Fernandes, Ulmen und der Journalismus Es gibt so viel zu sagen. Nichts Neues. Aber wir müssen reden.

Du wirst jetzt gleich Zeuge eines Unvermögens auf mehreren Ebenen. Meines Unvermögens, aber auch des Unvermögens meiner ganzen Branche.

Fernandes, Ulmen und der Journalismus Es gibt so viel zu sagen. Nichts Neues. Aber wir müssen reden.
Foto: Imago/Hanno Bode

Auch ich habe keine angemessene Sprache für das, was Collien Fernandes offenbar von ihrem Ex-Ehemann angetan wurde. Das ist mein persönliches Unvermögen. Ich teile es mit allen Männern, von denen ich bisher irgendetwas zum Thema gehört oder gelesen habe, und die im besten Fall sagen: Ich bin sprachlos. In manchen Fällen sagen sie es mit sehr viel mehr Worten.

Und dann ist da noch das Unvermögen meiner Branche. Es gibt hier etwas, ein Thema, eine Monstrosität mitten in unserer Gesellschaft, über die wir sprechen müssen, dringend, über die wir sprechen wollen. Es gibt ein Bedürfnis. Aber es gibt genau genommen seit der ursprünglichen Nachricht vom vergangenen Donnerstag sehr wenig Neues zu berichten, und wir als Branche – der Journalismus –, sind eigentlich nicht geeignet, das Bedürfnis zu befriedigen, dass wir gerade fühlen. Wir müssen ja nicht reden, um uns etwas Neues mitzuteilen. Wir müssen reden, um uns zu vergewissern, dass wir nicht allein sind mit dem, was wir fühlen.

Es ist fast unmöglich, dass du es nicht mitbekommen hast, aber falls doch: Am vergangenen Donnerstag berichtete der Spiegel“ in einer Titelgeschichte, der deutsche Schauspieler und Fernsehproduzent Christian Ulmen hätte jahrelang mit Fake-Profilen unter dem Namen seiner damaligen Ehefrau, der Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes, im Internet Männer angechattet. Er soll ihnen Deep-Fake-Pornos geschickt haben, die scheinbar seine Frau zeigten. Fernandes hat Ulmen angezeigt, in Spanien, wo beide leben. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung.

Seitdem ist es das Thema, das wahrscheinlich am heftigsten diskutiert wird beim Abendessen. Der Abgrund, in den wir da blicken, ist so unvorstellbar groß und tief. Wenn es so war, dann hat ein Mann jahrelang Demütigungsfantasien seiner Frau gegenüber ausgelebt, der Mutter seiner Tochter gegenüber, indem er sie etwas ausgesetzt hat, für das Collien Fernandes selber den besten Begriff gefunden hat. Sie wirft Ulmen vor, er habe sie virtuell vergewaltigt“.

Es ist ein grauenhaftes Detail unserer Zeit, dass noch nicht ganz klar ist, wie und wo ein solcher Fall eigentlich strafbar ist. Virtuelle Vergewaltigung“ ist kein juristischer Begriff, und vieles rund um so genannte Deep Fakes ist strafrechtlich noch nicht erfasst, oder jedenfalls nicht in einer Weise, die das Problem händelbar macht. Deep Fake bedeutet, zum Beispiel ein Video so zu manipulieren, dass man eine reale Person etwas tun oder sagen lässt, dass sie in Wahrheit nie getan oder gesagt hat. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz kann das inzwischen jeder von uns sehr schnell herstellen. Und so kursieren – schon seit Jahren, aber nun immer schneller immer mehr – zum Beispiel gefakete Porno-Videos von Frauen und Mädchen im Netz. Das betrifft prominente Frauen wie Collien Fernandes, aber auch ganz normale Mädchen an Schulen in Österreich. Und selbst wenn virtuelle Vergewaltigung“ kein juristischer Begriff ist, beschreibt er offensichtlich sehr genau, wie sich das anfühlt, was diese Frauen und Mädchen erleben.

Die Scham muss die Seite wechseln. Schon wieder. Immer noch

Es ist keine Frage, dass die Täter Männer sind und die Opfer Frauen. Auch da berichte ich nichts Neues. Und so treffen wir uns hier, mal wieder, an diesem Punkt, an dem Dinge gesagt werden wie Es sind nicht alle Männer so“ und Die Scham muss die Seite wechseln“, weg von dem Opfer, das gedemütigt wurde, hin zu dem Täter, den Tätern, die ihre Menschlichkeit vergessen haben für Momente schmieriger Befriedigung und falscher Größe. Wir sagen das, ohne dass sich etwas ändert, immer kommt noch ein Fall, und noch einer. Und was genau so schlimm ist: Wir wissen, dass es für jeden Fall, der prominent und öffentlich verhandelt wird, unzählige gibt, die im Verborgenen bleiben. Für jeden Fall, der so eindeutig ist wie es der Fall Fernandes-Ulmen zu sein scheint, gibt es unzählige, in denen die Lage vielleicht nicht ganz so klar ist und der Abgrund nicht ganz so tief, und in dem sich deshalb die betroffenen Frauen Beschwichtigungen anhören müssen, wenn ihnen denn überhaupt geglaubt wird. Tausendfach. Hunderttausendfach. Und wieder erzähle ich nichts Neues.

Das hier ist ein Versuch.

Dieser Text ist kein klassischer Journalismus, weil ich wirklich nichts Neues zu erzählen habe. Das hier ist auch kein Essay, in dem ich kluge Gedanken zum Thema entwickle und am Ende einen Lösungsvorschlag mache, denn ich habe beides gerade nicht im Angebot. Das hier ist ein Versuch, einen Raum zu schaffen, das zu sagen, was wir uns einander jetzt sagen müssen, obwohl wir es alle längst wissen. Weil es wichtig ist, dass wir uns gegenseitig vergewissern, dass wir auf der selben Seite stehen. Und wenn ich sage: wir müssen, dann meine ich vor allem, wir Männer müssen.

Ich bin ein Mann, ich arbeite in einer Branche, die sehr stark verbunden ist mit der Welt, in der Collien Fernandes und ihr ehemaliger Mann sich bewegen. Ich bin beiden schon beruflich begegnet, ich bin auch einer von den hunderten Männern, die dachten, Collien Fernandes hätte sie zu ihren LinkedIn-Kontakten hinzugefügt (allerdings hat der Account mich danach nie angechattet). Was ich sagen will: Ich bin ich zwar nicht prominent und nicht reich, aber ansonsten von außen betrachtet nicht so anders als Christian Ulmen. Wir Männer können nur noch dankbar sein, für jedes bisschen Vertrauen, das Frauen uns entgegenbringen, denn obwohl ich weiß, dass wir nicht alle so“ sind; obwohl ich weiß, dass es keine allgemeine Verschwörung der Männer gegen Frauen gibt, zumindest keine, von der ich ein Teil bin, muss ich anerkennen, dass es tatsächlich so aussieht. Ich meine, was ist denn das für eine Welt: Als ORF-Generaldirektor kann man praktisch nur noch eine Frau ernennen, weil man sich bei den Männern nicht sicher sein kann, dass sie nicht Mitarbeiterinnen stalken? Ein Austro-Pop-Sänger schmiert einer Frau gegen ihren Willen Kokain auf die Lippen? Und dann noch dieser Abgrund? Das sind nicht alle Männer, aber es sind alle Arten Männer, und mir fällt wirklich gerade nicht viel mehr ein, als dass alle anderen Männer aufstehen müssen, das Maul aufmachen und klarstellen: Diese Arschlöcher wollen wir auch nicht. Ich will mit solchen Männern nichts zu tun haben.

Ich glaube, es beginnt damit, dass wir benennen, was da passiert. Dass wir den Verrat benennen. Jede Beziehung zwischen zwei Liebenden ist eine Verschwörung gegen den Rest der Welt, und diese Verschwörung zu brechen ist Verrat. Die niederträchtigste Tat, die es überhaupt geben kann. Verrat ist immer kaltblütig oder feige, und Verrat an dem Menschen, den zu lieben und zu ehren du geschworen hast, der seine Geheimnisse und sein Leben mit dir teilt – was könnte ehrloser sein? Es gibt ein Wort in der griechischen Sprache, dessen Geschichte sich mir eingebrannt hat. Als König Leonidas mit seinen 300 Spartanern im Jahre 480 v. Chr. an den Thermopylen das zahlenmäßig weit überlegene Heer der Perser aufhielt, wurde er nur durch einen Verrat besiegt. Ein Grieche, Ephialtes von Trachis, führte die Perser über einen versteckten Bergpfad in den Rücken der griechischen Verteidiger und sorgte so für deren Tod. Sein Name wird heute noch benutzt: Ephialtis“ heißt auf Neugriechisch Albtraum. Genau das sind Verräter: Albträume.

Verrat an sich hat noch kein Geschlecht. Es gibt wahrscheinlich ähnlich viele Frauen, die ihre Männer verraten und die Verschwörung brechen, wie umgekehrt. Aber die Demütigung; das Besitzdenken in Bezug auf Partner oder Partnerin; die seelische, psychische Gewalt; die sexualisierte psychische Gewalt und letztlich auch die körperliche Gewalt: Je weiter wir in dieser Aufzählung kommen, umso mehr Opfer sind weiblich und umso mehr Täter sind männlich. Und sie sehen aus wie ich.

Wieder etwas tun. Wieder nichts ändern

Virtuelle Vergewaltigung. Jahrelang. Sehenden Auges, welche seelischen Schmerzen es auslöst. Das ist ja offensichtlich genau Teil des Konzeptes. Die Demütigung ist das Programm. Die Schmerzen sind das Ziel. Ich spüre den Drang, das krank zu nennen, aber ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, ob das nicht am Ende noch verharmlosend klingt. Ich bin wirklich sprachlos. Ich habe die Worte nicht.

Aber ich habe die Gefühle. Da ist an erster Stelle das Mitgefühl. Es tut mir unendlich leid, was Collien Fernandes durchmacht. Was ihre Tochter durchmacht. Ich bin auch wütend, dass sie es durchmachen muss, aber direkt danach schäme ich mich zum ersten Mal, weil Wut sich für mich – als Mann; als Mann, der von außen genau so aussieht wie diese“ Männer – anfühlt wie das einfachste Gefühl, wie ein Ausweg, weil ich damit die Energie auf jemand anderen, den Schuldigen schiebe, ohne dass es irgendwem hilft. Frauen sollten wütend sein, sehr wütend, weil sie es sind, denen das zugemutet wird, ich wäre, wenn ich könnte, wahrscheinlich am liebsten ein Wuthelfer. Wie der Trainer, der beim Boxen die Pratzen hält, in die man schlägt. Ich wäre gern der Wutpratzenhalter für jede wütende Frau, die am liebsten die Wut aus ihrem System herausprügeln würde. Das wäre zumindest ein bisschen sinnvoll, eine irgendwie konstruktive Rolle. Falls jemand Interesse daran hat, meine Emailadresse ist [email protected].

Und dann ist da noch ein Gefühl, die Hilflosigkeit. Wir haben alle schon zu oft über solche“ Fälle gesprochen, über Fälle, in denen Frauen die Opfer sind von Männern, die am Menschsein scheitern. Zu oft, als dass ich die Hoffnung hätte, ich könnte etwas ändern. Alles, was ich anbieten kann, ist den Schmerz gemeinsam zu ertragen. Darüber zu reden. Zusammen hier zu sein.

Das ist tatsächlich kein Journalismus, aber hier sind ja auch mehr als Abonnenten. Ihr seid Mitglieder, wir sind eine Gemeinschaft. Deshalb habe ich mich getraut, zu versuchen, Worte zu finden für das, was ich nicht beschreiben kann, sondern nur fühlen.

Bitte sagt mir, wie es euch geht mit dem allen. Hier in den Kommentaren oder auch per Mail.