B-Seite

15. Mai 2026

Erleben wir gerade eine neue Protestkultur? Klar ist jedenfalls: Der Druck auf der Straße wächst


ESC, Biennale, gegen Gewalt gegen Frauen, gegen ICE, gegen Israel, gegen Russland: Allenthalben scheint es Protest gegen irgendetwas zu geben. Aber hat sich die Form auch verändert? Eine Diskussion mit vier Kolleginnen und Kollegen aus der Redaktion.

Protest gegen die Teilnahme Israels beim ESC in Wien. Foto: APA-Images / AP / Martin Meissner

Vielleicht geht es dir ja derzeit wie mir. Allenthalben scheint es Protest gegen irgendetwas zu geben. Gefühlt wächst der Druck der Straße seit geraumer Zeit auf der ganzen Welt. Klimastreiks, Bauernproteste, Proteste gegen sexualisierte Gewalt gegen Frauen, Proteste gegen unterdrückende Regime oder übermäßige Brutalität durch Staatsorgane wie bei ICE in den USA oder dem israelischen Militär in Gaza, aktuell Proteste gegen Kunst und Veranstalter der Biennale oder Teilnehmer beim ESC. Die Liste scheint aktuell endlos. Es scheint eine neue Protestkultur zu geben. Und sind die arabische Rebellion oder der Zerfall des Kommunismus nicht beides gute Beispiele, was massiver Protest bewirken kann?

Ich habe mit vier meiner Kolleginnen und Kollegen gesprochen, wie sich Protest aktuell entwickelt und wie er sich möglicherweise auch verändert hat. Bei mir im Studio sind Henric, Celeste, Wolfgang und Nico.

Protest des Kollektivs Pussy Riot vor dem Hauptquartier der Biennale von Venedig gegen die Wiedereröffnung des russischen Pavillons bei der Kunstbiennale von Venedig 2026, angeführt von Nadya Tolokonnikova von Pussy Riot. Foto: IMAGO / ZUMA Press

Einige Aussagen aus dem Gespräch:

  • Henric sagt: „Was ich bis jetzt gesehen habe oder mitverfolgt habe, ist, dass es einerseits unheimlich schnell geht, sich zu engagieren und aktivistisch zu betätigen. Und das andere ist, dass es deutlich individualisierter ist. Das heißt: Wo wir früher vielleicht irgendwelche Verbände, Gruppen, Organisationen, Institutionen gebraucht haben, die Leute versammeln und zum Beispiel auf die Straße bringen, passieren Proteste in digitalen Medien, auch in sozialen Medien, sehr viel individualisierter.“

  • Noch einmal Henric: „Ich habe vor Kurzem bei irgendeiner Pro-Palästina-Demo ein Plakat gesehen, wo draufstand: ,Imperialismus? Weiß ich nicht, Digga.'“ Und dieses Weiß-ich-nicht-Digga ist halt ein Meme, das es schon ewig lang gibt mittlerweile. Diese Welten vermischen sich so ein wenig, was einerseits wahrscheinlich positiv ist, weil sich dadurch wieder so etwas wie ein Zusammenhalt ergeben kann. Auf der anderen Seite rutscht es natürlich auch so ein wenig ins Entertainment ab. Jede Form von Protest, die dann auch in so einer netzigen Sprache daherkommt, konkurriert auch im Algorithmus mit anderen Inhalten von InfluencerInnen, von Konzernen und so weiter und so fort.“

  • Celeste meint: „Ich glaube, so viel Protest gab es bei der Biennale noch nie. Es gibt aber unterschiedliche Arten, wie Protest ausgedrückt wird. Also wegen Russland und Israel wurde ja nicht Protest ausgedrückt, weil es durch die Kunst bewirkt wurde, sondern es war schon allein, weil diese Pavillons bespielt worden sind. Es war nicht so, dass jemand etwas gemacht hat und dann hat man darauf reagiert.“

  • Celeste führt aus: „Natürlich provoziert Kunst und Kultur und erregt Proteste oder manchmal ist die Kunst und Kultur eine Art von Protest. Performancekünstlerinnen, vor allem die in Österreich, haben eine lange Tradition darin, haben immer mit ihrer Performance sehr viel provoziert und haben - vor allem Frauen - ihren Körper als Widerstand verwendet.“

  • Wolfgang findet: „Ob der Protest beim ESC berechtigt ist, ist eine berechtigte Frage, aber ich fürchte, es gibt darauf keine gute Antwort. Es gute Argumente für den Protest und auch gute Argumente gegen den Protest.“

  • Noch einmal Wolfgang: „Interessanterweise richten sich die Proteste aktuell auch gegen die österreichische Außenministerin Beate Meinl-Reisinger von den NEOS, der man vorwirft, vor einem guten halben Jahr sich nicht oder zu wenig für Österreicher eingesetzt hätte, als die an einer Hilfslieferung für Gaza teilgenommen haben und vom israelischen Militär festgesetzt wurden. Richtig ist, dass die Leute aus Österreich später freikamen als etwa die Leute aus Spanien. Richtig ist aber auch, dass Meinl-Reisinger in einem Post auf X sehr ausführlich dargelegt hat, dass Sympathisanten dieser aktivistischen Gruppe die Hotline des Außenministeriums lahmgelegt haben und zudem eine hochproblematische Aktion war, in ein Land mit Reisewarnung zu fahren.“

  • Und Nico sagt: „Den Klimaprotest in der Form hat es vielleicht noch nie gegeben. Es sind unterschiedliche Gruppierungen, die sich für den Klimaschutz einsetzen. Und viele von diesen Bewegungen, die heute noch existieren, sind aber deutlich geschwächt. Die Bilder aus den Jahren 2019 und 2020 haben wir heute nicht mehr. Die Menschen haben sich weiterentwickelt, sind in die Politik oder in die Wissenschaft gegangen oder sind schlicht resigniert. Die Medienaufmerksamkeit ist auch nicht mehr so da wie zu Beginn der Bewegung."


Wie hältst du es mit dem Protest? Nimmst du teil, schaust du fasziniert oder doch eher genervt zu? Teil mit mir deine Erfahrung, wie sich der Protest verändert hat.

Einen schönen Nachmittag wünscht dir

Ingo Hasewend

B-Seite-Team