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Einmal vorweg: Ich habe zwei erwachsene Töchter, die ich über alles liebe, eh klar. Die waren beide nicht wirklich geplant, aber ich bin immer mehr oder weniger davon ausgegangen, dass ich einmal Kinder haben würde – und als es so weit war, habe ich mich gefreut. Und weil ich eben zwei Kinder habe, bin ich schon mehrmals gefragt worden: Wie ist das so, Kinder zu haben? Immer von Leuten, die selbst noch keine Kinder hatten, die noch überlegt haben und unsicher waren, ob sie das wollen oder nicht.
Ich gebe dann eine Standardantwort. Ich sage: Kinderhaben ist so, wie Heroin nehmen. Du gibst all deine Zeit, dein Geld, deine sozialen Kontakte und bist ständig körperlich ausgelaugt, aber du sitzt grinsend da und bist – beseelt. Manchmal auch panisch, aber sehr oft auch sehr glücklich. Ich glaube, das ist ein guter Vergleich. Aber der ist natürlich auch keine Antwort darauf, ob es sich lohnt. Ich habe keine Erfahrung mit Heroin, aber ich würde sagen, das lohnt sich wahrscheinlich nicht. Aber bei Kindern bin ich eindeutig befangen. Nur: Wer ist das nicht? Man kann niemanden fragen, weil die Leute jeweils entweder Kinder haben oder nicht, das heißt, sie sind entweder befangen oder haben keine Ahnung. Deshalb versuchen wir es heute einmal anders. Die einfachen Fragen zuerst. Zum Beispiel das Geld.
Eine Investition in die Zukunft?
Das ist die einfachste Antwort: Finanziell lohnt sich ein Kind natürlich nicht. Das kann man ausrechnen. Es gibt eine sogenannte Kinderkostenanalyse von „Statistik Austria“ aus dem Jahr 2021 – also sogar noch vor der Inflation der letzten Jahre. Da steht drin, was Kinder tatsächlich kosten. Man muss die Zahlen im Kontext betrachten. Zum Beispiel: Mit wem lebt das Kind? Wenn mehrere Erwachsene in einem Haushalt leben, dann verteilen sich die Kosten anders, als wenn zum Beispiel ein Erwachsener allein mit einem Kind lebt. Es werden dann quasi mehr Euros nur wegen des Kindes ausgegeben. Bei mehreren Kindern verteilt es sich auch anders. Deswegen gelten die Zahlen nur unter vielen Vorbehalten, aber um einmal eine Hausnummer dranzugeben: Ein kleines Kind bis 14 Jahre kostete 2021 im Monat gut 700 Euro, und eine Jugendliche oder ein Jugendlicher rund 1400 Euro.
Wenn wir dann rechnen, dass man sein Kind 20 Jahre lang finanziert – ich weiß, ein paar Studentinnen und Studenten kriegen jetzt Angstschweiß, aber keine Angst, die meisten Eltern machen das auch bis 30 –, aber als Beispiel, mit den Zahlen von eben: Das wären 218.400 Euro in 20 Jahren. Falls sich also jemand fragt: Wo ist eigentlich mein Ferrari, von dem ich immer geträumt habe? Der liegt oben im Zimmer und hört Taylor Swift.
218.400 Euro
So viel kostet ein Kind seine Eltern durchschnittlich in den ersten 20 Lebensjahren.
Einmal zur Sicherheit: Wenn ich sage, Kinder lohnen sich finanziell nicht, dann meine ich nicht, dass sie nicht 200.000 Euro wert sind. Für mich sind sie das, für manche sind auch Ferraris 200.000 Euro wert, das ist eine persönliche Entscheidung. Was ich meinte, ist, dass man von seinen Kindern in der Regel keine 218.400 Euro zurückbekommt. Und noch einmal: Das sind schon relativ alte Zahlen, konservativ gerechnet, in der Realität sind Kinder wahrscheinlich noch deutlich teurer. Es gibt sicher die Fälle von Kindern, die reich werden und ihrem Vater einen Ferrari schenken – und ich begrüße das ganz ausdrücklich. Schenkt Papa einen Ferrari! Aber das wird in Ländern mit funktionierendem Rentensystem nicht die Regel sein. Also zum Beispiel in Österreich. Hier steckt man viel Geld in seine Kinder und kriegt es nicht zurück. Die stecken das im Zweifel dann nämlich wieder in ihre Kinder.

Die finanzielle Seite ist aber auch nicht gemeint, wenn man fragt: Lohnt es sich, Kinder zu haben? Es gab einmal Zeiten, da waren Kinder die Altersvorsorge, aber das ist lange her. Und wir leben zum Glück auch nicht mehr in Zeiten, in denen es selbstverständlich ist, dass jede Frau Kinder kriegen muss. Das ist vielleicht auch das Problem mit der Frage: Es gibt noch gar nicht so lange die Möglichkeit, sie überhaupt zu stellen. Sie fühlt sich immer noch fast verboten an. Sie lautet genau genommen: Ist das Glück, das man wegen seiner Kinder empfindet, größer als alles, worauf man verzichtet, wenn man Kinder hat? Also: Wird mein Leben insgesamt besser, oder erfüllter, oder glücklicher, wenn ich Mutter oder Vater werde, als wenn ich es nicht werde?
Was sagt die Wissenschaft?
Folgefrage: Hat das nicht schon einmal irgendjemand untersucht? Doch, das wurde schon untersucht, und das Ergebnis ist leider auch keine echte Antwort. Eine Studie der Humboldt-Universität in Berlin über mehrere Jahrzehnte mit Hunderten Teilnehmern hat zum Beispiel ergeben, dass Menschen mit und ohne Kinder gleich glücklich sind. Jahrzehnte heißt, da haben Menschen im Laufe von fast 35 Jahren Kinder bekommen, andere haben keine bekommen, und die ganze Zeit über wurden sie immer wieder zu ihrer psychischen Gesundheit und ihrer generellen Gemütslage untersucht und befragt. Und es kam raus: Die Menschen ohne Kinder auf der einen Seite sind tendenziell ein bisschen ausgeglichener zufrieden, dafür sind bei denen mit Kindern die Ausschläge ein bisschen größer. Das heißt, sie sind manchmal unglücklich und manchmal glücklich, und beides ein bisschen stärker als die Kinderlosen. Es gibt eine Besonderheit: Männer mit Kindern fühlen sich insgesamt weniger einsam in ihrem Leben. Bei Frauen ist es nicht so, die fühlen sich gleich einsam, unabhängig davon, ob sie eigene Kinder haben oder nicht. Das finde ich ein bisschen überraschend und irgendwie auch unfair, aber Kinder leben ja auch nicht für immer zu Hause, und wenn sie einmal ausgezogen sind, dann melden sie sich auch nicht unbedingt dauernd. Das ist vielleicht eine ganz gute Erinnerung, mal wieder Mama anzurufen. Statistisch gesehen ist sie einsam.
Es gibt noch viel mehr Studien, die aber alle auch nicht zu definitiven Ergebnissen kommen. In der Tendenz kann man sagen: Menschen ohne Kinder sind ein bisschen zufriedener, dafür empfinden Eltern öfter einen sogenannten „höheren Lebenssinn“. Das versteht man, glaube ich, intuitiv sofort. Das ist nicht erstaunlich.
Also, wir können schon einmal festhalten: Kinder an sich machen nicht glücklich. Sie geben ein Gefühl von Lebenssinn, aber wenn wir einmal zurückkommen auf die Frage „Lohnt es sich, Kinder zu bekommen?“, dann wäre das eine etwas schwierige Antwort, zu sagen: Ja, es lohnt sich, wenn dein Leben bisher keinen Sinn hat. Das wäre nicht wirklich falsch, aber, wie gesagt, ein bisschen schwierig. Wenn man gerade das Gefühl hat, das Leben hat keinen Sinn, dann sollte man sich wahrscheinlich nicht auf eine Statistik verlassen, um etwas dagegen zu tun. Wie man seinem Leben einen Sinn gibt, ist sicher sehr viel persönlicher und individueller. Aber statistisch würde es stimmen.
Womit wir aber wieder beim Ausgangspunkt sind: Es ist nicht klar, ob es sich lohnt, Kinder zu kriegen. Und da fragt man sich schon: Wie kann denn das nicht klar sein? Davon hängen so Dinge ab wie: Unser Gesellschaftssystem. Die Zukunft. Das Überleben unserer Art. Da sollte man denken, wir hätten irgendwie ein System geschaffen, in dem völlig klar ist, dass es sich lohnt, Kinder zu kriegen, oder nicht?
Wer kriegt denn heute noch Kinder?
Vielleicht hilft es, mal nachzuschauen, wer denn die meisten Kinder kriegt in Ländern, die mit Österreich vergleichbar sind. Dafür schaut man sich die Fruchtbarkeitsrate an, also: Wie viele Kinder kriegt eine Frau im Durchschnitt? Da liegt Österreich weit hinten, noch hinter dem europäischen Durchschnitt, und der ist schon niedrig. Falls es jemanden interessiert: Ganz vorne liegt die Republik Niger in Westafrika, da bekommt jede Frau im Durchschnitt fast sieben Kinder. In Österreich gerade mal 1,31. Der Weltdurchschnitt sind 2,3 – das heißt, die Weltbevölkerung wächst langsam. Warum sind es in Österreich so wenige, sogar noch weniger als im europäischen Durchschnitt? Die Forscher sagen, die Zahlen sind in den vergangenen Jahren vor allem wegen der Inflation noch einmal stark runtergegangen. Junge Leute haben Angst, dass sie sich Kinder schlicht finanziell nicht leisten können. Das ist in Österreich stärker als zum Beispiel in Deutschland, wo die Inflation nicht ganz so hoch war.
Es gibt auch in Ländern, die mit Österreich vergleichbar sind, zumindest einzelne Gruppen, die mehr Kinder kriegen. Zum Beispiel in den USA. Da kriegen Frauen aus der hispanischen Community – also vor allem aus den spanischsprechenden Ländern in Lateinamerika, aber auch aus Mexiko, Kuba und so weiter – diese Frauen kriegen im Durchschnitt drei Kinder, und die Gründe dafür sind im weitesten Sinne kulturell. In diesen Gesellschaften gehört eine große Familie einfach dazu. Das gehört für sie zu einem erfüllten Leben.
Die beste Antwort
Und das ist – leider – die beste Antwort, die man geben kann. Ja, Kinder lohnen sich, wenn es sich für dich lohnt. Man muss, glaube ich, aufpassen, was man seinem Kind so als Verantwortung aufbürdet. Sie machen nicht automatisch glücklich, und ein Leben ohne Kinder kann mindestens genauso zufrieden machen, wenn man etwas anderes findet, das einem Sinn gibt. Das kann auch ein Ferrari sein, oder ein Pferd, oder Freunde, oder die Arbeit. Es ist, hier und heute, die schwierigste aller Entscheidungen, nämlich eine freie Entscheidung.
Viel Glück damit.
Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas
