B-Seite

21. Oktober 2026

Mit der Zeitung von der Straße


Dieser Artikel ist für dich kostenlos

Du kannst diesen Beitrag lesen oder anhören, weil ein JETZT-Mitglied ihn mit dir geteilt hat. Schließe eine Mitgliedschaft ab, um auch unabhängigen Journalismus zu unterstützen!

Zum ersten Mal machen alle sieben österreichischen Straßenzeitungen gemeinsam auf ihre Lage aufmerksam. Michael Hörl vom 20er spricht über Würde auf Augenhöhe, schwindende Einnahmen und das eigentliche Ziel, sich selbst überflüssig zu machen.

Straßenzeitungen gibt es in Österreich seit 30 Jahren. Heute, am Tag der Straßenzeitungen, findet zum ersten Mal eine gemeinsame Aktion aller sieben österreichischen Straßenzeitung statt. Im Bild Verkäuferin Goga, die in der Innsbrucker Innenstadt den 20er – die Tiroler Straßenzeitung verkauft. (Foto: Nicolas Hafele)

Man sieht sie vor Supermärkten oder an belebten Straßenecken – immer mit einer Zeitung in der Hand: die Verkäuferinnen und Verkäufer der Straßenzeitungen. Seit über 30 Jahren gibt es sie in Österreich. Das Prinzip ist einfach – Menschen in prekären Lebenslagen verkaufen die Zeitung und behalten die Hälfte des Verkaufspreises.

Heute haben sich die sieben österreichischen Straßenzeitungen zum ersten Mal zusammengetan und eine gemeinsame Aktion ausgerufen. „Es braucht uns!“ und „Wir sind gekommen, um zu bleiben.“ Denn die Lage ist angespannt. Die Produktionskosten steigen, Verkäufe stagnieren und Spenden und Förderungen bleiben teilweise aus.

In Tirol gibt es seit 1998 den 20er – die Tiroler Straßenzeitung. Ich habe mit dem Vertriebsleiter Michael Hörl darüber gesprochen, wie eine Straßenzeitung von innen funktioniert, wie sie sich finanziert, warum es Straßenzeitungen überhaupt braucht und warum es eigentlich ihr Ziel wäre, sich selbst überflüssig zu machen.

Michael Hörl ist Vertriebsverantwortlicher beim 20er – der Tiroler Straßenzeitung. Er organisiert den Verkauf der Zeitungen aus der Redaktion an die Verkäuferinnen und Verkäufer, die die Zeitung zum halben Preis einkaufen und auf der Straße zum vollen Preis verkaufen. (Foto: privat)

Die wichtigsten Aussagen aus dem Gespräch:

  • Der erste gemeinsame Aktionstag der Straßenzeitungen ist auch eine Reaktion auf finanziellen Druck. Die meisten der sieben Straßenzeitungen haben Schwierigkeiten, sich zu finanzieren. Gestiegene Druckkosten, stagnierende Nachfrage und ausbleibende Spenden und Förderungen sind die Gründe.

  • Alle sieben österreichischen Straßenzeitungen haben ein ähnliches Konzept, sind aber ganz unterschiedlich organisiert. Manche mit Digitalversion (wie der Augustin seit Neuestem), manche mit bargeldlosem Bezahlen, bei manchen schreiben die Verkaufenden selbst mit, bei anderen ist Redaktion und Vertrieb klar getrennt. Michael Hörl ist beim 20er besonders stolz auf die Qualität und die teils aufdeckerischen Stories.

  • Die Grundidee aller Straßenzeitungen sind Würde und Augenhöhe. Sie sollen Leserinnen und Lesern die Lebensrealitäten zeigen, die sie selbst vielleicht nicht kennen, und Menschen in prekären Lagen eine Stufe zurück in die Gesellschaft bieten. Die Verkäufer:innen kaufen das Heft um 1,95 Euro und verkaufen es um 3,90 Euro. Die Differenz und die Spenden behalten sie.

  • Allein vom Heftverkauf zu leben, ist für Straßenzeitungen nicht mehr realistisch. Bei den meisten macht er rund die Hälfte der Einnahmen aus. Der Rest kommt aus privaten Spenden und öffentlichen Förderungen, dazu kommen Inserate und Sponsoring. Die Auflage des 20ers liegt bei 8.000 bis 15.000 Stück im Monat, im Winter ist sie höher als im Sommer.

  • Die gemeinsame Botschaft der Aktion heute: „Es braucht uns!“ Eigentlich sei das eine bittere Erkenntnis, denn das Ziel von Straßenzeitungen sei ursprünglich, dass der eigene Job irgendwann nicht mehr nötig ist. Doch der Trend gehe in die falsche Richtung: Steigende Lebenshaltungskosten, die wachsende Schere zwischen Arm und Reich und die Sparpolitik machen das Angebot eher nötiger als überflüssig.


Kennst du alle sieben Straßenzeitungen? Liest du sie – und findest du es wichtig, dass sie existieren?

Einen schönen Nachmittag wünscht dir

Nico Knappe

B-Seite-Team