Das Comeback der gegenseitigen Hilfe Im Zeitalter des Klimawandels, der Festungsmentalität und der Oligarchie der Tech-Milliardäre erlebt das Prinzip gerade ein Revival.

Wenn wir trotz der Klimaerhitzung eine menschenwürdige Zukunft haben wollen, brauchen wir Strukturen der gelebten Solidarität. Die Werkzeuge dafür gibt es längst.

Das Comeback der gegenseitigen Hilfe Im Zeitalter des Klimawandels, der Festungsmentalität und der Oligarchie der Tech-Milliardäre erlebt das Prinzip gerade ein  Revival.
Foto: Getty Images

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Nach einem schweren Erdbeben, so wie erst vor wenigen Wochen in Caracas, Venezuela, packen viele Menschen mit an, wenn unter Trümmern eines eingestürzten Hauses Hilferufe ertönen. Auch wenn sie keine Feuerwehrleute sind und sie die Person, die um Hilfe ruft, nicht kennen, versuchen sie zu ihrer Rettung beizutragen. Sie räumen Schutt beiseite, sie tun, was sie können. Sicher, manche helfen auch nicht, sie nutzen lieber die Gelegenheit, um den Lebensmittelladen an der Ecke zu plündern. Aber in der Regel sind diese Plünderer gegenüber den Helfenden deutlich in der Minderheit.

Wenn du in einem Tal lebst, das von einer Sturzflut getroffen wird, und dein Haus überschwemmt ist, hoffst du auch darauf, dass die Nachbarn dir beistehen. Zumindest solange, bis professionelle Hilfskräfte eintreffen. Ebenso wie du deinen Nachbarn beistehen würdest. Und wenn du dich, so wie es gerade Hunderttausenden in Frankreich, Spanien und Italien ergangen ist, vor katastrophalen Waldbränden in Sicherheit bringen musst, brauchst du Unterstützung – möglichst nicht nur von überforderten oder kaputtgesparten Behörden.

Nachdem der Sturm „Alice" 2025 Teile der Regionen Katalonien und Valencia in Spanien heimgesucht hatte, helfen Freiwillige und Nachbarn die Straßen zu säubern. (Foto: IMAGO / SOPA Images)

Gegenseitige Hilfe. Das klingt erstmal unspektakulär, kein bisschen hochtrabend. Schon gar nicht nach einer ideologischen Parole. Eher wie eine Selbstverständlichkeit. Einander zu helfen, wenn nötig, das ist doch Konsens, oder?

Nicht überall. Auf der politischen Ebene ist das Konzept der gegenseitigen Hilfe tatsächlich hochumstritten. Denn dort erscheint es als Gegenentwurf zum Recht des Stärkeren – oder auch zu einer Haltung, die Konservative gerne als „Leistungsprinzip“ verbrämen. Ansätze, die gegenseitige Hilfe zur Grundlage für unser soziales Miteinander zu erklären, sind seit Langem erbittert bekämpft worden. Und doch erleben sie im Zeichen der Erderhitzung, der Festungsmentalität und der Oligarchie der Tech-Milliardäre gerade ein großes Revival. Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch: Wenn wir nicht zu den »Happy Few« gehören und trotzdem in den kommenden Jahrzehnten unter einigermaßen gedeihlichen Bedingungen leben wollen, sind wir auf gegenseitige Hilfe angewiesen.

Ein gefährlich gutmütiges Buch

„Mutual Aid: A Factor of Evolution“ – das ist der Originaltitel eines Buchs von Pjotr Kropotkin, das 1902 in London erschien. In der deutschen Übersetzung von Gustav Landauer heißt es „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“. Dieses Buch, in beiden Fassungen online frei verfügbar, bildet die theoretische Basis für unser Thema.

Der Autor wurde 1842 geboren und entstammte dem russischen Hochadel und machte sich schon in jungen Jahren einen Namen als Geograph und Naturforscher. Doch wegen seines politischen Aktivismus wurde der abtrünnige Fürst verfolgt und inhaftiert. Ihm gelang die Flucht aus Russland nach Westeuropa. Ab 1886 lebte er in London.

Im Buch „Gegenseitige Hilfe“ verbindet Kropotkin seine naturkundlichen Forschungsergebnisse mit historischen Abhandlungen und philosophischen Betrachtungen. Er schrieb es als Erwiderung auf den seinerzeit massiv trendenden Sozialdarwinismus. Also auf Versuche, Charles Darwins Evolutionslehre, vor allem aber damit verbundene Schlagworte wie „natürliche Auslese“, „Kampf ums Dasein“ und „survival of the fittest“, auf Politik, Gesellschaft und Wirtschaft zu übertragen.

Peter Kropotkin circa 1900 (Foto: wikicommons)

Wenn dich die Wurzeln des Sozialdarwinismus interessieren, suche nach Namen wie Herbert Spencer und Thomas Henry Huxley (auch bekannt als „Darwins Bulldogge“). Besonders Huxleys Vergleich der Evolution mit einer endlosen Abfolge von Gladiatorenkämpfen erregte Kropotkins Widerspruch.

Dennoch ist sein Buch „Gegenseitige Hilfe“ alles andere als eine Kampfschrift. Kropotkin unternimmt in geduldigem und sanftem Ton seinen eigenen Gang durch die jüngere Entwicklungsgeschichte. Dabei stellt er die These vom „survival of the fittest“ nicht in Abrede. Er schaut bloß genau hin, wer „the fittest“ sind: also diejenigen, die sich am erfolgreichsten den Anforderungen und Gefahren ihres Lebensraums anpassen. (Auf den klassischen Übersetzungsfehler, hier unter „fit“ so etwas wie durchtrainiert zu verstehen, muss ich, denke ich, nicht eingehen.)

Kropotkin stellt fest: „The fittest“ sind fast nie solche, die rücksichtslos nach ihrem individuellen Vorteil streben. Sondern es sind die, die sich am besten auf gegenseitige Hilfe verstehen. Anhand einer berauschenden Fülle von Beispielen zeichnet Kropotkin nach, wie das Prinzip des Einander-Unterstützens das Leben von Tier und Mensch in allen Stadien der Evolution und in den meisten Erscheinungsformen prägt oder sogar bedingt. Von Termiten und Bienen über sibirische Hirsche und südamerikanische Vizachas bis hin zu den Schimpansen. Von steinzeitlichen Clans über frühe Dorfgemeinschaften und die Zünfte in den mittelalterlichen Städten bis hin zu den Genossenschaften, Gewerkschaften und Vereinen in Kropotkins eigener Zeit.

Wer hat Angst vor gegenseitiger Hilfe?

Kropotkin blickt auf die Menschheitsgeschichte nicht aus der Perspektive der Herrschenden, sondern, wie er sich ausdrückt, aus der Perspektive der „Massen“. Diese werden zwar von den Herrschenden manipuliert: „Das Verständnis und das Gefühl der Massen sind durch Lehren verderbt worden, die im Interesse der Wenigen ausgebildet worden sind.“

Doch Kropotkin ist überzeugt, dass keine Ideologie den menschlichen Impuls zur gegenseitigen Hilfe ganz abtöten kann: „Weder die zermalmende Macht des zentralisierten Staates noch die Lehren von gegenseitigem Hass und erbarmungslosem Kampf, die mit den Abzeichen der Wissenschaft angetan von dienstfertigen Philosophen und Soziologen kamen, konnten das Gefühl für die Solidarität der Menschen ausrotten, das im Geist und im Herzen der Menschen tiefe Wurzeln geschlagen hat“.

Das Streben nach politischer Macht ist demnach eine Sache von „Wenigen“, während die „Massen“ durch gelebte Solidarität im Alltag den Fortbestand der Menschheit sichern. Solche Gedanken sind gefährlich. Denn sie drohen die Weltanschauungen, die Herrschaft und Unterdrückung als naturgegeben darstellen, als Propaganda im Dienst der »Wenigen« zu entlarven. Darwins Evolutionstheorie etwa, so schreibt Kropotkin, werde als »Glaubensartikel« missbraucht, um „Ausbeutungsgesellschaften“ zu rechtfertigen.

Wie gründlich Kropotkins Thesen gegen den Strich der damals wie heute vorherrschenden politischen Erzählungen gehen, analysieren die Anthropologen David Graeber und Andrej Grubačić in ihrem gemeinsamen Vorwort zu „Gegenseitige Hilfe“ aus dem Jahr 2020. Sie sehen das Buch als Beispiel für Argumente, die so überzeugend seien, „dass es nötig wird, ganze Theoriegebäude zu schaffen, um sie anzufechten“.

Während die politische Rechte im Namen eigens erfundener Forschungszweige wie „Soziobiologie“ und „Evolutionspsychologie“ alle rhetorischen Register zog, um ihre Behauptung zu verteidigen, dass Selbstsucht und Wettstreit die Triebfedern des menschlichen Fortschritts seien, versuchte die marxistische Linke, Kropotkins Einwürfe zu ignorieren. Denn sie widersprachen nicht nur der Doktrin vom „Kampf ums Dasein“, sondern auch Karl Marx’ autoritären Vorstellungen vom Kommunismus.

Der Weg zum Comeback

Dass David Graeber und Andrej Grubačić ausgerechnet 2020 ein neues Vorwort zu Kropotkins „Gegenseitige Hilfe“ schrieben, ist kein Zufall. Es war das erste Jahr der Covid-Pandemie. Die sogenannten Super-Spread-Ereignisse, die zur rasenden Verbreitung des Virus führten, auch als die Gefahr schon bekannt war, gingen auf die Gier und Skrupellosigkeit Weniger zurück. Ein entsetzliches Beispiel dafür bot im März 2020 der Tiroler Skiort Ischgl.

Hingegen legte die große Mehrheit der Bevölkerungen fast überall spontan solidarisches Verhalten an den Tag, um die besonders Gefährdeten zu schützen und zu versorgen. Vor allem die ersten Wochen der Pandemie standen, unabhängig von den behördlichen Anordnungen, im Zeichen der umfassenden Rücksichtnahme. Und Graeber und Grubačić waren nicht die einzigen, die auf Kropotkins „Gegenseitige Hilfe“ als Buch zur Stunde verwiesen.

Ansätze zum Kropotkin-Comeback gab es aber schon vor Covid. Der niederländische Historiker Rutger Bregman landete mit „Im Grunde gut“, im Original 2019 erschienen, einen internationalen Bestseller. Das Buch ist ein hemdsärmeliges Update von Kropotkins Gedanken. Mittlerweile beruft sich selbst der deutsche Philosoph Markus Gabriel, der an einen „ethischen Kapitalismus“ glaubt, auf Kropotkins „Gegenseitige Hilfe“. Und sein britischer Kollege Rupert Read, Co-Direktor der NGO „Climate Majority Project“ macht Kropotkin zum Kronzeugen für das Projekt der „Klimaanpassung“. Dazu gleich mehr. Erst noch kurz zum aktuellen Stadium der Gier.

Sozialdarwinismus auf dem Mars

In den vergangenen Jahrzehnten haben die sozialdarwinistischen Lehren erstaunliche Blüten getrieben. Seit den 1980ern wurde der sogenannte Neoliberalismus für viele Regierungen zum politischen Leitbild. Seine Glaubenssätze – etwa dass von der Anhäufung von Reichtum und Macht bei den privilegierten Wenigen letztlich alle profitieren würden – bezog er von Schutzheiligen wie der amerikanischen Bestsellerautorin Ayn Rand, deren „Objektivismus“ eine besonders schrille Zuspitzung der Ideologie vom Recht des Stärkeren ist.

Die Bestsellerautorin Ayn Rand, vertrat u. a. einen uneingeschränkten Kapitalismus und dass der Individualismus dem Kollektivismus überlegen sei. (Foto: Talbot/wikicommons)

Zu erheblichem Einfluss gelangte auch eine radikale Strömung im Bereich der Volkswirtschaftslehre, die unter dem Namen Österreichische Schule bekannt ist. Sie verbreitete sich zunächst von Wien aus, später vor allem in den USA. Carl Menger, Friedrich August von Hayek und Murray Rothbard sind drei ihrer Gurus. Die Österreichische Schule verherrlicht die Persönlichkeit des einzelnen Unternehmers und stellt dessen subjektive Entscheidungen ins Zentrum ihrer Wirtschaftstheorie. Staatliche Eingriffe in das Treiben dieser Genies lehnt sie strikt ab. Die Galerie ihrer prominenten Fans reicht von Margaret Thatcher bis zu Elon Musk und zum heutigen argentinischen Präsidenten Javier Milei.

Im Namen des Neoliberalismus wurde in weiten Teilen der Welt der sogenannte Sozialstaat – die in die öffentliche Hand überführten Ansätze zur gegenseitigen Hilfe – zurückgebaut. Getreu der Haltung, wer nicht reich ist, sei nur zu faul und selbst schuld. Zugleich wuchsen die Umsätze mancher Konzerne und der politische Einfluss ihrer Chefs so stark an, dass sie faktisch mächtiger geworden sind als die meisten Staaten.

