Wenn die Nacht verschwindet Die unterschätzten Risiken der Lichtverschmutzung

Die künstliche Aufhellung des Nachthimmels durch Werbung, Deko, Straßenbeleuchtung und Industrie hat Folgen für Umwelt, Menschen und Tiere.

Wenn die Nacht verschwindet Die unterschätzten Risiken der Lichtverschmutzung
Foto: Getty Images

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Ich habe genug von dir, Dunkelheit! Ich wünschte, du, deine gruseligen Geräusche, finsteren Gestalten und dein tiefes Schwarz würden einfach verschwinden!“, sagt der ängstliche Orion 2014 in Emma Yarletts Bilderbuch Orion and the Dark“. Zehn Jahre später hat er wieder Angst, diesmal bei Netflix. DreamWorks hat aus dem Bilderbuch einen gleichnamigen Animationsfilm gemacht. Mehr als 10 Millionen Mal wurde der Film laut Netflix in der ersten Woche angeschaut.

Im Gegensatz zur Buchvorlage, in der die Dunkelheit als mundloses Wesen mit Sternenkörper dargestellt wird, ist das Dunkel im Film ein tiefschwarzer, riesenhafter Kumpeltyp mit Kapuze. Was sie gemeinsam haben: Beide wollen Orion die schönen Seiten der Nacht zeigen. Orion lernt Schlaf, Stille, unerklärliche Geräusche, Schlaflosigkeit und süße Träume kennen – allesamt quasi Kolleginnen und Kollegen der Dunkelheit. Er hilft ihnen bei ihren nächtlichen Aufgaben und sie wachsen ihm ans Herz. Als aber das Licht erscheint – im Film ein Superheroverschnitt mit Sonnenbrille – wendet sich Orion ab. Dunkel verschwindet und mit ihm die Nacht.

Ich verrate dir jetzt nicht, wie das Ganze ausgeht. Nur so viel: Dass es keine Dunkelheit mehr gibt, hat Konsequenzen. Im echten Leben ist das nicht anders. In dieser Geschichte schaue ich mir mit dir an, welche Folgen zu viel Licht haben kann und warum die Dunkelheit so einen schlechten Ruf hat.

Von Sternen und Staren

Den Begriff Lichtverschmutzung“ hast du bestimmt schon mal gehört. Aufgekommen ist er in den 1980er-Jahren. Astronominnen und Astronomen konnten durch die Aufhellung des Nachthimmels immer weniger Sterne sehen und haben rund um Sternwarten erste Schutzgebiete errichtet. Unter Lichtverschmutzung versteht man mittlerweile nicht mehr nur das Verschwinden der Sterne, sondern auch die Aufhellung der Umwelt und Innenräume sowie die Blendung durch künstliches Licht.

Lange Zeit wurde angenommen, dass Straßenbeleuchtung die größte Lichtverschmutzungsquelle ist. 2021 haben die Ruhr-Universität Bochum und das GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung zumindest in Deutschland genauer hingeschaut. Gemeinsam mit 258 Bürgerinnen und Bürgern haben sie per eigens entwickelter App in deutschen Großstädten nächtliche Lichtquellen dokumentiert. Das Ergebnis: In deutschen Innenstädten wird insgesamt mehr Licht für Werbe- und ästhetische Zwecke als für Straßenbeleuchtung genutzt. Darüber hinaus schätzt das Forschungsteam, dass in ganz Deutschland um Mitternacht ca. 78.000.000 einzelne Lichtquellen noch leuchten.

Das nächtlich beleuchtete Köln von Bürgerinnen und Bürgern erfasst und kategorisiert (Screenshot: nature.com/Team Nachtlichter)

Für ganz Österreich gibt es solche übergeordneten Zahlen nicht. Wenig überraschend sind aber, ähnlich wie in Deutschland, auch hier die Ballungszentren mehr betroffen. In Linz – du erinnerst dich vielleicht: die Landeshauptstadt, die im vergangenen Dezember gerade mal 5 Minuten Sonne hatte – ist zum Beispiel nach einer einjährigen Studie herausgekommen, dass der Nachthimmel bis zu 250-mal stärker leuchtet als in unberührten Gegenden. Die Industrie leistet einen wesentlichen Beitrag dazu.

Diese Aufhellung des Nachthimmels durch Werbung, Deko, Straßenbeleuchtung und Industrie macht nicht nur Astronominnen und Astronomen die Arbeit schwer. Sie hat Folgen für Umwelt, Menschen und Tiere. Erste Forschungsergebnisse zum Einfluss auf die Tierwelt gibt es zum Beispiel bereits seit 1938. Da hat der Ornithologe William Rowan in London festgestellt, dass sich die Fortpflanzung von Staren durch die zunehmende nächtliche Beleuchtung verändert. Das könnte man als Forschungserfolg bezeichnen. Einen Einfluss auf die voranschreitende Erhellung der britischen Hauptstadt hatte es eher nicht.

Abseits einzelner, vermeintlich kleiner Erfolge ist die Forschung dazu, wie massiv zu viel Licht unsere Umwelt und unser Leben beeinflusst, noch relativ jung. Ich habe mit Stefanie Suchy gesprochen. Sie beschäftigt sich schon seit 20 Jahren mit dem Thema. Suchy ist Bereichsleiterin im Tirol Kompetenzzentrum für Lichtverschmutzung und Nachthimmel, einer Initiative der Tiroler Umweltanwaltschaft. Von der liest du in dieser Geschichte öfter; nicht, weil es nicht auch andere Umweltanwaltschaften gäbe, sondern weil sie viel Erfahrung mitbringt und ein ziemlich großer Player beim Thema Lichtverschmutzung ist. Starten wir mit einer allgemeinen Einschätzung: Welche Auswirkungen kann zu viel Licht haben, Frau Suchy? Es kann passieren, dass die Innenräume aufgehellt werden; dass wir in unseren Räumlichkeiten gestört werden durch das Licht von außen. Es kann aber auch sein, dass die Umwelt aufgehellt wird. Da gibt es sozusagen keine Stimme. Die Tiere und Pflanzen können ihren Lebensraum nicht wie wir mit Jalousien abdunkeln.“

Geraten durch zu viel künstliches Licht auf die schiefe Bahn: nachtaktive Insekten wie das Nachtpfauenauge (Foto: pixabay/MelaniMarfeld)

Auf der Seite der Jalousienlosen“ nennt Stefanie Suchy als Erstes Insekten. Von denen sind immerhin ca. 50 bis 60 Prozent nachtaktiv. Zu viel künstliches Licht bringt sie auf die schiefe Bahn: Weil sie sich unter natürlichen Bedingungen am Nachthimmel orientieren. Der Himmel – auch wenn es bewölkt ist – ist immer heller als der Untergrund, und sie richten ihren Rücken zum Himmel aus. So können Fluginsekten eine stabile Fluglage halten. Kommt jetzt eine Beleuchtung in die Quere, was evolutionstechnisch eigentlich nicht vorgesehen ist, sind sie total verwirrt und wissen nicht mehr, wo oben und unten ist.“

Diese Orientierungslosigkeit birgt eine Menge Nachteile. Suchy meint, Lichtverschmutzung sei nicht der einzige, aber auf jeden Fall ein Faktor, der Insektensterben begünstigt. Uns Menschen bringt zu viel Licht nicht gleich um, aber unsere Gesundheit kann trotzdem darunter leiden: Unser Problem ist, dass wir zu wenig Tageslicht abbekommen, weil wir uns tagsüber meistens in Innenräumen aufhalten. Abends sind wir zu viel Kunstlicht ausgesetzt. Das bewirkt in unserem Körper, dass Melatonin unterdrückt wird. Das ist ein Hormon, das in den Abend- und Nachtstunden produziert wird. Diese Unterdrückung hat diverse gesundheitliche Auswirkungen, vom Herzinfarktrisiko bis hin zu Diabetes. Sie soll auch in Zusammenhang mit Übergewicht stehen.“

Die Tiroler Umweltanwaltschaft bemüht sich, über die Risiken von Lichtverschmutzung aufzuklären. Eine Lobby, die es dunkel haben will, sei sie deswegen nicht, sagt Stefanie Suchy. Es gehe um den sinnvollen Einsatz von Licht.

Dafür engagiert sich die Tiroler Umweltanwaltschaft auch in der LTG, der Lichttechnischen Gesellschaft Österreichs. Die LTG beschreibt sich selbst als eine unabhängige Plattform für gutes Licht“. Gutes Licht“ ist für die LTG zumindest herstellerneutral. Die Bedürfnisse der Menschen müsse es ebenfalls berücksichtigen. LTG-Vorstandsvorsitzende Gudrun Schach sagt dazu bei einer Mitgliedersitzung Ende 2025: Gutes Licht entsteht nicht durch einzelne Initiativen, sondern durch Zusammenarbeit. Durch das Verständnis von Tageslicht und Dunkelheit, durch den Austausch zwischen Planung und Betrieb, durch qualifizierte Ausbildung, durch praxisorientierte Normung, durch Nachhaltigkeitsbewusstsein und durch technische Klarheit.“

Zu den Mitgliedern der LTG gehören neben Umweltanwaltschaften, Ausbildungsstätten, Magistratsämtern und Stadtverwaltungen auch Energiekonzerne und Privatunternehmen. Ich frage Stefanie Suchy, ob es bei so vielen unterschiedlichen Interessen nicht schwierig ist, sich auf den sinnvollen Einsatz von Licht zu verständigen: Natürlich sehe ich da immer eine Diskrepanz. Die einen wollen wirtschaftlich sein und Beleuchtung verkaufen, wir wollen weniger Licht. Aber es gibt viele technische Möglichkeiten, um sinnvoll mit Licht umzugehen. Denkt man nur zum Beispiel an Sensorsteuerung: Da kann man dann auch etwas verkaufen, aber vor allem im ländlichen Raum ist das die Zukunft, dass man nur dann beleuchtet, wenn Wege oder Straßen auch wirklich benutzt werden von Verkehrsteilnehmern.“

Österreich ist eh schon super, oder?

Fach- und interessenübergreifende Zusammenarbeit ist also anscheinend eine nötige Möglichkeit, um Lichtverschmutzung einzudämmen. Was gibt es sonst noch für Möglichkeiten?

Die Tiroler Umweltanwaltschaft ist unter anderem in naturschutzrechtlichen Verfahren involviert. Wenn im öffentlichen Raum etwas Neues gebaut werden soll, kann die Umweltanwaltschaft im Sinne des Natur- und Umweltschutzes lenkend eingreifen. Konkreter: Sie kann darauf bestehen, dass bestimmte Lichtemissionswerte nicht überschritten werden. Als Leitplanke dient dabei in Österreich unter anderem die Lichtemissionsschutznorm. Die ÖNORM O 1052 Lichtemissionen–Messung und Beurteilung“ gibt es seit 2012. Sie beschäftigt sich mit Lichteinwirkungen auf Mensch und Umwelt, die durch lichtemittierende Anlagen (künstliche Lichtquellen aller Art) hervorgerufen werden und legt dafür Grenzwerte fest“.

Zusätzlich zur Lichtemissionsschutznorm gibt es bundesweit noch einige Normen für Straßenbeleuchtung, eine Sportstättenbeleuchtungsnorm, eine Norm für die Beleuchtung von Arbeitsstätten im Außenraum und den Österreichischen Leitfaden Außenbeleuchtung“. Ein bundesweites Gesetz gegen Lichtverschmutzung gibt es nicht. In Oberösterreich gibt es das schon. Da hat das Land 2024 eine Umweltschutzgesetz-Novelle beschlossen, die verbindliche Regeln für Außenbeleuchtung schafft, um die Nachtlandschaft zu schützen. Die Novelle ist seit Mai 2024 in Kraft.

Die Tiroler Umweltanwaltschaft setzt sich schon eine Weile lang für bundesweite Gesetzgebung zum Thema Lichtverschmutzung ein – laut Stefanie Suchy bisher eher weniger erfolgreich. Es habe dazu Austausch mit den zuständigen Ministerien gegeben. Suchys Einschätzung nach werde dort aber kein großer Handlungsschwerpunkt gesetzt. Sie meint, das könne unter anderem daran liegen, dass es noch zu viele Forschungslücken gebe. Fakt ist: Im aktuellen Regierungsprogramm findet sich kein Vorhaben zu mehr Schutz vor Lichtverschmutzung.

Dass die Bundesregierung wenig Handlungsbedarf sieht, könnte auch daran liegen, dass Österreich im europäischen Vergleich recht gut dasteht – dank einer verhältnismäßig geringen Bevölkerungsdichte, dem noch relativ unbehelligten Alpenraum und vereinzelten Sternenparks, wo besondere Maßnahmen zum Schutz der natürlichen Dunkelheit getroffen werden.

Vielleicht steht Österreich bald noch besser da. Im März vergangenen Jahres haben sich nämlich 22 Gemeinden in Niederösterreich, Oberösterreich und der Steiermark aufgemacht, Österreichs größtes Nachtnaturgebiet zu gestalten. Das soll ungefähr fünfmal so groß sein wie Wien. Ähnlich wie bei der Frage nach mehr Klimaschutzmaßnahmen könnte also auch hier die Antwort der Bundesregierung lauten: Österreich ist eh schon super.“

Österreich im europäischen Vergleich eher blau (wenig erhellter Nachthimmel) als rot (stark erhellter Nachthimmel) (Screenshot: lightpollutionmap.info)

Stefanie Suchy hingegen sieht, wenig überraschend, weiterhin Handlungsbedarf, auch wenn sie wahrnimmt, dass sich in den vergangenen 10 bis 20 Jahren schon einiges getan hat. Neben der Zusammenarbeit mit Branchenvertreterinnen und -vertretern, Unterstützung bei naturschutzrechtlichen Verfahren und politischer Lobbyarbeit macht sie deshalb mit ihren Kolleginnen und Kollegen auch Bildungsarbeit, z. B. in Form von Workshops: Wichtig ist aus meiner Sicht auch, dass dieses negative Image wegkommt; dass die Dunkelheit auch etwas Wunderschönes ist.“

Angst, Verteufelung und Betrügereien

Dieses negative Image wegzubekommen, ist gar nicht so leicht, weil es einige triftige Gründe dafür gibt, dass wir Menschen der Dunkelheit skeptisch gegenüberstehen. Einen Grund haben wir schon ganz zu Beginn kennengelernt (du erinnerst dich an Orion): die Angst vor der Dunkelheit. Für Kinder ist das aus psychologischer Sicht durchaus normal. Zwischen 3 und 6 Jahren kommen sie darauf, dass es eine mitunter gefährliche Welt abseits des im besten Fall behüteten Elternumfelds gibt. Die Unterscheidung zwischen Vorstellung und Realität fällt ihnen noch nicht leicht. Darum können sich Monster unter dem Bett absolut real anfühlen. Außerdem haben sie ihre Gefühle noch nicht so im Griff, dass sie die Angst eigenständig regulieren können. Herausfordernd wird es, wenn die Angst den Alltag stört oder sogar bestimmt. Das kann sich bis ins hohe Erwachsenenalter ziehen und betrifft eine Menge Menschen. 2013 gehörte die Angst vor Dunkelheit mit 8 % immerhin zu den Top 15 der häufigsten Ängste weltweit.

Ein weiterer Grund für den schlechten Ruf der Dunkelheit ist, dass sie in der Geschichte oft den Kürzeren gegen das Licht gezogen hat. Ich habe dazu eine spannende Literaturanalyse der Technischen Universität Berlin gefunden. Wenn du tiefer eintauchen möchtest: Hier ist der Link. Aufgelegt ist natürlich der religiöse Kontext. Im christlichen Glauben zum Beispiel steht Licht in der Regel für das Göttliche; Dunkelheit oder Finsternis – zumindest bis in die frühe Neuzeit – für Teufel, Tod, Sünde und Ketzerei. In der Aufklärung wurde das Licht zum Symbol für Wissen und Vernunft, die Dunkelheit zum Symbol des Unwissens und der Irrationalität.

Als dann im 19. Jahrhundert das künstliche Licht im öffentlichen Raum angekommen ist, weckte es einerseits Fortschrittsoptimismus und andererseits Kulturpessimismus. Licht versus Dunkel wurde heiß diskutiert. Für manche war die technische Erleuchtung das Ende der Barbarei, für andere öffnete das Licht der Großstädte das Tor zu Elend und Laster.

Wo sich trotz aller heißen Diskussionen schon damals viele einig waren: Licht ist Sicherheit, Dunkelheit ist Unsicherheit. Vermutlich ist das einer der größten Rufschädiger der Dunkelheit. Wenn man sich anschaut, was Dunkelheit psychologisch mit uns Menschen machen kann, wirkt das durchaus nachvollziehbar. Laut einer Studie der University of Toronto wird zum Beispiel im Dunkeln eher geschummelt. Die Probandinnen und Probanden der Studie unterschlugen in einem schwach beleuchteten Raum kleine Summen Geld. In einem hell erleuchteten Raum wurde seltener betrogen. Ähnliches belegt eine Studie aus Harvard, in der eine Sonnenbrille gereicht hat, um zu betrügen. Die Forscherinnen und Forscher sprechen da von einem Gefühl der illusorischen Anonymität“.

Die Dunkelheit hat also – zumindest psychologisch und geschichtlich betrachtet – wirklich nicht den besten Ruf. Das macht den Einsatz gegen Lichtverschmutzung und die Folgen für Umwelt, Tier und Mensch nicht leichter, aber auch nicht zwangsläufig schwerer.

Stefanie Suchy von der Tiroler Umweltanwaltschaft schlägt vor, die Diskussion über das Zusammenspiel von Licht und Dunkelheit im Sowohl-als-auch-Modus zu führen: Ja, wir müssen uns sicher fühlen im öffentlichen Raum, aber wir müssen auch Flächen für Tiere und Insekten dunkel halten. Ja, es braucht zu bestimmten Zeiten Licht an bestimmten Orten, aber es braucht auch zu bestimmten Zeiten Dunkelheit an denselben Orten.“ Vielleicht macht diese Art der Auseinandersetzung möglich, dass uns – ähnlich wie Orion im Kinderbuch – die wertvollen Seiten der Dunkelheit etwas bewusster werden.

Sounddesign und Audioproduktion: Henric Wietheger und Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas