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Weißt du noch, was du am 27. September 2019 gemacht hast? Vielleicht nicht, aber für viele – vor allem junge Menschen – wird dieses Datum in Erinnerung bleiben. Es ist der Tag des weltweit größten Klimastreiks. In Österreich zählen die Veranstaltenden 150.000 Menschen auf der Straße – auf der ganzen Welt demonstrieren circa sechs Millionen. Die Stimmung in der Klimabewegung ist hoffnungsvoll, ja geradezu euphorisch. Denn über ein Jahr sind die Proteste größer und größer geworden. Das Klima ist plötzlich das Thema schlechthin und alle reden darüber – natürlich auch kontrovers. Die damals 16-jährige Greta Thunberg konfrontierte am UN-Klimagipfel die versammelte Weltpolitik mit den Worten „How dare you?”, also „Wie könnt ihr es wagen?”. Nur wenige Tage darauf verkündet Fridays For Future Österreich am 27. September 2019: „Heute wurde Geschichte geschrieben!”
Und damit sollten sie recht behalten. Aber vielleicht nicht so, wie sie es gehofft hatten.

Denn dieser 27. September wird auch als der Tag eingehen, an dem Fridays For Future seinen Zenit bis heute erreicht hat – an dem die jungen Menschen das Gefühl hatten: Wir sind nicht zu stoppen. Doch schon bald darauf dominieren andere Themen die Nachrichten: die Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg, die Inflation und der Nahost-Konflikt sind nur einige davon.
Die Klimakrise bleibt, aber die mediale Aufmerksamkeit wandert weiter, und so flaut auch der Hype um die Klimabewegung ab. Ich habe mich deswegen – sechs Jahre nach dem größten Klimastreik – gefragt, was aus denen geworden ist, die damals dabei waren. Die jungen, hoffnungsvollen Menschen, die so zuversichtlich waren, dass eine Epoche des radikalen Klimaschutzes bevorsteht. Was macht es mit einer Generation, wenn sie in kürzester Zeit von „Wir sind nicht aufzuhalten“ zu „Wir werden kaum noch gehört“ wechselt? Haben sie resigniert, was machen sie heute, und wie steht es generell um die öko-emanzipatorischen Bewegungen?
Es soll in diesem Artikel nicht darum gehen, welche Klimabewegungen gut oder schlecht sind, welche Strategien effektiv waren und welche nicht, oder ob Aktivismus generell das beste Mittel ist, um uns vor den Gefahren des Klimawandels zu schützen. Mir geht es um die Menschen, die Teil dieser Massenbewegung waren, die zwischendurch unaufhaltsam wirkte. Wie ein Soziologe möchte ich darauf schauen, was mit einer Generation junger Menschen passiert, wenn sie eine Achterbahnfahrt der Selbstwirksamkeitserfahrung macht. Erst auf dem Weg zu rigoroser Veränderung und echter Einflussnahme, hin zur relativen Bedeutungslosigkeit und schwindender öffentlicher Wahrnehmung.
Wie alles begann
Einer, der von Beginn an bei Fridays For Future Österreich dabei war, ist Philipp Wilfinger. Er ist eines von drei Gründungsmitgliedern der Bewegung. Bei unserem Gespräch in Graz wird schnell klar – Philipp ist ein Medienprofi. Wenn er spricht, dann sitzt jeder Satz und das umfangreiche Wissen zum Klimawandel sowieso. Aktuell denkt er sogar darüber nach, ein Buch über seine Erlebnisse zu schreiben. Seine aktivistische Karriere beginnt eigentlich schon mit 8 Jahren – damals sollte ein Wald in seiner Nachbarschaft für ein neues Bauprojekt gerodet werden. Philipp und seine Freunde sind empört:
„In diesem Wald haben wir als Kinder gespielt. Da hab ich schon sehr früh eine Unterschriftenliste mit meinen Freunden auf den Weg gebracht und dem BM überreicht und ihm ausgerichtet, dass dieser Wald nicht gerodet werden sollte.”
Diese Liste geht mit 200 Unterschriften an den Bürgermeister, der zwar viel verspricht, aber wenig hält. Im ersten Moment frustriert das Philipp, langfristig bestärkt ihn die Erfahrung aber, sich weiter für Themen einzusetzen.
„Ich hatte schon immer ein starkes Empfinden für Ungerechtigkeit und eine Klarheit, dass man was dagegen tun kann, dass man seine Stimme erheben kann.”
Aber besonders in seinem Studium der Umweltsystemwissenschaften mit Fachschwerpunkt Betriebswirtschaftslehre beginnt der Drang danach, etwas zu verändern: „Ich wurde da eigentlich radikalisiert durch die Wissenschaft.”
Die Umweltsystemwissenschaften beschäftigen sich damit, welche Auswirkungen der Mensch auf die Umwelt hat und welche Systematiken dahinterstecken. Philipp rütteln die Fakten zur Klimakrise und das damit verbundene menschliche Leid auf. In dieser Zeit ist er hauptsächlich frustriert, teilweise wütend und fragt sich, wie er etwas verändern kann.
Anfang 2018 dann ein erster Versuch: Philipp gründet einen Studierendenverein in Graz, in dem über Klimathemen debattiert wird. Ende 2018 reist er dann als Jugenddelegierter für Österreich zur Klimakonferenz in Polen. Dort ist auch Greta Thunberg, die damals bereits drei Monate jeden Freitag nicht zur Schule geht, um vor dem schwedischen Parlament zu demonstrieren. Sie hält mehrere packende Reden, demonstriert auch auf der Konferenz und inspiriert Philipp damit so sehr, dass der voller Tatendrang wieder zurück nach Österreich kommt und gemeinsam mit anderen jungen Menschen Fridays For Future auch in Österreich gründen will.

Eine Woche nach der Konferenz werden Social-Media-Kanäle erstellt und am 21. Dezember findet dann die erste Demonstration statt: „Einem Eventmanager würde es die Haare aufstellen, bei dem, was wir gemacht haben.” Denn die Demo soll drei Tage vor Weihnachten stattfinden, mit nur einer Woche Zeit, um dafür zu mobilisieren. Außerdem ist sie für ganze sechs Stunden angemeldet. Trotz der überlangen Dauer an diesem kalten Tag ist die Stimmung gut:
„Wir waren alle total begeistert – es war eine irrsinnige Aufbruchsstimmung und obwohl wir nur so wenig Zeit hatten zu mobilisieren, waren wir sicher 50 Personen.”

Und diese Stimmung wird sich weitertragen, denn die Bewegung wächst. Zunächst gleichmäßig – jedes Mal kommen ein paar Dutzend Menschen mehr.
Bis zum 15. März 2019. Da findet der erste globale Klimastreik statt. Eine große österreichische Tageszeitung titelt an diesem Tag: „Darf Ihr Kind heute Klima streiken?”. Das mobilisiert:
„Plötzlich haben 30.000 Menschen den Heldenplatz gefüllt. Junge Menschen, die zum ersten Mal auf die Straße gegangen sind und ihre Stimme erhoben haben – das war ein irrsinnig erhebendes und krasses Gefühl für uns.”

In ganz Österreich entstehen Ortsgruppen – die Fridays finden sogar Gehör in der Politik: Im Dialog mit den Parteien wird der Klimanotstand im Parlament ausgerufen. Der Großteil des Textes ist verfasst von den Aktivistinnen und Aktivisten. Unglaublich stark und auf Augenhöhe mit der Politik hätten sie sich damals gefühlt, erzählt mir Philipp:
„Wir waren tief davon überzeugt, dass wir an was Großem dran sind und wirklich was verändern. Die Prognose damals war: We are unstoppable. Unsere Presseaussendungen waren oft am nächsten Tag in den Zeitungen zu lesen. Wir hatten den Eindruck – wir gestalten gerade Politik.”
Doch dann kommt das Jahr 2020. Im März gibt es den ersten Lockdown und die Klimabewegung steht vor einem Problem: Ihre Protestmittel sind Massendemonstrationen, die im Lockdown unmöglich sind. Und obwohl neue Demonstrationsformen gefunden werden und die Stimmung 2021 noch recht optimistisch ist, schwindet die öffentliche Wahrnehmung und der Zulauf sowie die Anzahl der Demonstrierenden. In einem Online-Video-Chat, in dem sich die Klimabewegung international berät, sagt Greta folgenden Satz:
„Wir müssen uns damit auseinandersetzen, dass Klimaschutz jetzt nicht mehr das wichtigste Thema ist."
Ein Satz, der Philipp sehr bewegt und den er erst gar nicht glauben kann. Im September 2021 entsteht in der österreichischen Klimabewegung dann eine neue Form des Protests, indem die Lobau besetzt wird. Das Camp besteht über ein Jahr und mehrere Baustellen werden besetzt – teilweise über Monate. Der geplante Bau des Lobau-Tunnels wird daraufhin von der damaligen Klimaschutzministerin abgesagt.
Die Lobau-Bleibt-Bewegung.Der Bau des Lobautunnels konnte vorerst abgewendet werden. (Foto: Fridays For Future)
Die Lobau-Bleibt-Bewegung.Der Bau des Lobautunnels konnte vorerst abgewendet werden. (Foto: Fridays For Future)
Die Lobau-Bleibt-Bewegung.Der Bau des Lobautunnels konnte vorerst abgewendet werden. (Foto: Fridays For Future)
Aber als neue Krisenherde wie der Krieg in der Ukraine, die Inflation oder der Nahost-Konflikt aufkommen, rücken das Klimathema und auch Fridays For Future in den Hintergrund. Und auch Philipp zieht sich allmählich zurück.
Generation Z (-uversicht)
Ob und wie sich junge Menschen engagieren, hängt auch davon ab, in welcher Epoche und unter welchen Umständen sie groß werden. Zur Generation Y gehören zum Beispiel alle, die zwischen 1985 und 2000 geboren wurden. Dieser Generation wird nachgesagt, sich eher auf sich selbst zu konzentrieren und eher unpolitisch zu sein. Die zwei Sozial- und Bildungswissenschafterinnen Nina Kolleck und Klaus Hurrelmann begründen das auch damit, dass die Jugend der Generation Y von Unsicherheiten geprägt war, wie dem 11. September oder der Weltwirtschaftskrise 2008. Dementsprechend sei ihr politisches Interesse und Engagement eher schwach.
Andere Bedingungen findet die Generation Z vor – also alle, die nach der Jahrtausendwende geboren wurden. Ihre wirtschaftliche und berufliche Situation sei besser, auch wenn die ökologische und politische Lage weiter schwierig ist. Kolleck und Hurrelmann argumentieren, dass Bewegungen wie Fridays For Future erst durch das gestiegene Selbstbewusstsein so populär werden konnten.
Generell ist es aber natürlich immer heikel, über ganze Generationen zu sprechen, weil sie nie homogen sind. Genauso wie 1968 nicht alle auf der Straße waren, bestand Fridays For Future nie aus der gesamten Jugend.
Wenn sich das Engagement in den Lebenslauf schreibt
Zurück zu Philipp: Er bleibt der Bewegung positiv verbunden, aber tritt seltener auf. Also Schluss mit Klima? Nein, keineswegs. Philipp kehrt wieder an die Uni zurück, wo er sich einst „radikalisierte”. Er will weiter am Thema dranbleiben, aber gleichzeitig in der Berufswelt Fuß fassen. Aktuell macht er sein Doktorat zum Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung an der Uni Graz.
„Die Dinge, an denen ich hier gerade arbeite, stehen für mich ganz klar im Zeichen von – You are never too small to make a difference – was ein Zitat von Greta Thunberg ist.”
Und Philipp wirkt mit dieser Entscheidung nicht unglücklich, blickt weder mit Reue zurück noch mit Skepsis nach vorne: „Die Uni ist nicht die Straße, das ist klar. Aber Wissenschaft hat mich schon immer begeistert. Das war der Antrieb für mich, aktivistisch tätig zu sein. Heute fühle ich mich sehr wohl damit, Wissenschafter und Scientist for Future zu sein.”
Geteilte Ziele – getrennte Wege
Einer, der in seinem Protest noch deutlich radikaler war, ist Leo. Er lebt in Innsbruck und war lange Teil der Letzten Generation. Er läuft immer wieder auf Demonstrationen von Fridays For Future mit, engagiert sich in einer aktivistischen Straßenband und analysiert die Lage nach Corona ähnlich wie Philipp: „Es hat ein großes Moment gegeben und das ist jetzt weg.” Für Leo ist deshalb klar, dass es andere Mittel braucht, um wirklich etwas zu ändern:
„Wir brauchen radikale Veränderung, die Zeit läuft uns davon und die klassischen Straßendemos gibt es seit über 50 Jahren, deswegen sind radikale Maßnahmen notwendig.”
So entschied er sich für die Letzte Generation, die vor allem für ihre Straßenblockaden bekannt wurde. Leo, der randalierende Krawallkumpel? Nein – das passt so gar nicht zum sanften und empathischen Wesen des Tirolers, der zugibt, dass er bei den ersten Aktionen extrem nervös war und Angst hatte. Einerseits wirkt er sehr bedacht, ja fast vorsichtig. Aber wer mit Leo spricht, kann auch eine tiefdringende Überzeugung spüren. Diese Willensstärke setzt Leo dann auch in seinem Aktivismus um und lebt ihn in aller Konsequenz aus.
„Wir haben versucht, Schritt für Schritt ein bisschen radikaler zu werden, um die Aufmerksamkeit der Medien aufrechtzuerhalten. Neben Straßen in der Stadt auch auf die Autobahn zu gehen oder den Flughafen zu besetzen und immer größer zu werden.”
Leo bei einer Aktion der Letzten Generation in Innsbruck.(Fotos: Privat)
Leo bei einer Aktion der Letzten Generation in Innsbruck.(Fotos: Privat)
Leo bei einer Aktion der Letzten Generation in Innsbruck.(Fotos: Privat)
Aber die Letzte Generation polarisiert: Viele finden zwar die (Klima-)Ziele richtig, aber die Protestmittel zu extrem. Eine Untersuchung von 2023 der Marktforschungsinstitute Spectra und Integral zeigt, dass mehr als 60 Prozent der Befragten den Protesten negativ gegenüberstehen. Leo gibt zu, dass in der Bewegung unterschätzt wurde, wie negativ auf den zivilen Ungehorsam reagiert wird. Denn das ist das Konzept der Gruppe – bewusst Gesetze überschreiten, um auf öffentliche Missstände aufmerksam zu machen. Durch das absichtliche Brechen von Regeln und Gesetzen soll verdeutlicht werden, wie dringend ihr Anliegen ist. Wenn dich die philosophischen Hintergründe zum Konzept des zivilen Ungehorsams interessieren, dann kannst du bei den Philosophen John Rawls und Jürgen Habermas nachlesen. Zurück zu Leo und der Letzten Generation. Obwohl er in seiner aktiven Zeit oft frustriert war, weil die Forderungen nicht erfüllt wurden, blickt er auch positiv zurück, sieht es zum Beispiel als Erfolg, dass sie den Fokus der Medien wieder auf das Klimathema lenken konnten. Die Protestmittel sieht Leo als legitim angesichts der Klimasituation und hat auch einen historischen Vergleich parat:
„Der große Vergleich für mich ist immer das Frauenwahlrecht, das ist auch nicht in einem Sommer erkämpft worden, sondern über Jahrzehnte. Mit den gleichen Methoden: Straßenblockaden, Hunger, Streiks.”
Als aber mit der Zeit auch die Straßenblockaden nicht mehr so intensiv berichtet werden, gibt es Strömungen in der Gruppe, die sich weiter radikalisieren wollen. Auch Leo denkt darüber nach:
„Ich hab darüber nachgedacht, kann ich es mir leisten, über das Verwaltung hinauszugehen. Ist es es mir wert, verschuldet zu sein oder ein paar Jahre im Gefängnis zu verbringen? Ich hab mich schlussendlich nicht für solche Sachen entschieden, aber das ist auf jeden Fall im Raum gestanden.”
Diese Fragen stehen im Frühjahr 2024 für viele in der Letzten Generation im Raum. Aber nachdem sich die verschiedenen Strömungen in der Bewegung nicht einig werden, wird die Letzte Generation im August 2024 aufgelöst. Leo hat zu diesem Zeitpunkt mit verschiedenen Erkrankungen zu kämpfen und beendet mit diesem Moment seinen Aktivismus:
„Ich bin all-in gegangen. Ich hab schon gewusst, dass mich das kaputt machen wird, hab gedacht, dass es jetzt Menschen braucht, die voll reinhauen und alles geben. Langfristig gesehen muss man das besser machen, als ich das gemacht habe und viele andere in unserer Bewegung auch.”
Leo lässt also den Aktivismus vorerst und konzentriert sich auf seine Gesundheit. Wenn er sich aktuelle gesellschaftliche Trends anschaut und auf den Umgang mit der Letzten Generation blickt, dann sieht er auch eine Entzauberung der Gesellschaft, weil er sieht, dass wir bei Weitem nicht so aufgeklärt sind, wie wir es denken. Er bezieht sich auf Kant, der die Mündigkeit als Fähigkeit sieht, nach der eigenen Vernunft zu handeln. In diesem Bezug analysiert Leo: „Die Informationen und Fakten liegen auf dem Tisch. Das Wissen ist mittlerweile auch an jeden Küchentisch durchgedrungen und trotzdem handeln wir komplett dagegen – wir sind nach dieser Aussage einfach nicht mündig als Gesellschaft.”
Was kann man von der Unhaltbarkeit halten?
Einer, der in eine ähnliche Richtung argumentiert, ist Ingolfur Blühdorn. Er ist Politikwissenschafter an der Uni Wien und leitet dort das Institut für Gesellschaftswandel und Nachhaltigkeit und wird in der Soziologie und Politikwissenschaft kontrovers diskutiert. Denn in seinem Konzept der Unhaltbarkeit kommt Blühdorn zu dem Schluss, dass die Realisierbarkeit der Grundideen der öko-emanzipatorischen Politik und Bewegungen, wie sie seit den 70er-Jahren vertreten wird, gescheitert ist. Die Vorstellung aus der Zeit nach 1968, dass sich Gesellschaften tiefgreifend sozial und ökologisch verändern und verbessern sollen, sieht er als zunehmend nicht mehr tragfähig. Das vor allem, weil wir uns in der Spätmoderne auf dem Weg in eine neue, andere Moderne befinden. Diese Spätmoderne ist für Blühdorn geprägt von mehreren Krisen, wie der Krise des Kapitalismus, der Ökologie, der Demokratie sowie geopolitischer Spannungen. Aus dieser neuen Moderne und diesem Zustand sei es nicht möglich, das Ziel von öko-emanzipatorischen Bewegungen umzusetzen: also einen demokratisch-emanzipatorischen Umbau, der ein selbstbestimmtes und gutes Leben für alle in einer intakten natürlichen Umwelt ermöglichen soll.

Das klingt hart und dystopisch – Blühdorn selbst wünscht es sich persönlich anders, aber argumentiert: Handlungsfähig bleiben könne man nur mit einer realistischen Analyse – und die sei, dass die Hoffnung auf die baldige Umsetzung des öko-emanzipatorischen Projekts nicht realistisch ist.
Blühdorn zeigt anhand von Slogans, die seit den 70er-Jahren die Bewegung prägen, warum sie die Situation der neuen anderen Moderne verfehlen: „Ende oder Wende”, „Weiter so ist keine Option”, „Fünf vor zwölf” oder „Wir stehen am Abgrund” sind Slogans, die einen Dualismus darstellen, der die aktuelle Lage verfehlt. Würde man dem Gegensatz von Wende oder Ende folgen und anerkennen, dass die erhoffte Wende nicht eingetreten ist, dann müssten wir zwangsläufig am Ende sein und somit direkt in einem Untergang der Menschheit. Die ökologische Bedrohung ist heute so groß wie nie, aber die Rhetorik ist nach Blühdorn alt und stumpf geworden und verfehlt die Realität der spätmodernen Gesellschaft. Die Gefahr eines Endes und Untergangs sieht Blühdorn natürlich – aber nicht akut in diesem Moment, wie es die dualistische Logik vermittelt. Gerade damit kein Stillstand entsteht, fordert Blühdorn, zu akzeptieren, dass eine andere Moderne anbricht, die andere Voraussetzungen hat.
Zum Beispiel, dass sich unsere Gesellschaft immer stärker von genau den Idealen entfernt, die die öko-emanzipatorischen Bewegungen verkörpern: Freiheit, Demokratie, Nachhaltigkeit. Er warnt davor, dass unsere Gesellschaft sich immer stärker von genau diesen Idealen entfernt – oder sie völlig neu deutet. An ihre Stelle treten das immer offenere Bekenntnis von Ungleichheit, Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen und das Vertrauen auf das Recht des Stärkeren.
In diesem Sinne geht es Blühdorn auch darum, dass Widersprüche innerhalb öko-emanzipatorischer Bewegungen oder grüner Parteien dargelegt werden. Echte ökologische Nachhaltigkeit, soziale Emanzipation und individuelle Freiheit würden sich mit unserer Lebensweise und unserem Wohlstandsanspruch nicht ausgehen, weil sie nicht mit Grundlogiken von Wachstum, Konsum und Mobilität brechen. Man könnte seine These auch so formulieren: Öko-Orientierung erfordert Begrenzung, während gesellschaftliche und persönliche Emanzipation Entgrenzung erfordern. Besonders der privilegierte Teil von Gesellschaften habe Lebensformen und Verständnisse von Freiheit und einem erfüllten Leben entwickelt, die ökologische Systeme systematisch überfordern.
Und auch wenn Blühdorns Analyse dystopisch wirken kann: Er persönlich hofft darauf, dass sich die liberale Demokratie gegen rechtspopulistische Alternativen durchsetzt und echte Nachhaltigkeit eintritt.
Auch die Soziologin Antje Daniel von der Universität Wien beschäftigt sich mit Klimabewegungen, vor allem mit Fridays For Future. Sie teilt Blühdorns Analyse in manchen Aspekten, hat aber einen positiveren Blick – zum Beispiel in Bezug auf die Erfolge von Fridays For Future:
„Sie haben es geschafft, mit den Weltklimaprotesten ein Netzwerk und eine Art öffentlichen Raum zu etablieren – einen Raum der Straße, wo Protest ausgedrückt wird in einer Zivilgesellschaft und das in einer politischen Kultur in Österreich, die oft als protestmüde beschrieben wird.”
Keine Option, nur zuzuschauen
Vielleicht hast du schon länger nichts mehr von ihnen gehört – aber Fridays For Future Österreich gibt es natürlich immer noch. Ich habe die Aktivistin Sofia Scherer im Innsbrucker Hofgarten getroffen und sie gefragt, was sich bei den Fridays in den letzten Jahren am stärksten geändert hat: „Wir haben schon auch unsere Strategie geändert – die Hoffnung auf eine heile Welt ist aktuell ein Wunschgedanke.” Sofia wächst auf einem Bauernhof auf 1000 Höhenmetern in der Nähe von Innsbruck auf. Dort erlebt sie den Klimawandel von klein auf hautnah. Das Gras wird oft früher gemäht als in den Vorjahren, durch Trockenheit mussten die Nachbarn bereits Heu aus dem Ausland zukaufen und überlegen, ob sie Tiere notschlachten. Daheim wird aber nicht sehr viel über Politik geredet, und so kommt ihr Aha-Erlebnis erst ein paar Jahre später, als sie in der Zeitung liest, dass Bergführer keine Touren mehr auf das Zuckerhütl – einen der höchsten Berge Tirols – anbieten. Durch die Gletscherschmelze und die Steinschlaggefahr ist das zu gefährlich:
„Das hat mich so entgeistert, weil ich immer mal dort hinauf wollte. Und das geht nicht mehr, weil dieser blöde Klimawandel die Gefahr erhöht.”
Sofia ist weiter aktiv und engagiert bei Fridays For Future dabei. (Foto: Andreas Zoller)
Sofia ist weiter aktiv und engagiert bei Fridays For Future dabei. (Foto: Andreas Zoller)
Sofia ist weiter aktiv und engagiert bei Fridays For Future dabei. (Foto: Andreas Zoller)
Über eine Freundin erfährt sie von Greta Thunberg und Fridays For Future und ist bei einer der ersten Demonstrationen in Innsbruck dabei.
„Für mich war das ganz neu, dass junge Leute ihre Stimme erheben und ein Statement setzen. Ein unglaubliches Gefühl der Selbstwirksamkeit und auch ein Gefühl von: Ich bin nicht allein – nicht allein mit meinen Sorgen.”
Von da an besucht sie regelmäßig Demonstrationen und wird ab 2020 Teil des Organisationsteams. Auch in Innsbruck nimmt die Zahl der Protestierenden nach Corona ab: „Dann waren halt nur mehr 2000 oder 500 da und das war schon frustrierend für meine Kolleginnen, aber gleichzeitig war allen bewusst – wir können nicht locker lassen – das Thema ist viel zu wichtig.” Mittlerweile hat sich die Strategie der Fridays geändert: „Wir streiken nicht mehr einfach, um zu streiken, sondern gezielter, für Anliegen, die tagesaktuell passieren.” Bevor ich mich mit Sofia getroffen habe, ist mir eine Frage besonders oft durch den Kopf gegangen: Ist das nicht extrem frustrierend, seine Zeit und Energie in eine Bewegung zu stecken, die von vielen als totgesagt gilt oder belächelt wird? Aber als ich dann mit Sofia spreche, strahlt sie in keiner Sekunde Lethargie, Hoffnungslosigkeit oder Negativität aus. Ja, es sind schwierige Zeiten, das gibt sie zu. Aber Aufgeben ist für sie keine Option:
„Keine Ahnung, ob Fridays For Future die Veränderung sein wird, die es braucht. Aber aktuell ist es für mich keine Option, zuzuschauen und nichts zu tun. In irgendeiner Art und Weise ist Aktivismus vielleicht auch Therapie für mich. Es ist eine Möglichkeit für mich, mich wirksam zu fühlen und zumindest kleine Dinge zu bewegen. Auch wenn es nicht die Veränderung ist, die es braucht.”
Fragt man die Soziologin Antje Daniel, warum Fridays For Future heute nach wie vor wichtig ist, dann hat sie eine klare Position: „Fridays For Future und die Klimagerechtigkeitsbewegungen bieten nach wie vor einen öffentlichen und politischen Raum – auch für andere Akteure. Sie sind wie ein Sammelbecken. Und man darf auch nicht vergessen, dass sie einen demokratischen Grundpfeiler der Gesellschaft bilden. Das ist eine Jugendgruppe, die sich jetzt etabliert hat.”
Was zeigen also diese drei Geschichten von Sofia, Philipp und Leo?
Sie alle waren Teil einer Massenbewegung, die nach einem riesigen Aufschwung wieder verblasst ist, auch wenn einzelne Bewegungen weiter aktiv sind. Alle drei waren von den Erfahrungen des Auf und Ab frustriert. Aber alle drei haben ihren eigenen Weg eingeschlagen, um etwas zum Thema beizutragen: Leo, der seinen Protest radikalisiert hat und sich nach langer Pause wieder nach neuen Formen des Engagements umsieht; Sofia, die weiterhin für Fridays For Future kämpft, und Philipp, der in die Wissenschaft gegangen ist und sich in letzter Zeit auch immer wieder bei Demonstrationen zeigt. Für ihn ist die Gleichzeitigkeit von Uni und Engagement kein Widerspruch.

Dass die Klimabewegung einen starken Einfluss auf den Klimadiskurs und die Klimapolitik hatte, ist nicht zu leugnen. Sie haben das Thema in kürzester Zeit auf die Agenda nach oben gebracht – zumindest eine Zeit lang. Wie es mit der Klimabewegung weitergeht und welche neuen politischen Bewegungen aufkommen werden und vielleicht die nächste große Massenbewegung auslösen – das ist noch offen. Genug Krisen gäbe es allemal.
Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas
