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Das ist Teil drei von „Nach dem Absturz“: Eine investigative Audio-Serie in fünf Teilen über die Folgen eines großen Unglücks — und darüber, wie man ein tiefes Trauma bewältigen und wieder zurück ins Leben finden kann.
Es ist Juli 2019. Vor zwei Tagen ist Martin in einem kleinen Wasserflugzeug an Kanadas Westküste abgestürzt. Sein bester Freund und Mentor Harald ist noch am Unfallort gestorben. Zwei weitere Passagiere und der Pilot haben den Unfall ebenfalls nicht überlebt.
Martin wird nach nur einer Nacht aus dem kanadischen Spital entlassen, obwohl er starke Schmerzen und ein großes Trauma vom Absturz hat. Er nimmt also den nächsten verfügbaren Flug zurück nach Europa, zugedröhnt mit starken Beruhigungsmitteln, um seine Flugangst zu überwinden. Martin wird vom Flughafen abgeholt und zu seiner Frau Dagmar sowie seinen Kindern gebracht, auch Martins Eltern sind da.
Martin erzählt: „Meine Mutter steht da mit tränenden Augen. Alle stehen da. Und es überkommt mich. Ich setze mich hin und erzähle meine Geschichte zum ersten Mal.“ Er habe in dem Augenblick gesehen, wie die Augen aller Beteiligten am Tisch immer glasiger werden. „Und als ich fertig bin, stehe ich auf und gehe in den Garten. Für mich war das in dem Moment der erste Schritt der Befreiung.“ Mit jedem Mal, wo er die Geschichte erzählt, fühle es sich einfacher an. Martin merkt, „drüber reden“ tue ihm gut. Es hilft ihm, den Absturz zu verarbeiten.
Am Abend bekommt er einen Anruf aus Kanada vom Transportation Safety Board. Am anderen Ende der Leitung meldet sich der Chefermittler und stellt Fragen. Er will wissen, wie Martin die letzten Minuten des Flugs wahrgenommen hat.
„Die haben meine Kamera und meine GoPro gefunden. Die habe ich ja nicht mitgenommen. Der Herr hat gesagt, dass das quasi Beweismittel ist und dass die Kamera und die Linse kaputt sind. Wenn alles abgeschlossen ist, dass ich das zurückbekommen kann.“
Es wird viele Jahre dauern, bis er die verloren geglaubten Bilder wieder zurückbekommen wird. Wir werden später noch darüber sprechen. Denn auf den Fotos sind überraschende Dinge zu sehen.
Am nächsten Tag steht Martin ein schwieriges Treffen bevor. Er trifft Gudrun, die Witwe seines verstorbenen Freundes Harald. Er muss ihr die Details des Absturzes erzählen. Aber er bringt es einfach nicht übers Herz, ihr die Wahrheit zu sagen, dass Martin nicht bei Harald war, als er gestorben ist.
„Und beim Erzählen der Geschichte erzähle ich eine Lüge, die mich über Jahre hinweg verfolgt“, gesteht Martin. „Ich sage ihr, dass ich bei Harald geblieben bin, bis er gestorben ist. Und in dem Moment wollte ich, dass sie glaubt, dass Harald nicht alleine gewesen ist, als er gestorben ist.“
Martin ist vom Absturz schwer traumatisiert und weiß: Er braucht professionelle Unterstützung bei der Verarbeitung der Ereignisse der vergangenen Tage. Aber zuerst muss er sich um seine höllischen Schmerzen kümmern. Also fragt er einen Freund, der im Spital in Baden bei Wien arbeitet, ob sie gemeinsam zu einer Ärztin gehen können.
„Ich werde wieder geröntgt, komme zurück in den Raum und die Ärztin sagt zu mir, es ist nicht verwunderlich, dass ich so starke Schmerzen habe, weil ich drei gebrochene Rippen habe. Sie kann sich nicht vorstellen, wie man so etwas mit Röntgen und Computertomografie nicht sehen kann.“
Du erinnerst dich vielleicht noch an eine vorhergehende Episode. Martin ist damals aus dem Spital in Kanada höflich, aber bestimmt rausgeworfen worden, und das nicht einmal 24 Stunden nach dem Absturz. Der Arzt sagte, dass sie die Ursache für seine Schmerzen nicht finden konnten, trotz Computertomografie. Bei einer frischen Rippenverletzung kann es tatsächlich manchmal schwer sein, einen Bruch im CT zu sehen, aber die Ärzte hätten weiter an der Ursache von Martins Schmerzen suchen müssen. Martin sagt, die Ungewissheit, woher die starken Schmerzen kommen, habe ihn damals extrem belastet. Außerdem kann es zu Komplikationen kommen, wenn ein Rippenbruch falsch zusammenwächst oder innere Organe verletzt werden.
Und vielleicht erinnerst du dich auch an ein Armbändchen, das Martin in einem kanadischen Spital angelegt bekommen hat. Da stand „NC“ drauf. Martin glaubte in der Situation, es stehe für „No Credit Card“. Deshalb glaubt er auch noch immer, es war eine wirtschaftliche Entscheidung, Martin nicht weiter zu untersuchen, weil man sich nicht sicher war, ob er die Rechnung überhaupt bezahlen wird. Martins Kreditkarte liegt in dem Moment irgendwo am Absturzort. Vom Spital hat er dann wirklich noch eine Rechnung bekommen, umgerechnet rund 1600 Euro.
Die Ärztinnen in Baden bei Wien sind auf jeden Fall ziemlich schockiert über Martins körperlichen und vor allem seinen seelischen Zustand. „Und die Ärztin sagt, dass sie mich sofort stationär aufnehmen kann mit dem, was mir passiert ist”, erzählt Martin. „Aber ich sage, das wird es nicht spielen, weil ich muss ja arbeiten. Und die Ärztin sagt dann, also sie gibt mir eine Liste mit mehreren Namen. Und sie sagt, dass ihrer Meinung nach für das Trauma nur eine Frau in der Gegend und ihrer Meinung nach die richtige Person ist. Und dass die Dame in dem Bereich die Koryphäe schlechthin ist.”
Hilfe von der Psychotherapeutin
Martin fährt nach Hause und ruft bei der Frau an. Und er ist erleichtert, weil er sehr schnell einen Termin bekommt. Bis es aber so weit ist, geht Martin ganz normal zurück an seine Arbeit als Küchenchef im Restaurant und Hotel, das seine Frau und er gemeinsam betreiben. Die Ablenkung tut ihm dann doch gut.
Ein paar Tage später fährt Martin dann zur langersehnten ersten Therapiestunde. Er glaubt, dass es eine ganz normale Therapie sein wird, bei der er von seinem Trauma erzählt, die Psychotherapeutin zuhört und Rat gibt. Aber die Therapiemethode ist eine ziemliche Überraschung. Zum Einsatz kommen vibrierende Gegenstände. Aber der Reihe nach.
Barbara Wilfinger ist klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin. Sie hat Psychologie an der Universität Wien studiert und danach eine Ausbildung für psychoanalytisch-psychodynamische Psychotherapie gemacht. Ihr Fokus liegt auf der Behandlung von Traumata.
Barbara Wilfinger arbeitet in einem kleinen Haus in Hennersdorf, am südlichen Stadtrand von Wien, nicht weit entfernt von Möllersdorf, wo Martin wohnt und arbeitet. Barbara Wilfinger ist Mitte fünfzig, trägt eine rahmenlose, dünne Brille und hat blondgefärbte, lange Haare. Sie strahlt Ruhe und Zuversicht aus.

Zu Barbara Wilfinger kommen die verschiedensten Menschen mit ihren Problemen: Angstthematik oder Beziehungskrise, Probleme im Beruf oder in der Familie. Zentral sind oft Depressionen. Wilfinger sagt: „Die Depression kann eine Folgestörung einer posttraumatischen Belastungsstörung sein. Es kann sein, dass jemand ein oder mehrere schwierige Lebensereignisse hinter sich gebracht hat, eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt hat.“
Die Psychotherapeutin erklärt mögliche Folgen: „Wenn diese nicht bearbeitet worden ist, kann daraus langfristig eine depressive Erkrankung entstehen. Auch eine Panikstörung oder Angststörung sind möglich. Nicht immer muss unbedingt eine traumatische Erfahrung im Hintergrund mitlaufen. Sehr häufig ist das der Fall, wenn man genau schaut.“
Um diese Probleme zu therapieren, gibt es unterschiedliche Ansätze, erzählt die Psychotherapeutin. Ein Beispiel ist die „narrative Therapie“, wo man in Form von Erzählungen und Erzählgeschichten das eigene Erleben und die eigene Biografie besser einordnen kann.
Wilfinger führt aus: „Dabei sieht man sich im Nachhinein, im sicheren Hier und Jetzt, die Erlebnisse noch einmal neu an. Sie sollen neu bewertet werden, das in der Biografie eingeordnet werden.”
„Das Ziel ist, zu verstehen, dass meine Gefühle im Hier und Jetzt mit dieser Erfahrung im Dort und Damals zusammenhängen.”
Wilfinger erklärt den Zusammenhang: „Sie sollen dort verstanden und zugeordnet werden, und das führt letztlich dann zu dieser Entlastung im Hier und Jetzt und zur Reduktion der Symptome.”
Aber mit Martin hat sie etwas anderes vor. Barbara Wilfinger erfährt vom Flugzeugabsturz und wie es ihm damit geht. Sie sagt, dass Martin damals eindeutig Anzeichen für eine posttraumatische Belastungsstörung hatte.
„Ein Kriterium dafür sind sogenannte Intrusionen”, sagt Wilfinger. „Das sind Erinnerungsbilder oder andere Phänomene, Geruchsphänomene oder körperliche Sensationen, Flashbacks. Das Gehirn präsentiert diese Erfahrungen in Form von blitzartigen Bildern. Es gibt aber auch Dauerintrusionen. Das dient der Verarbeitung, aber man merkt, dass sich das Gehirn mit der Einordnung des Geschehenen plagt.”
Ein weiterer Punkt sei die Vermeidung. Jemand vermeidet dann den Ort, die Tätigkeiten oder die Themen, die mit dem traumatischen Vorfall im Zusammenhang stehen. Das dritte Kriterium für eine posttraumatische Belastungsstörung wird Hyperarousal genannt. Es ist eine Übererregung, die sich in Form von Schlafstörungen, Unruhezuständen, Aggression oder Wut äußert. Es gibt das Symptom aber auch umgekehrt, Hypoarousal, eine Art von emotionaler Taubheit.
Für Martin sind es ganz bestimmte Erinnerungen, die ihn extrem belasten. Immer wenn er die Augen schließt und versucht zu schlafen, erlebt er die Sekunden vor dem Unfall wieder: Er sieht die Baumwipfel, die das Flugzeug streifen, was dann letztendlich zum Absturz führt. Und dann triggert ihn auch die Erinnerung an diesen stechenden Geruch von Kerosin.
„Es war klar, dass die EMDR-Methode da ganz gut helfen wird. Es geht bei der Methode um Desensibilisierung und Weiterverarbeitung mithilfe von Augenbewegungen.“
Die Abkürzung EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing. Die Methode ist ein Zufallsfund der US-amerikanischen Psychologin Francine Shapiro. Sie hat damals bei einem Spaziergang im Park festgestellt, dass sich ihre eigene psychische Belastung durch gezielte Augenbewegungen nachhaltig verbessert hat.
Die Methode wurde dann weiterentwickelt, auch mit der Hilfe von vibrierenden Gegenständen, genannt Pulsatoren – oder auch Lichtbalken. Für Martin hört sich das erst mal ziemlich eigenartig an.

Die Therapeutin sagt, sie wird mir vibrierende Gegenstände in die Hände geben“, erzählt Martin. „Von der Therapie habe ich vorher noch nie etwas gehört. Und im ersten Moment fühlt es sich komisch an. Ich frage mich: Ist das irgendwas mit Hokus-Pokus?”
Barbara Wilfinger erzählt, dass ihre Klientinnen oft skeptisch auf die EMDR-Methode reagieren würden, bei ihr in der Praxis und auch international. Aber es wurde viel geforscht, unter anderem an Kriegsveteranen. Dort hat man vor allem mithilfe von Augenbewegungen die posttraumatische Belastungsstörung, unter der die meisten Veteranen eben gelitten haben, behandelt und auch klinisch untersucht. „Man ist zur Erkenntnis gekommen, dass die EMDR-Methode sehr hilfreich für posttraumatische Belastungsstörung ist. Dazu gibt es auch ganz viele Studien, das ist wissenschaftlich eine sehr gut untersuchte Methode, weil sie halt sehr unkonventionell ist.”
Martin lässt sich also darauf ein. Er sitzt im Therapiezimmer, auf einem kleinen Tisch steht ein Glas Wasser und eine Packung Taschentücher. Er schaut auf einen roten Teppich am Boden und wartet, was jetzt auf ihn zukommt. Frau Wilfinger gibt ihm die zwei türkisen Gegenstände in die Hände. Sie sind etwa so groß wie kleine Streichholzschachteln.
Martin sagt über den ersten Moment:
„Sie sind mit einem Kabel verbunden und gehen zu einem Apparat, den sie in der Hand hat. Und mit einem Anfang, die anzuvibrieren. Sie fragt mich, ob die Intensität und die Geschwindigkeit in Ordnung sind. Für mich könnte es ein bisschen kräftiger sein. Und dann stellt sie es so ein, dass es kräftiger ist.”
Die Pulsatoren, also die kleinen türkisen Gegenstände in Martins Händen, vibrieren jetzt abwechselnd. Sie lösen eine bilaterale Stimulation aus. Das bedeutet: Das Gehirn wird abwechselnd durch einen äußeren Reiz angeregt. Die Stimulation passiert immer einmal links und einmal rechts. Das soll einen inneren Austausch der Informationen, einen Abgleich der linken und rechten Gehirnhälfte initiieren.
„Auch im Traumschlaf bewegen sich die Augen ganz schnell nach links und rechts”, sagt Wilfinger. „Dort, nehmen wir an, wird der Tag und kleinere Belastungen verarbeitet. Durch den Traum und durch den Schlaf kommt es dann zu einer Entlastung und die Person wacht sozusagen erholt und gestärkt wieder auf.”
Es gibt verschiedene Varianten der EMDR-Methode, um traumatische Erlebnisse zu bearbeiten und explizite Erinnerungen auch in einer Art verblassen zu lassen. Ganz wichtig ist aber die Rechts-links-Stimulation im Gehirn. „Man kann eben mit Vibrationen arbeiten oder abwechselnd auf den Handrücken drücken, wenn das der Klient erlaubt”, erklärt die Psychotherapeutin. „Man kann auch mit Tönen über Kopfhörer arbeiten. Eine andere Möglichkeit ist, einen Balken zu verwenden, wo ein Licht hin und her läuft und die Augenbewegungen simuliert werden.”
Heute, sagt Barbara Wilfinger, würde die Methode wahrscheinlich nicht mehr EMDR genannt werden. Im Grunde ginge es darum, „mit Hilfe bilateraler Stimulation eine Weiterverarbeitung eines damals steckengebliebenen, eingefrorenen Prozesses zu erreichen.”
Dann kommt für Martin gleich der erste wichtige Schritt der Therapie.
„Und dann geht es los. Frau Wilfinger fragt mich, was mich am meisten belasten würde. Und für mich ist ganz klar das Bild mit den Bäumen. Der Geruch von Kerosin.”
Martin erzählt weiter: „Und dass ich Harald, also das abgetrennte Bein von Harald, alleine gelassen habe. Und wir fangen an, ich soll das Bild kurz beschreiben. Frau Wilfinger fragt mich, wie belastend es sich anfühlt und wo ich es jetzt im Körper spüren kann. Und dann in dem Moment gehen die Pulsatoren an.”
Martin hat ein enormes Gedächtnis. Er kann mir jedes kleinste Detail von den Tagen vor und nach dem Absturz erzählen… und deswegen ist das, was jetzt passiert, ziemlich komisch. Ich frage Martin, was als Nächstes passiert ist während seiner EMDR-Therapie, und er erinnert sich nicht.
„Und das ist lustig, ich weiß gar nicht, wie das dann weitergeht. Ich weiß nicht. Na wirklich, ich weiß nicht mehr, was sie mich gefragt hat”, sagt Martin und führt aus: „Also ich wurde mal als global to specific, wie heißt, analysiert. Dass, wenn ich in den Raum reingehe, alles. Ich sehe das Große und auch die kleinen Details. Aber es ist lustig, dass ich mich jetzt nicht mehr daran erinnern kann, was sie mich gefragt hat. Was so entscheidend ist für das komplette Konzept. Aber ich weiß es wirklich, und ich will jetzt keinen Scheiß erzählen. Ich weiß nur, dass das Bild dann nachher weg war.”
Langsames Verblassen
Martin geht sechs-, siebenmal zu Barbara Wilfinger und dann setzt das ein, was für Martin wie eine Erlösung ist: Die Erinnerungen und Sinneseindrücke, die ihn so belastet haben, verblassen. Die Baumwipfel kurz vor dem Absturz sieht er nicht mehr klar vor sich und auch der Geruch von Kerosin triggert ihn nicht mehr. „Aber bis dato habe ich oft Kerosin gerochen. Und es ist jetzt nicht, dass es mich im Negativen belastet. Weißt du, ich kann mich an so viele Details erinnern, aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie das mit dem Harald mit dem Bein aussah.”
Die Bilder sind für ihn irgendwie gelöscht. Die EMDR-Therapie hat gewirkt, auch weil sie in einen Behandlungsplan mit anderen therapeutischen Maßnahmen eingebettet ist.
Es gibt unterschiedliche Annahmen, wieso EMDR bei der Traumatherapie hilft. Eine Hypothese ist die, dass es ein ähnlicher Mechanismus ist wie im REM-Schlaf, also REM steht für Rapid-Eye-Movement, wo sich im Schlaf bei uns die Augen auch ganz schnell hin und her bewegen und die Geschehnisse des Tages verarbeiten.
Wilfinger erklärt auch noch eine weitere Möglichkeit: „Die zweite Annahme ist, dass dieser Links-rechts-Reiz eine Orientierungsreaktion macht. Diese ursprüngliche belastende Erfahrung wird aufgrund der Orientierungsreaktion mal ein Stückchen in den Hintergrund gedrängt, verliert ihre Bedeutung.”
Die dritte Hypothese, sagt Barbara Wilfinger, lautet, dass durch das Therapie-Setting der Entspannungsmodus eintritt. „Weil wir gemeinsam ganz genau schauen, was passiert ist? Was hast du darüber gedacht? Wie hast du dazu gefühlt? Was denkst du jetzt darüber? Wie fühlst du jetzt darüber? Wo macht es im Körper noch Probleme? Die Haupt-Hypothese ist, dass die Links-rechts-Bewegung zur Aktivierung des Entspannungsmodus, des Parasympathikus, führt.”
„In diesem Zustand können wir aus der Distanz auf diese Situation schauen und verstehen, dass die Situation im Dort und Damals liegt und schlimm war, aber vorbei ist.”
Aber auch wenn die traumatisierenden Bilder verschwunden sind, ist Martin sehr belastet vom Tod von Harald, seinem besten Freund und Mentor. Martin macht sich Vorwürfe. Die Psychotherapeutin Barbara Wilfinger zeigt Martin eine Übung, wie er Frieden mit der Situation finden kann, das Konzept heißt „der innere Garten“.
Martin beschreibt, was in ihm passiert ist: „Das ist ein sehr wertvoller Tipp, weil ich immer noch damit zu kämpfen habe, dass ich Harald allein gelassen habe, und sie erklärt mir den inneren Garten, dass ich abends vorm Schlafengehen die Augen schließen soll und mir vorstelle, in einem wunderschönen Garten, in einem eingezäunten Garten zu sitzen mit ihm, mit Harald auf einer Bank. Dass wir einen wunderschönen Sonnenuntergang haben, dass ein Teich da ist, Blumen, Vögel zwitschern. Und dann der Zeitpunkt kommt, wo ich zu Harald sage, ich muss jetzt gehen, und ich ihn da sitzen lasse, aber nicht im Bösen, sondern er ist da, wo er sich immer am wohlsten gefühlt hat, in seinem Garten. Ich gehe einen schmalen Weg entlang, öffne die Gartentür, schaue ihm noch einmal an, bin gegangen, er winkt mir zurück, ich öffne die Tür, gehe durch die Tür, schließe die Tür und weiß, dass es Zeit für ihn war, aber noch nicht meine.“
Wilfinger ergänzt: „Das ist eine sehr tröstliche Vorstellung, dass es einen Garten gäbe, wo wir diese Menschen auch hin entlassen können, wo wir sie sozusagen wissen, dass sie gut aufgehoben sind, dass für sie gesorgt ist, dass sie dort alles kriegen, was sie brauchen, weil wir dann unsere Beschäftigung damit und unsere Sorgen und unsere Gedanken damit auch ein bisschen beenden können, und uns ein Stückchen davon distanzieren können, wenn wir sie dorthin schicken. Das ist etwas, was ich mit Klienten sehr häufig auch mache und was eben sichtlich bei Martin auch eine wichtige, entlastende Erfahrung für ihn war, das zu tun.“
Mit Hilfe der Therapie hat Martin verstanden, dass er damals am Unfallort das Richtige gemacht hat. Hätte er nicht Hilfe geholt, wäre vermutlich auch Greg, ein weiterer Passagier, gestorben. Die Rettungskette wäre langsamer in Gang gekommen und der lebensrettende Sauerstoff wahrscheinlich zu spät beim schwer verletzten Greg angekommen. „Ich glaube“, sagt Martin und korrigiert sich gleich selbst, „ich bin sicher, wenn ich da geblieben wäre und er in meinen Händen gestorben wäre, hätte ich mir für ewig Vorwürfe gemacht. Letztendlich, denke ich, hat dadurch Greg überlebt. Das ist ein schwacher Trost, aber ich glaube, dass Harald so oder so nicht überlebt hätte. Was hätte ich machen sollen?“
Martins Heilungsprozess schreitet langsam voran. Jeden Tag telefoniert er mit Gudrun, der Frau seines verstorbenen Freundes Harald. Nachdem er mit ein paar EMDR-Einheiten die Bilder losgeworden ist, startet er nach ein paar Monaten auch eine weitere Psychotherapie, bei einer anderen Therapeutin, diesmal ganz klassisch als Gesprächstherapie und ohne vibrierende Gegenstände.
„Also das, was ich mitgenommen habe, war: Sie hat mich gebeten, einen Brief an Harald zu schreiben. Und den Brief habe ich geschrieben, und den haben wir das nächste Mal besprochen. Und das war auf der einen Seite unheimlich befreiend und auch trotzdem unheimlich traurig.“
Nach fünf Wochen kann dann auch endlich das Begräbnis seines besten Freundes Harald in seiner Heimatstadt Kassel stattfinden. Haralds Körper wird noch in Kanada eingeäschert, die Urne wird dann mit dem Flugzeug in Haralds Heimat nach Deutschland gebracht.
Martin erzählt: „Letztendlich kommt Harald in einer kleinen Box, 15 mal 15 Zentimeter, die eckig ist, nach Deutschland. Und in Deutschland ist die Regel, dass es keine eckigen Urnen gibt, und deswegen wird die Asche von einer eckigen Pappurne in eine runde Urne umgeschüttet. Aber das ist, wenn man Harald kannte, ein Riese von Mensch, und sieht dann diese kleine Urne, ist das sehr, also für mich ist es sehr belastend.“
Der Überstellungsflug der Asche ist nicht billig. Martin erfährt von Haralds Frau, dass alleine der Flug von Vancouver nach Frankfurt satte 6800 Euro kostet. Es ist ein Vielfaches des Flugtickets der ursprünglichen Reise. Beide sind über die Wucherpreise irritiert, eine zusätzliche Belastung zur ohnehin schon schweren Trauerarbeit.
Martin fährt zur Beerdigung und nimmt Abschied von Harald.
Einige Wochen nach dem Absturz beginnen auch die Verhandlungen mit den Anwälten der Airline. Über den Inhalt der Gespräche wurde Stillschweigen vereinbart, also kann Martin leider nicht darüber erzählen. Nur so viel: Die Verhandlungen sind hart und psychisch sehr belastend.
Ein Brief, der alles verändert
Martin fühlt sich mit dem Erlebten ziemlich einsam. Er würde so gerne mit jemandem sprechen, der ihn wirklich versteht. Was er nicht weiß: Auf der anderen Seite des Atlantiks, wartet eine neue, ganz besondere Freundschaft auf ihn. Denn plötzlich liegt ein Brief aus Amerika in seinem Briefkasterl.
Auf dem Brief steht „Dear Martin“. Ich fasse kurz auf Deutsch zusammen, was damals in dem Brief steht. „Ich wollte dir meine Kontaktinformationen geben. Wenn ich irgendwas für dich tun kann, gib jederzeit Bescheid. Vielleicht kann ich helfen, vergiss nicht, du hast Freunde hier, wir denken an dich! Gezeichnet, dein Freund Rusty“

Mein Name ist Russ Gentry.“ Russ, oder wie ihn Freunde nennen: Rusty, ist um die 70, hat kurze graue Haare und Bartstoppeln. Er lebt in den Bergen von Kalifornien in der Nähe von San Francisco, in Placerville. Er hat Martin und Harald schon 2016 kennengelernt, damals, als sie mit ihren Familien gemeinsam das erste Mal zur Fischerhütte geflogen sind. „Ja, da sind echt nicht viele Ausländer sonst, nur Kanadier und Amerikaner. Ich war ziemlich beeindruckt, zwei Deutsche dort oben zu treffen.“
Rusty verrät den beiden damals seine Geheimplätze, wo die Lachse am besten anbeißen. Und Rusty ist auch drei Jahre später, im Juli 2019, zufällig auf dem gleichen Trip wie Martin und Harald. Sie fliegen am gleichen Tag von Vancouver in Richtung Fischerhütte - aber Rusty sitzt damals in einem anderen Flugzeug, er stürzt also nicht ab.
Und weil Rusty natürlich vom Unglück erfahren hat, schreibt er dem Martin diesen Brief, ganz altmodisch per Post.
„Ich meine, sie gehörten irgendwie zu uns. Ich habe mich verantwortlich gefühlt.“
Rusty erzählt: „Die ganze Situation hat mir einfach so leidgetan. Deswegen finde ich, es war total richtig, Martin zu kontaktieren. Viele Männer sagen einfach: ,Lass mich in Ruhe.′ Aber Martin hat keine Angst, seine Gefühle zu zeigen, er ist ein sensibler, lieber Kerl. Ich wollte nicht, dass er sein Leben lang unter dem Absturz leidet. Es wäre nicht fair ihm gegenüber, den Rest seines Lebens so zu verbringen. Es wäre auch nicht fair für die Menschen um ihn herum, das für immer ertragen zu müssen. Ich wollte ihn einfach davon überzeugen, ermutigen, ja, dass es mit der Zeit besser werden würde.“
Martin ist berührt von dem lieben Brief von Rusty und er antwortet ihm per E-Mail. Der Kontakt wird langsam intensiver. Jetzt hört Martin auch zum ersten Mal, wie die Nachricht vom Flugzeugabsturz damals auf der Fischerhütte angekommen ist, und erfährt, wie Rusty reagiert hat. Weil der entscheidet damals nämlich sofort, seinen Urlaub abzubrechen.
„Also habe ich mit meinem Angelpartner darüber gesprochen. Wir waren beide der Meinung, dass wir lieber nicht bleiben wollten. Wir wollten lieber die Überlebenden besuchen und schauen, ob wir etwas tun können. Deshalb haben wir beschlossen, zurück nach Vancouver zu fliegen“, erzählt Rusty. Er und vier weitere Angeltouristen fahren gleich am nächsten Tag ins Spital, um die Überlebenden zu besuchen. In Vancouver liegen Doug und Kevin mit ihren Beinverletzungen.
Rusty erzählt: „Kevin ist gut gelaunt, trotz dem, was ihm passiert ist. Es scheint ihm den Umständen entsprechend gut zu gehen. Dann gehen wir die Treppe hinunter zur Intensivstation, um Doug zu besuchen. Und ihm geht es viel schlechter. Er hat sich sehr gefreut, uns zu sehen. Ich habe seine Hand genommen, und während ich mit ihm gesprochen habe, hat er meine Hand nicht losgelassen.“
Zwischen ihm und Rusty entsteht langsam eine ganz besondere Verbindung, erzählt Martin.
„Letztendlich schreiben wir uns vier Jahre lang jeden Tag.“
Martin erklärt sein Motiv dafür: „Die Nachrichten sind irgendwie die Lebensader, die mich über den Tag bringt. Und aus diesen Briefen oder Nachrichten entsteht etwas, was ich nicht mehr missen möchte.“
Und weil Martin dieser Kontakt so guttut, macht er sich auch auf die Suche nach den anderen Überlebenden. Er findet Mike aus Oklahoma und Greg aus Colorado, und er schreibt ihnen eine E-Mail. Und bekommt noch am gleichen Tag eine Antwort: Er erfährt, dass Greg mit seiner schweren Lungenverletzung nur um ein Haar überlebt hat. Greg erzählt, dass er seinen Sohn Eric damals überredet hat, auf die Reise mitzukommen. Doch Eric ist beim Absturz gestorben. Auch wenn die Schicksale teils dramatisch sind, tut es den Dreien doch gut, sich auszutauschen.
Gemeinsam suchen sie deswegen den Kontakt zu den anderen Überlebenden und deren Familien. Und sie beschließen, in einem Videocall miteinander zu sprechen.
Martin sagt: „Eigentlich erzählt jeder, wie es ihm geht, was wir gerade machen. Sie fragen dann immer, wie es im Hotel läuft. Eigentlich erzählt jeder so von seinem Leben.“ Alle sind neugierig, was aus den anderen geworden ist, wie sie mit dem Erlebten umgehen und wie die Heilung der inneren und äußeren Verletzungen vorangeht. Doug und Kevin hatten schwere Beinverletzungen, und für sie sieht es ein paar Monate nach dem Absturz nicht so gut aus.
„Die Prognosen waren, dass Doug beide Beine abgenommen kriegen sollte. Und bei Kevin glaube ich auch das eine Bein.“
Für Martin ist es auch sehr wertvoll, zu hören, was am Absturzort passiert ist, während er durch den dichten Wald gerannt ist, um Hilfe zu holen: „Ich fühle es immer noch ein bisschen anders, weil letztendlich sie vier für fünf Stunden von mir getrennt waren. Und sie haben noch was ganz anderes erlebt als ich. Und deswegen denke ich: Das, was sie erlebt haben, ist noch schlimmer als das, was ich erlebt habe. Teilweise. Weil sie lagen im Regen, wussten nicht, wann jemand kommt. Ich glaube letztendlich, wenn ich dort oben geblieben wäre, würde das mich für den Rest meines Lebens seelisch kaputt machen.“
Martin fühlt eine starke Verbundenheit mit allen aus der Gruppe. Die Überlebenden und die Angehörigen der Opfer sprechen jetzt jeden Monat im Videocall und halten einander auf dem Laufenden: über den Rechtsprozess und den Heilungsfortschritt.
Eine Frage, die weiterhin alle beschäftigt: Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Was ist damals im Cockpit des kleinen Wasserflugzeugs schiefgelaufen - und wieso sind Martin und die anderen Passagiere abgestürzt?
Dann kommt der Unfallbericht - und der hat es in sich. Und ich beginne zu recherchieren.
Und Martin, der bekommt einen außergewöhnlichen Besuch…
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Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas
Mitarbeit: Nico Knappe
Musik und Komposition: Olivia Ahltorp