Casino-Secrets: Diese Österreicher stecken hinter dem illegalen Online-Glücksspiel Ein Datenleck und eine internationale Recherche enthüllen die Hintermänner. JETZT verfolgt exklusiv die österreichischen Spuren

Zehntausende Menschen hierzulande sind an Glücksspielsucht erkrankt: Sie sind oft die profitabelsten Kunden für illegale karibische Onlinecasinos.

Casino-Secrets: Diese Österreicher stecken hinter dem illegalen Online-Glücksspiel Ein Datenleck und eine internationale Recherche enthüllen die Hintermänner. JETZT verfolgt exklusiv die österreichischen Spuren

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Wer ein karibisches Onlinecasino starten will, ist an diesem Tag, an diesem Ort goldrichtig. Ein heruntergekühlter Konferenzsaal im Hilton-Hotel in St. Julians auf Malta, ein Donnerstagvormittag im November 2024. Langsam füllen sich die Stuhlreihen. Teilnehmer einer mehrtägigen Glücksspielkonferenz, die hunderte Euro Akkreditierungsgebühr gezahlt haben, wollen wissen: Wie komme ich zu einer Glücksspiellizenz von Curaçao? Was verlangt der karibische Kleinstaat von mir? Oder: Wo steht meine Bewerbung auf eine offizielle Erlaubnis? Wann kann ich loslegen?

Die Antworten soll ihnen ein Mann liefern: Mario Galea ergreift das Mikro am Podium und lässt erstmal Dampf ab: Viele der bisherigen Lizenzanträge seien schwach“, manche schlicht hoffnungslos“, schimpft Galea, von dem noch zu lesen sein wird. Die Anforderungen an eine Curaçao-Lizenz seien doch klar, er habe sie niedergeschrieben: Lesen Sie das verdammte Handbuch!“; es ist eine freundliche Übersetzung aus dem Englischen, ohne das F-Wort. Der Mann ist hörbar genervt, und er hat viel zu tun. Mehr als 800 Anträge, so erfahren die Zuhörer im November 2024, seien bereits korrekt übermittelt worden, und wöchentlich gingen neue Anträge ein, fast ausschließlich für Kryptocasinos.

Mario Galea ist nicht irgendein Bürokrat. Der 56-Jährige leitete einst die maltesische Glücksspielbehörde, heute berät er mit seinem Unternehmen Random Consulting“ Staaten in Glücksspielfragen – und er berät nicht nur: Er stellt das Lizenzportal für Curaçao und ist direkt in den Lizenzvergabeprozess involviert. Der kleine Inselstaat in der Karibik, flächenmäßig nicht viel größer als Wien, ist neben Malta so etwas wie das globale Mekka der Online-Glücksspielindustrie. Mit Curaçao-Lizenz setzen Internet-Casinos Milliarden um.

Das Hilton-Hotel in St. Julians auf Malta: Im Herbst 2024 wurde hier besprochen, wie man zu einer Glücksspiellizenz des Karibikstaats Curaçao kommt. (Foto: IMAGO / Werner Lerooy)

Und das nicht immer legal. Wovon Galea im November 2024 im Hilton-Hotel auf Malta spricht, mitten in der EU, ist vielerorts schlicht verboten, nicht zuletzt in vielen EU-Staaten: Österreich hat (noch) ein Monopolsystem fürs Online-Glücksspiel, in Deutschland, Schweden, Frankreich, den Niederlanden oder Spanien braucht es lokale Lizenzen. Eine Lizenz aus Curaçao gilt nicht. Viele Curaçao-Onlinecasinos hält das jedoch nicht davon ab, Kunden aus den wohlhabenden EU-Ländern zu akzeptieren, darunter suchtkranke Menschen. Sie verzocken schon mal Zehn- bis Hunderttausende Euro, sind gern gesehene VIPs“ und werden mit Werbung bombardiert.

Die illegalen Casino-Seiten beschäftigen die europäischen Behörden seit Jahren, doch scheinen sie machtlos. Spieler in Österreich klagen zwar regelmäßig, heimische Gerichte geben ihnen recht – aber ein Urteil heißt nicht automatisch, dass die illegalen ausländischen Casinos das verspielte Geld zurückzahlen. Man kann zwar in Curaçao vollstrecken, aber es dauert halt rund zwei Jahre“, sagt der Wiener Anwalt Karim Weber, der im Namen seiner Klienten gegen rund zweihundert Glücksspielfirmen vorgeht. Oft vergleichen sich die Casinos dann – oder sie gehen in Insolvenz.“

Wer hinter den Casinos, hinter den Briefkastenadressen auf Curaçao steckt, war lange unbekannt. Doch nun, zwei Jahre nach Galeas Auftritt, enthüllt ein massives Datenleck nicht nur wirtschaftliche Eigentümer – sondern auch das Vorgehen der Glücksspielbehörde in Curaçao.

Im November 2024, im Hilton-Hotel auf Malta, scheint man noch unbesorgt. Galea kommt als Berater der Glücksspielbehörde gar nicht auf die europäischen Gesetze und Spielerklagen zu sprechen. Vielmehr geht es am Podium darum, dass Lizenzwerber wohl bewusst falsche Angaben machen. Galea ärgert sich und er warnt die Anwesenden: Schickt uns keine Fake-Domains, wir überprüfen die händisch.“ Welches Unternehmen welche Domains, also welche Casinoseiten, betreibt, so scheint es, wollen viele Betreiber selbst vor der karibischen Glücksspielbehörde geheim halten.

Menschen, die an Glücksspielsucht erkrankt sind, velieren teils Zehntausende Euros an illegale Onlinecasinos. (Illustration: Bettina Schary)

Die Geheimhaltung gehört zum Business. Nun aber zeigt das Datenleck erstmals in großem Umfang, wer hinter den Casinos steckt und welche Seiten sie betreiben. Die deutsche IT-Sicherheitsexpertin, Hackerin und Journalistin Lilith Wittmann hat sich Zugang zum Computersystem der Curaçao-Glücksspielbehörde verschafft, interne Daten heruntergeladen – und sich danach an internationale Journalistinnen und Journalisten für eine Recherchekollaboration gewandt. Die Dokumente, die wir einsehen konnten, stammen aus dem Dezember 2025. Sie umfassen hunderte Lizenzanträge sowie persönliche Daten der Antragsteller und wirtschaftlichen Eigentümer der Casinos. Und zeigen außerdem, wie die Lizenzanträge intern bewertet werden. Internationale Medien veröffentlichen ihre Recherchen seit dieser Woche unter dem Namen Casino Secrets“; JETZT hat die Österreich-Verbindungen durchleuchtet.

Lilith Wittmann begründet den Hack mit erheblichem öffentlichen Interesse. Das Vorgehen sei durch das deutsche Presserecht gedeckt, weil Informationen zu illegalen Casinonetzwerken trotz ausführlicher Recherche nicht anders zugänglich waren. Bereits zuvor hatte sie sich Zugang zu internen Daten der maltesischen Glücksspielbehörde beschafft und das öffentlich gemacht.

Die Casinos-Secrets: eine internationale Recherche

JETZT hat die Casino-Secrets nach Österreich-Verbindungen durchsucht. Weitere Recherchen veröffentlichen die Investigativplattform Follow the Money (Niederlande), NRK (Norwegen), SVT (Schweden), der NDR (Deutschland) sowie Lilith Wittmann.

Wer die Curaçao-Files einsieht, stellt erstmal fest: Die Glücksspielbehörde des Kleinstaates genehmigt zwar hunderte Onlinecasinos, will aber nicht, dass die 160.000 Inselbewohner selbst auf ihren Onlinecasinos spielen. Die Betreiber müssen sie blocken. So wie offiziell Glücksspielende aus Ländern, die wie Curaçao Teil des Königreichs der Niederlande sind, und jene aus den USA oder von der UN-sanktionierten Länder wie Nordkorea. Doch damit erschöpft sich die Liste. Österreich oder Deutschland sind nicht unter den verbotenen Ländern, obwohl der Behörde die europäischen Gesetze bekannt sein dürften. In internen Einschätzungen wird sogar auf das Risiko von Klagen hingewiesen.

Einmal Karibik und zurück: die österreichische Beteiligung

Wir haben den Datensatz nach österreichischen Staatsbürgern durchsucht und sind fündig geworden: Österreicher tauchen als wirtschaftliche Eigentümer und Mitarbeitende von Onlinecasinos auf, die – trotz Verbots – am heimischen Markt aktiv sind. Das Geld von manch österreichischem Glücksspielenden dürfte über karibische Umwege also wieder zurück nach Österreich fließen.

Da ist etwa Klaus W. Der gebürtige Niederösterreicher lebt laut seinem LinkedIn-Profil auf Zypern und leitet ein Investmentunternehmen. Er erschließe gerne, so lässt er online wissen, mit „einzigartigen Ansätzen neue Geschäftsmöglichkeiten“. Eine davon dürften zwei karibische Onlinecasinos sein, die sich laut Lizenzantrag an vermögende Kunden und VIPs in Zentraleuropa und Südostasien“ richten. Seine Server stünden in Deutschland. Prüfer der karibischen Glücksspielbehörde stellen intern zwar fest, dass eines von W.s Casinos von der belgischen Glücksspielbehörde öffentlich als illegale Seite gelistet ist – zu stören scheint es sie nicht. Die Empfehlung der Prüfer, so ist in den Dokumenten zu lesen: Lizenz erteilen.

Das passiert im Juni 2025. Heute werben W.s Onlinecasinos mit dem offiziellen grünen Siegel der Curaçao-Glücksspielbehörde. Kundinnen und Kunden mit österreichischer Adresse und Telefonnummer können sich registrieren, wie ein Selbstversuch zeigt. Geld kann per Kryptowährung oder Banküberweisung auf ein maltesisches Konto eingezahlt werden. Und das Geschäft, so scheint es, läuft erfolgreich: In dem Datenleak enthaltene Kontoauszüge zeigen, dass eine einzige Casinospielefirma innerhalb eines Monats im Jahr 2024 mehr als zweieinhalb Millionen Euro auf das Firmenkonto überwies. Aus welchem Geschäft stammt das Geld? Klaus W. antwortet auf unsere Anfrage nicht.

Onlinecasinos mit offiziellem Sitz auf der Karibikinsel Curaçao setzen Milliarden um - die Betreiber leben meist woanders. (Illustration: Bettina Schary)

Der Österreicher Roland H. wiederum, so zeigen die geleakten Daten, ist Miteigentümer von gleich zwei Unternehmen, die Glücksspielseiten (mit Servern in der EU) aus Curaçao heraus betreiben. Die Seiten sind live und erreichbar. Die Eigentümerschaft, das stellen selbst die Prüfer der karibischen Glücksspielbehörde fest, ist kompliziert und verschachtelt. Ein internes Chart aus dem Jahr 2024 listet sie auf: Roland H. gehört ein Trust, der im Besitz einer österreichischen GmbH ist. Diese wiederum ist beteiligt an einer luxemburgischen Gesellschaft. Dann folgen mit 100 Prozent Eigentümerschaft: zwei weitere luxemburgische Gesellschaften und zwei zypriotische Kapitalgesellschaften, der letzten gehören die Curaçao-Casinoaktiengesellschaften. In einem der Anträge für eine Casinolizenz fehlen Dokumente dazu, wie Geldwäsche verhindert werden soll: Die Prüfer hält das jedoch nicht davon ab, die Lizenzerteilung vorerst zu empfehlen. Eine Anfrage von uns an Roland H. bleibt ebenfalls unbeantwortet.

Dann ist da Oliver K. Er scheint 2024 als Direktor einer Curaçao-Firma auf, das Ansuchen auf eine Glücksspiellizenz wurde später scheinbar zurückgezogen. Die ursprünglichen angesuchten Casinodomains sind jedoch aufrufbar, nur das Unternehmen dahinter hat gewechselt. In beiden Anträgen taucht derselbe griechische Staatsbürger auf. Oliver K. antwortet uns, er habe keine Kenntnis davon, in irgendeinem ausländischen Unternehmen eine Position inne zu haben oder gehabt zu haben.“ Unsere Anfrage ging an seine E-Mail-Adresse, die einem der Casinos gehört.

Oder Stefan C. Ihm gehört kein Casino, er wird jedoch als technischer Leiter („Chief Technical Officer“) eines Onlinecasinos aufgeführt, dessen Server laut Lizenzantrag in Deutschland und Irland stehen und auf Glücksspielende in der ganzen Welt abzielen. Wir konnten uns mit einer österreichischen Adresse und Telefonnummer erfolgreich anmelden und hätten Geld verspielen können. Stefan C. antwortet uns: Er sei überrascht, dass er als technischer Leiter aufscheine, denn er arbeite für ein Softwareunternehmen, zu dessen Kunden das Glückspielunternehmen G. gehört. Er habe unsere Anfrage weitergeleitet – als Folge seien Kunden aus Österreich nun gesperrt bzw. Registrierungen nicht mehr möglich; dass es bis dahin möglich war, sei ein Konfigurationsversäumnis“. Tatsächlich können wir uns mit einem österreichischen Testaccount nicht mehr einloggen. Das Unternehmen G. ist über die E-Mail-Adresse, die es auf seiner Website angibt, nicht zu erreichen – die Mailadresse ist inexistent.

Warum man sich in Curaçao bewerbe? Im eingereichten Geschäftsplan schreibt das Unternehmen: renommierter Standort, wegweisende Regulierung, hervorragende Hosting-Infrastruktur, günstige Körperschaftsteuer.“ Die kann auf der Karibikinsel zwischen 0 und 2 Prozent liegen. Glücksspielsteuer gibt es keine.

Curaçaos Hauptstadt Willemstad: geheimes Mekka des Online-Glücksspiels. (Foto: IMAGO / ANP)

Die genannten Österreicher sind nur einige Namen: Die geleakte Datenbank listet Staatsbürgerinnen und Staatsbürger von A wie Austria bis Z wie Zimbabwe auf – insgesamt Tausende, manche dürften Strohmänner und -frauen sein und/oder ohne ihr Wissen auf der Liste gelandet sein. Die Datenbank umfasst auch Details der Mitarbeitenden der fürs Business wichtigen Treuhandfirmen auf der Insel Curaçao. Es ist ein einzigartiger Einblick in die Welt der Internetcasinos und deren heimliches Zentrum.

Geschäftsplan: österreichische Glücksspielende gewinnen

Online-Glücksspiel ohne lokale Lizenz ist nicht überall explizit verboten; manchen Staaten fehlt schlicht die Regulierung in diesem Bereich. Die Rechtslage in Österreich hingegen ist klar: Das einzig zugelassene Internet-Angebot stammt derzeit von win2day. Umso bemerkenswerter, dass Österreich in vielen der geleakten Geschäftspläne explizit als Target Country“ aufgeführt wird, also als ein Land, auf dessen Glücksspielende man abzielt. Die Casinoseiten präsentieren sich auf Deutsch und werben teils mit der österreichischen Flagge.

Österreich stelle einen lukrativen Markt mit einer ausgeprägten Affinität zu Online-Glücksspielen“ dar, formuliert es etwa das Unternehmen CT. Und dann lässt man noch wissen, man wolle lokale Vorschriften einhalten“. Wie das bei einem Monopol funktionieren soll? Kennt der als Geschäftsführer gelistete Europäer von CT die Gesetze nicht oder bricht er sie bewusst? Auf unsere Anfrage antwortet er nicht.

Für das Unternehmen S. stellen Prüfer der karibischen Glücksspielbehörde fest: Angesichts der aktuellen Gerichtsverfahren könnte (…) Österreich ein schwieriger Zielmarkt sein.“ Der Antragsteller solle noch beantworten, ob Österreich denn einen wesentlichen Markt darstelle. Zudem sei es seltsam und riskant“, dass sich die Server des Unternehmens in Finnland befinden, dessen Glücksspielende man ebenso akzeptiere. Die Risikoeinschätzung erfolgt. Die Empfehlung dennoch: Lizenz genehmigen. Unser Test zeigt: Die betroffenen Onlinecasinos sind erreichbar und lassen Registrierungen mit österreichischer Adresse und Telefonnummer zu. Wir konnten keine Kontaktmöglichkeit für den intern gelisteten Inhaber finden, die gelistete Treuhänderin antwortet uns nicht.

Screenshot eines in Österreich illegalen Onlinecasinos. (Screenshot: JETZT)

Ein anderes Curaçao-Unternehmen, G., betreibt sogar Casinos, die mit den Logos von österreichischen Netzanbietern und dem Zahlen per Handyrechnung“ werben. Und mit einem AustriaWIN“-Logo: Es verlinkt auf ein vermeintliches Ranking mehrerer illegaler Onlinecasinosseiten – hinter denen wiederum teils das Unternehmen G. steht. Unsere technische Analyse zeigt, dass bis zu zwei Drittel der Zugriffe aus Österreich kommen. Den mutmaßlich vielen österreichischen Kunden wird Kreditkartenzahlung angeboten, man erwirbt damit augenscheinlich Kryptowährung, die zum Spielen erneut in Euro umgerechnet wird.

Als Inhaber wird laut dem Datenleck ein Moldauer geführt, der auf seiner Website fertige Onlinecasinos als Produkt anbietet – ist er der Profiteur oder handelt er im Namen eines Kunden? Auch er lässt unsere Fragen unbeantwortet.

Und auch hier folgt die interne Einschätzung der Curaçao-Glücksspielbehörde dem bekannten Muster: Einerseits stellen die Prüfer fest, dass staatliche Behörden (in dem Fall australische) das Unternehmen wegen illegaler Aktivität schon öffentlich verwarnt haben – andererseits empfehlen sie die Lizenzerteilung.

Die Rolle österreichischer Medien?

Die Kollegin Andrea Gutschi vom Medienwatchblog Kobuk hat sich schon 2024 mehrere Medien angeschaut und festgestellt: Auf vielen Onlineauftritten erscheint regelmäßig Werbung für illegale Online-Casinos. Fazit ihrer Recherche: „Das sind keine Einzelfälle, sondern hat System.“ Wir empfehlen ihre Recherche an dieser Stelle:

Ein Risiko, wenn Medien berichten?

Die Prüfer, so lässt es sich herauslesen, verfolgen kritische Medienberichte zur Casinowelt. Das „Adverse Media Screening“ ist Teil des Risikomanagements bei großen Firmen. Doch die Konsequenz bleibt unklar.

Am deutlichsten ist das im Fall der GmbH N. aus Curaçao, über die ich (gemeinsam mit internationalen Kolleginnen und Kollegen) bereits im Vorjahr recherchiert habe: Sie betreibt zahlreiche illegale Casinoseiten, die auf heimische Kundinnen und Kunden abzielen. Hinter ihnen stand 2025 der israelische Staatsbürger Ilan S.

Die jetzt geleakten Daten bestätigen nicht nur die Recherche aus dem Vorjahr. Sie zeigen auch: Die GmbH N. sollte Ende 2025 eine neue Glücksspiellizenz erhalten; Gesetze in Curaçao hatten sich geändert. Weil unsere Recherche in Branchenmedien zitiert worden war, wurde die Glücksspielbehörde aufmerksam – die Prüfer schreiben: Über den konkreten Lizenzwerber hätte es negative Berichterstattung gegeben. Unter anderem hätte die spanische Glücksspielaufsicht eine Strafe von fünf Millionen Euro gegen eines seiner Onlinecasinos verhängt. (Die spanische Glücksspielaufsicht schrieb mir damals, die Strafe sei unbezahlt.)

Doch es bleibt bei der Analyse. Man müsse sich keine übermäßigen Sorgen machen, formulieren die Prüfer weiter – und empfehlen die Lizenzerteilung. Das passiert einen Monat später. Unter den Domains sind bis heute illegale Onlinecasinos zu finden. Europäische Spielende können sich registrieren, Geld einzahlen und verlieren. Nur als Betreiber scheint ein neues Unternehmen auf, das sich im mittelamerikanischen Belize befindet. Ein Glücksspiellizenz hat die Seite auch, nun nicht mehr von Curaçao, sondern von der Insel Anjouan im Indischen Ozean, eine autonome Insel der Komoren. Auf unsere Anfragen antwortet Ilan S. nicht.

Mehr als 8000 Kilometer: Österreichische und deutsche Justizpost an ein Onlinecasino landet im Postkasten eines Treuhänders in Curaçao. Das Foto wurde uns zugesandt. (Foto: privat)

Die Glücksspielbehörde von Curaçao lässt unseren umfangreichen Fragenkatalog zur Lizenzvergabe und ihren internen Bewertungen ebenfalls unbeantwortet. Dem Casinosecrets-Partnermedium Follow The Money hingegen schreibt die Behörde. Dass Lizenzen immer genehmigt werden, sei unrichtig. Seit 2023 habe man rund 28 Prozent der Anträge abgelehnt. Sobald die Behörde konkrete Signale von zuständigen ausländischen Behörden erhält“, könne sie Maßnahmen gegen Betreiber ergreifen  – von Nachfragen bis hin zum Lizenzentzug. Und die Glücksspielbehörde von Curaçao relativiert in ihrer Antwort an Follow The Money: Es sei eine komplexe Frage“, wann eine gezielte Marktbearbeitung (Targeting)“ vorliege und wann lediglich Kunden aus einer bestimmten Jurisdiktion angenommen werden. Doch komplex ist es in Österreich nicht, beides ist schlicht nicht erlaubt.

Geld und Gesundheit: die globalen Folgen

Es geht hier nicht nur um illegal verdientes Geld, hinterzogene Steuern und mutmaßliche Geldwäsche. Die Glücksspielindustrie hat sich in den vergangenen Jahren zu einer ernsthaften Gesundheitsgefahr entwickelt. So warnte die Weltgesundheitsorganisation 2024, dass Menschen mit schädlichem Spielverhalten für rund 60 Prozent der Verluste verantwortlich sind, und dass Glücksspiel zu einem Anstieg psychischer Erkrankungen und Suizid führen könne. Auch Beziehungsabbrüche oder familiäre Gewalt gehören zu den negativen Folgen, so die WHO. Im Fachblatt The Lancet Public Health“ warnten im selben Jahr 22 renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass sich die Entwicklung der Glücksspielbranche an einem entscheidenden Wendepunkt“ befinde, bislang hätten Regierungen weltweit den durch Glücksspiel verursachten Schäden zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Geändert hat sich das seitdem kaum.

Casino Royale: Die JETZT-Glücksspiel-Serie

JETZT hat sich in einer Serie dem Glücksspiel gewidmet. Teil 1 beschäftigt sich mit der Glücksspielindustrie und ihren Strategien. In Teil 2 und Teil 3 fragen wir uns, was die geplante Liberalisierung des Online-Glücksspiels für Konsequenzen haben wird – mit Blick nach Deutschland, das fünf Jahre Vorsprung hat. Teil 4 zu illegalen Karibik-Casinos liest du gerade.

Doch es wird immer mehr über das Vorgehen der Branche bekannt. Das vorliegende Datenleck ist das bisher umfassendste. Unsere Auswertung zeigt: Illegale Onlinecasinos, die von suchtkranken Menschen profitieren, werden mitunter selbst von Österreichern betrieben. Einige Seiten zielen bewusst auf den österreichischen Markt ab – trotz des nach wie vor herrschenden Monopols. Und obwohl der Glücksspielbehörde in Curaçao nationale Verbote durchaus bewusst sind, erteilt sie Lizenzen. Sie fördert das illegale Geschäft. Es profitieren nicht nur die Betreiber, Hintermänner und der Karibikstaat, es profitieren Spielehersteller und die vielen Berater der Branche.

Der Zwischenruf des Finanzministers

Der Malteser Mario Galea, der 2024 im Hilton über Curaçao-Glücksspiellizenzen sprach, antwortet noch am selben Tag auf unser E-Mail. Sein Random Consulting“ sei nach wie vor für die karibische Behörde tätig. Wie viele Mitarbeitende er hat, verrät er nicht, das „multidisziplinäre Team“ beschränke sich jedoch aufs Fact-Finding. Die endgültige Entscheidung über eine Lizenzvergabe liegt ausschließlich bei der Glücksspielbehörde von Curacao“, schreibt Galea. Er sieht sich als reiner Dienstleister. Dass er als Berater illegales Glücksspiel begünstige, weist er zurück.

Zuletzt scheint er sich mit Offiziellen überworfen zu haben. Der Finanzminister von Curaçao beschuldigte ihn in einem Facebook-Post im Sommer, rund vier Millionen Euro jährlich für seine Dienstleistungen verrechnet zu haben – Galea betritt die Vorwürfe, vielmehr seien es in den vergangenen Jahren insgesamt 3,4 Millionen gewesen. Das Karibikland würden mit dem neuen Lizenzsystem aber mindestens 29 Millionen jährlich verdienen, rechnete Galea vor. Der Finanzminister ruderte später laut Medienberichten zurück.

Was auch immer die wahren Zahlen sind: Es ist nur ein kleiner Betrag der Summe, die Internetcasinobetreiber in Österreich und anderswo abcashen, mit einer Lizenz von Curaçao. Ihre Geheimnisse waren auf der kleinen Insel mit der Einwohnerzahl von Salzburg gut aufgehoben. Zumindest bisher.