Weg von Microsoft? Word!

Eine Angst geht um: Kann Trump uns technisch lahmlegen? Europa will unabhängiger werden von amerikanischen IT-Konzernen. Wie das funktionieren kann.

Weg von Microsoft? Word!
Montage: JETZT (Bild: Getty Images)

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Es gibt diesen Vorfall , der auch jene Politikerinnen und Politiker in Brüssel aufschreckte, die sich sonst nicht mit Computerthemen beschäftigen. November 2024, der Krieg in Gaza wütet seit mehr als einem Jahr. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag (IStGH) erlässt Haftbefehle gegen den damaligen Hamas-Chef Mohammed Deif, aber auch gegen Amerikas Verbündete: Israels Premier Benjamin Netanjahu und den früheren Verteidigungsminister Joaw Galant.

Donald Trump gefällt das nicht. Im Februar 2025 verhängen die USA Sanktionen gegen den IStGH und dessen Chefankläger Karim Khan. Und Khans Microsoft-Konto? Wird daraufhin gesperrt, berichtet die Nachrichtenagentur AP. Der Chefankläger verliert den Zugang zu seiner Kommunikation und der Strafgerichtshof kann seine Arbeit vorerst nicht regulär fortsetzen.

Vertrauliches in der Cloud

Ein Chefankläger, der auf einmal keine Mails mehr lesen und schreiben kann? Die Europäerinnen und Europäer waren alarmiert. So deutlich hatte ihnen selten jemand die Abhängigkeit von amerikanischen Tech-Konzernen vor Augen geführt. Europa baut auf sie: Nicht nur Behörden nutzen Windows und Microsoft Office. Drei Viertel der europäischen börsennotierten Unternehmen sind von US-Technologiediensten wie Google und Microsoft abhängig, in Österreich sind es fast 60 Prozent. Das zeigt eine Untersuchung von Proton, einem Schweizer IT-Unternehmen, das eine datenschutzfreundliche Alternative zu Big Tech verkauft.

Welche Daten an die US-Unternehmen fließen, lässt sich kaum überprüfen. Windows 11 kommuniziert im Hintergrund fleißig mit Microsoft-Servern, der Konzern aus Redmond im Bundesstaat Washington drängt Nutzer in seine Cloud, was so viel heißt wie: Die Daten lagern auf fremden Computern. Vertrauliches verlässt private und staatliche Festplatten und landet bei Microsoft. „Der Cloud Act erlaubt der US-Regierung Datenzugriff, aber auch andere Gesetze erlauben Nicht-Amerikaner zu überwachen“, sagt Max Schrems, Gründer der österreichischen Datenschutzorganisation Noyb. Der Jurist kippte zwei Datenschutzabkommen zwischen der EU und den USA. „Selbst wenn Microsoft vertraglich garantiert, Daten nicht rauszugeben: Man kann nicht überprüfen, ob das faktisch eingehalten wird.”

Max Schrems ist Gründer der österreichischen Datenschutzorganisation noyb, was für „none of your business“ steht. (Foto: Georg Molterer)

Der Trump-Faktor

Die Enthüllungen des ehemaligen Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden zeigten ab 2013, wie eng US-Techunternehmen mit dem Staat kooperieren. Mit der ersten Trump-Regierung wurde Europa klar, wie digital verwundbar man war. Trump II scheint zu zeigen: Wenn die USA wollen, können sie den Stecker in Europa ziehen. Was heute Richter am Internationalen Strafgerichtshof trifft, trifft morgen vielleicht Dänemark, zu dem das von Trump beanspruchte Grönland gehört.

Was kommt als Nächstes? Die Unsicherheit ist groß. Trump kritisierte wiederholt Regeln der Union, die die Macht der US-Techriesen einschränken. Im Oktober drohte er mit Exportkontrollen „kritischer Software“. Auch wenn die Drohung vorerst gegen China gerichtet war, so wird US-Software zum Druckmittel und zur politischen Waffe.

Was macht Österreich?

Softwareabhängigkeit – ein Wort, das früher nur Techniker aus der Ecke holte, ist in der Politik angekommen. Ein österreichischer Aktionsplan 2023 erklärt digitale Souveränität zur Staatsaufgabe – einem „digitalen Staatsnotstand“ sei vorzubeugen. Es geht nicht nur um die USA und Microsoft, um Software und Clouds, sondern auch um Mikrochips und Kommunikationsnetze.

Der Nationalrat beschloss 2023, „digitale Souveränität“ zu stärken und dazu vermehrt Open-Source-Software einzusetzen. Open-Source-Software ist grundsätzlich kostenlos verfügbar. Wichtiger aber ist die Philosophie: Der Quellcode, der Bauplan, ist öffentlich einsehbar. Experten wissen, was die Software macht und wie. Sie können sie unabhängig voneinander überprüfen und verbessern – und alle Nutzer profitieren. So entsteht ein digitales Gemeingut. Ein Stück Software für alle.

Georg Hahn leitet die Interessensgemeinschaft Ossbig, die sich für freie Software einsetzt. (Foto: Max Mayrhofer)

Digitale Souveränität, Open-Source-Software: Das sind sperrige, technische Begriffe. Wie geht das? Wo passiert was, und wo ist es sichtbar? Anruf bei Georg Hahn. Er leitet Ossbig, eine Interessensgemeinschaft aus IT-Managern und mancher Managerin, die in der Privatwirtschaft und der öffentlichen Verwaltung arbeiten. Der Verein setzt sich seit 2007 für freie Software ein. 2007, das ist in der Softwarewelt so was wie das Mittelalter. Wenig ist heute so wie damals.

Hahn erinnert sich. Damals habe man sich zusammengeschlossen aus einem Frust darüber, den großen Anbietern ausgeliefert zu sein, erzählt er. Sie diktierten Preise. Viele sahen freie Software nicht geeignet für den professionellen Einsatz. „Wir schon“, sagt der 66-Jährige und lacht: „Wir waren sowas wie eine Selbsthilfegruppe.“

Heute ist das anders. In den Rechenzentren sei Open Source eingezogen, so Hahn. Das habe sich breit durchgesetzt, ohne dass es viel beachtet wurde. Ohne Linux und freie Software ginge nichts. Sie ist „zentraler Bestandteil der IT-Landschaft der Bundesverwaltung“, schreibt das Bundeskanzleramt auf seiner Webseite Digitalaustria. Und auch die Wiener Stadtverwaltung setzt strategisch auf freie Software. Ein aktueller Bericht der EU-Kommission streicht das hervor. Sichtbar ist das für die meisten nicht, sagt Hahn. Muss es auch nicht.

Hahn sagt aber auch: Bei den Dingen, die man sieht, eben am Arbeitsplatz, tue sich in Österreich wenig. Beamte sitzen vor Windows-Rechnern, benutzen meist Microsofts Bürosoftware. Dabei hatte man, zumindest in Wien, mal versucht davon wegzukommen.

Der Besuch des Pinguins in Wien

Im Jahr 2005 nahm sich die Stadt Wien München zum Vorbild und begann, Computer auf Linux und freie Software umzustellen. Eine Studie hatte gezeigt: Auf rund der Hälfte der PCs könnte man ein freies Office installieren, auf rund einem Drittel sogar auf ein Linux-Betriebssystem. Doch ein paar Jahre später begrub die Politik die Idee. Eine zweite Studie wurde erstellt, aber nie veröffentlicht. Heute sei sie nicht mehr zugänglich, sie sei „skartiert“, also vernichtet, schreibt die IT-Abteilung der Stadt auf eine aktuelle Anfrage des Ökonomen Leonhard Dobusch nach dem Informationsfreiheitsgesetz. Dobusch hat seine Doktorarbeit einst zum Thema „Windows versus Linux“ geschrieben. „Wien hätte Vorreiter sein können“, sagt er heute, „aber die Umstellung wurde politisch abgedreht, weil man den Aufwand gescheut hat.“

Innovativ, aber wohl zu früh sei der Versuch gewesen, kommentiert Ossbig-Geschäftsführer Georg Hahn. Und wie sieht es heute aus, zwei Jahrzehnte später? Dazu lohnt ein Blick in Deutschlands Norden.

Schleswig-Holstein als Vorbild?

Im deutschen Bundesland Schleswig-Holstein wird umgesetzt, was anderswo noch Worte auf Strategiepapieren sind. Techniker installieren schrittweise freie Software auf Landescomputern, begonnen bei LibreOffice statt Microsoft Office. Das E-Mail-System ist seit kurzem umgestellt: Justizbeamte und Polizistinnen lesen ihre E-Mails nun über Thunderbird – eine offene Mailsoftware. Der Server wird selbst betrieben, Microsoft kommt hier nicht zum Zug. Dabei ging es um mehr als 40.000 E-Mail-Konten mit 110 Millionen Kalendereinträgen, erklärt der zuständige Digitalisierungsminister Dirk Schrödter (CDU) im Interview mit JETZT. Mails, Telefonate, Videokonferenzen: Schritt für Schritt will man raus aus der digitalen Abhängigkeit. Linux soll als Betriebssystem Windows ablösen.

Das ist kein Schnellschuss des CDU-Politikers. Schleswig-Holstein folgt einer Strategie: Schon 2020, damals unter grüner Führung, beschloss Deutschlands nördlichstes Bundesland, zu Open Source zu wechseln. Das Stichwort: der digital souveräne Arbeitsplatz.

Der ist noch nicht vollständig realisiert, und reibungslos funktionieren die Software-Umstellungen nicht immer. Zeitweise konnten Landesbeamtinnen und -beamte nicht mehr auf ihre Mails zugreifen, Schrödter entschuldigte sich dafür. Mitarbeiter kritisierten, dass es nicht genügend Schulungen gebe. „Am Ende ist es wie bei jeder Nutzung von Software, man muss sich daran gewöhnen“, sagt Schrödter zu JETZT.

Ein Nebenaspekt der Umstellung: Das Land ist den Preisen, die Microsoft für seine Softwareabos verlangt, nicht mehr ausgeliefert. An Microsoft überweisen staatliche Stellen Millionen. Die Stadt Wien zahlte 2024 mehr als drei Millionen Euro nur für Windows und Office, Graz rund 2,6 Millionen an Microsoft-Lizenzkosten (inklusive Serverprodukten). Das zeigt eine JETZT-Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz.

Schleswig-Holsteins Digitalisierungsminister Dirk Schrödter sagt: „Die Frage der digitalen Souveränität ist eine Frage von nationaler Sicherheit.“ (Foto: Frank Peter)

Ob sich Open Source denn finanziell rechnet? Digitalisierungsminister Dirk Schrödter sagt dazu: „Unsere Umstellung in Schleswig-Holstein ist wirtschaftlich über den ganzen Lebenszyklus eines Produkts gerechnet.“ Anders ausgedrückt: Schnell sparen könne man nicht. Billiger sei Open Source nur langfristig: Die Umstellungen, Schulungen und das Personal kosten Geld. Jedoch fließe Geld in den Digitalstandort Europa – statt in die USA. Einer EU-Studie zufolge lohnt sich das: Jeder Euro, den der Staat investiert, kommt vierfach zurück. Die Kosten sind aber nicht das Wichtigste, sagt Schrödter: „Die Frage der digitalen Souveränität ist eine Frage von nationaler Sicherheit.“

Desktop mal neu

Wohl deswegen arbeitet seit vergangenem Jahr fünf Autostunden südwestlich von Kiel, in Bochum, ein Unternehmen, das dem Bund gehört: das Zendis, das Zentrum für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung. Vierzig Mitarbeitende bündeln dort unter anderem bewährte freie Software zum Paket „OpenDesk”: Programme, mit denen man schreiben kann und rechnen, verschlüsselt chatten und videotelefonieren, Dateien organisieren – eben alles, was man im Büro so benötigt. Nichts davon selbst programmiert. Zendis erfindet nicht das Rad neu, sondern schraubt die vorhandenen Räder auf ein europäisches Fahrzeug.

Das Zendis bietet ein Abo für IT-Support, niemand soll mit der Software alleine gelassen werden. 160.000 Arbeitsplätze sind bereits umgestellt, aber die Aufgabe ist groß: Das Zendis geht von rund 3,5 Millionen digitalen Arbeitsplätzen in Deutschland aus. Es wurde mit Steuern aufgebaut, soll sich nun aber selbst finanzieren. Reicht das, um die Verwaltung unabhängig zu machen?

Geschäftsführer Alexander Pockrandt sagt, die Diskussion darüber, was digitale Souveränität bedeute, beginne erst. Mit der Schweiz und Österreich laufe der Austausch. Man muss OpenDesk ja nicht doppelt entwickeln. Wird OpenDesk in Österreich schon getestet? „Die Möglichkeiten hierzu werden aktuell geprüft“, heißt es aus dem Bundeskanzleramt.

Alexander Pockrandt leitet ZenDIS, das Zentrum für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung. (Foto: Zendis)

Der etwas unabhängigere Arbeitsplatz?

Sucht man nach aktuellen Beispielen des souveränen Arbeitsplatzes in Österreich, stößt man auf das Bundesheer. Seit Dezember 2024 muss LibreOffice verpflichtend auf rund 16.000 Arbeitsplätzen verwendet werden. Man wollte sicherstellen, dass Daten nur im Haus verarbeitet werden. Es sei nicht der erste und auch nicht der letzte Schritt, digital unabhängiger zu werden, sagt Michael Hillebrand vom Bundesheer zu JETZT. Schließlich soll das Bundesheer „funktionieren, wenn sonst nichts mehr geht.“ Auch das Außenministerium und das Justizministerium setzen auf LibreOffice.

Das Wirtschaftsministerium wiederum kommuniziert intern über freie Software. Vergangenes Jahr setzte man noch auf „Skype for Business“. Doch Skype wird eingestellt, es brauchte eine Alternative. Naheliegend wäre Microsoft Teams gewesen, doch die Verantwortlichen entschieden sich für das quelloffene Nextcloud. Zinnagl lobt die ungewöhnlich enge Zusammenarbeit mit dem deutschen Hersteller, der die Software auf Wunsch anpasste. Innerhalb von ein paar Monaten waren 1200 Arbeitsplätze im Ministerium umgestellt.

Nextcloud läuft auf Servern am Wiener Stubenring. Die Kommunikation, „das zentrale Nervensystem“, auf fremden Clouds? Kommt für Zinnagl nicht infrage. „Man muss mutig sein und einfach damit starten“, sagt er über den Wechsel zu Open Source. Microsoft Teams verwenden sie nur mehr für Konferenzen mit anderen Ministerien oder der EU-Kommission.

Die größte Herausforderung beim Umstieg? Nicht die IT, sondern keinen Frust bei den Kolleginnen und Kollegen auszulösen. „Wir sind alle seit vielen Jahrzehnten gewohnt, Microsoft-Produkte zu benutzen, der vollumfängliche Umstieg geht nicht von heute auf morgen.“ Deswegen informierte und schulte die IT die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Weitere Umstellungen sollen erfolgen, aber nicht sofort, sondern Schritt für Schritt, ähnlich wie in Schleswig-Holstein. „Wir haben uns mit unserem strategischen Ansatz alleine auf weiter Flur gefühlt“, sagt Zinnagl, „aber das ressortübergreifende Interesse stimmt uns sehr zuversichtlich.“ Die Lösung sei sicher, datenschutzfreundlich und eben souverän. Vor kurzem besuchte eine österreichische Delegation Schleswig-Holstein, um von dort zu lernen.

Das alles klingt ermutigend, und doch bleiben es bisher vereinzelte Initiativen von engagierten IT-Abteilungen. Daher die Abschlussfrage an Georg Hahn, den 66-jährigen Geschäftsführer der Interessengemeinschaft Ossbig: Geht das auch größer? Strategischer?

Hahn lacht, er wünscht sich das. Ein österreichisches Zentrum für Digitale Souveränität wie das in Bochum. Bundesweite, konkrete Schritte. Und den Biss, sie durchzusetzen. Im besten Fall, sagt er, setze die öffentliche Verwaltung nur in Ausnahmefällen auf nicht-freie Software. Das Prinzip müsse lauten: public money, public code. Wenn Steuergeld fließt, dann so, dass es die Software verbessert und die europäische IT profitiert.

Es tut sich was im Land und in Europa. Noch klingt das in der Praxis nicht so, als würden Microsoft und Co. zittern. In Den Haag jedenfalls haben sie ihre Lektion gelernt: Der Strafgerichtshof wirft Microsoft raus, berichtete das Handelsblatt Ende Oktober. Das Gericht soll in Zukunft auf die deutsche Lösung OpenDesk setzen.

Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas