführerin María Corina Machado hat den Blick der Welt zuletzt wieder auf Venezuela gelenkt. In Machados Rede, die ihre Tochter in Oslo verlas, und in der Laudatio des Nobelkomitee-Vorsitzenden Jørgen Watne Frytnes ging es eindringlich um Not, Verfolgung, Folter und Mord unter dem Maduro-Regime. Nach Belegen der Opposition hat das Regime die Wahl 2024 gefälscht, die eigentlich Oppositionskandidat Edmundo González gewonnen hatte. „Herr Maduro, akzeptieren Sie das Wahlergebnis und treten Sie zurück!“, forderte Frytnes in seiner Ansprache.

Rund neun Millionen Menschen haben wegen der Wirtschaftskrise und Verfolgung das Land verlassen. Auch wenn der Friedensnobelpreis eigentlich Machados Einsatz für einen demokratischen Wandel würdigt – die Reden und die internationale Debatte könnten auch als Werbung für eine US-Militärintervention verstanden werden. Machado selbst befürwortet eine solche Intervention und sieht in Trump einen Verbündeten. Genau deshalb – und wegen ihrer internationalen Unterstützer aus dem rechten Lager – sehen viele in Lateinamerika sie kritisch.

Die Geschichte US-amerikanischer Militärinterventionen in Lateinamerika ist alles andere als positiv. Viele fürchten, dass ein Angriff auf ein souveränes Land nur der Anfang wäre. Die Folgen für Venezuela selbst sind ohnehin kaum absehbar.

Das realistischste Szenario ist, dass eine Destabilisierung der Maduro-Regierung ins Chaos führt, sei es durch Rücktritt oder Sturz. Es droht ein Machtkampf unter den bewaffneten, kriminellen Gruppen im Land, von denen ein Teil der Regierung nahe steht. All das könnte die humanitäre Krise verstärken und eine weitere Migrationswelle in die Region und bis in die USA auslösen, sagt Elizabeth Dickinson von der International Crisis Group.

Katharina Wojczenko arbeitet seit 2017 als freie Korrespondentin in Kolumbien und kennt die politischen Verhältnisse sowie die Lebensrealität vor Ort. Sie schreibt unter anderem für die taz, das Schweizer Online-Magazin Republik und berichtet für den Deutschlandfunk. Sie ist Mitgründerin der Journalismus-Plattform RiffReporter. Das Audio hat Katharina Wojczenko unter schwierigen technischen Voraussetzungen in Bogotá aufgenommen.

Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas