Ich kenne mich mit Fußball nicht aus – gibt es den auch in friedlich?

Ein waschechter Fußball-Noob besucht den angeblich friedlichsten Verein Österreichs.

Ich kenne mich mit Fußball nicht aus – gibt es den auch in friedlich?
Illustration: Jan Buchczik für JETZT

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Fußball ist mir fremd. Wenn ich in einer Wiener Tschumsn sage, dass ich gebürtig aus dem Ruhrgebiet komme, werde ich oft gefragt: „Bist du Schalke oder Dortmund?“ Weder noch. Zu Hause lief damals immer samstags die Sportschau, weil Opa das so wollte. Gehörte dazu. Spielergebnisse, Tabellen und Tor des Monats haben mich null interessiert. Was ich aber schon als Kind irgendwie faszinierend fand, war, was Fußball mit Menschen macht - nicht nur mit meinem Opa. Wie da mitgefiebert wird, wann man als Fan gilt und welche Pflichten mit dem Fan-Sein einhergehen. Irgendwann habe ich auch mal versucht, Fan zu sein. Im Supermarkt gab es goldene Sammelmünzen von Borussia-Dortmund-Spielern. Das eingravierte Gesicht von Abwehrspieler Jürgen Kohler hat mir Albträume beschert. Also habe ich das Sammeln wieder aufgegeben; Fan bin ich offensichtlich auch nicht geworden.

Heute werde ich abseits von Mega-Events wie der bevorstehenden WM in Kanada, Mexiko und den USA eigentlich nur dann auf Fußball aufmerksam, wenn es irgendwo zu gewalttätigen Eskalationen kommt. Das landet unweigerlich am Screen. Dafür muss man nicht sport.orf.at als Startseite eingerichtet haben oder dem Kicker auf TikTok folgen. Fußball und Gewalt gehören zusammen - zumindest bleibt das hängen, wenn man nicht genau hinschaut; wenn man nur Schlagzeilen überfliegt. Für diese Geschichte hier habe ich mir vorgenommen, genauer hinzuschauen. Ich habe versucht, besser zu verstehen, was es bedeutet, Fußballfan zu sein. Ich habe nach den versöhnlichen und friedlichen Seiten des Fußballs gesucht. Und ich bin dorthin gegangen, wo - wie viele behaupten - der friedlichste Fußball Österreichs zu Hause ist.

Als am 22. September 2024 das Derby zwischen Rapid und Austria Wien komplett eskaliert ist, gab es zig Berichte über das mutmaßliche Gewalt- und Aggressionsproblem im österreichischen Fußball. Wie kann so etwas (immer wieder) passieren? Wer hat die Fans, die Ultras, die Hools im Griff? Wer ist verantwortlich für die Folgen von Ausschreitungen? Braucht es strengere Regeln oder mehr Verbote?

Wer damals viel am Screen war, muss den Eindruck bekommen haben, dass es in der Bundesliga wie in Sodom und Gomorrha zugeht. Oder überhaupt im Fußball? Zwei Tage nach der Derby-Eskalation ging es nämlich auch in der Regionalliga Ost rund. Ordnerinnen, Ordner und Fans des FC Mauerwerk haben Spieler und Fans der Gastmannschaft Wiener Sport-Club attackiert. Rund 50 Polizistinnen und Polizisten mussten einschreiten.

Sind das Einzelfälle?

Einzelfälle, die medial aufgebauscht werden? Klickt natürlich gut, wenn im Stadion Rambazamba ist. Anscheinend ist - ganz generell - in den vergangenen Jahrzehnten die Gewalt in Fußballstadien tendenziell zurückgegangen. In einer typischen Saison gibt es laut Innenministerium Anzeigen im mittleren dreistelligen Bereich. Die Bundesliga trifft es deutlich häufiger als untere Ligen. Bei Großereignissen wie Stadt-Derbys gibt es Anzeigen-Peaks.

Mittlerer dreistelliger Bereich - Das klingt bei der schieren Masse an Menschen, die jede Saison ins Stadion gehen, nicht so wild. Fußball und Gewalt gehören also vielleicht doch nicht zusammen. Wobei, Gewalt ist mehr als das, was zur Anzeige gebracht wird; mehr als Körperverletzung und Pyrotechnik-Pöbelei. Da erzähle ich dir nichts Neues; unsere Gewalt-Reihe hast du bestimmt schon gehört oder gelesen. Falls nicht:

Ich habe mich bei Fans von ein paar der Fußballvereine umgehört, die immer wieder durch Berichte über Ausschreitungen auffallen: Rapid Wien, Austria Wien und Sturm Graz. Keiner wollte in diesem Beitrag hier vorkommen. Verübeln kann ich es ihnen nicht. Wer sich zu den Themen Gewalt und Fußball öffentlich äußert, wird oft selbst Opfer von Gewalt - z.B. in den Kommentarspalten von Insta, TikTok und Co.

Was mir alle Fans der drei Vereine versichert haben: Es ist immer nur eine Handvoll, die sich so richtig danebenbenimmt. Eine kleine Gruppe, die den Rest so richtig beschissen dastehen lässt. Ich habe alle gefragt, was für sie Fan-Sein bedeutet. Die häufigsten Antworten: Sich zu Hause fühlen, zusammenhalten und Leidenschaft. Ich habe sie auch gefragt, ob sie sich und ihre Fan-Gemeinschaft als friedlich bezeichnen würden: Ja, auf jeden Fall, na klar. Was sie darunter verstehen, war nicht so eindeutig. Am öftesten habe ich gehört, dass sie einander unheimlich viel helfen und unterstützen - auch abseits des Stadions. Das fühle sich wie Familie an. Oh ja, Familie habe ich oft gehört. Gut, da geht es auch nicht immer friedlich zu, aber gemeint war wohl das Bild einer Familie, die aufeinander schaut und - immer wieder - zusammenhält.

Hör- und Lesetipp

Meine Kollegin Eva hat ein paar "Fans" vor das Mikrofon bekommen. Hier geht es zu ihrem Beitrag "Dritte Halbzeit am Acker".

Auf die Frage, wo denn der friedlichste Fußball zu Hause sei, gab es unterschiedliche Antworten: bei den linken Zecken, beim FC St. Pauli von Österreich, bei den Schlüsselkindern. Gemeint war ein und derselbe Verein:

Der Wiener Sport-Club oder WSC

Du erinnerst dich: Das ist die Truppe, die im September 2024 vom FC Mauerwerk attackiert worden ist. Ein halbes Jahr davor war ich zum ersten Mal privat als Zuschauer beim WSC - bei einem der letzten Spiele im alten Stadion. Mittlerweile steht an der Alszeile in Wien ein 22 Millionen Euro teurer Neubau. Zum Stadioneröffnungsspiel gegen den SV Horn bin ich wieder hingegangen - dieses Mal als Journalist. Auf der Suche nach dem, was friedlichen Fußball ausmacht.

Was hat es mit den „Schlüsselkindern“ auf sich? Na ja, das ist ein Ding beim WSC. Wenn die eigene Mannschaft eine Ecke, einen Freistoß oder einen Elfmeter bekommt, rascheln die Hardcorefans auf der Friedhofstribüne mit Schlüsselbunden. „Friedhofstribüne“ deswegen, weil hinter der Tribüne, auf der anderen Straßenseite, der Hernalser Friedhof liegt.

Woher das mit dem Schlüsselrascheln kommt, weiß niemand so genau. Manche meinen, das habe sich der WSC vom FC St. Pauli abgeschaut. Das ist einer der Fußballvereine, die in Deutschland als besonders friedliebend gelten. Andere meinen, das Rascheln sei eine Hommage an den Schlüssel im Wappen von Dornbach. Das ist der Stadtteil im 17. Wiener Gemeindebezirk, wo der WSC zu Hause ist.

Heite grob ma Tote aus und rascheln mit Schlüsseln auf der Friedhofstribüne des WSC. (Foto: JETZT)

Zwischen der Raschelei wird gesungen. Oder gebrüllt? Na ja, sagen wir halt: zwischendrin wird gechantet. Nenn mich empfindlich, aber teilweise klingt das für mich schon wild laut. Vielleicht auch aggressiv. Bin ich einfach nicht gewohnt.

„Es ist jetzt auch keine Kinderjause. Ich meine, das ist schon Fußball-Support, aber es gibt ein gewisses Level an gemeinsamem Verständnis, wie wir supporten wollen, glaube ich. Und das zieht sich halt mittlerweile über viele Generationen“, sagt Kurt Reichinger. Er ist Obmann der Anhängervereinigung des WSC. Der Verein wurde 1952 gegründet, als der WSC zum ersten Mal abgestiegen ist. Spannend: Der Verein steigt ab und die Fans gründen einen eigenen Verein, um ihren WSC organisierter zu supporten.

Anyways: Wenn Reichinger von einem „gemeinsamen Verständnis“ spricht, wie sie supporten wollen, meint er damit nicht nur, was gechantet wird, sondern eine gemeinsame Wertehaltung. Das Miteinander im eigenen Stadion und bei Gastspielen sei wie in einem Wohnzimmer. Du erinnerst dich: Familie und so. Eine Familie, wo sich alle wohlfühlen - nicht nur grölende Männer.

„Hier ist kein Platz für Beleidigungen, Beschimpfungen, Ungerechtigkeit oder unangenehmes Verhalten“ steht in der Hausordnung des Vereinslokals der Freund*innen der Friedhofstribüne. (Foto: JETZT)

Reichinger sagt: „Wenn da Frauen blöd angegangen wären, wenn homophobe Aussagen fallen, dann ist das in meinem Wohnzimmer zu Hause nicht möglich und das wird abgestellt.“ Bis in die 80er und 90er wurden auch beim WSC laut Reichinger immer wieder homophobe und sexistische Chants angestimmt. Und es sei nicht leicht gewesen, das abzustellen. Was geholfen hat: selbst nicht mitchanten und die Personen, die mitmachen, immer wieder zur Rede stellen. WSC-Präsident Wolfgang Raml erklärt das so: „Wir haben so eine Selbstregulierungsmacht. Das heißt, wenn wirklich irgendwo mal was passiert, dann gehen sofort alle fünf, oder alle, die in der Nähe stehen, drauf und unterbinden das sofort im Kern.“

Raml und Reichinger sind sich einig, dass das eine fortlaufende Aufgabe oder Verantwortung ist. Wenn immer neue Fans dazustoßen, muss auch immer wieder neu reguliert werden. Bei ihrer jetzigen Größe sei das noch kontrollierbar, meinen die beiden.

Stichwort: Fans. Den Begriff nutzen Raml und Reichinger gar nicht. „Wir sind nicht Fans, sondern Supporter. Wir sind Unterstützer auf allen Ebenen des Vereins“, sagt Reichinger. Wie ernst sie es damit meinen, zeige sich unter anderem, „wo es halt darum gegangen ist, große Summen an Geld aufzustellen. Wo halt sehr viele, nicht sehr Reiche von uns sehr viel Geld zusammengetragen haben für diesen Verein, einfach nur, weil wir wollten, dass der weiter existiert. Also es ist schon sehr viel Herzblut da auch dabei.“

Damit niemand hungrig oder durstig nach Hause geht helfen Supporterinnen und Supporter bei der Essensausgabe mit. (Foto: JETZT)

Zweimal ist der WSC Konkurs - einmal in den 90ern, einmal Anfang 2000. Beide Male gelingt es, mit Unterstützung der Supporterinnen und Supporter, den Verein zu retten. Finanzielle Unterstützung in Notlagen sei aber nicht das Einzige, was Support ausmacht, sagt Kurt Reichinger.

Er erzählt von Supporterinnen und Supportern, die nach jedem Match ein eigenes Magazin produzieren und austeilen. Andere helfen beim Ausschank oder der Essensausgabe. Und wieder andere gehen die Extrameile, so wie Wolfgang Raml. Der war - genau wie Kurt Reichinger - schon als winzig kleiner Supporter auf der Friedhofstribüne. Jetzt ist er eben Präsident. Auch die restliche Führungsriege des WSC besteht aus Menschen, die schon lange Supporterinnen oder Supporter sind. Jeder und jede, der oder die die nötige Kompetenz mitbringt, Verantwortung übernehmen will und genug Zeit hat, könne sich für einen Führungsposten bewerben, meint Raml. Es gebe nicht den Verein und Menschen, die ihn supporten. Die Supporterinnen und Supporter seien der Verein.

Waren schon im Kinderwagen auf der Friedhofstribüne: Obmann der Anhängervereinigung des WSC Kurt Reichinger (links) und WSC-Präsident Wolfgang Raml (rechts). (Foto: JETZT)

Das klingt alles für mich ein bisschen zu gut, um wahr zu sein. Darum frage ich beim Stadioneröffnungsspiel gegen den SV Horn ganz genau nach. Stimmen Selbst- und Fremdbild überein? Ich frage die externe Securityfirma. Die sagen, sie seien auch immer wieder bei Rapid-Spielen im Einsatz und das sei kein Vergleich. Für die Masse an Menschen - beim Eröffnungsspiel immerhin knapp Fünfeinhalbtausend - sei die Lage beim WSC super entspannt.

Auch die Rettungssanitäterinnen und -sanitäter des Samariterbunds waren schon bei Rapid. Und Austria Wien. Sie seien Kummer gewohnt, sagen sie, aber das hier sei ein sehr entspannter Freitagsdienst. Gleiches sagen die Polizistinnen und Polizisten, die an diesem Abend Dienst haben.

Und dann frage ich noch bei den Gegnern nach. Die relativ kleine Supportertruppe vom SV Horn meint, dass der WSC von den bekannten Wiener Vereinen der friedlichste sei; dass sie fast nirgendwo anders so nett empfangen werden. Ein bisschen neidisch sind sie auf den Rasen des nigelnagelneuen WSC-Stadions. Ihrer sei mal der beste Rasen der gesamten Liga gewesen, aber dann sei ihr Platzwart gestorben. Die Erde sei ihm leicht.

Niederlagen ist man beim WSC gewöhnt und darum feiert die Friedhofstribüne ihr Team auch nach dem 0:1 gegen den SV Horn. (Foto: JETZT)

Man hört oft, dass der Sportclub fast in ganz Österreich immer der zweitliebste Verein von den meisten Leuten ist. Das ist so ein Spruch, den man oft gehört hat früher. Das sagt vielleicht eh schon einiges aus. Und vielleicht hilft es auch ein bisschen, dass wir jetzt nicht alles gewinnen; dass jetzt nicht jeder herkommt zum Gewinnen, sondern dass wir sehr leidensfähig sind und dass natürlich ein gewisser Humor dadurch entstanden ist, wie es halt meistens bei Vereinen ist, die viel verlieren“, sagt WSC-Präsident Wolfgang Raml.

0:1 geht die Stadioneröffnungspartie gegen den SV Horn aus. Raml behält Recht: Die Friedhofstribüne nimmt es mit Fassung. Als ich mir nach dem Spiel - und dem einen oder anderen Bier mit WSC und SV Horn-Anhang - ein Taxi nehme, sagt der Fahrer: „Ich wäre auch gern dabei gewesen.“ Er sei Dornbacher, sein Bruder habe ihn an diesem Abend im Stadion vertreten. Und: Vor 40 Jahren, als er das erste Mal an der Alszeile war, sei es dort auch schon so „leiwand“ zugegangen.

Was können wir aus der Geschichte mitnehmen?

Nein, Fußball und Gewalt gehören nicht zwangsläufig zusammen. Die einzelnen, kleinen Gruppen, die Bock auf Krawall haben, kann man bis zu einer gewissen Größe unter Kontrolle kriegen. Dafür braucht es eine Supporterinnen- und Supporterschar, die aktiv interveniert und reguliert. Den eigenen Verein mitgestalten zu können und mitzugestalten, macht was mit der gemeinsamen Wertehaltung. Wer das sinnbildliche, gemeinsame Wohnzimmer einrichtet und sich dort willkommen fühlt, passt auch besonders gut darauf auf. Eine nicht zu unterschätzende Zutat zum friedlichen Miteinander im Fußball ist anscheinend Selbstironie und Humor.

Jetzt bin ich gespannt: In welchen anderen Fußballvereinen erlebst du friedliches Miteinander und was macht dieses Miteinander möglich? Lasst uns in den Kommentaren ein paar Erinnerungen und Anekdoten sammeln.

Audioproduktion und Mix: Yannik Milz