3 Minuten, 9 Millionen: Warum immer wieder große Kunstdiebstähle mit einfachen Mitteln gelingen
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Anfang der Woche hat das Museum Villa dei Capolavori gemeldet, dass in der Nacht auf den 23. März drei Bilder gestohlen worden sind – eines von Pierre-Auguste Renoir, eines von Henri Matisse und eines von Paul Cézanne. Das Museum ist Sitz der Magnani-Rocca Stiftung, liegt bei Parma und gilt als eines der wichtigsten Kulturzentren Norditaliens. Die Bilder, die gestohlen worden sind, haben einen geschätzten Gesamtwert von 9 Millionen Euro. Der Diebstahl hat nur drei Minuten gedauert.
Die Täter sollen eine vierköpfige Bande sein, die auf Kunstdiebstähle spezialisiert ist. Aber sie sind relativ leicht ins Museum gekommen. Sie haben Metallstäbe eines Tores durchtrennt, um auf das Gelände zu gelangen, und haben dann eine Tür zum Museum aufgebrochen.
Der Hergang erinnert etwas an den Einbruch im Louvre im Oktober. Damals sind die Täter untertags als Arbeiter verkleidet ins Museum eingestiegen, und zwar während das Museum geöffnet war. Sie haben Kronjuwelen im Wert von geschätzt 88 Millionen Euro gestohlen. Innerhalb von sieben Minuten waren sie drin und dann wieder weg.
Wie kann das sein?
Darüber habe ich mit Theresa Hochhauser gesprochen. Sie leitet die Kunstversicherung bei der Uniqa. Schon während des Studiums hat sie in Museen gearbeitet, später war sie dann im Ausstellungsmanagement für verschiedene Museen und Forschungsinstitutionen tätig, bevor sie vor fast 20 Jahren von der Uniqa abgeworben wurde. So funktioniert das Recruiting übrigens immer noch – um die Expertise aus der Praxis zu nützen.

Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Gespräch:
Es gibt verschiedene Motivationen für Kunstdiebstahl – etwa Artnapping, wobei Lösegeld erpresst wird. Manchmal stecken konkrete Aufträge vom Schwarzmarkt dahinter. In manchen Fällen ergibt sich auch schlicht eine Gelegenheit, etwas zu stehlen, und die Diebe kommen erst im Nachhinein darauf, dass sie mit einem berühmten, gestohlenen Gegenstand nicht viel anfangen können. Mitunter führt das auch dazu, dass Kunstwerke wieder auftauchen.
Auf dem Schwarzmarkt sind die gestohlenen Kunstwerke weniger wert.
Kunstdiebstähle werden brutaler, weil die Täter wissen: Sie müssen schnell sein. In der Villa Magnani-Rocca wie auch im Louvre wurden simple Sicherheitslücken ausgenützt. Manchmal fließt auch Insider-Wissen, wie etwa 2017, beim Raub der 100 Kilogramm schweren Goldmünze „Big Maple Leaf“ aus dem Bode-Museum in Berlin. Es braucht also gar nicht unbedingt Hightech-Ausrüstung.
Historische Gebäude zu sichern ist immer schwieriger als neue, bei deren Bau jüngste Sicherheitsstandards schon mitgedacht werden. Dass erstaunliche Sicherheitslücken bestehen, liegt oft auch einfach daran, dass nie etwas passiert und man sich in falscher Sicherheit wiegt.
Bei der Bewertung der Sicherheit geht es immer um den Widerstandswert: Wie hoch ist der, wenn jemand in ein Gebäude eindringt? Wie lange dauert es, bis eine unbefugte Person bis zu den wertvollsten Gegenständen vordringt? Das bewerten eigene Sicherheitsexperten und -expertinnen im Rahmen einer Sicherheitsbegehung.
Welche Sicherheitsvorkehrungen nötig sind, ist immer sehr individuell zu bewerten.
Museen haben Notfallpläne, die schlagend werden, wenn bestimmte Ereignisse eintreten. Dann werden erst einmal die Einsatzkräfte und die Führungspersonen informiert, dann die Versicherung und dann werden etwa Schadenschutzmaßnahmen gesetzt, die zusätzlichen Schaden vermeiden sollen.
In Ausnahmen tauchen gestohlene Kunstwerke wieder auf. Ist das schon länger her, hat die Versicherung den Schaden bereits ausgeglichen. Dann geht der Gegenstand erst an die Versicherung. Die kontaktiert in der Regel die Person oder Institution, die zuvor bestohlen wurde. Möchte diese das Kunstwerk zurück haben, muss sie das Geld zurückerstatten, mit dem die Versicherung den Schaden ausgeglichen hat. „Oft ist das Geld nicht mehr da“, sagt Hochhauser. Werden Kunstwerke nicht zurückgenommen, verauktioniert die Versicherung sie beispielsweise.
Apropos Sicherheitslücken: Die italienische Zeitung Corriere della Sera hat heute berichtet, dass Hacker über Monate Zugang zum IT-System der Uffizien in Florenz hatten. Das Einfallstor soll eine veraltete Bildverwaltungs-Software gewesen sein. Laut Bericht haben sich die Hacker Zugangscodes, Passwörter, Pläne von Alarmanlagen und interne Karten erschlichen – und des soll einen Erpressungsversuch gegeben haben.
Es soll auch schon eine offizielle Stellungnahme der Uffizien geben, die ich aber leider nicht gefunden habe. Die Uffizien sollen einen Hacker-Angriff Ende Jänner beziehungsweise Anfang Februar bestätigt haben, aber ansonsten so ziemlich alles, was in dem Artikel geschrieben wird, bestreiten. Das neue Kamerasystem soll demnach schon länger geplant gewesen und nach dem Diebstahl im Louvre schneller installiert worden sein. Dass einige Türen und Notausgänge zugemauert worden sind, habe mit einem neuen Brandschutz-Konzept zu tun. Es seien auch keinerlei sensible Daten erbeutet worden.
Allerdings steht auf der Website tatsächlich, dass die Schatzkammer im Pitti-Palast, der zum Museumsverband der Uffizien gehört, seit 3. Februar bis auf Weiteres geschlossen ist - wegen „außergewöhnlicher Wartungsarbeiten“. Aus diesem Grund sollen die Medici-Juwelen, die normalerweise dort ausgestellt sind, in die Zentralbank verlegt worden sein. Mal sehen, wie sich das in den nächsten Tagen noch entwickelt.
Es gibt übrigens zwei Podcasts, die ich zum Thema Verbrechen in der Kunst ganz gerne höre: Tatort Kunst von Deutschlandfunk und Kunstverbrechen vom NDR.