Europa im Hybridkrieg Die unsichtbaren Angriffe auf den Frieden

Desinformationskampagnen, Cyberangriffe und Sabotageakte – Europas Sicherheit wird zunehmend durch hybride Kriegsführung bedroht, bei der die Grenzen zwischen Frieden und Konflikt verschwimmen.

Europa im Hybridkrieg  Die unsichtbaren Angriffe auf den Frieden
Illustration: Hedi Lusser/JETZT

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Kupjansk ist ein Schlachtfeld. Schon seit vier Jahren, seit Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine, schlagen hier Raketen ein. Drohnen greifen an. Artilleriegeschütze beschießen die Stadt Tag und Nacht. Im September 2022 hatte die ukrainische Armee die Stadt von den russischen Besatzern zurückerobert, seitdem gewinnt hier keine Seite mehr Boden. Viel eher lassen sich Frontverläufe von Hausecke zu Hausecke messen. Mit enormen Anstrengungen kämpfen ukrainische wie russische Soldaten um die Vormacht über den Eisenbahnknotenpunkt, der Kupjansk strategisch entscheidend macht, und das unter großen Verlusten. Zuletzt verhinderten die ukrainischen Streitkräfte einen Vorstoß der Russen im Norden der Stadt.

Seit Februar 2022 sind diese Beschreibungen die vorherrschende Vorstellung vom Krieg im Kopf von uns Europäern. In den Medien sehen wir Bilder von zerstörten Innenstädten, werden informiert über die neuesten Gebietseroberungen und beobachten den erbitterten Kampf der Ukrainer um ihr Fortbestehen. Das alles schürt enorme Angst. Die im Jahr 2024 veröffentlichte Shell-Studie spiegelt das wider: Rund 81 Prozent der Zwölf- bis 25-Jährigen fürchten einen Krieg in Europa. 2019, also noch lange vor Beginn des Ukraine-Krieges, waren es rund 46 Prozent.

Die Einschätzung von von europäischen Expertinnen und Experten ist deutlich: Europa muss weniger befürchten, mit einer Rakete beschossen zu werden. Im Jänner, beim Risikobild 2026 des österreichischen Bundesheeres, ging es darum, dass Bedrohungen vielmehr „unterhalb der Schwelle“ klassischer militärischer Gewalt lägen. Cyberangriffe, Sabotageakte und Desinformationskampagnen seien die zentralen Risiken für Österreich. Es ist nicht das, was ein klassischer Krieg wäre, aber es ist auch kein Frieden.

Ein Versuch, den Wahlkampf zu destabilisieren

Ein aktuelles Beispiel dafür ist die sogenannte „Storm-1516“-Desinformationskampagne, die im Zusammenhang mit der deutschen Bundestagswahl 2025 bekannt wurde. Durch das Recherche-Netzwerk CORRECTIV wurde öffentlich, dass im Zuge der Operation „Storm-1516” mehr als hundert täuschend echte Fake-Webseiten und generierte Inhalte erstellt wurden, um gezielt politische Narrative zu verbreiten und die öffentliche Meinung zu manipulieren. Ziel der Aktion war es, den Wahlkampf in Deutschland zu destabilisieren und das Vertrauen in demokratische Prozesse zu untergraben.

Aber auch in Österreich gab es im vergangenen Jahr einen ähnlichen Fall: Die österreichische Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) identifizierte eine russische Desinformationskampagne, in deren Zentrum eine in Österreich tätige bulgarische Staatsangehörige stand. Ermittlungen und Chat-Protokollen zufolge stand die Verdächtige in Kontakt mit russischen Nachrichtendiensten und bekam direkt Material zugespielt, das genutzt werden sollte, um die öffentliche Meinung des deutschsprachigen Raums zum Nachteil der Ukraine zu beeinflussen.

Die Zelle nutzte sowohl Online-Medien als auch Offline-Aktionen (wie Graffiti und Aufkleber), wobei sie bewusst rechtsextreme Symbolik einsetzte, um pro-ukrainische Aktivisten zu diskreditieren. Während der Ermittlungen gestand die Verdächtige, im Jahr 2022 für die russische Agenten-Zelle tätig gewesen zu sein. Die DSN wertete den Fall als eine Form der hybriden Kriegsführung und als russischen Angriff auf die demokratischen Werte Österreichs.

Diese beiden Beispiele verdeutlichen, dass Krieg heute nicht mehr nur dort stattfindet, wo Soldaten aufeinandertreffen und Gebäude explodieren. Vielmehr verwischen die Grenzen zwischen Frieden und Konflikt in einem Konzept, das Experten als „hybride Kriegsführung“ bezeichnen. Zusätzlich gibt es den Begriff der „hybriden Bedrohung“.

Unter der sogenannten Kriegsschwelle

Hybride Kriegsführung ist eine Form des Krieges, bei der Staaten oder staatsnahe Akteure sich nicht nur klassischer militärischer Methoden bedienen, sondern auf einen Werkzeugkasten verschiedener anderer Mittel zurückgreifen. Diese Mittel liegen meist unterhalb der sogenannten Kriegsschwelle.

Völkerrechtlich orientiert sich diese Schwelle an der UN-Charta, die ein striktes Gewaltverbot vorschreibt. Während die Charta primär den Einsatz physischer, bewaffneter Gewalt verbietet, bewegen sich hybride Akteure bewusst in einer Grauzone: Es werden nicht nicht nur Truppen und Waffen eingesetzt, sondern nutzt Techniken wie Desinformationen und Cyberangriffe, die oft schwer eindeutig als „bewaffneter Angriff“ einzustufen sind. Das gilt auch für den Begriff der hybriden Bedrohung. Der entscheidende Unterschied ist, dass hybride Bedrohungen oft von einem unbekannten Gegner ausgehen, die Zurechenbarkeit und somit eine klare völkerrechtliche Reaktion erschweren.

Der Begriff „Hybrid Warfare“, der von dem US-Militärhistoriker Frank G. Hoffman 2005 das erste Mal definiert und popularisiert wurde, ist noch verhältnismäßig jung und entwickelt sich nach wie vor immer weiter. Doch das Konzept beruht auf Grundideen, die schon mindestens so alt wie menschliche Konflikte selbst sind. Das Buch „Die Kunst des Krieges“ des chinesischen Autors und Militärstrategen Sunzi beschäftigte sich schon rund 500 Jahre vor Christi Geburt mit verschiedenen Methoden, um Kriege für sich zu entscheiden und dabei möglichst wenig Aufwand zu betreiben. Ein bekanntes Zitat aus dem Klassiker umreißt das Verständnis von Sunzi so:

„Der höchste Sieg ist der, der ohne Kampf errungen wird.“

Schon im alten China ging es also darum, Wege zu finden, den Konflikt auf Ebenen auszuweiten, die das herkömmliche Verständnis von Kriegen überschreiten. In der Geschichte lassen sich auch noch ganz andere Beispiele für diese Form des Krieges finden.

Dieter Bacher (Foto: Uni Graz)

„Was hybride Bedrohung angeht, ist ein gutes Beispiel in der Ilias mit dem Trojanischen Pferd zu finden. Das lässt sich durchaus als hybride Kriegsführung betrachten. Ich täusche dem Gegner einen Abzug vor und bereite dabei eine Kriegslist vor, bei der der Gegner glaubt, der Krieg ist vorbei. Und dann kommt es zu einem Überraschungsangriff”, erklärt Dieter Bacher. Er forscht am Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung in Graz zum Thema Nachrichten- und Geheimdienste mit Schwerpunkt Kalter Krieg.

Das Trojanische Pferd aus der griechischen Mythologie. (La Destruction de Troye la Grant/Miletus, Jacques 1450; Musée des Beaux-arts de la Ville de Paris)

Aber auch neuere Beispiele zeigen, dass Konflikte schon lange nicht mehr nur auf dem Schlachtfeld geführt werden. Dieter Bacher sagt: „Es gab die CIA-Operation in den 1950er-Jahren, bei der man Ballons zur Aufklärung, aber auch zum Abwurf von Flugblättern über die Sowjetunion geschickt hat. Das hat China in 2022 und 2023 mit Ballons über den USA gemacht. Diese Methode ist also nicht neu. Sie wurde von der CIA schon im frühen Kalten Krieg eingesetzt.“

Egal, ob man sich also das Trojanische Pferd, Flugblatt-Ballons oder andere Mittel ansieht: Das Prinzip bleibt über die gesamte Geschichte gleich. Dieter Bacher nennt das „Old Tools but with new technology“. Aber gerade die neuen technischen Möglichkeiten eröffnen natürlich auch ganz neue Dimensionen und Winkel, um sich hybrider Mitteln zu bedienen.

Der Werkzeugkasten

Aber welche Mittel fallen eigentlich unter den Oberbegriff „Hybride Kriegsführung“? Und wie wurden diese in der Vergangenheit angewendet?

Hiram Johnson hat gesagt, dass die Wahrheit das Erste ist, was in einem Krieg stirbt. Gerade deswegen ist die Verbreitung von falschen Informationen eines der stärksten Mittel, um Staaten und Gesellschaften zu destabilisieren. Dabei wird versucht, die Meinung und Wahrnehmung der Bevölkerung zu beeinflussen und Misstrauen in die Demokratie und ihre Institutionen zu säen. Hierzu lassen sich sowohl klassische Medien nutzen, aber auch soziale Netzwerke, die als Multiplikatoren für Desinformation dienen.

Gerade die beschriebenen Beispiele aus Deutschland und Österreich verdeutlichen, wie versucht wird, Meinungen in Ländern zu manipulieren, auch wenn sie keine aktive Kriegspartei sind. Besonders Länder, die einen aktiven Krieg führen, sind noch stärker von Desinformationen betroffen. So tauchte beispielsweise ein Video von Wolodymyr Selenskyj nach dem Angriff der Russen in den sozialen Medien auf, in dem er seine Bürger aufforderte, ihre Waffen niederzulegen und den Kampf zu beenden. Kurze Zeit später stellte sich aber heraus, dass das Video mit einer Deep-Fake-AI gefälscht worden war. Mit dieser Form der Künstlichen Intelligenz, die Gesichter klonen kann, simulierte man ein Statement, das es so nie gegeben hat.

Chinesische Forscher entwickelten ein Patent für Anker mit Klingen, die dafür genutzt werden könnten, Unterwasserkabel zu durchtrennen. (Grafik: Lishui University)

Eines der prominentesten Mittel, wenn es um hybride Kriegsführung geht, ist Sabotage. Dabei wird versucht, gezielt feindliche Infrastruktur lahmzulegen, ohne offen Waffengewalt zu nutzen. Betroffen von Sabotage sind meistens Energienetze, Telekommunikation, aber auch militärische Ziele wie Kriegsschiffe. Vergangenes Jahr versuchten sogenannte Wegwerfagenten, Schrauben in den Motor eines deutschen Kriegsschiffs zu werfen, um es zu beschädigen. Die Kreativität kennt bei Sabotage keine Grenzen: Eine chinesische Universität entwickelte ein Patent für einen Anker mit Klingen, der dafür genutzt werden kann, Unterwasserkabel zu durchtrennen. US-amerikanische Forscher mutmaßten, dass dies nicht für Reparaturzwecke genutzt werden solle, sondern um proaktiv Infrastruktur anzugreifen. Dabei würde ein Schiff „versehentlich“ den Anker fallen lassen und diesen kilometerweit über den Meeresboden ziehen, um Kabel zu durchtrennen. Eine scheinbar zufällige, hochwirksame Sabotagemethode.

Cyberangriffe werden zu einer gängigen Methode

Auch Cyberangriffe entwickelten sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem gängigen Mittel. Durch die zunehmende Vernetzung unserer Infrastruktur, von Energie- und Kommunikationsnetzen bis hin zu Finanzsystemen, entstehen Angriffsflächen, an denen ohne direkten militärischen Einsatz enorme Schäden angerichtet werden können. Hackerangriffe können Stromnetze lahmlegen, Bankensysteme stören oder sensible Informationen abgreifen, oft ohne dass die Öffentlichkeit oder die betroffenen Institutionen sofort bemerken, dass sie angegriffen werden. Eine Studie aus dem Jahr 2025 der Unternehmensberatung EY Österreich schildert, dass rund 32 Prozent der Unternehmen in Österreich in den vergangenen fünf Jahren bereits von Cyberangriffen betroffen waren. Und auch das österreichische Innenministerium war im Sommer 2025 ein Opfer solcher Angriffe. Hierbei versuchten sich Hacker, Zugang zu E-Mail-Konten von Mitarbeitern zu verschaffen.

Die Quantentechnik vergrößert die Möglichkeiten hier noch weiter. Nach dem Prinzip „Harvest now, decrypt later”, ein Satz, der in den frühen 2010er-Jahren geprägt wurde, versucht man, im großen Stil Informationen auf Vorrat zu ergattern und diese dann erst im Nachhinein zu entschlüsseln, wenn man möglicherweise die Mittel dazu hat.

INFOKASTEN QUANTENTECHNIK

Quantentechnik ist ein Teilgebiet der Physik, das die besonderen Regeln der Quantenwelt nutzt, also Eigenschaften von kleinsten Teilchen wie Elektronen oder Photonen. Sie ermöglicht neue Technologien, zum Beispiel extrem schnelle Computer (Quantencomputer) oder absolut sichere Datenübertragung (Quantenverschlüsselung), die klassische Technik übertreffen können.

Aber nicht nur technische Mittel werden genutzt, um seinen Einfluss zu erweitern und seinen Gegner zu schwächen. Auch menschliche Komponenten lassen sich in hybrider Form nutzen. Unter dem Begriff „Volksgewalt“ versteht man eine Strategie, bei der Staaten indirekt oder direkt Gruppen unterstützen, um Proteste, radikale Stimmungen oder sogar Gewalt zu erzeugen. Entscheidend ist dabei, dass der Angreifer nicht selbst offen auftritt, sondern seine politischen Verbündeten stellvertretend die Interessen vorantreiben.

Seit Jahrzehnten lässt sich das im Nahen Osten beobachten. Der Iran nutzt dabei Gruppen wie die Hisbollah oder die Huthi-Miliz, um die Region zu destabilisieren. Diese Gruppen bekommen Waffen, finanzielle Mittel oder mediale Unterstützung vom Iran. Besonders Israel ist Ziel von diesen hybriden Angriffen.

Eine weitere Dimension ergibt sich aus unserer globalen Vernetzung, politisch wie wirtschaftlich. Das Ausnutzen von wirtschaftlichen Abhängigkeiten, die Androhung und Durchführung von Sanktionen oder die ganzheitlich gedachte politische Einflussnahme setzen Länder unter Druck und bringen sie in eine geschwächte Position. Auch das ist eine Form der hybriden Kriegsführung. Besonders bei diesen Mitteln verschwimmen die Grenzen zwischen Friedenszustand und Krieg, sodass Diplomatie und Handelsbeziehungen selbst zur „Waffe“ in Auseinandersetzungen werden können.

Ein gutes Beispiel sind dabei China und Taiwan. International versucht China, Taiwan zu isolieren, indem es andere Staaten unter Druck setzt, keine offiziellen diplomatischen Beziehungen zu Taipeh zu unterhalten und Taiwans Beteiligung an internationalen Organisationen zu blockieren. Wirtschaftlich nutzt China Handelsbeschränkungen, gezielte Importstopps und den Druck auf internationale Unternehmen, um Taiwan nicht als eigenständigen Staat zu behandeln. Aber auch andere große, globale Player bedienen sich der bunten Palette an Macht- und Wirtschaftspolitik.

Fasst man das alles zusammen, wird sehr deutlich, dass hybride Kriegsführung keinem klaren, linearen militärischen Angriff ähnelt, sondern vielmehr eine Zusammenstellung aus verschiedenen kleinen Nadelstichen ist. Besonders wenn diese Mittel miteinander kombiniert werden, entsteht das reale Gefahrenpotenzial.

Sind wir bereits im Krieg, wenn wir Opfer von hybriden Angriffen werden?

Das entscheidende Problem ist und bleibt nach wie vor die Zurechenbarkeit, welche es erschwert, überhaupt klarzumachen, von wo der Angriff kommt. „Wir haben die Problematik, dass es nur ein relativ diffuses Bild letzten Endes ergibt, wenn wir über hybride Bedrohungen und hybride Kriegsführung sprechen, weil die Aktionen ineinandergreifen. In der klassischen Kriegs-Konstellation gibt es einen Akteur A, der ein Interesse hat, dem Akteur B etwas wegzunehmen, Gebiete und Einfluss zu gewinnen. Und bei der Hybridität ist es eben dadurch, dass es unterhalb dieser Schwelle liegt, schwer zuordenbar. Und bei konzentrierten Aktionen ist es dann bereits Teil von einer hybriden Bedrohung und auch einer hybriden Kriegsführung, und das macht es schwierig, hier wirklich die Attribuierung und auch die entsprechenden Antworten auf diese Bedrohung geben zu können“, erklärt Dr. Arnold Kammel. Er ist der Generalsekretär des Bundesministeriums für Landesverteidigung in Österreich.

Generalsekretär Arnold Kammel (Foto: Imago/SEPA.Media)

Wenn wir also nicht wissen, wer uns angreift, können wir auch nicht klar einen Verstoß gegen die UN-Charta benennen. Und das erschwert natürlich die Antwort auf die Frage, ob wir im Krieg sind. Aber gerade das Risikobild 2026 vom Bundesheer zeigt, dass ein Umdenken stattfindet.

„Ich glaube, die Zeit und auch die internationale Lage verlangen von uns, klare Botschaften zu senden. Und ich glaube auch, nachdem die EU-Mitgliedstaaten oftmals und verstärkt hybriden Aktivitäten ausgesetzt sind, ist dies auch klar beim Namen zu nennen. In der Vergangenheit hat man sich davor gescheut, weil die Großwetterlage eine andere war, als sie derzeit ist. Aber ich glaube, in dieser komplexen, konfrontativen Situation müssen auch die Dinge klar ausgesprochen werden.“

Die EU ist die Lehre aus zwei Weltkriegen

Hybride Bedrohungen bzw. hybride Kriegsführung als das zu benennen, was es ist, nämlich ein Angriff auf Europa und Österreich, beweist, wie sich unser Bewusstsein bereits verändert hat. Aber auch, wie sehr es sich weiterentwickeln muss. Denn die klassische Verteidigungslogik Europas reicht nicht mehr aus, um diesen Angriffen die Stirn bieten zu können. Der Generalsekretär des Bundesministeriums für Landesverteidigung ordnet diese Entwicklung in einen größeren historischen Kontext ein. Aus seiner Sicht hat Europa aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts die richtigen politischen Schlüsse gezogen, dabei aber sicherheitspolitisch womöglich neue blinde Flecken entwickelt.

„Wir haben mit der Europäischen Union ein beispielloses Friedensprojekt aufgebaut, das keiner infrage stellen will und infrage stellen sollte. Weil wir eben die Lehren aus zwei Weltkriegen gezogen haben. Aber nachdem es uns damit gelungen ist, über die wirtschaftliche Integration, Krieg und kriegerische Auseinandersetzungen hintenanzustellen, haben wir es vielleicht verlernt, uns geistig mit Fragen der Verteidigung und eben auch der Resilienz als Gesellschaft auseinanderzusetzen.“

Die Frage der Verteidigung zu stellen, wird immer wichtiger. Besonders im Kontext mit der angespannten Beziehung zu der US-Administration muss sich Europa gesamtheitlich die Frage stellen, wie es mit den Bedrohungen der Zukunft umgehen wird. Dennoch stellt Kammel klar: „Man muss aber auch bei aller berechtigter Kritik, die man hier vis-à-vis Amerika ausspricht, klar festhalten: Die Sicherheit Europas ist auch für die absehbare Zukunft untrennbar mit den USA verknüpft. Daher mag es vielleicht so sein, dass die Beziehungen jetzt nicht ihrem Höhepunkt entsprechend zusteuern, aber dass dennoch die USA für Europa einen absolut notwendigen Partner darstellen.“

Doch nicht nur auf staatlicher oder Bündnisebene muss ein Umdenken stattfinden. Ein entscheidender Faktor im Kampf gegen hybride Bedrohungen ist Resilienz. Unsere psychische Widerstandskraft ist entscheidend, um dem wohl wirksamsten hybriden Instrument zu begegnen: der Angst. Sich dieser Strategien bewusst zu sein und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, ist neben der Weiterentwicklung technischer Abwehrmechanismen eine zentrale Voraussetzung, um dieser neuen Form der Kriegsführung wirksam entgegenzutreten.

Im Audio wurden folgende Beiträge zitiert:
Interview France 24 (18.03.2022)

Sounddesign und Mix: Wolfram Leitner