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Vielleicht hast du schon unsere Geschichte über ein Jahr Bundesregierung und politische Kompromisse gelesen. Falls nicht, kein Problem. Du musst sie nicht gelesen haben, um diese Geschichte hier zu verstehen. Jedenfalls habe ich damals Kompromiss-Forscherin Pola Lehmann gefragt, was jeder und jede Einzelne von uns für das demokratische Miteinander tun kann. Ihre Antwort: „Sich selbst auch immer noch einmal dafür offen zu machen, was es eben an unterschiedlichen Präferenzen gibt und möglicherweise auch selbst öfter mal in Diskussionen mit Menschen zu gehen, die andere Meinungen haben.“
Nicht so easy – immerhin ist unsere Gesellschaft so gespalten und zerstritten wie nie, oder? Was ist dran an der Erzählung von der Polarisierung der Gesellschaft? Was hält uns davon ab, Menschen, die nicht unserer Meinung sind, zuzuhören und mit ihnen zu reden? Ich mache mit dir einen Hürdenlauf Richtung Miteinander – ganz gemütlich, keine Sorge. Wir nehmen eine Hürde nach der anderen; insgesamt sind es vier. Auf dem Weg holen wir uns Inspiration aus den USA, und wenn alles klappt, haben wir im Ziel wieder etwas mehr Lust aufs Miteinander.
Diese Geschichte hier ist übrigens aus einer Idee von JETZT-Mitglied Jules entstanden. Danke, Jules! Falls du auch eine Geschichtenidee im Köcher hast: Schreib sie gerne hier unten in die Kommentare oder melde dich per Mail bei mir: [email protected].
Erste Hürde: Meinung oder Gefühl?
Wenn in klassischen oder sozialen Medien die Rede davon ist, wie gespalten oder zerstritten die Gesellschaft ist, werden regelmäßig zwei Dinge in einen Topf geworfen: Meinung und Gefühl. Da werden aus Meinungsverschiedenheiten ganz schnell Zuschreibungen und die machen wütend. Klassiker: „Wer die FPÖ wählt, ist ein Nazi. Wer die Grünen wählt, ist ein realitätsferner Ökokasper.“ Das klingt ganz schnell nach einem Dialog zweier Seiten, die sich nicht ausstehen können oder eher nach zwei Monologen, die aneinander vorbeigeführt werden. Pol 1 gegen Pol 2. Das klingt nach Spaltung und Streit. Gerne wird dann noch eingeworfen: Die anderen würden den einen den Mund verbieten oder deren Meinungsfreiheit einschränken. Schlagartig fallen Stehsätze wie „Man darf gar nichts mehr sagen“ oder „Sind wir hier noch in einem freien Land?“ Wer die Welt besonders gerne brennen sieht, fantasiert dann noch von Bürgerkriegsszenarien oder Schlimmerem. Von dieser ultra verkürzten Polarisierungserzählung, die Meinung und Gefühl vermischt, profitieren politische und mediale Populistinnen und Populisten gleichermaßen. Das klickt, das verkauft, das bringt Stimmen.
Klar, es ist nicht immer leicht, auszuhalten, dass andere Menschen eine andere Meinung haben, vor allem, wenn die Meinungen sehr weit auseinanderliegen. Meinungsverschiedenheiten oder unterschiedliche Überzeugungen an sich sind aber nicht gefährlich. Sie sind auch nicht das, was das Miteinander oder Miteinanderreden über Meinungshorizonte hinweg so schwer macht. Die eigentliche Hürde nennt sich „affektive Polarisierung“. Der Forschungsverbund „Coping with affective polarization“ der Humboldt-Universität zu Berlin erklärt das so: „Wenn es um politische Parteien oder Debatten geht, fühlen sich Menschen oft stärker mit jenen verbunden, die ihre Ansichten teilen – und empfinden mehr Distanz oder sogar Feindseligkeit denen gegenüber, die anderer Meinung sind. Dieses Phänomen nennt man affektive Polarisierung. Sie geht über bloße Meinungsverschiedenheiten hinaus: Es handelt sich um eine emotionale Bindung an die eigene Gruppe und negative Gefühle gegenüber Menschen mit gegensätzlichen Ansichten. Affektive Polarisierung kann sich auf politische Parteien beziehen, aber auch auf konkrete Sachthemen, die starke Emotionen auslösen – wie etwa Klimawandel, Migration oder Abtreibung.“
Das, was das Miteinander erschwert, ist nicht die Meinung des Gegenübers, sondern das, was ich ihm oder ihr gegenüber fühle. Das klingt vielleicht wie ein x-beliebiges „Inspirational Quote“, aber stell dir mal vor, du redest mit einer Person, die du gerade kennengelernt hast, angeregt darüber, welches das beste Lied aller Zeiten ist, und findest im Gespräch heraus, dass sie mit einer Partei sympathisiert, hinter der du so gar nicht stehst. Redest du weiter angeregt über Lieblingslieder? Wie bewertest du das Lieblingslied deines Gegenübers, wenn du ihren oder seinen ideologischen Hintergrund kennst?
Zweite Hürde: Wir wissen verdammt wenig, oder?
Es ist gar nicht so leicht, herauszufinden, wie affektiv polarisiert die österreichische Gesellschaft wirklich ist – in so richtig verlässlichen Zahlen. Ein paar Hinweise oder Indikatoren gibt es, z.B. im Demokratiemonitor. 2025 stimmen 57 % der Befragten der Aussage, dass die Demokratie die beste Staatsform ist, auch wenn sie Probleme mit sich bringen mag, sehr zu. 6 % sind sehr dafür, dass es einen starken Führer geben sollte. Die Prozentzahlen haben sich über die vergangenen sieben Jahre nicht wesentlich verändert.
Abseits vom Demokratiemonitor gibt es natürlich noch zig themenbasierte Umfragen oder Studien, mit denen man vielleicht in Ansätzen ein Bild über den Stand der gesellschaftlichen affektiven Polarisierung in Österreich zeichnen könnte. Es wurde oder wird aber nicht abgefragt, wie versöhnlich oder unversöhnlich Menschen mit Andersdenkenden sind. Wo Entwicklungen zur affektiven Polarisierung erforscht werden, werden meist Zahlen aus den USA herangezogen. Beispiel dafür ist eine Modellrechnung von Wiener Komplexitätsforscherinnen und -forschern aus dem vergangenen Jahr. Den Link packe ich dir in den Text. Da haben sie Daten aus amerikanischen Polarisierungsstudien über europäische Studien zu Freundschaftsnetzwerken gelegt und sind darauf gekommen, dass viele, enge Sozialkontakte affektive Polarisierung verstärken.
In den USA ist es relativ easy, zu Polarisierungszahlen zu kommen. Sicher auch deswegen, weil es dort die zwei großen Parteien gibt, zu denen man sich bekennen oder von denen man sich abwenden kann. Das Pew Research Center erhebt regelmäßig, wie demokratische Wählerinnen und Wähler und republikanische Wählerinnen und Wähler füreinander empfinden. Dank der Erhebung wissen wir z.B., dass 2022 72 % der Republikanerinnen und Republikaner und 63 % der Demokratinnen und Demokraten die jeweils anderen für unmoralisch oder unanständig gehalten haben.
Es gibt nahezu keine rein österreichischen oder europäischen Studien über affektive Polarisierung. Wir wissen also ziemlich wenig über den Status quo. Unter anderem deswegen greifen wir sehr oft auf Bauchipedia zurück. Anekdoten werden zu gefühlten Fakten. Schnell ist die Rede von Parteifarbe X gegen Parteifarbe Y, Rechts gegen Links, Woke gegen Anti-Woke.