Die grellste Verkörperung dieser Entwicklung ist die Figur des Tech-Milliardärs: der wahr gewordene Albtraum vom ökonomischen Übermenschen, der sich nach Belieben über die Demokratie hinwegsetzt. Peter Thiel lässt private Städte bauen, die außerhalb staatlicher Regulierung stehen sollen und in denen er seine Version von Totalitarismus verwirklichen will (wenn dich der Fortgang dieses Projekts interessiert, suche nach „Próspera“). Elon Musk plant sogar eine Kolonie auf dem Mars – für eine Schar Auserwählter, wenn die Erde durch die Klimaerhitzung unbewohnbar wird oder in Krieg und Chaos untergeht.

Es sind Visionen, die das Prinzip der Gated Community ins Gesamtgesellschaftliche übertragen. Oder ins Größenwahnsinnige. Ideologisch stehen diese Oligarchen der extremen Rechten nah. Selbst Exemplare wie Mark Zuckerberg oder Jeff Bezos, die sich früher im US-amerikanischen Sinn liberal gaben, sind ins Trump-Lager gerückt. Solche Typen haben das Sagen bei der allenthalben beschworenen KI-Revolution (zumindest bis die KI selbst die Regie übernimmt). Und ihre beispiellose Anhäufung wirtschaftlicher und politischer Macht begleitet uns in den Klimakollaps.

Mit Kropotkin durch die Krise

Womit wir wieder bei Rupert Read und beim Ansatz der Klimaanpassung wären. Klimaanpassung heißt: Wir reden uns nicht mehr ein, dass wir die Erderhitzung durch einen plötzlichen weltweiten Ausbruch von verantwortungsvollem Handeln oder durch wundersame technologische Durchbrüche bremsen können. Stattdessen machen wir uns klar, dass die Klimakrise längst begonnen hat. Und wir versuchen, mit ihr zu leben. Also im Sinn des Schlagworts aus der Evolutionstheorie fit for survival zu werden.

Hier ist der Bezug zu Kropotkins Gegenseitiger Hilfe nicht bloß konzeptuell, sondern ganz konkret. In einem Essay, den ich letztes Jahr für das Philosophie Magazin übersetzt habe, schreibt Rupert Read: „In den kommenden Krisenzeiten wird gelebte Solidarität auf lokaler Ebene vielfach der Schlüssel zum Überleben sein.“

Und er führt aus: „Künftig werden echte Gemeinschaften wieder an Bedeutung gewinnen: Menschen in Ihrer Nähe, die Ihnen ganz konkret helfen können, an Lebensmittel, Wasser Strom, Reparaturen, Katastrophen-Frühwarnungen usw. heranzukommen. Unsere Zukunft wird zum Teil vom Neuartigen geprägt sein, da wir uns gerade tief hineinbegeben in unbekanntes und gefährliches Terrain. Zum anderen aber wird unsere Zukunft altmodisch wirken, weil sie uns auf Bedürfnisse und Fähigkeiten zurückwirft, die wir längst hinter uns gelassen zu haben glaubten.“

Der britische Philosoph Rupert Read. (Foto: privat)

Dass unsere Fähigkeit zur gelebten Solidarität „altmodisch“ wirken kann, zeigt, wie tief sozialdarwinistische Doktrinen ins gesellschaftliche Bewusstsein eingedrungen sind. Für die allermeisten von uns aber gilt: Wenn wir eine erträgliche Zukunft haben wollen, müssen wir uns von diesen Doktrinen befreien und uns auf die Erkenntnisse Kropotkins zurückbesinnen.

Noch einmal Rupert Read: „Je rascher wir die Realität der Klimaveränderung anerkennen und uns eingestehen, dass der einzig gangbare Weg, ihr zu begegnen, in der Solidarität und gegenseitigen Hilfe liegt, desto schneller wird diese Form der Anpassung zur sozialen Norm und entsprechend gefördert – und desto schneller können wir uns wieder sicherer fühlen.“

Den Tech-Milliardären und ihren Fans mag das Prinzip der gegenseitigen Hilfe altmodisch vorkommen. Für uns andere bietet es den Schlüssel zum Überleben. Welche Organisationsformen die gelebte Solidarität annehmen wird – ob Vereine zur Nachbarschaftshilfe, Crowdfunding-Gemeinschaften, alternative Wohnprojekte, Mischungen aus all dem und vielem anderen, ob mit Unterstützung aus der Politik oder ohne –, ist offen. Hauptsache, wir tun uns zusammen.

Ist das etwa Anarchismus?

Pjotr Kropotkin war Anarchist. Deshalb wurde er im zaristischen Russland verfolgt, deshalb saß er als junger Mann jahrelang in Haft. Zusammen mit dem eine Generation älteren Michail Bakunin und der eine Generation jüngeren Emma Goldman bildet er eine Art Dreigestirn des russischstämmigen Anarchismus.

Allerdings geht es hier ja nicht um Aufstände, Attentate, Arbeitskämpfe oder was man sonst an wilden Assoziationen mit diesem Wort verbindet. Nein, es geht um die zutiefst humane und friedfertige Idee, die der anarchistischen Bewegung zugrunde liegt: dass menschliches Zusammenleben in Form einer Ordnung ohne Herrschaft möglich ist. Und zwar auf Basis des Prinzips der gegenseitigen Hilfe. Dass es auch schon in vielen Fällen und über Jahrtausende so praktiziert worden ist. Dass die Systeme von Herrschaft und Unterordnung, die uns die Sozialdarwinisten von Herbert Spencer bis Peter Thiel als naturgegeben verkaufen wollen, seit jeher willkürliche Konstrukte »im Interesse der Wenigen« sind.

In Kropotkins Buch „Gegenseitige Hilfe“ kommen Worte wie Anarchie, Anarchismus oder Anarchisten gar nicht vor. Ganz ohne agitatorisches Brimborium legt er seine Erkenntnisse zur gelebten Solidarität „in der Tier- und Menschenwelt“ dar. Und weist uns damit einen Weg, wie wir die kommenden Herausforderungen gemeinsam bestehen können.

Ist das etwa Demokratie?

Zum Schluss sei noch auf ein weiteres Buch verwiesen, das gerade erst in deutscher Übersetzung erschienen ist: „Demokratie und Anarchie“ von der italienischen Philosophin Donatella Di Cesare. Die Autorin taucht tief in die Geschichte der pólis ein, also der Bürgergemeinde im antiken Griechenland. Diese historisch-philosophischen Ausführungen verbindet sie mit einer Kritik moderner Texte zur »radikalen Demokratie«. Dabei zeichnet sie nach, wie die Anarchie als Herausforderung und als gedankliche Grundlage seit jeher die Demokratie geprägt hat.

Donatella Di Cesare (Foto: Christian Mantuano)

Wenn man ihre Wurzeln betrachtet, offenbart die Demokratie eine unauflösliche Verbindung mit der Anarchie.“ Oder auch: „Die Demokratie ist in ihrem Kern anarchisch.“ Solche Sätze finden sich in Donatella Di Cesares Buch immer wieder. Und sie resümiert: „Wenn sich das Wort demokratía […] am Morgen der pólis seinen Weg bahnt, dann verweist seine subversive Sprengkraft auf zwei miteinander verbundene Ereignisse: das erste Auftreten des dêmos auf der Bühne der Geschichte und die Abberufung der arché, jener Herrschaft, die sich rühmte, ursprünglich zu sein. In dem neuen Kompositum wird das Verb krateîn zu dem Zweck eingesetzt, jede absolute Herrschaft zu desavouieren und jedem archischen Regime auch für die Zukunft zu widersagen.“

Die Demokratie entstand also aus dem Bedürfnis, ein Gemeinwesen anarchistisch zu organisieren. Seit ihren Anfängen in der antiken pólis hat sie sich als Konzept zwar vielfach verändert und aufgefächert. Doch ihr Grundanliegen ist es nach wie vor, dauerhafte Ansammlungen von Macht bei einzelnen Menschen oder Gruppen zu verhindern.

„Demokratie und Anarchie“ erschien im Original 2024. In Italien hat Donatella Di Cesare inzwischen schon ihr nächstes Buch veröffentlicht. Es widmet sich der größten Bedrohung, der die Demokratie heute ausgesetzt ist. Sein Titel: „Tecnofascismo“, also „Technofaschismus“.

Der Technofaschismus ist, was uns erwartet, wenn die neuen Oligarchen für die Zukunft zuständig sind. Indem wir uns auf die gegenseitige Hilfe besinnen, haben wir nicht nur die Chance, uns ein menschenwürdiges Leben zu wahren. Sondern auch die Demokratie zu retten.

Audioproduktion und -mix: Patrik Haas