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11. September 2026

Ist Friedrich Merz noch zu retten, Herr Jessen?


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Philipp Jessen hat ein Buch über die Macht von Social Media in politischen Kampagen geschrieben. „Shitfluencer“ heißt es. Der deutsche Kommunikationsexperte ist davon überzeugt, dass die Werkzeuge im Netz entscheidend sind für den Erfolg der harten Rechten in ganz Europa. Kann die politische Mitte noch zurückschlagen?

Aus dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz wird wohl kein Social-Media-Star mehr. Wer aber heute die neuen Medien nicht beherrscht, kann Wahlen kaum noch gewinnen. (Foto: IMAGO / Hanno Bode)

Ich weiß nicht, wie alt du bist. Aber vielleicht erinnerst du dich noch an StudiVZ. Das war 2005 so eine Art Paläo-Facebook aus Deutschland, mit dem sich Studierende miteinander vernetzen konnten. Der besondere Gag daran war für mich folgender: Ich konnte herausfinden über welche meiner Kontakte ich mit spannenden Leuten im ganzen deutschen Sprachraum gewissermaßen vernetzt war – auch wenn ich noch nie im Leben mit ihnen zu tun gehabt hatte.

Und natürlich zeigten sich damals alle von ihrer besten Seite, weil man ja gewissermaßen in der Auslage stand. Die Welt wirkte auf einmal viel überschaubarer. Und freundlicher. Das war das frühe Versprechen der sozialen Medien: Wir verbinden Menschen. Wir machen die Welt zu einem besseren Ort

Zwei Jahrzehnte später ist aus diesem schönen Traum ein Albtraum geworden. Die sozialen Medien haben die alten Diskursräume der Gesellschaft übernommen und ziemlich vergiftet. Sie sind zum wahrscheinlich wichtigsten Werkzeug erfolgreicher politischer Kampagnen geworden. Und das ist ein Teil der Erklärung für den rasanten Aufstieg rechtsextremer Bewegungen auf der ganzen Welt: Sie beherrschen die Spielregeln um Welten besser als die Kräfte der demokratischen Mitte.

„Demokratievernichtungsmaschinen“ nennt der deutsche Autor und Kommunikationsexperte Philipp Jessen die sozialen Medien in seinem neuen Buch „Shitfluencer“. Er belässt es aber nicht dabei, diese Entwicklungen zu beklagen. Jessen fordert die Parteien der demokratischen Mitte auf, endlich zurückzuschlagen. Es im Netz besser zu machen als AfD und FPÖ. Knackiger zu werden. Und das, davon ist er überzeugt, ließe sich bewerkstelligen, ohne die eigene Grundsätze über Bord zu werfen. Jessen ist einer der Gründer der Agentur Storymachine, die ihre Klienten nicht öffentlich nennt, aber offenbar die Social-Media-Kommunikation einer ganzen Reihe von deutschen Politikern und CEOs betreut.

Vielleicht, meint Jessen, sei die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt – bei der die AfD die Absolute nur knapp verfehlte – jener Warnschuss gewesen, den die Demokratinnen und Demokraten gebraucht haben. Ich habe mich mit ihm über die Rolle von Social Media in der Politik unterhalten. Und darüber, ob der deutsche Kanzler Friedrich Merz noch zu retten sei.

Der deutsche Kommunikationsexperte und Autor Philipp Jessen glaubt: Die Social-Media-Posts der Rechten seien inhaltlich lausig, aber handwerklich brillant. Die der politischen Mitte hingegen handwerklich so lausig, dass kaum wer die Inhalte wahrnehme. (Foto: Anne Hufnagl)

Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Interview

  • Social Media gewinnt Wahlen. Der überwältigende Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt wäre ohne deren starke Performance in den sozialen Medien kaum denkbat gewesen. Keine andere Partei hat diese Plattformen so perfekt genutzt, um Nähe zu den Menschen zu erzeugen und diese mit ins Boot zu holen.

  • Moderate als „Shitfluencer“. Egal, was man von den Social-Media-Inhalten von AfD, FPÖ und anderen Rechtsaußenparteien halten mag. Handwerklich seien diese brillant produziert. Dem gegenüber hätten die Kräfte der Mitte noch nicht begriffen, wie die Plattformen wirklich funktionieren.

  • Den Wandel verschlafen Die etablierten Parteien haben den Wandel in der politischen Kommunikation schlicht verschlafen. Bis jetzt setzen sie stark auf klassische Formen der Präsenz in Zeitungen oder dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Nun abet steigt der Druck, nachzuziehen.

  • Nur Senden, kein Empfangen: Die politische Mitte nutzt Social Media weiterhin in erster Linie, um mit Hochglanzvideos die eigene Botschaft zu verbreiten. Sie hat es bisher verabsäumt, diese Plattformen im Netz als Ort der Interaktion, des Zuhörens und zur Dokumentation der eigenen Haltug zu begreifen.

  • Friedrich Merz ist kaum zu retten: Der konservative deutsche Bundeskanzler ist laut Jessen ein besonders negatives Beispiel für tollpatschige Performance im Netz. Es sei schwer vorstellbar, dass er jetzt noch die Kurve kratzt.


Wie siehst du das? Müssen Politikerinnen und Politiker heute in erster Linie im Netz performen? Oder sind am Ende doch die Inhalte entscheidend?

Einen schönen Nachmittag wünscht dir

Wolfgang Rössler

B-Seite-Team