Dieser – nennen wir ihn mal so – uninformierte Missstand ist den drei deutschen Soziologen Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser sauer aufgestoßen. In ihrem Buch „Triggerpunkte“ aus 2023 schreiben sie: „[Wir reagieren] auf eine regelrechte Welle an Publikationen mit Krisen- und Polarisierungsdiagnosen, die man nicht nur auf einschlägigen Websites oder in großen Tageszeitungen lesen kann, sondern […] auch in einer Vielzahl von wissenschaftlichen Veröffentlichungen, wobei zuweilen Diagnosen aus den USA ohne Passungsbauchschmerzen importiert werden.“

Entlang einer sehr umfangreichen empirischen Studie dröseln die drei Soziologen die Pauschalerzählung der „Zwei-Lager-Polarisierung“ in Deutschland auf. Sie befragen Menschen zu ihrer Einstellung in vier „Arenen der Ungleichheitskonflikte“: sozioökonomische Verteilungskonflikte, Kontroversen um Migration, territorialen Zugang und Inklusion, identitätspolitische Anerkennungskonflikte und umweltpolitische Auseinandersetzungen. Ergebnis: „Das häufig gezeichnete Bild einer gespaltenen Gesellschaft [trifft nicht zu].“
Es gebe aber eben doch sogenannte Triggerpunkte, die das Miteinander erschweren: „Während sich ein sehr großer Anteil der Bevölkerung darauf einigen kann, dass sexuelle Minderheiten in Frieden leben sollen, dass Klimawandel besorgniserregend ist und dass der Staat für gerechten Ausgleich sorgen muss, gehen die Meinungen deutlich auseinander, wenn es stärker ‚ans Eingemachte‘ geht, etwa weil Konsequenzen für das eigene Leben sichtbar werden oder Figuren ins Feld geführt werden, die Empathie oder Angst hervorrufen.“
Das „Eingemachte“ – also die Triggerpunkte – sind laut Mau, Lux und Westheuser: Ungleichbehandlungen, Normalitätsverstöße, Entgrenzungsbefürchtungen und Verhaltenszumutungen. Oder etwas platter formuliert: Menschen gehen auf die Palme, wenn sie das Gefühl haben, dass sie oder andere unfair behandelt werden, ungeschriebene Normen gebrochen werden, Dinge aus dem Ruder zu laufen scheinen und wenn ihnen jemand etwas vorschreiben will.
Diese Trigger-Dynamiken würden laut den Soziologen nicht zwangsläufig zu mehr affektiver Polarisierung führen, politisierte und radikalisierte Ränder der Gesellschaft würden sie aber zu nutzen wissen – Polarisierungsprofiteure- und profiteurinnen sozusagen. Dort, an den Rändern der Gesellschaft, sei übrigens auch tatsächlich so etwas zu finden wie „Lager X gegen Lager Y“: „[Unsere Untersuchung zeigt eine] zerklüftete, verkraterte Konfliktlandschaft, die sich nur an den politisierten Rändern und unter den Höhergebildeten anhand einer klaren Lagerlogik beschreiben lässt.“ Auch wenn Mau, Lux und Westheuser den Status quo der affektiven Polarisierung in Deutschland erhoben haben und sicher nicht jede Erkenntnis eins zu eins auf Österreich übertragbar ist, traue ich mich zu sagen, dass es viele Parallelen gibt.
Wir können festhalten: Es lohnt sich, genauer hinzuschauen und in puncto affektiver Polarisierung nicht nur Bauchipedia und der Erzählung von Polterern zu folgen. Mitunter kommt man darauf, dass wir – vor allem in der Mitte der Gesellschaft – nicht so weit voneinander entfernt sind.
Dritte Hürde: Automatismen und Programmierung
Selbst wenn es uns gelingt, Meinung und Gefühl zu unterscheiden und nicht auf Pauschalerzählungen hereinzufallen, gibt es mindestens drei Treiber für affektive Polarisierung, die quasi einprogrammiert sind und die das Miteinander nicht erleichtern.
Erstens: Die sogenannte „Selective Exposure“. Wir Menschen neigen dazu, Informationen zu bevorzugen, die unsere bestehenden Ansichten bestätigen. Widersprüchliche Informationen versuchen wir zu vermeiden.
Die zweite einprogrammierte Hürde nennt sich „Homophilie“. Wir neigen dazu, mit Menschen Beziehungen einzugehen, die uns ähnlich sind. Damit sind nicht nur romantische oder freundschaftliche Beziehungen gemeint. Ein bisschen einfacher: „Gleich und Gleich gesellt sich gern.“
Die dritte einprogrammierte Hürde steckt nicht in unserem Gehirn, sondern in unserem Taschengehirn. Genauer: In den Social-Media-Apps, die wir täglich am Smartphone nutzen. Das ist sicher nichts Neues für dich. Meta, X und Co. nutzen ausgefeilte Algorithmen, um Nutzerinnen und Nutzern Inhalte anzuzeigen, die sie dazu bringen, die jeweiligen Apps möglichst lange zu benutzen. Die Plattformbetreiberinnen- und betreiber zeigen uns mithilfe von Algorithmen immer mehr Dinge, die wir mögen oder uns in unserer Weltanschauung bestärken. Sie befeuern Selective Exposure und Homophilie.
Es gibt eine recht umfangreiche Studie der Cornell University aus 2025, die zeigt, dass Algorithmen allein nicht das Problem sind, sondern auch die immer größere Anzahl der Kontakte, mit denen wir vernetzt sind und die Überbetonung des Reagierens auf Inhalte. Die Forscherinnen und Forscher sind überzeugt, dass man Social-Media-Plattformen von Grund auf neu bauen müsste, um sie zu einem Ort des sozialen Miteinanders zu machen.
Aus Social Media könnten wir uns – die einen mit mehr, die anderen mit weniger Verlustschmerz – abmelden. Ganz grundlegende, einprogrammierte Interaktionsmuster können wir nicht so leicht ablegen. Das ist vielleicht zu akzeptieren. Vielleicht kann es aber auch gelingen, dass wir ab und zu unsere Automatismen austricksen und uns dem Miteinander stellen.
Vierte Hürde: Wie und wo?
Stellen wir uns vor, dass wir Meinung und Gefühl getrennt bekommen, nicht wie automatisch der Erzählung von zwei Lagern folgen und uns unserer Triggerpunkte und Hirnhürden bewusst sind: Wie gehen wir das Miteinander an? Eine Möglichkeit ist, sogenannte „Bridging-Angebote“ zu nutzen. Das „Othering and Belonging Institute“ der University of California beschreibt Bridging als „eine Methode, bei der Mitglieder verschiedener sozialer Gruppen nicht nur miteinander in Kontakt gebracht werden, sondern auch soziale Bindungen und ein gutes Verhältnis zueinander aufbauen.“ In Europa sind solche Bridging-Angebote in der Regel Inklusions- und Integrationsangebote. In Österreich bietet die Caritas mit „Bridgers“ z.B. Ausbildungen für junge Menschen an, die in ihrer Peergruppe Social Media-Aufklärungsarbeit leisten wollen. In Caritas-Plaudercafés können Menschen in einem ungezwungenen Rahmen Deutsch üben und mit anderen Menschen in Kontakt kommen.
Österreichische Angebote fürs Miteinander in der Mitte der Gesellschaft gibt es eher weniger. Einen Vorstoß haben vier NGOs 2024 mit „Das Gemeinsame zuerst“ versucht – einem Manifest, das von einer Handvoll Prominenter und ca. 2000 weiteren Menschen unterschrieben wurde. Aktuell sei nicht geplant, die Initiative neu aufzulegen, sagt Alexander Pollak von SOS Mitmensch. Aber die Inhalte der Initiative seien „immer noch eine wichtige Leitschnur ihrer Menschenrechtsarbeit für eine solidarische Gesellschaft, die auch und gerade in Krisenzeiten zusammenhält.“
Bleibt die Frage: Wie gehen wir das Miteinander mit Andersdenkenden in der Mitte der Gesellschaft an? Und vor allem, wo? Einfach mal zu Menschen an einen Stammtisch setzen, von denen wir annehmen, dass sie anderer Meinung sind? Vielleicht nicht die beste Idee.
Während des US-Präsidentschaftswahlkampfs ruft David Blankenhorn aus Manhattan seinen Freund David Lapp in Ohio an. David will von David wissen, wie die Menschen im Mittleren Westen über die mögliche Wahl von Donald Trump denken. Während Blankenhorns Familie, Freundinnen und Freunde in Manhattan eher entsetzt sind, sind Lapps Liebste und Bekannte in Ohio eher entspannt bis vorfreudig. Die sehr unterschiedlichen Wahrnehmungen bringen die beiden auf eine Idee: „Was ist, wenn wir Clinton- und Trump-Wählerinnen und -Wähler für eine Diskussion in einem Raum zusammenbringen?“ Sie holen einen dritten Freund dazu, um die Idee zu besprechen: Bill Doherty. Der ist hauptberuflich Paar- und Familientherapeut. Er ist nicht so begeistert.
„Bill meinte, das sei eine furchtbare Idee. Man kann nicht einfach nach einer Wahl eine Gruppe von Leuten zusammenbringen, die völlig unterschiedlicher Meinung sind, und dann sagen: ,Okay, jetzt redet miteinander.‘ Er hat gemeint: ,Das kann auf keinen Fall gut gehen‘“, sagt Gabriella Kearns. Sie ist verantwortlich für Kommunikation und Marketing bei Braver Angels, einer Bridging-Organisation mit Sitz in New York. Die Geschichte von den beiden Davids und ihrem Kumpel Bill ist die Gründungsgeschichte der Organisation. Bill Doherty, der in seinem Brotjob viele Paare beraten hat, die kurz vor der Trennung stehen, ist 2016 der Meinung, dass so eine Diskussion zwischen Reds und Blues – also Republikanerinnen, Republikanern, Demokratinnen und Demokraten – Struktur brauche. Er entwickelt ein Handbuch für sogenannte „Red-Blue-Workshops“, das die beiden Davids dankend annehmen.
Die zwei wichtigsten Grundsätze aus dem Handbuch: Bei jeder Diskussion nehmen gleich viele Reds und Blues teil. Und: Das inhaltliche Thema wird ganz zum Schluss besprochen. Erstmal macht jede der beiden Gruppen ein Brainstorming. Gesucht wird nach Vorurteilen, die die jeweils andere Gruppe über die eigene hat. In diesen Vorurteilen suchen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dann nach einem “kernel of truth”, also einem Fünkchen Wahrheit: Was an den Vorurteilen stimmt? Und was stimmt eben nicht? Die Ergebnisse des Brainstormings präsentieren die Gruppen einander.

Das nimmt den Beleidigungen, die wir uns gegenseitig an den Kopf werfen, die Schärfe. Wir haben das anerkannt. Wir haben bereits darüber gesprochen, warum es stimmt. Wir haben darüber gesprochen, warum es nicht wahr ist. Zu keinem anderen Zeitpunkt des Workshops wird also jemand sagen, dass die andere Person ein Rassist ist. Wir haben das bereits ausführlich besprochen. Das nimmt dem Ganzen also ziemlich viel von seiner Kraft“, sagt Kearns. Außerdem nehme diese Vorurteil-Vorbesprechung Ängste der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Die Angst, dass die jeweils andere Seite etwas Verletzendes über die eigene sagt, würde nämlich Menschen von der Teilnahme an der Diskussion abhalten.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Workshops werden einerseits von Ehrenamtlichen eingeladen – z.B. in der Nachbarschaft oder Kirchengemeinde – und andererseits kommen sie durch Mundpropaganda. Wer davon erfahre, wie dort miteinander gesprochen wird, sei schnell selbst hooked und wolle dabei sein, meint Gabriella Kearns. Sie beschreibt Braver Angels als „von Ehrenamtlichen geführte Organisation“. Insgesamt kümmern sich ca. 3000 Freiwillige in unterschiedlichen „Alliances“ um die Organisation und Durchführung der Workshops. Dazu gehört auch das Location-Scouting. Die Workshops finden in Kirchen, Gemeindezentren oder anderen Orten statt, die von überzeugten Freiwilligen aufgestellt werden. Der berühmteste Austragungsort ist ziemlich sicher der “Comedy Cellar” in New York. Inhaber Noam Dworman sei begeistert von der Idee des „cross-partisan dialogue” und stelle den Comedy Cellar immer wieder für Diskussionen zur Verfügung, sagt Kearns.
Ich frage sie, ob Braver Angels mit der Kritik konfrontiert wird, dass die Organisation nicht unabhängig ist: „Die Roten halten uns für Blaue, die Blauen halten uns für Rote. Wir sind zu liberal, wir sind zu konservativ. Das gehört nun mal dazu, wenn man sich in der Arena bewegt.“ In den USA gibt es zig Bridging-Organisationen. Sehr viele stehen laut Kearns unter dem Verdacht, eher liberal zu sein. Braver Angels sei mit ihren tausenden Ehrenamtlichen die größte Grassroot-Organisation und auch die Organisation, die sich am deutlichsten Richtung Republikanerinnen und Republikanern öffnet, meint sie. Auf Ebene der Ehrenamtlichen gebe es keine Kontrollen, wer welchem Lager angehört; auf der Führungskraft-Ebene schon, vor allem im Vorstand. Im Team gebe es einen sehr offenen Umgang damit, wer mit welcher Partei sympathisiere.
Ich frage Kearns, was wir in Europa von Organisationen wie Braver Angels lernen können. Sie meint – auch wenn es eine sehr amerikanische Antwort sei – dass es besonders wichtig sei, dass alle frei ihre Meinung sagen können: „Weil wir den Menschen keine so strengen Einschränkungen auferlegen, was sie sagen dürfen und was nicht, glaube ich, dass sie oft ihre Haltung lockern und sich der Situation gewachsen zeigen. Sie haben nicht das Gefühl, eingeschränkt zu werden. Sie haben das Gefühl, dass die anderen tatsächlich auf sie hören wollen.”
Tipp
WDR 5- Audiofeature „Medienkrieger: Der neue Ton – Wie aus Nazis Demokraten werden sollten” (2021)
Vier Hürden haben wir genommen auf dem Weg Richtung Miteinander: Meinung von Gefühlen trennen, Spaltungserzählungen hinterfragen, einprogrammierte Automatismen bewusst machen und idealerweise Räume suchen oder öffnen, in denen es nicht sofort um die inhaltliche Auseinandersetzung geht, sondern zuerst um das Reflektieren von Vorurteilen. Letzteres können wir ja direkt hier unten in den Kommentaren ausprobieren, da haben wir ja einen sicheren Raum zum Diskutieren. Welche Vorurteile haben andere über dich und wo ist der „kernel of truth”? Wenn du tatsächlich dank dieser Geschichte ein bisschen mehr Lust aufs Miteinander bekommen hast, teile sie doch mit Personen, die auch ein paar Miteinander-Vibes vertragen können.
Weitere Sprecherinnen: Celeste-Sarah Ilkanaev und Valentine Engel
Sounddesign und Audioproduktion: Henric Wietheger und Wolfram Leitner
Mixing und Mastering: Wolfram Leitner
Audioquellen: „Donald Trump: I'm with the American people“ (youtube.com/cnn) und „Medienkrieger: Der neue Ton – Wie aus Nazis Demokraten werden sollten“ (WDR 5)
