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Auch wenn es nicht seine erste Schlägerei als Rapid-Hooligan war, ist es eine, an die sich Lukas gerne erinnert. Fünfzig Sturm-Graz-Hooligans stehen ihm und seinen Leuten gegenüber, irgendwo auf einem Feld neben einer Autobahnabfahrt am Semmering. Die Teams werden gegenseitig durchgezählt, um sicherzustellen, dass nicht mehr Männer gekommen sind als ausgemacht. Dann begeben sie sich in Aufstellung. Lukas schiebt sich seinen Mundschutz zwischen die Zähne und macht die letzten Aufwärmübungen. Die Kampfstrategie bleibt so, wie im Training besprochen: Die ersten Reihen drücken nach vorne, die hinteren bewegen sich seitlich nach außen. So können sie die gegnerische Formation von den Flanken bedrängen. Lukas steht in der vierten Reihe. Vor ihm kämpfen die Routiniers, hinter ihm die ganz Jungen. Manche von ihnen sind gerade erst 18 Jahre alt. Pünktlich um 17 Uhr stürmen die beiden Gruppen aufeinander los. Lukas schlägt einen Gegner zu Boden und würgt ihn, bis dieser am Boden abklopft. Währenddessen prügelt einer seiner Kollegen auf einen weiteren Sturm-Graz-Fan ein. Er bemerkt nicht, dass er schon bewusstlos ist. Erst als Lukas ihn wegzieht, stoppt er. So erzählt es Lukas.
„Manchmal gerät man in einen Blutrausch. Man merkt nicht, wann es zu viel wird“, sagt er.
Dass dieser Kampf am Semmering stattgefunden hat, belegen Fotos. Ob Lukas’ Schilderungen alle stimmen, lässt sich schwer überprüfen. Es sind seine persönlichen Erinnerungen an die Schlägerei vor drei Jahren.
Lukas ist heute etwa dreißig Jahre alt. In seiner Welt sind Journalistinnen Feinde – fast so sehr wie die Polizei. Er entschied sich trotzdem dazu, mit mir zu reden. Es sei ihm wichtig, dass die Hooligan-Szene authentisch in Medien abgebildet werde und er könne die dafür notwendigen Informationen liefern. „Würde jemand herausfinden, dass ich rede, wäre ich aber ein Aussätziger. Das wäre sozialer Verrat“, sagt er.
Lukas heißt eigentlich anders. Wir nennen seinen echten Namen nicht und geben keine Details preis, die Rückschlüsse auf seine Identität zulassen. Dafür erzählt uns Lukas offen, was es mit diesen eingangs geschilderten Schlägereien und Gewaltexzessen auf sich hat.
In der Fußball-Hooligan-Szene werden solche verabredeten Schlägereien Wald-, Wiesen- oder Ackerkämpfe genannt. Sie werden organisiert von Hooligangruppen, die über Ländergrenzen hinweg vernetzt sind. Ort, Uhrzeit, Regeln – alles wird vorher abgemacht. Keine Waffen, keine Zuschauer. Dafür reisen sie oft quer durch Europa. Diese Kämpfe finden nicht nur im Zuge von Fußballspielen statt. Ein Kampf endet, sobald eine Seite aufgibt und beginnt wegzulaufen. Gegen Sturm Graz sei damals nach zwei Minuten Schluss gewesen. Lukas und seine Kollegen entschieden den Kampf für sich. Es war der größte Kampf, an dem er bisher teilgenommen hat.
Abseits dieser Ackerkämpfe gibt es auch sogenannte Old-School-Kämpfe, die auf offener Straße und ohne Regeln stattfinden. Nur Messer und andere Waffen seien tabu. Wobei sich Hooligans in einigen Ländern selbst daran nicht halten würden, sagt Lukas. Diese Old-School-Kämpfe sind es auch, die oft Polizeieinsätze auslösen und mediale Aufmerksamkeit erregen. Wald-und-Wiese-Kämpfe laufen hingegen meist unter dem Radar. In sozialen Medien, wie auf Telegram, werden aber fast täglich Bilder und Videos von Kämpfen aus ganz Europa geteilt. An manchen Wochenenden wird in den öffentlichen Chatgruppen von bis zu fünf Kämpfen pro Tag berichtet. Durch soziale Medien sind Ackerkämpfe heute sichtbarer für die breite Öffentlichkeit. Hooligans gibt es aber schon ziemlich lange.
Die Wurzeln des Hooliganismus reichen bis ins England des späten 19. Jahrhunderts zurück. Aus dieser Zeit gibt es Berichte von Ausschreitungen bei Fußballspielen, wie etwa in Glasgow, wo bei einem Spiel über hundert Menschen verletzt worden seien. In den 1970er-Jahren schwappte die gewaltbereite Fankultur über Holland nach Deutschland über und erreichte rund zehn Jahre später auch Österreich. So wie anfangs in England fanden die Auseinandersetzungen damals noch größtenteils in den Stadien statt. Seit den 1990ern hat sich das aber verändert, erklärt der Kommunikationswissenschafter Jörg-Uwe Nieland, der viele Jahre an der Deutschen Sporthochschule Köln tätig war und heute an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt zu Fankultur und Gewalt im Fußball forscht: „Durch erhöhte Überwachung, Fanprojekte und Stadionverbote gibt es kaum mehr Gewalt im Stadion.“ Grundsätzlich gehe der Trend innerhalb wie auch außerhalb des Stadions in Richtung weniger Gewalt. Doch ein harter Kern hält an ihr fest. In Österreich sind es vor allem Fans von Rapid Wien, Austria Wien und Sturm Graz, die sich zu Kämpfen am Acker mit Hooligans anderer internationaler Vereine verabreden.
Wie groß die gesamte gewaltbereite Fußballfanszene ist, ist schwer zu beziffern. Nieland geht auf Basis seiner Feldforschung in Deutschland von unter einem Prozent aller Fans aus. „In Österreich dürfte das sehr ähnlich sein“, sagt der Kommunikationswissenschafter. Das klingt im ersten Moment wenig, doch in absoluten Zahlen ist das nicht zu unterschätzen. Bei Rapid Wien wären ein Prozent der Mitglieder rund 240 Personen – 240 Männer, die sich freiwillig gegenseitig verprügeln. Es gibt keine Zahlen dazu, wie viele davon auch am Acker kämpfen.
Auch zur Frage, wer diese Leute sind, hat Nieland in Deutschland geforscht. Es sind meist junge Männer zwischen 18 und 30 Jahren, die oft seit der Jugend eng mit dem Verein verbunden und so in die Szene hineingewachsen sind. Beruflich ist das Feld durchmischt. Viele würden allerdings im Dienstleistungsbereich arbeiten, und nur wenige hätten einen akademischen Hintergrund. Was sich seit den 90ern verändert habe, sei die Professionalisierung dieser Gruppen. Viele haben Kampfsporterfahrung in Boxen, Mixed Martial Arts oder Thaiboxen. Manche wiederum fanden erst durch die Ackerkämpfe dorthin.
Die Schilderungen von Jörg-Uwe Nieland und dem Rapid-Hooligan Lukas decken sich mit dem, was sich in sozialen Medien abspielt. Auf Plattformen wie Telegram und Instagram kursieren Videos und Bilder von Schlägereien, oft mit verpixelten Gesichtern und ergänzt um nüchterne Kampfstatistiken:
XX.08.2025. Arrange Fight. Bern vs BRNO. 9 × 9. 1 min. Win Bern
In den Kommentaren wechseln sich Lob für die eigene Gruppe mit Zweifeln an den Siegen der verfeindeten Teams ab – oft begleitet von Hassparolen gegen Schwarze, Homosexuelle und Jüdinnen und Juden. Von Aufrufen, man solle lieber Migranten verprügeln, anstatt sich gegenseitig zu schlagen, bis hin zu einer breiten Palette an Beleidigungen.
Einer der bekanntesten Kanäle ist der tschechische Account „GruppaOF“. Die anonymen Betreiber beschreiben ihren Kanal als „#1 Hooligan info group in [the] world“. Unter diesem Namen existieren Profile auf fast allen gängigen Social-Media-Plattformen. Auf Telegram folgen dem öffentlichen Kanal über 173.000 Personen, die dort durch unzählige Videos, Fotos und Kommentare scrollen können. In den Postings ist auch immer wieder die Rede von „arranged youth fights“ – arrangierten Jugendkämpfe. Diese finden in regelmäßigen Abständen auch mit österreichischer Beteiligung statt. Im Juni soll es laut den Chats einen Zwölf-gegen-Zwölf-Kampf zwischen jugendlichen Fans von 1860 München und Rapid Wien gegeben haben, im Jänner ein Fünf-gegen-Fünf zwischen Sturm Graz Youth und Blau-Weiß Linz Youth. Von einem U21-Kampf im April 2022 zwischen Austria Wien und Sparta Prag kursieren auch Bilder in der Chatgruppe. Laut dem Soziologen Otmar Weiß von der Universität Wien öffnen solche Foren für die jungen Männer Räume, in denen sie sich mit den Kämpfern und den anderen Usern identifizieren können. „Das einzige Thema, um das es immer geht, sind diese Kämpfe. Wer Bescheid weiß und mitposten kann, fühlt sich der Subkultur und der Gruppe zugehörig“, sagt Weiß. Minderjährige würden hier nicht nur lernen, wie man zuschlägt und in welchen digitalen Milieus man dafür Anerkennung bekommt. Sie bekommen laut Weiß ein Weltbild vermittelt: „Ausländerfeindlichkeit und Homophobie werden als alltäglich hingenommen und nicht hinterfragt. Sie werden als Normalität kommuniziert und damit sozial eingespurt. Das bringt man dann in der Zukunft schwer raus aus der Person. Das ist eine große Gefahr.“
Hooligan-Kämpfe online.Screenshots aus der Telegram-Gruppe zeigen diskriminierende Nachrichten. (Screenshot: Telegram/ GruppaOF Official)
Hooligan-Kämpfe online.Screenshots aus der Telegram-Gruppe zeigen diskriminierende Nachrichten. (Screenshot: Telegram/ GruppaOF Official)
Hooligan-Kämpfe online.Screenshots aus der Telegram-Gruppe zeigen diskriminierende Nachrichten. (Screenshot: Telegram/ GruppaOF Official)
Hooligan-Kämpfe online.Screenshots aus der Telegram-Gruppe zeigen diskriminierende Nachrichten. (Screenshot: Telegram/ GruppaOF Official)
Lukas behauptet, keine solchen Kommentare zu schreiben. Wenn im Stadion etwa homophobe Sprechgesänge angestimmt werden, singe er einfach nicht mit. Er sei für den Fußball und vor allem die Schlägereien da. Wenn er davon spricht, hat er ein Funkeln in den Augen und seine Faszination für diese Kämpfe wird deutlich. Er erzählt von einem Adrenalinkick, den er nirgendwo sonst bekommt:
„In diesem Moment weißt du, du bist einfach unzerstörbar, und egal, was passiert, du stehst wieder auf und schlägst zurück. Also es ist ein unglaubliches Machtgefühl.“
Bei unserem ersten Treffen im Wiener Stadtpark wirkt Lukas nur anfangs ein wenig angespannt. Er taut schnell auf und redet ausführlich über seine persönliche Geschichte. Sobald es im Gespräch um die Hooligan-Szene und seinen Fanclub geht, verändert sich sein Ton. Er spricht dann sehr reflektiert und nüchtern. Lukas betont immer wieder, ihm sei bewusst, dass solche Schlägereien nicht harmlos sind. Die Menschen, die daran teilnehmen, seien es in seinen Augen aber schon. Alles nette Menschen, sagt er – Väter mit Familien und Männer mit festen Jobs. Einer ist Koch, der andere Angestellter beim Magistrat, und auch einige Lehrer und Türsteher sind dabei. Besonders viele seien in handwerklichen Berufen tätig.
Frauen gäbe es in der Rapid-Hooligan-Szene laut Lukas keine. „Ich glaub, würde es eine geben, würde ich mich neu verlieben“, meint er scherzhaft.
Lukas’ Karriere als Hooligan startete unüblich spät. Obwohl er schon seit seinem zwölften Lebensjahr Thai-Boxen macht und bereits als Teenager im Block West – dem Ultra-Fansektor von Rapid – stand, bezeichnet er sich erst seit etwa drei Jahren als Hooligan. Damals mischte er sich in eine Schlägerei ein, die der Anführer der Hooligans beobachtete. „Er hat dann dem Capo von meinem Fanclub gesagt, dass er gesehen hat, dass ich super gekämpft habe, und gefragt, ob ich nicht einmal beim Training dabei sein will“, sagt Lukas. Als Capo werden die Anführer der Ultra-Fanclubs bezeichnet. Der Moment, als der Capo von Lukas’ Ultra-Gruppe ihn anrief, war für ihn wie ein Ritterschlag, erzählt Lukas.
Die Unterscheidung zwischen Hooligans und Ultras ist Lukas hierbei wichtig. Zur gewaltbereiten Fußballszene werden alle Ultra-Fans gezählt. Ultras randalieren etwa im Stadion und klauen oder beschmieren zum Beispiel Banner und andere Fanartikel der gegnerischen Fanclubs. Lukas ist Mitglied bei einem solchen Ultra-Fanclub von Rapid. Von der Gesamtheit an Ultra-Fans seien aber nur wenige tatsächliche Hooligans. Aus Lukas’ Fanclub sei außer ihm nur ein weiterer dabei. Um sich als Hooligan bezeichnen zu dürfen, reiche es nicht aus, bei Randalen im Stadion dabei zu sein. Man müsse auch am Acker kämpfen und bei den gemeinsamen Trainings dabei sein.
Die Rapid-Hooligans haben dafür sogar einen eigenen Boxclub. In Räumlichkeiten in der Nähe des Stadions in Hütteldorf in Wien finden mehrmals die Woche Box- oder Kickbox-Trainings statt. Daran teilnehmen können nur szeneinterne Leute oder enge Bekannte, erzählt Lukas. Etwa jede zweite Woche finde auch ein extra Ackertraining statt, wo Aufstellungen und Taktiken besprochen werden. Bei diesen Einheiten werden vor allem die Neuen an Kampfstrategien herangeführt. „Da werden dann einfach wirklich so Zehn-gegen-Zehn hingestellt und dann spricht man Taktiken durch. Da wird dann trainiert, wie wir auf andere losgehen und wie wir uns verteidigen“, erklärt Lukas. Wegen seiner Arbeit kann er die Trainings aktuell nur unregelmäßig besuchen. Bei seinen letzten Einheiten vor rund einem halben Jahr seien meistens zwischen 20 und 30 Personen gewesen.
Gewalt spielt für Lukas nicht erst seit seiner Hooligan-Karriere eine große Rolle in seinem Leben. Sein Vater zog früh aus und ließ seine Mutter mit den vier Kindern allein. Schläge von der Mutter gehörten zum Alltag. Auch sein zwei Jahre älterer Bruder, der Lukas damals zum ersten Mal mit ins Stadion genommen hatte, verprügelte ihn regelmäßig. In der Schule hörte das nicht auf. Lukas erzählt von Mobbing, Ausgrenzung und Schlägen. „Ich hatte nicht einmal einen Ausweichpunkt, sodass ich sagen konnte, die ersten zehn Stunden am Tag habe ich meinen Frieden. Es war einfach immer eine unangenehme Situation“, sagt Lukas.
Lukas begann nach der Hauptschule sofort zu arbeiten und geriet schon damals immer wieder in Schlägereien. Aus seiner Jugend stammen mehrere Strafanzeigen, darunter eine wegen schwerer Körperverletzung, erzählt Lukas. Inzwischen seien alle getilgt. Mit 17 lernte er auf einem Ferienlager seine bis heute besten Freunde kennen – und seine erste echte Freundin. Sie hatten alle nichts mit Gewalt am Hut. „Da habe ich die Ruhe endlich einmal bekommen, nach der ich mich immer gesehnt habe als Kind. Einfach mal dieses Geliebtwerden und einfach mal im Arm gehalten werden“, erzählt Lukas über seine damalige Freundin, die ihn auch dazu bewegt habe, eine Psychotherapie zu beginnen. Über seine Freunde sagt er, dass sie politisch weit links sind. Mit ihnen sei er damals auf Demonstrationen der Antifaschisten-Bewegung in Wien mitgelaufen. „Wir haben die Burschenschafter, die am Weg in die Hofburg zum Akademikerball waren, aus den Taxis gezerrt und ‚Wir sind friedlich, was seid ihr?’ gerufen“, erzählt er. Irgendwann hat Lukas begonnen, solche Aussagen heuchlerisch zu finden. Friedlich sei das alles nicht gewesen. Er distanzierte sich für eine Zeit lang von seinen Freunden. Nach acht Jahren ging auch die Beziehung in die Brüche und damit auch die gewaltfreie Zeit, die mehr ein kurzes Intermezzo als ein tatsächlicher Bruch war.
Er zog für eine Lehre weg aus Wien. An seinem neuen Wohnort und Arbeitsplatz fühlte er sich aber gar nicht wohl. Er erzählt, dass er damals viele Überstunden arbeitete und laufend von seinem Ausbilder schikaniert wurde. Dieser soll ihn wiederholt mit der flachen Hand auf den Hinterkopf geschlagen haben. So erzählt es Lukas. Überprüfen können wir das nicht. „Ich habe das nicht mehr ausgehalten. Das Gefühl von Wut und Einsamkeit war wieder so groß. Ich musste das irgendwo ablassen“, erzählt er.
Eines Tages meldete sich dann sein Bruder bei ihm, mit dem Lukas zu diesem Zeitpunkt bewusst kaum Kontakt hatte. Er fragte ihn damals, ob Lukas nicht wieder einmal mit ins Stadion kommen möchte, und Lukas sagte zu.
Beim gemeinsamen Jubeln im Block West habe er endlich wieder das ersehnte Gemeinschaftsgefühl gespürt.
Sein Leben wandelte sich. Alles drehte sich jetzt um Fußball. Nach ein paar Spielen folgten die ersten Schlägereien im Stadion und außerhalb. Eine der besten Schlägereien war für Lukas die, in der er seinen großen Bruder verteidigen musste: „Als Kind bin ich immer von ihm verprügelt worden. Immer war er der Größere und Stärkere. Und da hat er nach mir gerufen. Das war die Genugtuung des Jahrzehnts.“
Lukas fand immer mehr Gefallen am Kämpfen, vor allem aber an dem überwältigenden Gefühl von Macht und Unbesiegbarkeit. Dieses „Sich-Unzerstörbar-Fühlen“ wird vor allem auch durch den Konsum von Drogen verstärkt. Alkohol ist bei Old-School-Kämpfen so gut wie immer im Spiel. Und auch Kokain spielt seit ein paar Jahren eine immer größere Rolle in Lukas’ Leben. Er spricht von einem Blutrausch, in den er verfällt, wenn er sich auf Koks prügelt. Das erste Mal probiert hat er es bei einem Kollegen aus der Berufsschule, erzählt er: „Wir haben uns dann am selben Abend noch zu dritt gegen sieben Leute geprügelt.“ Diese Schlägerei hatte nichts mit Hooliganismus oder gar Fußball zu tun, aber seither seien Kokain und Prügelei in Lukas’ Kopf miteinander verknüpft.
Anders sei das bei Ackerkämpfen. Da werden keine Drogen genommen, sagt Lukas. Das wäre kontraproduktiv. Er bereite sich wochenlang auf solche Kämpfe vor. Durch Kokain würde er sein Muskelgedächtnis zerstören und das ganze Training wäre umsonst gewesen.
Lukas bereut nicht vieles in seinem Leben. Die meisten Leute, gegen die er Schläge austeilt, hätten sie in seinen Augen verdient. Doch eine Schlägerei tut ihm tatsächlich leid. Vor etwa zweieinhalb Jahren spazierte damals ein Fan von Austria Wien in eine Bar im ersten Bezirk, in der Lukas mit seinen Freunden war. Das Lokal ist eigentlich als Treffpunkt für Rapid-Fans bekannt. Es kam zu einer Schlägerei.
Obwohl sein Gegenüber schon aufgegeben hatte, hörte Lukas nicht auf, auf ihn einzuschlagen: „Ich hab voll mit dem Ellbogen durchgezogen, und dann sind die ganzen vorderen Zähne draußen gewesen, und weitere Zähne haben gewackelt. Und die Nase habe ich ihm gebrochen.“ Sein Gegner habe damals auf die Polizei verzichtet und dessen Freundin habe ihn ins Krankenhaus gefahren.
Am darauffolgenden Tag plagten Lukas dann doch Schuldgefühle. Über einen gemeinsamen Bekannten baute er Kontakt zum Austria-Fan auf. Die beiden trafen sich in einem Wiener Café, sprachen sich aus und Lukas überreichte ihm ein Kuvert. Darin waren 2000 Euro. So viel habe in etwa die Zahnprothese gekostet, meint Lukas. Mittlerweile würden sich die beiden sogar wieder die Hände schütteln, wenn sie sich sehen, erzählt er.
Diese brutalen Schlägereien bleiben auch für Lukas nicht immer ohne gesundheitliche Folgen. Seit einem Jochbeinbruch hat er eine Metallplatte in der rechten Wange. „Da hat mir einer von der Seite ins Gesicht gedroschen“, sagt er. Das Schlüsselbein brach er sich im Boxstudio. Auf dem Acker kamen eine zerquetschte Nase, ein Schienbeinbruch, mehrere Fingerbrüche und Bänderzerrungen dazu – für ihn „nichts Dramatisches“. Doch auch, wenn die Schlägereien geplant sind und niemand Anzeige erstattet, geht es um Körperverletzung. Je nach Schwere können solche Taten mit Geldstrafen bis hin zu mehrjährigen Freiheitsstrafen geahndet werden.
Lukas selbst sei im Fußballkontext noch nie mit der Polizei aneinandergeraten. „Glückssache“, wie er sagt. Oft sei es knapp gewesen. Doch ist das wirklich Glückssache?
Wie viel weiß die Polizei von solchen Prügeleien, die in Bars, auf der Straße, im Stadion und am Acker passieren? Und wie geht sie dagegen vor?
Rund um Fußballspiele ergreift die Polizei weitreichende Sicherheitsvorkehrungen, um Ausschreitungen zu unterbinden. Vor allem die Sicherung von sogenannten Hochrisikospielen – wie Rapid gegen Austria – ist aufwendig. Für solche Spiele ist eine Vielzahl an Einsatzkräften notwendig. Beim letzten Wiener Derby Ende September waren es 133. Der Fokus liegt dabei immer auf dem Schutz jener Fans im Stadion, die mit Gewalt gar nichts zu tun haben. Ihnen soll ein sicheres Spiel und eine angenehme An- und Abreise ermöglicht werden.
Wenn die Polizei von Auseinandersetzungen zwischen Fußballfans außerhalb des Stadions am Acker oder auf der Straße erfährt, schreite sie natürlich ein, heißt es von der Landespolizeidirektion Wien. Lukas geht aber davon aus, dass die Polizei davon im Vorfeld nur selten etwas mitbekommt. Bei sämtlichen Kämpfen, an denen er teilgenommen hat, sei sie zumindest noch nie vor Ort gewesen. Als im Juli am Tag vor einem Fußballspiel allerdings ein Duell zwischen Rapid Wien und Union Berlin stattfinden hätte sollen, meldete sich der Rapid-Capo kurzfristig bei seinen Hooligans: Die Polizei soll von der geplanten Schlägerei Wind bekommen haben, der Kampf wird abgesagt. Die Polizei Wien sagt, dass ihr zu dieser geplanten Schlägerei keine Informationen vorliegen. Am Spieltag selbst kam es dann aber im und rund ums Stadion zu Ausschreitungen. Es wurde niemand festgenommen, aber mehrere Personen angezeigt. Wie viele, gibt die Polizei bislang nicht bekannt, da die Aufarbeitung der angezeigten Tatbestände noch im Gange sei.

Untätig ist die Polizei also nicht. Im Juni 2024 wurde in Graz etwa eine eigene Ermittlungsgruppe für „Szenetypische Gewalt Sport“ eingerichtet. Die Aufgabe dieser Gruppe ist es, „Intensivtäter und gewaltbereite Störer aus ihrer Anonymität zu holen“, erzählt die Chefinspektorin Evelyn Trattner, Leiterin des zuständigen Fachbereichs im Kriminalreferat. Die Ermittlungsgruppe war eine Reaktion auf massive Ausschreitungen 2023 beim Grazer Fußball-Derby Sturm gegen GAK. Die Bilanz nach einem Jahr Ermittlungstätigkeit: Es ist gelungen, aus über 100 Strafakten mit 75 unbekannten Tätern 43 Verdächtige zu entlarven. Die Aufklärungsquote ist dadurch von einem niedrigen einstelligen Bereich auf 57 Prozent gestiegen.
Neben der Polizei gebe es aber noch einen weiteren wichtigen Player in der Eindämmung von Gewalt im Fußballkontext. Sportsoziologe Otmar Weiß sieht vor allem die Fußballvereine gefragt. Sie seien näher an den Fans als die Behörden. Vor allem große Vereine haben meistens eigene Fanbeauftragte. Sie würden laut Weiß in der Regel wissen, wer in der Hooligan-Szene aktiv ist und außerdem ihre Strukturen, Sprache und Dynamik kennen.
„Es ist wichtig, die gewaltbereiten Fans aktiv in Club-Strukturen einzubinden, indem man sie zum Beispiel einlädt, an Vereinsentscheidungen mitzuwirken. Wer mehr Verantwortung bekommt, versteht schneller, dass die Gewalt dem Verein, der eigenen Gruppe und am Ende auch einem selbst schadet“, sagt der Soziologe.
Manche Fans könnten so zu wichtigen Verbündeten bei der Gewaltprävention werden. „Solche Maßnahmen funktionieren am besten, wenn sie nicht von außen aufgedrückt werden, sondern von innen, von den Vereinen selbst, gelebt werden.“
Bei Rapid Wien sind vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Klubservice für die Betreuung der über 200 Fanklubs zuständig. Sie treffen sich auch regelmäßig mit Vertretern der gewaltbereiten Ultra-Gruppen. Von Personen, die am Acker kämpfen, weiß man allerdings nichts, heißt es aus dem Pressebüro.
Sturm Graz beschäftigt zwei Vollzeit-Fanbeauftragte. Einer davon ist Dominik Neumann. Er kennt die Fankurve seit seiner Jugend. Neumann findet es wichtig, die individuellen Hintergründe gewaltbereiter Fans zu verstehen, um gezielt ansetzen zu können. Aber das sei nicht seine Aufgabe, meint er. Denn der überwiegende Teil der rund 15.000 aktiven Sturm-Fans habe mit Gewalt gar nichts zu tun. Und um diese Fans hat er sich zu kümmern.
Über die Initiative „Sturm Hilft“ unterstützt der Verein aber etwa Einrichtungen wie die steirischen Frauenhäuser und den Verein für Männer- und Geschlechterthemen, etwa mit Spendenboxen, die bei Veranstaltungen aufgestellt werden. Eberhard Siegl, Verbandssekretär des Dachverbands für Männerarbeit in Österreich und Leiter des Instituts für Männergesundheit Salzburg, sagt, dass solche Kooperationen mit Vereinen vor allem wichtig sind, um auf Hilfsangebote aufmerksam zu machen. Denn tatsächlich kämen rund zehn bis fünfzehn Prozent aller Klienten der Männerberatung aus dem Fußballmilieu. Die meisten davon melden sich nicht selbst, sondern werden von Gerichten, der Polizei oder Familienangehörigen an die Männerberatung verwiesen. „Wenn wir solche Klienten bekommen, ist die Impulskontrolle ein wichtiges Thema. Wir sagen ihnen, dass sie ihre Aggressionen oder Energien weniger gegen andere richten sollten, sondern in Bahnen lenken, die weder für sie selbst noch für andere gefährlich sind. Sie sollten die Energie in eine positive Fürsorge für sich selbst investieren“, sagt Siegl. Das passiere in Gruppen- sowie Einzeltherapien.
Durch die Zusammenarbeit von Polizei, Vereinen und Hilfseinrichtungen kann Gewalt rund um Fußball eingedämmt und, wenn sie stattfindet, unterbunden werden. Verschwinden wird sie dadurch allerdings nicht. Um ihr langfristig vorzubeugen, bräuchte es laut dem Soziologen Otmar Weiß einen viel umfassenderen gesellschaftlichen Ansatz – einen, der nicht erst im Stadion oder am Acker ansetzt, sondern schon viel früher: nämlich bei werdenden Eltern.
Weiß denkt dabei an Schulungen und Kurse, die junge Mütter und Väter auf eine gewaltfreie Erziehung vorbereiten. Solche Maßnahmen würden laut Weiß nicht darauf abzielen, ein paar gewaltbereite Fußballfans davon abzuhalten, sich zu verprügeln, sondern vielmehr darauf, Kindern so früh wie möglich gewaltfreie Konfliktlösungen und respektvollen Umgang beizubringen. Die Förderung eines gewaltfreien Miteinanders – besonders in der Familie – sieht Weiß als entscheidend für eine friedlichere Gesellschaft. Das gelte für alle Formen von Gewalt, nicht nur im Fußballkontext.
Bei Lukas ist dieser frühe Ansatz verpasst. Aktuell denkt er nicht daran, die Prügeleien hinter sich zu lassen. Das hat er auch seiner aktuellen Partnerin vor ihrer Beziehung offen kommuniziert. Sie hat das akzeptiert, auch wenn sie nicht glücklich darüber ist, sagt er. Erst wenn die beiden einmal Kinder haben, möchte Lukas mit dem Kämpfen und Koksen aufhören.
„Es wäre das Unangenehmste für mich, wenn ich eine wunderschöne Tochter habe, die sich in der Früh auf mich freut, und dann komme ich mit einem blauen Auge heim. Das wäre das Peinlichste“, sagt er.
Bis es so weit ist, werden die Urlaubstage und Dienste aber weiterhin so gelegt, dass Lukas bei jedem Spiel und Kampf dabeisein kann.
Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas
Die im Audiofile verwendeten Sounds sind Aufnahmen von YouTube-Videos, die Ackerkämpfe zwischen deutschen Hooligan-Gruppen zeigen.
Quelle: YouTube/ DE FFW24
