Was verlieren wir, wenn es weniger Journalismus gibt? Ist wirklich gleich die Demokratie in Gefahr?

Österreichische Tageszeitungen bauen gerade sehr viele Stellen ab; weltweit ist der Journalismus in der Krise.

Was verlieren wir, wenn es weniger Journalismus gibt? Ist wirklich gleich die Demokratie in Gefahr?
Illustration: Hedi Lusser für JETZT

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  • Beim Standard“ müssen rund 25 Mitarbeitende gehen
  • Die Kleine Zeitung“ baut mehr als 30 Stellen ab
  • Die Presse“ könnte sich von 25 Redakteurinnen und Redakteuren trennen
  • Die Regionalmedien-Gruppe kündigt 60 Leuten
  • Bei den Tageszeitungen Kurier“ und Krone“ wurden schon Dutzende Stellen eingespart

Das hat der Falter“ in der vergangenen Woche berichtet.

Die Nachrichtenbranche macht gerade keine guten Nachrichten. Man hört und liest vielleicht nicht so viel davon: Medien berichten ungern schlechte Neuigkeiten in eigener Sache. Und die Chefredakteure verschiedener Tageszeitungen sollen sich sogar abgesprochen haben, nicht über die schlechten Nachrichten der anderen zu berichten, hört man.

Wenn man mit österreichischen Journalistinnen und Journalisten spricht, erzählen sie einem von dramatischen Entwicklungen und großen Sorgen. Es scheint, als ob sich da gerade etwas beschleunigt. Und als ob das nicht nur eine vorübergehende Krise ist.

Der österreichische Medienmarkt ist etwas Besonderes, aber diese Entwicklung ist keine Besonderheit: Weltweit stehen Medien unter Druck, kleine und große, lokale Marken und nationale. Der Journalismus scheint an vielen Orten auf der Welt akut gefährdet.

Für die betroffenen Kolleginnen und Kollegen ist das natürlich schlimm. Für die betroffenen Firmen ist es ein Problem. Aber muss man sich da auch als Leser, als Bürgerin Sorgen machen? Also, mehr Sorgen, als wenn es in einer anderen Branche kriselt, in der Autoindustrie vielleicht oder im Lebensmittelhandel? Ist es schlimmer für jeden Einzelnen von uns, wenn nicht irgendeine Industrie ums Überleben kämpft, sondern die informationsverarbeitende Industrie?

Die reflexhafte Antwort, die man darauf zu hören bekommt, ist klar: Ja, natürlich! Demokratie braucht Journalismus. Wenn der Journalismus mit einer schlimmen Grippe daniederliegt, fängt schnell auch die Demokratie an zu husten.

Aber stimmt das auch? Woran merkt man das? Merkt man es überhaupt?

40 Prozent der Menschen versuchen aktiv, auf Nachrichten zu verzichten

Oberflächlich betrachtet, könnte es den Menschen egal sein, ob die eine oder andere Redakteursstelle abgebaut wird, vielleicht sogar ob das eine oder andere Medium geschlossen wird. Sie haben ohnehin das Gefühl, dass es nicht zu wenig, sondern zu viele Informationen gibt.

Das zeigen Untersuchungen wie der Digital News Report, eine jährliche weltweite Umfrage, hinter der das Reuters Institute in Oxford mit vielen lokalen Partnern steht. Für Österreich zeigt diese Untersuchung, dass das allgemeine Interesse an Nachrichten tendenziell seit ein paar Jahren zurückgeht – auch wenn immer noch die allermeisten Leute sagen, dass sie äußerst“ oder sehr interessiert“ sind an Nachrichten.

Aber die Zahl der Leute nimmt rapide zu, die sagen: Ich fühle mich von der Menge der Nachrichten, die heutzutage verfügbar sind, erschöpft.“ Und die Zahl der Leute, die „aktiv versuchen, auf Nachrichten zu verzichten“, tut es auch: Aktuell sagen das fast 40 Prozent.

Kein Wunder, dass eine Branche ein Problem bekommt, wenn eine größere und sogar wachsende Gruppe von Menschen sagt: Vielen Dank, wir geben uns eigentlich sogar Mühe, das nicht zu konsumieren, was ihr herstellt und uns verkaufen wollt.

Aber in dieser Logik gibt es einen Denkfehler. Wenn Redaktionen Stellen abbauen, ist das Ergebnis im Zweifel nicht weniger Journalismus, sondern schlechterer Journalismus.

Es ist leicht und billig, viele Inhalte zu produzieren – Content, wie man das nennt, was schon so beliebig klingt. Vielleicht hilft es, wenn wir uns mal angucken, aus welchen Quellen Medien überhaupt die Inhalte beziehen, mit denen sie ihre Zeitungen und Nachrichtenseiten füllen.

  • Sie können zum Beispiel Nachrichtenagenturen abonnieren, in Österreich ist das vor allem die APA. Die liefert dann Nachrichten über alles, was im Land und in der Welt passiert, Wichtiges und Buntes, ziemlich umfassend, ziemlich seriös. Das kann man dann noch bearbeiten oder man lässt es einfach. Dann steht da allerdings auch nur das, was überall steht.

  • Man kann natürlich auch abschreiben, was die Konkurrenz recherchiert hat. Vor allem der Boulevard liefert immer wieder knallige Schlagzeilen. Und das, was andere Kollegen investigativ recherchiert haben, lässt sich auch schnell übernehmen. Zum guten Stil gehört es eigentlich, die Quelle zu nennen, und zu gutem Journalismus gehört es eigentlich, das alles selbst noch mal gegenzuchecken – aber in der Praxis verzichten viele darauf. Was einer exklusiv hat, steht schnell überall.

  • Eine andere, nie versiegende Quelle für Nachrichten sind Pressemitteilungen. Unternehmen, Verbände, Parteien, alle schicken einem kostenlose Informationen ins Haus mit dem, was sie gerne in den Medien sehen würden. Manchmal sind diese Pressemitteilungen schon so konfektioniert, dass man sie als Mitarbeiterin oder Mitarbeiter einer Nachrichtenredaktion gar nicht umschreiben muss, weil es schon klingt wie eine journalistische Meldung. Obwohl es in Wahrheit nur PR ist. Ganz sicher einseitig – und nicht sicher richtig.

  • Und dann gibt es ja noch die sozialen Medien. Aus alldem, was irgendein prominenter Mensch auf Instagram oder Tiktok gepostet hat, kann man ein eigenes Artikelchen produzieren. Oft sieht man, welche Posts ohnehin schon große Aufmerksamkeit haben, und kann versuchen, selbst etwas davon abzubekommen. Man kann aus jedem Aufreger, mit dem sich jemand in den sozialen Medien aufplustert, eine aufregende Aufreger“-Nachricht generieren.

Das alles sind ziemlich günstige Quellen, aus denen sich leicht sehr, sehr viele Inhalte für Zeitungen und Nachrichtenseiten generieren lassen. Weniger wäre mehr, könnte man sagen. Weniger billiger Content. Weniger Dinge, die überall stehen. Weniger Aufreger, mehr Substanz und Relevanz.

Aber weniger kostet auch mehr – wenn man sich die Zeit nimmt und Dinge überprüft, Behauptungen nachrecherchiert, Unwichtiges von Wichtigem trennt. Und das Unwichtige dann weglässt.

All diese Quellen, die ich gerade beschrieben habe, sind legitime Quellen für Nachrichtenseiten, aber die eigentliche journalistische Arbeit einer Redaktion beginnt dann erst – im Umgang mit ihnen. Man müsste bei Betroffenen nachfragen, über die andere Medien berichtet haben. Man müsste die Gegenseite anhören. Man müsste einen Experten in der Redaktion haben, der beurteilen kann, was wirklich davon zu halten ist, was gerade alle als große Sensation berichten.

Und dann gibt es idealerweise auch noch Journalismus, der selbst recherchiert. Reporterinnen und Reporter, die Informanten kennen. Die Akten studieren oder Gerichtsurteile oder Statistiken. Oder die rausgehen; die ihre Schreibtische verlassen und Dinge mit eigenen Augen sehen und beschreiben, was „draußen“ in der Welt passiert.

Illustration: Hedi Lusser für JETZT

Das ist die Gefahr, wenn Medien Stellen abbauen: Sie sparen dort, wo Inhalte produziert werden, die zwar wertvoll sind, aber eben auch teuer. Leider, das gehört zur Wahrheit dazu, belohnt das Publikum die wertvollsten, teuersten Arbeiten nicht unbedingt immer mit den meisten Klicks oder den meisten Abo-Bestellungen – vielleicht, weil sie eine andere Vorstellung davon haben, was für sie wertvoll ist.

Wenn man ehrlich ist, muss man sagen, dass ein großer Teil der Journalistinnen und Journalisten heute schon eher damit beschäftigt ist, Inhalte durchzuleiten, umzuverpacken, wiederzuverwerten, wiederzukäuen - ohne irgendeine Art eigener Recherche oder auch nur irgendeinen eigenen Gedanken.

Das sorgt nicht nur für eine Vervielfältigung des Immergleichen, sondern auch für Fehler. Ich arbeite seit vielen Jahren hauptberuflich als Medienkritiker. Aus dieser Erfahrung kann ich sagen: Ein großer Teil der Fehlleistungen beruht gar nicht auf böser Absicht, sondern darauf, dass etwas blind weitergetragen oder Stille Post gespielt wird.

Dass Dinge nicht überprüft werden, liegt nicht unbedingt daran, dass Journalisten zu faul sind oder sich eine schöne Geschichte nicht durch Recherche kaputtmachen wollen (das gibt es sicher auch). Es hat oft damit zu tun, dass sie gar nicht die Zeit dafür haben: weil die Redaktionen zu dünn besetzt sind. Oder weil die einzelne Mitarbeiterin, der einzelne Mitarbeiter eine bestimmte Menge an Content in kurzer Zeit generieren muss.

Die Kollegen von Kobuk“ hatten neulich ein schönes, schlimmes Beispiel dafür, wie eine Falschmeldung um die Welt geht.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (FAS) berichtete, dass in China gerade das erste selbstschießende autonome Polizeiauto“ vorgestellt wurde. Die Meldung hatte vorher schon Kreise durch verschiedene Medien gezogen, beruht aber auf einem Übersetzungsfehler: Das Fahrzeug ist nicht bewaffnet, sondern hat eine Kamera an Bord. Sie schießt nur Bilder.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ hatte das irgendwo falsch abgeschrieben, und von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ schrieben es dann wieder andere ab. Die FAS ist eine renommierte und sicher vergleichsweise gut ausgestattete Zeitung. Das zeigt: Das allein schützt noch nicht davor, solche Fehler zu machen. Aber je dünner und schlechter die Redaktionen ausgestattet sind, umso wahrscheinlicher passieren sie - und umso mehr sind sie geradezu System.

Man könnte meinen, dass das Schrumpfen von Redaktionen schon deshalb nicht so schlimm ist, weil es ja immer noch genügend Medien gibt. Viele berichten über dasselbe. Reicht es nicht, wenn ein Journalist von einem Ereignis berichtet, müssen es wirklich mehrere sein, die sich Konkurrenz machen?

Aber Konkurrenz kann Journalismus besser machen, und ich habe das als junger Journalist ganz anschaulich erlebt.

Ich habe Ende der 1980er-Jahre bei der Neuen Osnabrücker Zeitung“ gearbeitet und viel über Ratssitzungen und Kommunalpolitik berichtet. Die NOZ war fast in ihrem gesamten Erscheinungsgebiet eine Monopolzeitung, ohne Konkurrenz, da war ich dann der einzige Berichterstatter von solchen Terminen. Nur an einigen Rändern gab es Überlappungen mit anderen Tageszeitungen. Da konnten die Bürger dann wählen, welche Lokalzeitung sie lesen wollten; wo sie sich besser informiert fühlten.

Das führte dazu, dass wir in diesen Gebieten als Journalistinnen und Journalisten mit einer ganz anderen Dringlichkeit gearbeitet haben. Geschichten, die man sonst einfach ein paar Tage liegen lassen konnte, wurden hier sofort gebracht – weil einem sonst die Konkurrenz zuvorkam. Wir bemühten uns, besser informiert zu sein, noch ein paar zusätzliche Hintergründe einzusammeln. Im Monopolgebiet konnte man es sich erlauben, auch mal faul zu sein, langsamer. Nicht, dass das immer ausgenutzt worden wäre, aber manchmal war es ganz bequem.

Ich habe damals gespürt, wie groß der Unterschied ist zwischen einem Gebiet mit einer und zwei Redaktionen. Und das war noch eine goldene Zeit. Heute geht es oft um den Unterschied zwischen einer und keiner Redaktion.

In den USA gibt es schon zahlreiche Gegenden, in denen es keinen klassischen Lokaljournalismus mehr gibt. Man nennt diese Gegenden News Deserts“, Nachrichtenwüsten. Laut einer Studie der Medill School of Journalism sind mehr als die Hälfte der amerikanischen Landkreise solche News Deserts“. 50 Millionen Amerikaner haben keine oder fast keine örtliche Nachrichtenquelle.

Was hat das für Auswirkungen für die Menschen dort?

Man kann hier feststellen, dass andere Institutionen die Aufgabe übernehmen, die Bürger zu informieren - Schulen, Ämter, Bibliotheken, Vereine. Mit „Informationen“ ist hier vor allem das gemeint, was man vielleicht besser als Service beschreiben würde: Das fängt bei Öffnungszeiten an und geht hin bis zur Organisation von Freiwilligen-Hilfe in Katastrophenfällen. Solche Notlagen sind sonst ja oft auch die Situationen, in denen man merkt, dass das örtliche journalistische Angebot im engsten Wortsinn unverzichtbar ist: Wenn Lokalmedien mit Live-Tickern die Menschen zum Beispiel informieren, wo Gefahr droht oder wo Hilfe zu finden ist.

Aber das größte Problem an Nachrichtenwüsten ist nicht, dass es zu wenig Informationen gibt, sondern zu viel. Manche Beobachter schlagen deshalb vor, statt von Nachrichtenwüsten“ von Informations-Ozeanen“ zu sprechen. Das klingt paradox, aber es lässt sich leicht erklären. Wir leben ja nicht mehr in einer Zeit, in der richtige“ Medien und richtige“ Journalisten die einzige Quelle für Informationen sind. Dank Internet und Social Media erreichen uns jede Menge Informationen aus allen möglichen Quellen: zuverlässige und weniger zuverlässige, unabhängige und parteiische, von Beobachtern und von Betroffenen.

Eine entscheidende Aufgabe von Journalismus ist es, in dieser Flut von Informationen Rettungsboote oder Inseln zu sein, vielleicht auch Leuchttürme, die dafür sorgen, dass Menschen sich zurech finden und nicht untergehen. Wir hatten am Anfang ja den Punkt, dass viele Menschen sagen, es sind ihnen eigentlich zu viele Nachrichten: Guter Journalismus kann dafür sorgen, die Menge zu verringern.

Nach einer Zeit, in der wir davon begeistert waren, wie viele Informationen wir auf allen möglichen Kanälen finden, wissen Menschen das heute vielleicht zunehmend zu schätzen, wenn jemand bewusst weniger anbietet.

An dieser Stelle ist es nötig, den Elefanten anzusprechen, der sich gerade in den Raum geschoben hat. Denn das ist natürlich ein zentraler Gedanke von genau diesem Projekt JETZT. Dahinter steckt unter anderem die Hoffnung, dass Menschen bereit sind, dafür zu zahlen, nicht noch mehr zu bekommen und vor allem nicht noch mehr vom Gleichen.

Aber das hier ist kein Werbetext für JETZT, und JETZT ist nicht die Antwort auf alle Fragen, die die Krise des Journalismus aufwirft. Es braucht jenseits von Medien wie JETZT auch einen Journalismus als Grundversorgung, der versucht, in großer Breite abzubilden, was jeden Tag Wichtiges vor Ort und in der Welt passiert.

Wo Journalismus verschwindet, wo es ihn gar nicht mehr gibt, in den Nachrichtenwüsten, oder wo er nicht mehr gut ausgestattet ist, um zu recherchieren, entsteht nicht wirklich ein Vakuum, denn die Lücke wird von vielen anderen gefüllt. Zum Beispiel von PR-Leuten. Es ist kein Zufall, dass die Zahl der Journalisten in Österreich zwar seit Jahren sinkt, aber die der PR-Leute steigt.

Deren Interesse ist nicht, dass die Menschen besonders gut informiert sind, sondern dass es ihren Auftraggebern hilft, den Unternehmen, Verbänden oder Politikern.

Wenn es keine Berichte von Journalistinnen und Journalisten zum Beispiel über irgendwelche Stadtratssitzungen mehr gibt, informieren“ stattdessen die Parteien selbst. Früher gab es Parteizeitungen, jetzt sind es Online-Medien, die mehr oder weniger eng und offen mit Parteien verbandelt sind. Da gibt es zum Beispiel die Seite unzensuriert“, die schon seit vielen Jahren im Sinne der FPÖ berichtet.

Die FPÖ hat auch einen eigenen Youtube-Kanal, der seit vielen Jahren sehr erfolgreich ist, und da gibt es jetzt Nachahmer. Die SPÖ hat gerade SPÖ eins“ gestartet, weitere werden bestimmt folgen.

Solche Kanäle sind natürlich einseitig und parteiisch. Aber für einen Teil des Publikums ist das sogar ein Vorteil, weil diese Medien ihre Meinungen bestätigen und Anlass geben, die Richtigen zu feiern und die Falschen zu verachten - viel zuverlässiger, als das bei traditionellen journalistischen Medien klappt.

In einer Welt, die nur aus Parteimedien besteht, müsste man sich alles anschauen und durchlesen, um einen halbwegs guten Gesamteindruck über das lokale, nationale oder globale Geschehen zu bekommen. Aber das tut ja keiner. Praktisch droht deshalb, dass Menschen mit unterschiedlichen politischen Positionen ganz unterschiedliche Wahrnehmungen von der Realität bekommen.

Deshalb ist guter, unabhängiger Journalismus wichtig, um gesellschaftliche Debatten zu führen, zu organisieren und abzubilden. Und dass Menschen gut informiert sind, ist eine Voraussetzung dafür, dass sie Entscheidungen treffen können – spätestens alle paar Jahre an der Wahlurne.

Ja, aber

Das ist also ungefähr wieder die Antwort, die wir ganz am Anfang dieses Textes schon hatten auf die Frage: Ist es schlimm, wenn Redaktionen in großem Stil Stellen abbauen, wenn ganze Medien zu verschwinden drohen? Die Antwort lautet immer noch: Ja, aber sie ist hoffentlich jetzt mehr als nur ein Reflex.

Und sie ist gleichzeitig ein kompliziertes Ja, weil Medien vieles produzieren, auf das man schon zur Not (oder sogar leicht) verzichten könnte. Nur ein Teil dessen, was Medien täglich berichten, ist irgendwie lebens- oder demokratienotwendig. Vieles ist Unterhaltung oder Informationsgerümpel. Dagegen ist im Grunde auch nichts zu sagen, aber wenn sich das alles womöglich nicht mehr finanzieren lässt, muss man nicht gleich um die Demokratie und die Gesellschaft fürchten.

Aber eins macht die ganze Sache noch mal besonders heikel: Ein Problem mit dem guten Journalismus ist, dass man sein Fehlen nicht unbedingt gleich bemerkt. Und das gilt ganz besonders für die beste, teuerste, exklusivste Art von Journalismus: investigative Recherchen. Da bringen Journalistinnen und Journalisten Skandale ans Tageslicht, Korruption zum Beispiel, Missbrauchsfälle, Kriminalität. Wenn sie nicht mehr die Zeit und die Mittel für solche Recherchen haben, wenn es diese Journalistinnen und Journalisten vielleicht gar nicht mehr gibt, werden viele Verfehlungen nicht öffentlich bekannt. Und dann kann auch niemand feststellen, dass das am fehlenden investigativen Journalismus liegt.

Denn, wie gesagt, weniger Journalisten heißt mehr Informationen, nur eben schlechtere Informationen. Und ich weiß auch, wie naiv das klingen muss, aber es stimmt trotzdem: In dem großen Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit sind Journalistinnen und Journalisten – zumindest theoretisch – die Einzigen, die auf der Seite der Leserinnen und Leser stehen. Alle anderen, Unternehmen, Parteien, Verbände und so weiter, haben ihre eigene Agenda.

Die Agenda eines Journalisten ist, sein Publikum fair zu informieren. Jedenfalls sollte das so sein.

Die Krise des Journalismus hat auch damit zu tun, dass das oft nicht so ist. Es ist höchste Zeit, dass sich beide Seiten wieder darauf besinnen.

Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas