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Das ist der fünfte und letzte Teil von „Nach dem Absturz“: Eine investigative Audio-Serie in fünf Teilen über die Folgen eines großen Unglücks - und darüber, wie man ein tiefes Trauma bewältigen und wieder zurück ins Leben finden kann.
Traiskirchen bei Wien. Draußen bläst der Wind, drinnen, in der alten Kapelle, herrscht aufgeregtes Treiben. Menschen fallen sich in die Arme - manche haben sich seit sechs Jahren nicht gesehen. Einige haben extra ihren Urlaub umgebucht oder sind von anderen Kontinenten angereist. Und dann wird es still, weil ein Mann die Bühne betritt, auf den sie alle gewartet haben. Er wird an diesem Abend ein neues Kapitel in seinem Leben einläuten.
Schon wenige Monate nach dem Flugzeugabsturz fasst Martin einen Beschluss. Irgendwann möchte er zurück nach Addenbroke Island, auf die Insel, wo ihm sein bester Freund Harald genommen wurde. „Das ist für mich ein innerer Drang”, sagt Martin. „Ich muss das einfach noch mal sehen, diesen Ort, weil ich das Gefühl habe, dass ich Harald, irgendwie seiner Seele, ganz nah sein kann.”
Die Pandemie durchkreuzt Martins Pläne vorerst. Dafür hat er jetzt genug Zeit, um die Reise gut vorzubereiten. Und: Er möchte nicht mit leeren Händen nach Kanada reisen. „Für mich ist irgendwie ganz wichtig, dass es irgendwas gibt auf dieser Insel, das zeigt, was passiert ist”, sagt Martin und erklärt seinen Plan:
„Und so entsteht irgendwie die Idee, dass ich eine Gedenktafel mache. Das hat für mich auch eine Art heilenden Effekt. Denn jedes Mal, wenn ich an der Tafel arbeite, denke ich an die Menschen, die dabei gestorben sind, und denke auch an Harald.”
Die Tafel ist rechteckig und eine Mischung aus Holz und Glas. Martin hat einen bunten Schwertwal darauf gemalt. Den gleichen hat er auch auf seinem rechten Oberarm tätowiert. Der Wal soll ihn an Harald erinnern, denn dort in der wilden Natur von British Columbia, wo sie verunglückt sind, kann man auch viele Orcas sehen.

Auf die Gedenktafel schreibt er auch die Namen der drei verstorbenen Passagiere Harald, Erik und Steven, daneben je eine deutsche Flagge und zwei US-Amerikanische - als Symbol für ihre Heimatländer. „Es sind ja vier Leute gestorben, unter anderem auch der Pilot. Und für mich ist irgendwie ganz klar, dass er auch mit auf die Tafel muss. Weil er auch gestorben ist. Er ist ja genauso ein Opfer des Absturzes wie die anderen auch”, erklärt Martin. „Für mich wäre es falsch, wenn er nicht mit draufstehen würde. Die anderen haben, glaube ich, eine große Aggression gegen den Piloten. Was ich durchaus verstehen kann. Greg hat seinen Sohn verloren. Doug seinen Vater. Ich meinen Freund.” Am Ende möchten die anderen Überlebenden Martins Projekt aber nicht sabotieren und lassen ihn auch den Piloten und die kanadische Flagge auf die Tafel geben.
Es ist Sommer 2022. Vor dem Abflug nach Kanada verabschiedet sich Martin von seinen Eltern und seiner Frau Dagmar. „Meine Mama weint beim Abschied. Sie kann nicht verstehen, dass ich da nochmal hin muss”, sagt Martin. Sein Heilungsprozess ist so weit fortgeschritten, dass er diesmal keine Beruhigungsmittel braucht, die Reise über den Atlantik übersteht er gut.
In Vancouver trifft er, wie damals, Rusty. Zwischen den beiden ist mittlerweile eine innige Freundschaft entstanden. Rusty will Martin auf seiner Reise zurück nach Addenbroke Island begleiten.
Ankunft auf der Insel
Sie kommen mit einem kleinen Boot an der Insel an und treffen dort die Leuchtturmwärter von damals. Gemeinsam befestigen sie die Gedenktafel an der Leuchtturmstation, dort, wo Martin nach dem Absturz betreut wurde und auch die österreichische Ärztin Sonja zum ersten Mal gesehen hat.
Und dann stapfen die Männer los, begleitet von einem Schäferhund. Denn Martin will nicht nur zurück auf die Insel, sondern auch zur Absturzstelle.
Die Männer folgen einem steilen Weg, gekennzeichnet mit gelben, verrotteten Bändchen. Die Markierungen stammen noch vom Tag des Absturzes und wurden von den Rettern zur Orientierung angebracht. Martin beschreibt seine Empfindungen bei ihrem Aufstieg: „Je näher wir der Absturzstelle kommen, umso stärker kribbelt es in mir. Und als wir dann letztendlich den Punkt erreichen, ist das ein ganz komisches Gefühl. Man sieht die Einflugschneise, die das Flugzeug genommen hat. Die ganzen abgebrochenen Bäume. Was mich aber am meisten belastet, ist, den Baum zu sehen, an dem wir Harald abgelegt haben.
Sofort schießen mir Tränen in die Augen.”
Die ganze Gruppe ist von dem Moment gerührt. Einer der Leuchtturmwärter nimmt Martin in den Arm und sagt zu ihm: „Was du hier machst, braucht so viel Stärke und Kraft. Und wir sind alle hier, um dich zu unterstützen.“ Dann macht Martin seinen Rucksack auf und holt ein hölzernes Kreuz heraus. Er hat es selbst gemacht. Darauf steht Haralds Name, sein Geburts- und Todesdatum.
„Es ist mir ganz wichtig, dass ich das da oben lassen kann.”
Er platziert das Holzkreuz. „Es ist ein bisschen surreal, denn noch immer sind einzelne Wrackteile vom Flugzeug nach dem Absturz zu sehen. Dann frage ich den Leuchtturmwärter, ob es möglich ist, dass ich mir ein Stückchen vom Flugzeug mitnehmen darf. Das ist in dem Moment ganz, ganz wichtig für mich. Und ich werde nicht vergessen, wie er sagt, keiner hat mehr Anspruch darauf als du.”

Martin nimmt ein Aluminiumstück vom Flugzeug und steckt es in seinen Rucksack. Und dann verlässt die Gruppe den Absturzort und wandert langsam hinunter zum Leuchtturm. „Und dann passiert etwas, was schön ist. Mit jedem Schritt runter, zurück zur Leuchtturmstation, fühlt es sich an, als ob eine gewaltige Last von meinen Schultern um mich befreit.”
Bevor sich Martin von den Leuchtturmwärtern verabschiedet, kommt einer von ihnen plötzlich mit einem großen Packerl. Es schaut aus wie eine zusammengeknüllte, weiße Plastikplane. „Er nimmt mich zur Seite und sagt, dass er beim Präparieren von dem Weg den Leichensack gefunden hat. Und für ihn war das irgendwie so, als wäre er für mich bestimmt gewesen. Aber ich habe ihn zum Glück nicht gebraucht. Ob ich ihn haben wolle. Und im ersten Moment habe ich gedacht, das geht nicht. Aber letztendlich habe ich ihn mitgenommen, weil ich die Geschichte dahinter schon beeindruckend fand.”
Martin reist wieder zurück nach Europa und in den folgenden Wochen beginnt er, seine Erlebnisse aufzuschreiben. Was ihm passiert ist, niederzuschreiben, hilft ihm bei der Verarbeitung.
Enger Kontakt zwischen den Überlebenden
Martin hält weiter Kontakt mit den Überlebenden. Jeden Monat videotelefonieren sie, unterstützen einander bei Kummer und teilen auch die freudigen Neuigkeiten. Eines Tages bekommt Martin ein Video per WhatsApp.
Das Video kommt von der Frau von Doug. Er war damals so schwer verletzt, dass beide Beine amputiert werden sollten. Aber es kam anders. Auf dem Video sieht man Doug im XL-T-Shirt und in schwarzer Trainingshose. Er hat weiße Sneakers an und Schienen an den Beinen. Er humpelt, aber er geht ganz ohne Hilfe durch sein Wohnzimmer.
Martin erzählt die Geschichte der beiden anderen Überlebenden nach dem Absturz: „Nachdem wir den Helikopter verlassen haben und ich Doug und Kevin gesehen habe, die auf den Tragen rausgerollt worden sind, hätte ich nie gedacht, dass einer von den beiden jemals wieder laufen kann. Die Prognosen waren, dass Doug beide Beine abgenommen bekommen sollte. Dann zu sehen, wie Doug in seiner Küche die ersten Schritte macht, das löst etwas aus in einem.“
Auch aus Oklahoma kommen gute Nachrichten. Kevin, der Passagier, der von der österreichischen Augenärztin erstversorgt wurde, meldet sich. Auch seine Beine konnten gerettet werden.
„Beide haben ihre Beine. Beide können mehr oder weniger laufen. Und das ist cool zu sehen.”
Es ist Juli 2025, ziemlich genau sechs Jahre nach dem Absturz. Martin ist nervös. Er wird wieder in ein Flugzeug steigen und über den Atlantik fliegen. Aber diesmal kommen auch die beiden Teenager-Söhne und seine Frau Dagmar mit. Gemeinsam reisen sie nach San Diego in Kalifornien. „Dort treffe ich die anderen Überlebenden. Das erste Mal, seit der Absturz gewesen ist. Alle an einem Fleck und da freue ich mich ungemein drauf.”
Und was glaubt Martin, kommen da für Gefühle hoch? „Ich glaube, es werden eine Menge schöne Gefühle, Tränen und viele Emotionen hochkommen.” Hat er keine Angst, dass das irgendwie retraumatisiert? „Nein, überhaupt nicht. Ich freue mich so, die Menschen zu treffen. Die Menschen, bei denen du verfolgt hast, wie sie sich körperlich zurück ins Leben gekämpft haben. Ich freue mich total drauf.”
In San Diego bitte ich eine freie Journalistin, das Treffen der Überlebenden zu dokumentieren. Sie soll „the fly on the wall” sein, also sich zurückhalten, zuhören und nicht zu sehr bei diesem intimen Moment stören.
Martin ist immer noch ein Flugzeug-Nerd und deswegen organisiert er das Treffen der Überlebenden auf der USS Midway. Es ist ein gigantischer Flugzeugträger aus dem Kalten Krieg, der im Hafen von San Diego liegt. Das Schiff wurde zu einem Museum umgebaut und beinhaltet eine große Sammlung von militärischen Flugzeugen und Hubschraubern.
Jetzt sind endlich alle zum ersten Mal versammelt und die Freude ist groß. „Ich war aufgeregt”, erzählt Doug. „Ich habe mich sehr darauf gefreut. Als ich ihn gestern sah, habe ich ihn nicht nur ein bisschen, sondern richtig fest umarmt.” Doug und Martin fallen sich in die Arme und wollen einander nicht loslassen. „Als ich ihn in dem Rettungshubschrauber sah, waren seine Füße so bedeckt, dass sie aussahen wie Moonboots”, sagt Martin. „Niemand hätte gedacht, dass er jemals wieder auf eigenen Beinen laufen könnte.” Doug war damals über drei Monate im Spital - und Martin kann es kaum glauben, dass Doug wieder mit seinen eigenen Beinen gehen kann.
„Ich wollte eine Weile lang nicht von zu Hause weg.”
Doug erzählt, dass die Armee damals Flugübungen in der Nähe seines Hauses gemacht hat und dass ihn der Fluglärm enorm gestresst hat. Und er schmunzelt: Er sei ein Macho und wollte keine psychologische Hilfe annehmen. Aber dann hat er eine Therapeutin kennengelernt, die auch mit traumatisierten Notfallsanitätern und Veteranen arbeitet. Die Psychotherapie habe ihm dann doch sehr geholfen.

Auch Greg ist da, der seine schwere Lungenverletzung überlebte, und Mike, der damals nur an der Schulter leicht verletzt wurde. Nicole, die Witwe des verstorbenen Erik, ist mit ihrer Familie angereist, genauso wie Rusty. Der Mann, der damals in einem anderen Flugzeug saß und danach zu so einer wichtigen Stütze in Martins Leben wurde.
Und natürlich Kevin.
Du erinnerst dich vielleicht noch an Kevin aus Folge zwei? Er nannte den matschigen Ort neben dem Flugzeugwrack, in dem er lag „Kevins Schlammloch”. Er wurde damals von der österreichischen Augenärztin Sonja betreut. Trotz seiner schweren Beinverletzungen war er damals guter Dinge. Und auch heute ist er gut gelaunt. Er erzählt Martin verschmitzt, was er gerade im Flugzeugmuseum gehört hat.
„Fliegen ist nicht gefährlich, abstürzen hingegen schon!“
Für Kevin war der Heilungsprozess anders als für die meisten anderen Überlebenden, erzählt er. Er habe nicht jeden Tag an den Absturz gedacht, so wie die anderen Überlebenden, sondern habe sich voll auf seine körperliche Regenerierung konzentriert. Fast sechs Jahre habe es gedauert, bis er wieder normal gehen konnte. Aber kommende Woche wird er zum ersten Mal wieder wandern gehen, und das mache ihn unheimlich glücklich. „Wir sind alle gesegnet”, sagt Dough. „Ich bin einfach glücklich, dass ich wieder die Dinge tun kann, die ich früher getan habe.”
Am nächsten Tag gehen die Überlebenden des Absturzes und ihre Familien alle gemeinsam in den Zoo von San Diego, essen und plaudern. Und dann heißt es auch schon wieder Abschied nehmen. Aber vor der Abreise spricht Martin noch eine Einladung an alle aus. Er lädt sie ein zu einer ganz besonderen Veranstaltung im Herbst, in einer kleinen Kapelle in Traiskirchen. Das Treffen mit den anderen Überlebenden hat Martin geholfen, wieder ein Stück weiter abzuschließen. Seine Wunden heilen, seine Narben bleiben, aber auch sie werden kleiner.
Wieder in Möllersdorf angekommen, lädt mich Martin noch einmal zu sich nach Hause ein, diesmal aber nicht in die Gaststube des Restaurants, sondern in sein Wohnzimmer.
An der Wand, rechts neben dem Fernseher, hängt eine selbst gebaute Kunstinstallation, die er mir zeigen möchte.
„Das ist mein Gedenkschrein, der an das, was damals passiert ist, erinnern soll. Drumherum ist eine Notfalltür von einem Airbus. Es gibt in Deutschland eine Firma, die macht aus alten Flugzeugen Möbelstücke.”
Hinter dieser alten Notausgangstür des Airbusses stehen verschiedene Gegenstände: Abzeichen der Rettungskräfte, die sie dem Martin geschenkt haben; eine Angelkappe vom Harald und ein Foto vom Harald mit seinem typischen, großen Lächeln im Gesicht. Und dann ist da ein rostiges Stück Aluminium.
Martin sagt: „Ich nehm mal an, es ist ein Teil von der Tragfläche. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie leicht Flugzeugaluminium ist, und es ist halt ziemlich zerbeult.”
Auf der Notausgangstür klebt ein Sticker von den kanadischen Einsatzkräften: „My ass was saved - mein Arsch wurde gerettet”.

Seine Flugangst hat Martin vollständig überwunden. Seit dem Absturz im Sommer 2019 ist er schon zwanzigmal mit einem Flugzeug geflogen. „So doof das klingen mag, die Wahrscheinlichkeit, mit einem Flugzeug abzustürzen, ist geringer als ein Lottogewinn. Und zweimal hoffe ich, dass es nicht passieren könnte. Wenn ich nach Amerika oder Kanada fliegen möchte, gibt es keine andere Möglichkeit, und so doof sich das anhört, ich fliege gerne.”
Ich spreche nochmals mit Martins Psychotherapeutin Barbara Wilfinger.
„Martin Schotte hat nach der Bearbeitung dieser schlimmsten Symptome einen sehr beachtenswerten Weg genommen, der Verarbeitung.”
Wilfinger erklärt ihre Diagnose: „In dem Fall würde man von posttraumatischem Wachstum sprechen. Das heißt, eine Person entwickelt nach Verarbeitung der traumatischen Erfahrung und der vorherrschenden Symptomatik mal eine Kraft und eine Fähigkeit, aus dieser Erfahrung für sich noch mal was zu lernen, was Neues zu generieren und in dem Fall jetzt bei Martin Schotte noch mal auch seine Erfahrung quasi zu teilen und dass sie von ihm auch lernen.”
Laut der Psychologin schaffen es etwa zwei Drittel der Menschen, ihre traumatischen Erfahrungen selbst zu verarbeiten. „Wir haben ein immanentes System in unserer Psyche, ein Selbstheilungssystem, das versucht, die Erfahrungen, die die Person macht, einfach auch zu bewältigen, das einzuordnen. Und die Personen werden keine Symptome entwickeln und können gut damit weiterleben und haben dann kein Problem.”
Aber etwa ein Drittel der Betroffenen kann das Erlebte nicht selbst verarbeiten. Diese Menschen können dann eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln, die sich in Symptomen wie Alpträumen, Unruhezuständen und Vermeidungstendenzen äußert. Unbehandelt könne das zu Angststörungen oder Depressionen oder auch Suchtverhalten führen. Zum Beispiel zu einer Alkoholsucht führen, weil man die Erfahrung macht, durch ein paar Gläser Wein kurzfristig die Symptome zu lindern.
Die Therapeutin empfiehlt betroffenen Menschen unbedingt, die Traumasymptomatik mit professioneller Hilfe zu bearbeiten, quasi wieder ein sicheres „Hier und Jetzt” zu schaffen. Erst dann kann man sich dem stellen, was traumatisiert hat, so wie es Martin mit der Reise zum Absturzort getan hat.
Ein sicherer Raum
Das soziale Netzwerk, sagt Barbara Wilfinger, ist einer der wichtigsten Faktoren, um eine traumatische Erfahrung zu bewältigen. Sich Bezugspersonen anzuvertrauen, sei immer besser, als es mit sich alleine auszumachen. Aber das Innere nach außen zu kehren, brauche Mut und gleichzeitig das Verständnis des Gegenübers. Sie erzählt: „Gerade wenn schwierige Dinge, Erlebnisse da sind, wo jemand sich öffnet und sagt, das ist mir passiert, kann es sein, dass das Gegenüber dann sagt: Ich glaube dir nicht oder das, was du da erlebst, ist nicht so schlimm. Und wie du das beschreibst, so war das nicht, ich spreche dir die Wahrheit ab. Das sind natürlich dann gefährliche Situationen und darum schweigen viele auch darüber.”
Die Psychotherapie sei ein sicherer Raum, in dem man über schlimme Dinge und deren Folgen sprechen könne. Und dort könne man dann auch gemeinsam mit der Therapeutin überlegen, wie man nach außen geht und andere über das Erlebte informiert.
Barbara Wilfinger möchte Betroffene ermutigen, den Schritt zur Hilfe zu wagen. Sie sagt, dass der menschliche Körper imstande ist, auch große seelische Wunden zu heilen. „Unser ganzes Sein und unsere ganze Natur ist darauf ausgerichtet, heil zu sein. Wenn wir eine kleine Wunde haben, sehen wir, wie der Körper alles tut, dass sie sich wieder schließt. Oder, wenn wir erkranken, das Immunsystem daran arbeitet, wieder gesund zu werden. Und auf diesen Mechanismus können wir vertrauen. Darum gibt es so viele Menschen, die Schlimmes erleben und trotzdem gesund bleiben. Und mit dem arbeiten wir hier auch.”
Ich frage Barbara Wilfinger, wie sie selbst mit den schlimmen Geschichten umgeht, die sie in ihrer Praxis jeden Tag hört. „Wenn wir nach und nach uns durchgearbeitet haben und diese innere Stärke und die Selbstheilungsenergie sichtbar wird, ist das ein sehr, sehr berührender Moment. Und das ist auch der Moment, der mir die Kraft gibt, all die schlimmen Dinge auszuhalten. Zu wissen, dass der das schaffen kann und wir hier an dieser Selbstheilung arbeiten kann.”
Ein besonderer Termin in Traiskirchen
Martin hat damals noch einen Tipp von seiner Psychotherapeutin bekommen. Schreiben sei eine gute Form der Bewältigung. Er hat sich das zu Herzen genommen.
Es ist Oktober 2025 und ich bin in Traiskirchen bei Wien. Draußen bläst der Wind. Drinnen, in der alten Kapelle, herrscht aufgeregtes Treiben. Heute wird Martins Buch präsentiert.
Martins enger Freund Rusty ist ebenso angereist wie der Überlebende Kevin. Mit 67 Jahren ist es sein erster Besuch in Europa. Kevin sitzt ganz vorne in der ersten Reihe. Und dann kommt eine Frau und setzt sich neben ihn. Es ist die Augenärztin Sonja, die Kevin damals erste Hilfe leistete. Die beiden haben sich seit dem Absturz nicht mehr gesehen und sie erkennen sich auch nicht sofort. Aber dann doch. „Ich freue mich so, dich zu sehen“, sagt Kevin, und Sonja antwortet: „Oh mein Gott, ich freue mich auch so, dich zu sehen.“ Und als ich die beiden beobachte, kullern auch mir die Tränen herunter.

Kevin sagt, das Wiedersehen war sehr emotional und tränenreich. Dass er wieder gehen und sie umarmen kann, sei nur wegen der Ersthelferinnen möglich gewesen. Kevin bedeutet dieses Wiedersehen mit Sonja viel. „Es war so wichtig, sie zu sehen, mein Herz ist glücklich”, sagt Doug.
Und Kevin ist ja Geologe und hat Sonja ein Geschenk mitgebracht. Es ist ein Stein, ein ganz besonderer Stein, der aussieht wie eine Rose und der nur in Kevins Heimat Oklahoma vorkommt. Mir geht durch den Kopf: Es ist lustig, nur ein Geologe kommt auf die Idee, einen Stein als Geschenk mitzubringen.
Dann betritt Martin die Bühne und es wird ganz still. Er beginnt, aus seinem Buch vorzulesen, und alle Anwesenden hören berührt zu.
Ein neues Kapitel
Martin läutet an diesem Abend ein neues Kapitel seiner Heilung ein, etwas mehr als sechs Jahre nach dem Absturz. Und wie fühlt sich das an? Martin antwortet: „Es ist alleine schon aus dem Grund schön, dass so viele Menschen zusammengekommen sind, die damit was zu tun hatten. Und alleine deswegen ist es ein ganz tolles Gefühl, dass aus was Schlechtem was Schönes geworden ist.”

Mit dem Buch konnte er sich den Schmerz von der Seele schreiben. Und er möchte, dass so viele Menschen wie möglich seine Geschichte hören. Es soll denjenigen Mut und Hoffnung geben, die auch, so wie er, versteckte Narben in sich tragen und zeigen, dass sie nicht alleine sind.
Martin sagt: „Es fühlt sich so an, indem ich die Geschichte erzähle, dass es einfacher wird. Es nimmt mir nicht den Schmerz, dass mein Freund gestorben ist, aber es nimmt mir den innerlichen Schmerz.”
Lebt Martin sein Leben jetzt vorsichtiger als vorher? „Nein. Überhaupt nicht. Ich lebe es genauso wie vorher. Ich fahre genauso Fahrrad mit meinem Fahrradhelm wie vorher, packe mich aber jetzt nicht in Watte ein. Die Mama hat immer so einen Spruch. Sie sagt, dass man bei seiner Geburt eine Lebensuhr mit auf die Reise bekommt. Und bei manchen ist die Lebensuhr länger aufgezogen und bei manchen ist sie kürzer aufgezogen. Und so wie es den Anschein hat, ist bei mir noch Zeit auf der Lebensuhr. Darüber bin ich unheimlich froh, denn ich kann meine Kinder sehen, wie sie größer werden. Ich kann mit Dagmar zusammenleben und habe keine körperlichen Schmerzen oder körperliche Verletzungen aus dem Unfall herausgetragen. Ich kann weiterhin Fahrrad fahren, laufen, arbeiten und lebe mein Leben wie vorher.”
„Es gibt Tage, an denen es mir nicht gut geht. Es gibt Tage, an denen ich darüber nachdenke, und auch Tage, an denen ich, wenn ich abends ins Bett gehe und an Haralds Bild vorbeigehe, denke: Warum?”
Martin sagt schließlich: „Die Zeit heilt nicht alle Wunden, aber sie lässt die Wunden kleiner werden. Aber letztendlich kann ich sagen, dass es mir gut geht. Ich bin gesund. Meine Familie ist gesund und ich bin noch da.”
Es gäbe noch so viel über Martins Geschichte und seine Weggefährten zu erzählen. Sein Wiedersehen mit den kanadischen Rettungskräften zum Beispiel, Martins Beziehung zu seinem Anwalt in Amerika oder seinen Cessna-Caravan-Flug in Österreich mit dem gleichen Flugzeugtyp wie beim Absturz. Darüber schreibt Martin ausführlich in seinem neuen Buch „Mein langer Weg zurück nach Addenbroke Island”.
In der kanadischen Flugsicherheit gibt es weiterhin große Baustellen. Dazu recherchiere ich weiter und es gibt ein paar vielversprechende Hinweise.
Die Fishinglodge hat die Zusammenarbeit mit der Unfallairline beendet. Heute fliegen die AngeltouristInnen nicht mehr direkt zur Fishinglodge, sondern zu einem Flughafen in der nächstgelegenen Stadt. Von dort nehmen sie ein Boot. Das dauert zwar länger, ist aber sicherer.
Die Airline hat sich bei den Opfern niemals entschuldigt.
Martin hat in Rusty einen besten Freund gefunden. In ein paar Wochen werden sie gemeinsam nach Norwegen reisen, aber zum Lachsfischen ist es da noch zu kalt.
Wenn du Unterstützung mit traumatischen Erlebnissen brauchst, kannst du dich an das Österreichische Netzwerk für Traumatherapie oder die EMDR Fachgesellschaft Österreich wenden. In akuten Fällen hilft auch die Telefonseelsorge 142.
Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas
Mitarbeit: Nico Knappe und Andrea Gutierrez
Musik und Komposition: Olivia Ahltorp
Besonderer Dank an Hedi Lusser für das tolle grafische Konzept zur Serie.
Diese Geschichte ist noch nicht fertigerzählt, ich recherchiere weiter. Abonniere gerne meine Autoren-Seite damit du Neuigkeiten zu "Nach dem Absturz" nicht verpasst.
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