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Was kommt dir in den Kopf, wenn du an Tirol denkst? Wahrscheinlich Berge und Almen, vielleicht idyllische Landschaften, Panoramablick, Kühe, Skipisten und so weiter. Ich selbst arbeite die halbe Woche in Innsbruck und staune bei fast jeder Fahrt aus Wien über jeden spektakulären Berg und jedes imposante Tal. Dort zu leben, wo andere Urlaub machen, ist für mich ein Privileg. Die Berge sind ein Sehnsuchtsort und emotional aufgeladen. Hier kann man die Natur in ihrer Reinheit spüren, dem Körper etwas Gutes tun und zu sich finden. Das ist zumindest das Bild, das sich die Tirol Werbung gerne zunutze macht. Schauen wir mal, womit sie werben. Hier zum Beispiel eine Anzeige in der deutschen Wochenzeitung ZEIT. Man sieht eine schneebedeckte Bergkulisse, darunter folgenden Text:
„Wer einen zauberhaften Urlaub im Schnee verbringen möchte, ist in Tirol goldrichtig. Hier hat die kalte Jahreszeit ihren eigenen Reiz: Tief verschneite Märchenwälder und Gipfel ganz in Weiß prägen das Bild, die Luft ist herrlich klar und rein und jeder Atemzug ein Genuss.”
Dass in Tirol jeder Atemzug ein Genuss ist, da würde Heinz Fuchsig widersprechen. Er ist Umweltmediziner und beschäftigt sich schon lange damit, wie Luftverschmutzung die Gesundheit beeinflusst. Ich habe ihn in Innsbruck besucht, wo er mit seiner Frau in einer Dachgeschosswohnung lebt, für die sie schon mehrere Preise für Nachhaltigkeit gewonnen haben. Lichtdurchflutete Räume, viel Holz verbaut, Wärmepumpe und thermische Sonnenkollektoren am Dach. Die Arbeitsflächen in der Küche haben unterschiedliche Höhen, damit für jeden ein ergonomisches Arbeiten möglich ist – ein echter Umweltmediziner eben. Also, warum ist die Luft in Tirol teilweise schlechter als anderswo?
„Regional ist das Tiroler Inntal belasteter als sonstwo. Das liegt am Straßenverkehr, den vielen Industriebetrieben und sehr viel Hausbrand im Winter, also Heizen mit Holz oder Kohle. Außerdem findet im Inntal auch weniger Luftaustausch statt als etwa im Donaubereich. In Linz oder Wien zum Beispiel geht häufiger der Wind und die Partikel verteilen sich besser.”

Die Luft oben in den Bergen ist zwar deutlich besser, vor allem für Menschen mit Allergien, weil viel weniger Pollen und auch weniger Feinstaub in der Luft sind, aber es gibt trotzdem Tücken. In höher gelegenen Regionen entsteht nämlich vermehrt Ozon, das die Lunge schädigt. Das Ozon entsteht aus Stickoxiden und anderen Vorläufersubstanzen untertags und baut sich nachts durch Stickstoffmonoxide wieder ab. Auf den Bergen fehlen dann paradoxerweise diese Schadstoffe für den Abbau und das Ozon bleibt hoch. „Kinder, die in einem Bergdorf wie Alpbach aufwachsen, haben eine schlechtere Lungenfunktion als Kinder, die im Inntal aufwachsen – obwohl das Inntal ja wesentlich schadstoffbelasteter ist. Aber der Ozonwert ist unten wesentlich besser als am Berg oben”, erklärt Heinz Fuchsig.
Er beruft sich auf die Brixlegg-Studie, in der in Münster, Alpbach und Brixlegg nachgewiesen wurde, dass Kinder deutlich schlechtere Lungenfunktion haben, wenn sie in höher gelegenen Regionen leben, in denen es länger andauernde Ozonperioden gibt.
Tirol und der Lungenkrebs
Und auch beim Thema Lungenkrebs sticht Tirol unerwartet heraus: „Das sehen wir auch in der Krebsstatistik, dass Tirol überdurchschnittlich viele Lungenkrebsfälle hat, obwohl unterdurchschnittlich geraucht wird.” Das hat mich schon ziemlich überrascht: Die Statistik Austria hat 2024 einen ausführlichen Bericht zu Krebserkrankungen in Österreich veröffentlicht. Bei den Lungenkrebsinzidenzen steht Tirol anteilsmäßig an allererster Stelle. Und das, obwohl nur 18 Prozent der Tiroler Bevölkerung täglich rauchen. Das ist mit knappem Abstand der niedrigste Wert im Bundesländervergleich bei der Erhebung zum Rauchverhalten aus 2019. Allerdings wird Lungenkrebs im Schnitt erst zehn Jahre nach der Entstehung entdeckt. Der positive Effekt der Dieselfilter auf die Lungengesundheit wirkt hier also verzögert und wird sich wahrscheinlich in Zukunft positiv auf die Lungenkrebsrate auswirken.
Und auch bei den Todesfällen, die jährlich auf Feinstaub zurückzuführen sind, hat Heinz Fuchsig eine Einschätzung:
„Ich schätze, dass 200 bis 300 Menschen an Luftschadstoffen insgesamt in Tirol sterben und davon 90 Prozent an Feinstaub – vor 20 Jahren waren es allerdings noch doppelt so viele.”
Okay, so viel können wir bis hierhin schon mal festhalten: Das Thema Luftverschmutzung ist in Tirol also wirklich relevant. Aber schauen wir uns das mit der Luft und der Gesundheit noch mal ganz grundlegend an. Wir Menschen atmen zwischen 10.000 und 20.000 Liter Luft jeden Tag ein und aus. Pro Atemzug einen halben Liter – beim Sport gerne auch mal 3 Liter oder mehr. Der menschliche Körper hat ein faszinierendes System, um Schmutzpartikel und Erreger aus der Luft zu filtern. Das besteht aus der Nasenschleimhaut, den – oft so unbeliebten – Nasenhaaren, den reinigenden Zentrifugen der Nasenmuscheln, außerdem kleinen Härchen in den Atemwegen und spezialisierten Immunzellen in der Lunge. Sie sorgen zusammen dafür, dass grobe Schadstoffe nicht in unseren Körper gelangen. Manche schaffen es aber trotzdem, vor allem, je kleiner sie sind. In der Lunge lösen die Schadstoffe dann Entzündungen aus, die über einen längeren Zeitraum zu schweren Lungenerkrankungen werden können. Dass schlechte Luft nicht gut für die Lungengesundheit ist, das leuchtet ein. Aber warum sind Bergtäler, wie die in Tirol, davon speziell betroffen?

Ein Grund dafür ist, dass es in einem Tal weniger Volumen für die Luft gibt als im Flachland. Es ist einfach enger und das bedeutet, dass die Schadstoffe, die ausgestoßen werden, weniger Platz haben und sich schlechter ausbreiten können. Dazu kommen dann noch Windsysteme, die wenigstens in die Höhe einen Luftaustausch möglich machen sollen. Wenn untertags die Sonne scheint, erwärmt sich die bodennahe Luft und steigt auf – so werden die Schichten durchmischt und auch die Schadstoffe ein wenig verteilt. Im Winter erwärmt sich die Luft aber viel weniger und wird deswegen wenig nach oben ausgetauscht. Die Schadstoffe bleiben also konzentriert unten im Tal. Heinz Fuchsig formuliert das so:
„Inversionswetterlagen gibt es im Winter viel häufiger als im Sommer – dadurch ist der Austausch nach oben reduziert und die Suppe bleibt unten liegen.“

Und die Suppe wird auch noch schmutziger als sonst, weil in den kalten Monaten viele ihre Kamine mit Holz heizen und damit Feinstaub ausstoßen. In Tirol kommt eine weitere Problematik für die Luftqualität aus dem Boden. Radon heißt das Gas, das im Erdreich entsteht, wenn Uran dort zerfällt. Man kann es weder riechen noch schmecken – aber es wirkt krebserregend, wenn man es über längere Zeit einatmet. Oft staut es sich drinnen im Haus, da kommt das Gas durch Undichtigkeiten – zum Beispiel in der Kellerwand – hinein. Österreich weist eine der höchsten Radonbelastungen weltweit auf. Und Tirol wiederum hat eine der höchsten Belastungen in Österreich. Einer der Hotspots ist Längenfeld, wo über 100.000 Becquerel Radonaktivität gemessen wurden. Sicher ist man unter einem Wert von 200. Allerdings kann man in gefährdeten Gebieten mit Sanierungen und regelmäßigen Messungen gut vorsorgen.
Aber als wäre all das nicht schon genug, kommen für die Tiroler Luft noch weitere problematische Faktoren dazu: „Gerade im Winter, wenn zwei Drittel des Flugverkehrs in Innsbruck stattfinden, ist oft Null-Windbewegung – leider”, erklärt Heinz Fuchsig. In Innsbruck sind nämlich 20 Prozent der Tage windstill. Ein hoher Wert – in München sind es zum Beispiel unter einem Prozent und auch Wien hat nur wenige absolut windstille Tage. Das führt dazu, dass besonders im Winter die Grenzwerte immer wieder massiv überschritten werden. So gab es schon Appelle zum Autofahr-Verzicht an Spitzentagen. Im Jänner 2020 zum Beispiel vom damaligen Innsbrucker Bürgermeister.
Das klingt ehrlicherweise alles ziemlich heftig. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber wenn ich eine kurze Auszeit brauche, dann gehe ich am liebsten laufen. Schon als Jugendlicher wurde ich von meinem Vater jede Woche auf eine Laufrunde mitgenommen – mit 18 Jahren kam der erste Volkslauf, später dann der Leichtathletikverein. Vor allem die 5000 Meter-Wettkämpfe faszinieren mich. Das ist schnelles Rennen, aber nicht Sprinten. Etwas mehr als eine Viertelstunde auf der Tartanbahn, die sich wie Stunden anfühlen können. Ich bin also leidenschaftlicher Läufer und dementsprechend oft in meinen Laufschuhen unterwegs. Am liebsten auf Strecken mit weichem Untergrund.
Und da gibt es in Innsbruck nur eine, die flach und länger als einen Kilometer nicht asphaltiert ist. Sie liegt direkt am Inn zwischen Autobahn und Flughafen, was ein wenig bedrückend sein kann, wenn von links die Autos dröhnen und von rechts ein Flieger ohrenbetäubend zum Start ansetzt. Und je tiefer ich in diese Recherche eingetaucht bin, desto mehr habe ich daran gezweifelt, dass es überhaupt eine gute Idee ist, dort laufen zu gehen. Schade ich am Ende meiner Lunge mehr, als dass ich meinen Körper trainiere?
Gerissene Grenzwerte und positive Trends
Schauen wir also erst mal auf die Zahlen. Wenn man sich die Historie der Luftqualität anschaut, dann gibt es da erst mal gute Entwicklungen. Die Messwerte der vergangenen Jahrzehnte haben sich ordentlich verbessert. In Österreich gibt es mehrere Hundert Messstellen, an denen die Werte für verschiedene Schadstoffe gemessen werden. Das Umweltbundesamt sammelt die Daten und kann gute Nachrichten verkünden: Seit 1990 haben sich die Werte für Feinstaub in Österreich um mehr als 50 Prozent reduziert. Die Messgeräte, die in Österreich stehen, erfassen Feinstaubpartikel, die kleiner als 2,5 Mikrometer sind. Ein menschliches Haar hat ungefähr einen Durchmesser von 70 Mikrometer. Wenn du dir das Haar so groß wie einen Baumstamm mit einem Meter Durchmesser vorstellst, dann sind diese Feinstaubpartikel so groß wie eine Weintraube.
Diese Partikel werden also gemessen und sind in den vergangenen Jahrzehnten weniger geworden. Das klingt erst mal gut, auch wenn die Grenzwerte für sogenannte PM2,5 Messungen immer noch regelmäßig überschritten werden. Derzeit gibt es in der EU einen Grenzwert von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter – ab 2030 sind es 10 Mikrogramm und die WHO legt ihren Richtwert generell bei 5 Mikrogramm fest.
29
von 75 Messstellen waren im vergangenen Jahr über dem EU-Grenzwert, der ab 2030 gilt.
73
von 75 waren über dem WHO-Wert.

Atmen wir einmal kurz durch und ich fasse noch mal zusammen: In Österreich liegt die Feinstaubbelastung zwar immer noch über den Richtwerten der WHO, aber der Trend geht klar nach unten. Was da geholfen hat, sind Maßnahmen, wie die Einführung von Dieselpartikel-Filtern in Pkws, oder die Tempo-100er Zonen, die im Inntal auf der Autobahn gelten, wenn die Luft schlecht ist.
Kleine Partikel – großes Problem
Dann passt ja eh alles, könnte man meinen. Aber beim Thema Luftverschmutzung gibt es einen Parameter, der unter dem Radar fliegt. Der Elefant im Raum ist ziemlich klein und heißt Ultrafeinstaub. Er ist noch mal etwa 100 bis 1000 mal kleiner als der Feinstaub. Wir erinnern uns: das menschliche Haar ist der Baumstamm, der Feinstaub die Weintraube und der Ultrafeinstaub wäre dann so was wie ein Salzkorn oder noch kleiner. Du kannst es dir auf jeden Fall denken – verschwindend gering. Das Tückische ist, dass er so winzig klein ist, dass er die menschlichen Filtermechanismen in der Lunge einfach überwindet und bis in die hintersten Tiefen unserer Lunge und den Blutkreislauf gerät.
In der Wissenschaft beschäftigen sich immer mehr Forschende mit der Wirkung von Ultrafeinstaub auf die Gesundheit. Eine von ihnen ist Annette Peters, Direktorin des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München. In ihrer aktuellsten Forschung im Raum Augsburg und Regensburg hat sie zur Wirkung von Ultrafeinstaubpartikeln herausgefunden, dass man eine Assoziation mit dem Auftreten von Herzinfarkten findet und dass die Menschen mehr Bluthochdruck haben, wenn es an ihrem Wohnort eine hohe Ultrafeinstaub-Belastung gibt. Außerdem konnten Signale für chronische Lungenerkrankungen festgestellt werden.
Und die Partikel wirken sich auch auf den Lungenkrebs aus:
„Es gibt noch keine großen Studien dazu, weil die flächendeckenden Partikel-Messungen fehlen, aber es gibt sehr viel indirekte Evidenz, dass es einen Link zwischen ultrafeinen Partikeln und Lungenkrebs gibt.”
Der Ultrafeinstaub ist also hochrelevant. Aber warum wird er dann in Österreich nur an weniger als zehn Standorten gemessen? Ich treffe den Atmosphärenphysiker Thomas Karl von der Uni Innsbruck. Er forscht zum Thema und sieht die Gesamtsituation für Österreich kritisch:
„Leider hat man kaum Messdaten, weil erst seit wenigen Jahren gemessen wird – dadurch ist Ultrafeinstaub irgendwie noch No-Man’s-Land.”

Wenn aber der Feinstaub weniger geworden ist, dann vielleicht doch auch der Ultrafeinstaub? Nicht unbedingt, meint Thomas Karl: „Es gibt Argumente, dass, wenn jetzt im Verkehr weniger grober Feinstaub emittiert wird, dadurch wieder mehr Ultrafeinstaub entstehen könnte, weil die Kondensations-Senke fehlt – das sind alles sehr dynamische Wechselwirkungen.” Umso wichtiger findet Thomas Karl deshalb Messungen, die Partikel dokumentieren. Die Messsysteme für Ultrafeinstaub sind aber noch relativ teuer – ein Gerät kostet etwa 100.000 Euro. Dazu kommt, dass die Normierung solcher Geräte und Messmethoden lange dauert, wie Umweltmediziner Heinz Fuchsig erklärt:
„Bis sich ein Konsens bildet und das von den Normungsgremien übernommen wird, dauert das in Europa leider zehn Jahre.”
Ein Dilemma und vor allem für Tirol relevant, weil mit dem Flughafen Innsbruck eine Ultrafeinstaub-Quelle in direkter Nähe zur Landeshauptstadt steht. Vom berühmten Goldenen Dachl sind es nur knapp drei Kilometer Luftlinie zur Start- und Landebahn. Flugzeuge stoßen besonders viel Ultrafeinstaub aus und sind deshalb besonders schädlich. „Die Starts belasten das enge Inntal stark – aber besonders das Anfahren der Flieger zum Startpunkt mit Teillast stößt besonders viel Ultrafeinstaub aus”, erläutert Heinz Fuchsig und macht sich deshalb für sogenannte Taxibots stark, die die Flieger bis zur Startbahn ziehen.
Wie wirken sich Verkehr, Lärm und schlechte Luft vor Ort aus?
Wir schauen jetzt aber noch mal etwas weiter nach Süden, in ein Tal, in dem es zwar keinen Flughafen, aber eine hohe Verkehrsbelastung gibt. Obwohl in der Gemeinde Gries am Brenner nur etwas mehr als 1300 Menschen leben, hast du vielleicht schon mal von Karl Mühlsteiger gehört. Er ist der Bürgermeister dort, der immer wieder medienwirksam versucht, sich gegen den Neubau der Luegbrücke einzusetzen. Die Brücke ist Teil der Brennerautobahn und schlängelt sich über dem Ort am Hang entlang. Über diese Brücke fahren pro Jahr ungefähr 14 Millionen Fahrzeuge, viele davon schwere Lkw. Jetzt ist die Brücke sanierungsbedürftig und soll aufwändig erneuert werden. Karl Mühlsteiger möchte aber lieber einen Tunnel bauen lassen und will generell mehr Verkehrsentlastung. Die Atmosphäre im Wipptal, das Innsbruck und den Brenner verbindet, schätzt er so ein:
„Frustrierend und teilweise knapp am Rande der Verzweiflung, weil sich viele nicht mehr vorstellen können, wie man diesen Verkehr reduzieren und Herr der Lage werden kann.”
Wenn es um die Luftqualität geht, dann würde sich Mühlsteiger wünschen, dass der Ultrafeinstaub im Tal gemessen wird und Teams mit Umweltmedizinern und Spezialistinnen die Entwicklung der letzten Jahre genau beobachten.
„Aber wir bekommen leider da immer wieder nur einen Korb seitens der hohen Politik – das Thema will niemand angreifen."
Aber trifft dann das Klischee von Tirol, als Land mit der guten, reinen Bergluft, aufs Wipptal überhaupt zu?
„Auf die Hauptachse im Wipptal trifft das überhaupt nicht mehr zu. In den Seitentälern zum Glück sehr wohl noch – da flüchten wir dann hin, um Ruhe und Kraft zu tanken.”
Mit Ruhe tanken wird es wohl erst einmal nichts. Der Grieser Bürgermeister versucht nämlich schon lange eine Kundgebung auf der Autobahn zu veranstalten, um gegen die Verkehrsbelastung zu demonstrieren. Zweimal war er mit der Anmeldung gescheitert, aber jetzt hat ihm das Landesverwaltungsgericht Recht gegeben und die Kundgebung kann stattfinden. Eigentlich gute Nachrichten – generell schaut er aber kritisch in die Zukunft:
„Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich immer Optimist bin – aber die Zukunft im Wipptal macht mich sehr nachdenklich und betrübt.”
Wenn wir vom Tiroler Wipptal wieder auf ganz Österreich schauen, dann wird sich in Sachen Ultrafeinstaub etwas verändern – spätestens Ende nächsten Jahres. Bis dahin muss die EU-Richtlinie umgesetzt werden, die vorsieht, dass Ultrafeinstaub überall dort gemessen werden muss, wo Hotspots zu erwarten sind. Im Gegensatz zu einer EU-Verordnung, die wie ein Gesetz sofort und für alle Mitgliedstaaten gilt, sind Richtlinien rechtliche Vorgaben, die innerhalb einer bestimmten Frist umgesetzt werden müssen. Bisher ist bei der Umsetzung aber noch nicht viel passiert. Eine Erklärung dafür hat der Tiroler Transit-Aktivist Fritz Gurgiser: „Weil sie zu feige sind”, erzählt er mir beim Interview in Innsbruck. Er war bei der ersten Besprechung im Klimaministerium in Wien im Jänner 2023 mit 40 Personen dabei und sieht klare Verantwortlichkeiten beim bisherigen Scheitern der Umsetzung:
„Die Vertreter der Wirtschaftskammer und der Industriellenvereinigung haben da blockiert”

Als ich Fritz Gurgiser zum ersten Mal begegnet bin, wird schnell klar: Das ist einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt, der für das Thema Verkehr und seine Auswirkungen brennt und auch nach 30 Jahren Aktivismus nicht müde wird, sich lautstark zu äußern. Im August 1994 hat er den Verein Transitforum gegründet, der sich für Verkehrsentlastung und den Schutz der Bürgerinnen und Bürger vor den negativen Effekten des Transits einsetzt. Seit 2006 ist der gemeinnützige Verein auch eine anerkannte Umweltorganisation und hat deshalb eine Parteistellung bei Umweltverträglichkeitsprüfungen.
Fragt man Gurgiser, wie sich der Transit auf die Bevölkerung auswirkt, folgt ein spontaner Vortrag – gefüttert mit Zahlen und Fakten, die er über die Jahre auswendig gelernt hat. Luft, Lärm, psychische Folgen, Entsolidarisierung, Entwertung von Grundstücken und so weiter.
Als ich ihn treffe, ist er gerade frisch aus dem jährlichen Kreta-Urlaub zurück. Er zeigt mir ein paar Fotos vom Meer und erzählt, dass er dort richtig gut runterkommt und die Ruhe genießt. Und von der Ruhe auf Kreta, kommt er direkt zur Unruhe in Tirol. Gurgiser wohnt selbst im Inntal unmittelbar neben der Autobahn und spürt die Auswirkungen vom Verkehr hautnah. Eine Sache ist ihm aber besonders wichtig: Er findet, man darf beim Thema Transit nicht nur auf einzelne Symptome schauen, sondern soll das Phänomen als Ganzes analysieren, mit allen Facetten und Auswirkungen. Ihm geht es um die großen Fragen:
„Diese Maßlosigkeit des Verkehrs passt mit der Enge des Raumes hinten und vorne nicht mehr zusammen. Da gibt es die klare Entscheidung, was ist wichtiger: Ist der Mensch wichtiger? Ist die Natur wichtiger? Oder der Verkehr?”
Hoffnungsvoll ist Gurgiser auch nach 30 Jahren noch, wie er mir erzählt. Er wünscht sich allerdings einen grundlegenden Wandel: „Man muss dieses System ablegen, dass die Regierung alles ablehnt, was die Opposition bringt, und andersherum.” sagt er und macht sich dafür stark, bei bestimmten Themen übergreifend und langfristig zu handeln: „Da geht es nicht nur um den, der neben der Autobahn daheim ist, da geht es um die Regionalwirtschaft, um die Gesundheit und so weiter.”
Machen wir ein kleines Gedankenexperiment. Nehmen wir an, dass sich die Luftqualität weiter positiv entwickelt und wir auch das Problem mit dem Ultrafeinstaub irgendwie in den Griff bekommen. Wären dann die Gesundheitsprobleme gelöst? Nicht unbedingt, meint der Umweltmediziner Heinz Fuchsig, denn früher wären vor allem die Kinder aktiver und mehr draußen gewesen. „Es wird halt immer noch mehr gesessen und auf den Bildschirm geschaut, als dass man sich im Freien austobt, und damit seine Lunge kräftigt und auch Allergien vorbeugt.” Die Bevölkerung wird also insgesamt empfindlicher: „Dadurch werden manche Effekte leider wieder zunichtegemacht, weil die Menschen nicht mehr so widerstandsfähig sind wie früher.”
Ein Fazit
Die Sache mit der Luft ist gar nicht so einfach. Nur weil es in weiten Teilen Tirols atemberaubende, wilde Natur gibt, heißt das nicht, dass auch die Luft überall rein und perfekt ist. Ein Zusammenspiel aus Verkehr, Heizen und Industrie sorgt dafür, dass die Grenzwerte immer wieder gerissen werden. Ja – der Trend geht in die richtige Richtung, aber das Thema Ultrafeinstaub bringt einige ungewisse Risiken. Die sonst so fitte Tiroler Bergbevölkerung hat die höchste Lungenkrebsinzidenz – und die Umsetzung der EU-Richtlinie lässt noch auf sich warten.
Präventivmaßnahmen für Gefährdete
Was jede und jeder Einzelne in Gebieten mit schlechter Luftqualität machen kann, weiß Heinz Fuchsig. Er rät dazu, nicht abends zu lüften, wenn alle mit dem Auto nach Hause fahren, oder wenn die Nachbarn gerade den Holzofen angeworfen haben. Wer im Auto im Stoßverkehr sitzt, sollte besonders an Kreuzungen häufiger die Umlufttaste nutzen.
„Sonst ist es natürlich besser, mit dem Fahrrad zu fahren, auch wenn man mehr atmet und damit vielleicht auch etwas mehr Schadstoffe einatmet. Wenn jemand besonders schadstoff-vulnerabel ist, dann wäre es vielleicht besser, eine alternative Strecke als die hauptbefahrene Straße zu wählen.”
Zum Abschluss dieser Recherche gehe ich noch mal hinaus. Denn dass ich jetzt nicht mehr laufen gehen sollte, das ist natürlich Unsinn. Vielleicht suche ich mir aber eine neue Strecke – nicht direkt neben dem Flughafen. Oder ich gehe einfach dann hin, wenn keine Flugzeuge fliegen.
Und wie ist das bei dir? Machst du dir Gedanken um die Luftqualität in deiner Umgebung? Welche Erfahrungen hast du zu diesem Thema gemacht und findest du, wir sollten als Gesellschaft mehr darüber reden, oder siehst du anderswo größere Probleme? Schreib es mir gerne in den Kommentarbereich oder per Mail an: [email protected]
Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas
