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Valeria Weillery trägt ein samtgrünes Kleid. Sie steht auf einer kleinen Bühne im Cafe Molka in Chișinău, schultert die Geige, nickt zweimal im Takt – und dann spielt sie Bella Ciao. Die Hymne der italienischen Partisanen, mitten in der Hauptstadt Moldaus, gespielt von einer ukrainischen Musikerin. Das Publikum klatscht. Valeria lächelt gerührt.
Diese Szene steht symbolisch für die Entwicklungen in der Republik. Moldau ist ein Land, das zwischen EU und Russland schwankt. In dem man die Bomben im Nachbarland Ukraine einschlagen hören kann und in dem über tausend russische Soldaten stationiert sind. Moldau ist in Bewegung – die EU-Beitrittsverhandlungen laufen, aber der russische Einfluss ist weiter groß und zeigt sich durch breite Desinformationskampagnen oder verdeckte Finanzierung von Parteien. Mittlerweile steht sogar ein Anschluss an Rumänien im Raum. Was passiert in diesem kleinen Land zwischen den Fronten, das beim Blick auf die Karte vielleicht unwichtig erscheint, aber echtes Sprengpotenzial hat?
Die Republik Moldau ist wahrscheinlich eines der Länder Europas, über die man in Österreich am wenigsten weiß. Moldau grenzt an Rumänien und die Ukraine und ist ungefähr so groß wie Niederösterreich und Tirol zusammen. Als ich quer durchs Land gefahren bin, ist es mir aber viel größer vorgekommen. Vor allem, weil man für viele Strecken echt lange braucht, weil manche Straßen auf dem Land nicht asphaltiert sind und riesige Schlaglöcher haben. Denn Moldau ist eines der ärmsten Länder Europas, und das zeigt sich am Straßenbau, aber auch daran, dass es auf dem Land oft kein fließendes Wasser gibt und viele Brunnen per Hand betrieben werden. Große Industrie hat es hier nie gegeben, dafür aber vor allem Landwirtschaft. Zu Zeiten der Sowjetunion war Moldau die Gemüsekammer und wichtigstes Wein-Produktionsgebiet. Damals wurde in großen Massen in alle Teile des Sowjetimperiums exportiert. Als das dann aber zusammenbrach, fiel die große Nachfrage weg und die Wirtschaft stürzte ab. Nach der Unabhängigkeit 1991 startete ein langer Weg zu einer neuen Identität. Und wie diese Identität heute aussieht, darüber gehen die Antworten in den verschiedenen Regionen Moldaus komplett auseinander.
In Chișinău leben mehr als 400.000 Menschen, davon studieren über 50.000 an einer Universität in der Stadt. Die dementsprechend jung wirkende Stadt hat aber auch alte Historie. Im Bild der Triumphbogen, der 1846 gebaut und dem Sieg im Russisch-Türkischen Krieg gewidmet wurde. (Foto: IMAGO/YAY Images)
In Chișinău leben mehr als 400.000 Menschen, davon studieren über 50.000 an einer Universität in der Stadt. Die dementsprechend jung wirkende Stadt hat aber auch alte Historie. Im Bild der Triumphbogen, der 1846 gebaut und dem Sieg im Russisch-Türkischen Krieg gewidmet wurde. (Foto: IMAGO/YAY Images)
In Chișinău leben mehr als 400.000 Menschen, davon studieren über 50.000 an einer Universität in der Stadt. Die dementsprechend jung wirkende Stadt hat aber auch alte Historie. Im Bild der Triumphbogen, der 1846 gebaut und dem Sieg im Russisch-Türkischen Krieg gewidmet wurde. (Foto: IMAGO/YAY Images)
In Chișinău leben mehr als 400.000 Menschen, davon studieren über 50.000 an einer Universität in der Stadt. Die dementsprechend jung wirkende Stadt hat aber auch alte Historie. Im Bild der Triumphbogen, der 1846 gebaut und dem Sieg im Russisch-Türkischen Krieg gewidmet wurde. (Foto: IMAGO/YAY Images)
In der Hauptstadt Chișinău ist die pro-europäische Stimmung sofort spürbar. Überall hängen EU-Flaggen und die Stadt wirkt in großen Teilen sehr westlich. Viele junge Leute auf den sauber gefegten Straßen oder in den gepflegten Stadtparks, außerdem jede Menge Musik- und Kulturfestivals. In Chișinău lebt auch Iulian Groza. Er ist Leiter vom Institute for European Policies and Reforms und war außerdem stellvertretender Außenminister der Republik Moldau und zuständig für europäische Integration. Er erklärt, dass sich die Stimmung zur EU vor allem nach dem russischen Angriffskrieg gedreht hat: „Tatsächlich hat uns dieser ganze Druck von Russland dabei geholfen, mehr Unterstützung für pro-europäische Kräfte zu bekommen und auf die EU zuzugehen.” 2023 war dann ein weiterer Wendepunkt: Erstmals bezeichnete Moldau Russland offiziell als größte Bedrohung für das Land. Davor, sagt Groza, war das ein Tabuthema. „Wir dachten, wir dürfen Russland nicht provozieren. Aber wir verstehen jetzt: Es geht nicht ums Provozieren, es geht ums Verteidigen.“

Moldau ist laut Verfassung neutral und kein NATO-Mitglied. Dennoch hat sich das Verhältnis zu Moskau verändert. Noch vor wenigen Jahren war das Land vollständig abhängig von russischer Energie. Heute, sagt Groza, beziehe die Republik zu null Prozent Gas aus Moskau. Im Herbst 2024 stimmte Moldau in einem Referendum darüber ab, ob der EU-Beitritt als Staatsziel in die Verfassung geschrieben werden soll. Am Ende stimmten 50,4 Prozent dafür. Hauchdünn – aber genug. Die proeuropäische Präsidentin Maia Sandu glaubt an einen Beitritt bis 2030. Die größten Hindernisse sind wirtschaftliche Schwäche, Korruption und ein 60 Kilometer langer Landstreifen im Osten des Landes.
Das Land, das es nicht gibt
Denn nur eine Autostunde von der Hauptstadt Chișinău ist alles anders. Hier beginnt Transnistrien, ein Land, das es eigentlich gar nicht gibt. Denn die Region im Osten Moldaus hat sich abgespalten und wird seit einem kurzen Krieg 1992 von Russland unterstützt. International wird sie aber nicht anerkannt und trotzdem haben die Einwohner dort eigene Reisepässe und eine eigene Währung, den transnistrischen Rubel. Wer nach Transnistrien will, muss einen der Grenzübergänge nutzen, die mit schweren Panzern mit russischer Flagge gesichert sind. In Transnistrien selbst ist Tiraspol die größte Stadt. Als ich dort ankomme, wird mir mit letzter Eindeutigkeit klar, wer hier das Sagen hat. Neben mehreren übergrößen Lenin-Statuen und unzähligen Russlandfahnen, fallen die vielen russischen Soldaten auf – ungefähr 1500 sind in Transnistrien stationiert. Auf großen Plakaten wird vor den Kasernen Werbung für neue Rekruten gemacht. „Diene der russischen Armee, geregeltes Einkommen, soziale Absicherung” und „für das Vertrauen in das Russland von morgen” steht neben einem düster dreinblickenden vermummten Soldaten geschrieben. Für Russland ist diese Militärpräsenz wichtig. In Transnistrien lagern nämlich noch große Waffendepots aus Sowjetzeiten – circa 20.000 Tonnen Waffen und Munition liegen dort. Damit ist es das größte Munitionsdepot in Osteuropa und kann für die transnistrische Bevölkerung zur echten Gefahr werden. Denn bei einem Bombardement könnte es zu einer extrem großen Explosion kommen. Marcel Röthig von der Friedrich-Ebert-Stiftung sieht sogar die Gefahr einer Explosion, die „das Potenzial einer Hiroshima-Bombe” hätte.
In Transnistrien fühlt man sich an die Sowjetunion zurückerinnert. Eine Statue Lenins vor dem Regierungsgebäude Transnistriens (inkl. gehisster Russlandflagge). (Fotos: JETZT)
In Transnistrien fühlt man sich an die Sowjetunion zurückerinnert. Eine Statue Lenins vor dem Regierungsgebäude Transnistriens (inkl. gehisster Russlandflagge). (Fotos: JETZT)
In Transnistrien fühlt man sich an die Sowjetunion zurückerinnert. Eine Statue Lenins vor dem Regierungsgebäude Transnistriens (inkl. gehisster Russlandflagge). (Fotos: JETZT)
In Transnistrien fühlt man sich an die Sowjetunion zurückerinnert. Eine Statue Lenins vor dem Regierungsgebäude Transnistriens (inkl. gehisster Russlandflagge). (Fotos: JETZT)
In Transnistrien fühlt man sich an die Sowjetunion zurückerinnert. Eine Statue Lenins vor dem Regierungsgebäude Transnistriens (inkl. gehisster Russlandflagge). (Fotos: JETZT)
In Transnistrien fühlt man sich an die Sowjetunion zurückerinnert. Eine Statue Lenins vor dem Regierungsgebäude Transnistriens (inkl. gehisster Russlandflagge). (Fotos: JETZT)
Groza sieht in Transnistrien mehr als ein eingefrorenes Konfliktgebiet. Es sei ein aktives Werkzeug Moskaus: „Seit Beginn des Krieges haben sie die Region als Instrument für hybride Operationen gegen den Rest Moldaus genutzt – Cyberangriffe, Desinformationskampagnen, illegale Finanzierung.“ Und noch immer stehen russische Truppen 70 Kilometer westlich von Odessa, auf moldauischem Boden, den der Friedensvertrag von 1992 eigentlich räumen sollte. „Ein Teil des Abkommens war der Abzug ihrer Truppen. Aber dazu ist es nie gekommen“, sagt Groza.
Doch auch Transnistrien hat in der jüngsten Vergangenheit erfahren müssen, was es heißt, wenn der große Bruder Russland das Interesse verliert. Denn über Jahre hat sich die separatistische Region darüber finanziert, dass sie kostenlos Gas aus Russland bekommt und an Restmoldau weiterverkauft. Doch im Jänner 2025 hat Moskau plötzlich den Gashahn zugedreht. In Transnistrien hatten die Menschen mitten im Winter für einen Monat zeitweise weder Strom noch Heizung. Erst als Chișinău mit Hilfe der EU eingesprungen ist, war die Versorgung wieder gesichert. So kam es auch zu einer kleinen Annäherung. „Chișinău und Tiraspol können miteinander reden“, sagt Groza, „auch wenn sie in grundsätzlichen Fragen unterschiedlicher Meinung sind.“
Die EU hat unterdessen eine klare Botschaft formuliert: Transnistrien werde Moldaus EU-Beitritt nicht blockieren. Für Groza ist das eine historische Weichenstellung. „Wenn Russland weiß, dass Transnistrien ein Hindernis ist, wird es alles tun, um uns zurückzuhalten. Die Botschaft der EU ist: Das wird nicht mehr funktionieren. Russland hat kein Vetorecht über unsere souveränen Entscheidungen.“

Und dann gibt es da noch diesen einen, ganz anderen Gedanken, der seit einiger Zeit immer wieder auftaucht: Die moldauische Präsidentin Maia Sandu bringt die Wiedervereinigung mit Rumänien zunehmend als möglichen Ausweichweg in die EU ins Spiel, falls Moldaus Beitrittsprozess ins Stocken geraten sollte. Rechtlich wäre das nicht unmöglich – beide Staaten müssten zustimmen. Das Institute for European Policies and Reforms unter Leitung von Iulian Groza hat Umfragen dazu durchgeführt. Um die 40 Prozent würden eine Wiedervereinigung begrüßen. Verwunderlich ist das eigentlich nicht, denn Rumänien und Moldau haben viel gemeinsam. Da ist zum einen die Sprache – moldauisch – eigentlich ein Dialekt des Rumänischen. Außerdem war Moldau in der Geschichte ein Teil Rumäniens. Bis zum Jahr 1918 war Moldau noch Teil des russischen Zarenreiches, von 1918 bis 1940 war es Teil Rumäniens. Heute besitzen ungefähr 800.000 moldauische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger auch eine rumänische Staatsbürgerschaft. Die rumänische Staatsführung vergibt allen Bürgern Moldaus die Staatsbürgerschaft, wenn sie rumänische Wurzeln vorweisen können. Auch Iulian Groza hat beide Pässe, hält die Diskussion für legitim, geht aber über das Formale hinaus: „Es geht nicht um die Staatsbürgerschaft. Es geht um die Geschichte, um die Einstellung – und jetzt auch um Sicherheit. Rumänien steht unter dem NATO-Schutzschild. Angesichts des Krieges hier macht das einen Unterschied. Immer mehr Menschen verstehen das.“
Manche Experten sind allerdings skeptisch und warnen, dass eine Wiedervereinigung auch erhebliche rechtliche und sicherheitspolitische Komplikationen mit sich bringen würde, vor allem wegen des ungelösten Status von Transnistrien. Immer wieder höre ich in Moldau auch das Argument, das Präsidentin Sandu den Vorstoß nur deswegen einbringt, weil sie damit Druck auf die EU ausüben kann. Groza lässt sich davon nicht beirren. Er glaubt früher oder später an eine Vereinigung, und er glaubt an den EU-Beitritt: „Wir werden auf jeden Fall Teil der Europäischen Union sein. Und als Union werden wir viel stärker sein.“
An der Donau, zwischen den Fronten

Ein letzter Besuch ganz im Süden Moldaus, da wo die Donau schon bald ins Schwarze Meer fließt. Hier grenzen drei Länder aneinander. Das EU-Land Rumänien, das gespaltene Moldau und das Kriegsgebiet Ukraine. Auf einer kleinen Anhöhe stehe ich hier mit einer Gastwirtin, die in Sichtweite der Grenze wohnt und auf die ukrainische Hafenstadt Reni zeigt, die mehrfach schwer bombardiert wurde. Sie ist eine Moldauerin, der die Traditionen wichtig sind und die harte und ehrliche Arbeit schätzt. Und die es zwar grundsätzlich gut findet, dass Moldau sich in Richtung EU bewegt, die aber trotzdem skeptisch ist. Aber wenn man genauer nachfragt, rät sie zur Vorsicht. Moldauer, die in den Westen gegangen sind, kommen verändert zurück, sagt sie. „Als Kapitalisten geprägt.“ Diese Einstellung ist besonders auf dem Land immer wieder zu hören. Und sie zeigt: Es braucht weiter Überzeugungsarbeit, um gegen russische Propaganda anzukommen. Dazu gehört für alle aktuellen EU-Staaten auch hinschauen und zuhören. Sonst könnte die Stimmung früher oder später wieder kippen. Und das wäre nicht nur für die progressiven Kräfte in Moldau fatal, sondern für ganz Europa gefährlich. Iulian Groza sieht Moldau aber auch als Vorbild für westliche Staaten, die mit antidemokratischen Tendenzen kämpfen: „Selbst ein kleines Land kann trotz allem Druck auf einem demokratischen Kurs bleiben – wenn es zusammenhält, intern geeinter wird und sich klare Werte setzt. Wenn Moldau das schafft, können Länder in Europa, die heute schwierige Phasen des Populismus durchlaufen, von uns lernen.“
Ich muss noch einmal an Valeria und ihr Konzert im Cafe Molka denken. Dort, in Chișinău, ist Aufbruchsstimmung zu spüren. Die Stadt wirkt aufgeweckt, jung, in Bewegung. Die Richtung ist gesetzt: Moldau will kommen. Und ich kann nur sagen: Moldau, Willkommen.
Audioproduktion und Mix: Yannik Milz
