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Normalerweise erzählen wir dir, warum die Geschichte, die du gerade liest oder hörst, genau jetzt relevant für dich ist. Oft gibt es einen aktuellen Anlass oder ein konkretes Ereignis, über das wir mit dir reden wollen. Bei dieser Geschichte hier ist es ein bisschen anders. Sie hat dankenswerterweise keinen aktuellen Anlass. Und vielleicht sollten wir gerade deswegen jetzt darüber reden. Es geht um Ernstfälle und wie man sich darauf vorbereitet.
Wie ich auf die Geschichte gekommen bin? Instagram. Da wird mir seit ein paar Wochen immer wieder Doomsday-Content in die For-You-Page gespült. Es ist wieder Hurrikansaison in den USA. In zig Reels bereiten Eltern ihre Kinder auf Evakuierungen vor. Unter einigen läuft der „Folsom Prison Blues“ von Johnny Cash, allerdings in einer düsteren, halligen Version. Klingt schön gruselig.
„The first thing I do during a hurricane to keep my son safe“ schreibt zum Beispiel Reise-Influencerin victorias.way in ihrem Reel. Sie richtet ihrem 8-jährigen Sohn im begehbaren Kleiderschrank ein Bett her, hängt ihm eine Trillerpfeife um und schreibt ihre Telefonnummer auf ein Pflaster an seinem Arm. Dann einen AirTag von Apple ans Handgelenk, Geld und Kreditkarte inklusive Pin mit ein paar Leckerchen in einen bunten Rucksack und noch einen Gute-Nacht-Kuss. Ob das alles echt ist? Ganz ehrlich: keine Ahnung. Victorias Reel könnte echt sein. Andere sind deutlich schräger, viele mit KI erstellt. Was soll ich sagen? Doomsday-Content funktioniert immer.
In Österreich gibt es zwar keine Hurrikans, aber Naturkatastrophen stehen auch bei uns ganz oben auf der Liste der wahrscheinlichen Krisenszenarien. Wetterextreme, Starkregen, Hagel und Hitzeperioden nehmen messbar zu. Lokale Katastrophen wie das Hochwasser in Niederösterreich und Wien vor zwei Jahren werden immer schwerer vorhersehbar. Eigentlich müssten wir alle ständig darauf vorbereitet sein, unser Zuhause zu verlassen, wenn es nötig ist. Aber was heißt das genau: „Vorbereitet sein“? Der Österreichische Zivilschutzverband (ÖZSV) hat nach dem Hochwasser 2024 eine Liste veröffentlicht. Eine Checkliste für das, was ins Notfallgepäck gehört. Ich habe mir das mal genauer angeschaut und mich auf den Weg gemacht, um meinen Evakuierungsrucksack zu packen.

Erster Stopp: die Drogerie. Eine Verkäuferin fragt mich, ob ich etwas suche. Ich zeige ihr die Notfallgepäckliste, sie lacht. Aber eigentlich sei das ja ganz sinnvoll, meint sie. Sie werde sich das auch mal anschauen. Sie bietet noch an, mit mir die Liste abzuklappern, aber ich mag allein suchen. Also: Was brauche ich? Hygieneartikel. Was genau das heißt, steht nicht dabei. Ich packe ein Stück Seife, Zahnpasta, zwei Zahnbürsten und einen Deoroller in meinen Einkaufskorb. Dazu - das steht wieder auf der Liste - Feuchttücher und eine kleine Flasche Desinfektionsmittel. Fühlt sich ein wenig an wie Packen fürs Frequency.
Nächste Station: Supermarkt. Ich brauche Notproviant. Wasser, Verpflegung, Besteck. Besteck habe ich zu Hause. Wasser - wie viel? Und lieber in einer Trinkflasche oder PET, weil leichter? Ich entscheide mich für letzteres. Vier Halbliterflaschen. Dann drei Packungen Knäckebrot, die gerade mal bis 31.05.2027 haltbar sind, eine Auswahl an Trockenfrüchten, zwei Thunfischdosen und eine Dosensuppe. Steht alles so nicht auf der Liste, aber wird schon passen.
An der Kassa steht vor mir ein junger Mann. Er kauft eine Tiefkühlpizza und zwei kleine Bierflaschen. Vermutlich packt er gerade nicht seinen Evakuierungsrucksack. Statistisch gesehen wäre er damit in großer Gesellschaft. Laut einer Studie von Integral Insight aus dem Jahr 2025 ist nur rund die Hälfte der Österreicherinnen und Österreicher auf Krisenszenarien vorbereitet. Warum ist das so? Dank Pandemie, Inflation und Krieg sind viele Menschen schlichtweg krisenmüde. Nicht unwahrscheinlich, dass sie komplett dicht machen, wenn man ihnen jetzt noch mit Wetterkatastrophen, Blackouts oder sonst was kommt.
Ich habe Almira Geosev vom Österreichischen Zivilschutzverband, gefragt, wie sie damit umgehen: „Kommunikation ist immer eine Herausforderung, insbesondere in einer schnelllebigen Welt wie unserer. Durch die vielen Ereignisse, die täglich geschehen, kann das Gefühl der Überwältigung groß werden.“ Das Ziel des Zivilschutzes sei es nicht, Panik zu schüren, sondern die Menschen handlungsfähig zu machen. „Bereits vermeintlich kleine Handlungen – zum Beispiel beim nächsten Wocheneinkauf ein paar Packungen mehr zu kaufen und auf Lager zu legen – erhöhen die eigene Sicherheit und Resilienz.“ Vorsorge müsse greifbar sein, sagt Geosev. Nicht der nächste abstrakte Weltuntergang, sondern der lokale Stromausfall oder das Starkregenereignis im eigenen Bezirk.
Zurück in meiner Wohnung. Zeit, die restliche Ausrüstung zusammenzusuchen. Einen großen, robusten Rucksack habe ich nicht. Also Sporttasche. Die ist zwar nicht wirklich angenehm zu tragen, aber zumindest hätte ich im Ernstfall die Hände frei. Weiter: Regenjacke und feste Schuhe. Rein damit. Auf dem Heimweg habe ich noch hundert Euro in Zehnern abgehoben. Laut Liste soll ich nämlich auch Bargeld einpacken. Dann ein altes Schweizer Taschenmesser, eine Taschenlampe, ein Feuerzeug und – mein persönliches Highlight – ein Kurbelradio. Habe ich vor Urzeiten mal bei willhaben gecheckt. Frag mich nicht warum.

Oweh: Dokumentenmappe. Was soll da rein? Reisepass, Geburtsurkunde, Staatsbürgerschaftsnachweis, Heiratsurkunde (habe ich nicht), Meldezettel, Sparbücher (habe ich ebenfalls nicht), Zeugnisse (zumindest die letzten, oder?) und Versicherungspolizzen. Außerdem Fotos von wertvollen Gegenständen in meiner Wohnung. Da habe ich nicht so viele. Na gut, alles rein in die Mappe.
Was noch? Benötigte Medikamente soll ich einpacken. Mhmmm. Ich brauche keine Medikamente. Ich bin, na ja, zumindest halbwegs gesund. Aber was ist mit all den Menschen, die krank sind oder aus anderen Gründen nicht in der Lage sind, für sich selbst zu sorgen? Chronische Erkrankte, Menschen mit Behinderungen, Personen ohne finanzielle Rücklagen oder solche, die nicht Deutsch sprechen? Droht uns im Krisenfall ein Zwei-Klassen-System?
Almira Geosev vom Zivilschutzverband gibt zu, dass es immer wieder Menschen geben werde, die sie leider nicht erreichen. Der Verband arbeite aber mit Hochdruck an niederschwelligen Angeboten. Ein Beispiel dafür sei die ZIVA-App. „Die App wurde vor dem Release mit Menschen getestet, die eine Sehbehinderung haben. Die Bedienung mittels Screenreader war uns hier sehr wichtig“, sagt Geosev. Außerdem solle noch in diesem Jahr einfache Sprache implementiert und das mehrsprachige Angebot ausgebaut werden. Man sei zudem im ständigen Austausch mit dem Österreichischen Behindertenrat.
Apropos ZIVA-App. So eine App zu entwickeln, kostet natürlich was. Dass sich der Zivilschutzverband die App überhaupt leisten konnte, liegt an einer Gesetzesnovelle aus 2024. Mit dem neuen Rettungs- und Zivilschutzorganisations-Unterstützungsgesetz hat der Zivilschutzverband finanzielle Planungssicherheit vom Bund bekommen. Davor musste er jedes Jahr aufs Neue um Förderungen ansuchen.
Zivilschutz vs. Katastrophenschutz
Zivilschutz: Umfasst alle Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung vor den Auswirkungen von Katastrophen und Krisen durch rechtzeitige Warnung, Information und die Förderung der persönlichen Selbsthilfefähigkeit der Bürgerinnen und Bürger.
Katastrophenschutz: Regelt die konkrete Organisation, Vorbereitung und tatsächliche Bekämpfung von großflächigen Notlagen und Schadensereignissen durch die Behörden und Einsatzorganisationen (wie Feuerwehr und Rettungsdienste). Ist in Österreich grundsätzlich Ländersache. Der Landeshauptmann ist der oberste Krisenmanager. Das BMI (Staatliches Krisen- und Katastrophenschutzmanagement - SKKM) greift erst koordinierend ein, wenn die Krise überregional wird.
Der Österreichische Zivilschutzverband (ÖZSV) ist rechtlich gesehen ein Verein (ein Bundesverband und neun Landesverbände). Er ist der zentrale Kommunikator in Richtung Bürgerinnen und Bürger. Seine Aufgabe ist Aufklärung, Prävention und Bewusstseinsbildung. Gegründet 1961 im Kalten Krieg (Fokus: Luftschutzbunker), hat sich der Verband 1985 zum Aufklärer für Naturkatastrophen und Haushaltskrisen entwickelt.
Es fehlt noch ein letzter Punkt auf meiner Liste und der ist gar nicht so leicht abzuhaken. „Emotional wertvolle Gegenstände“, steht da. Ich schaue mich in meinem Wohnzimmer um. Was nimmt man mit, wenn man vielleicht nie wieder zurückkommt? Ich entscheide mich für ein kleines Fotoalbum mit Bildern aus meiner Kindheit und ein paar Schmuckstücke aus meiner Erinnerungskiste. Da sind alte Kinotickets und so weiter drin. Alles Dinge, die keinen echten materiellen Wert haben, aber für mich schon irgendwie unersetzlich sind. Dass man die Wohnung von einer Sekunde auf die andere verlassen muss und die eigenen Sachen unter Trümmern verschüttet werden können, ist kein Hollywood-Szenario. Das haben wir erst kürzlich beim dramatischen Hauseinsturz in Wien gesehen.
Und genau hier bekommt diese ganze Geschichte eine schräge, aber reale Wendung. Ich wollte das Interview mit Almira Geosev vom Zivilschutzverband eigentlich aufnehmen und ihre Antworten dann als O-Töne in diesen Beitrag schneiden. Hat nicht geklappt. Warum? Geosev lebt in einem Nachbarhaus des eingestürzten Gebäudes in Wien und musste selbst evakuiert werden. Die Expertin für Krisenvorsorge, plötzlich selbst mitten in der Krise. Gut, dass sie ihr Notfallgepäck griffbereit hatte.
Am Ende meiner kleinen Odyssee durch Supermärkte, Drogerien und die eigenen Schränke stelle ich die gepackte Sporttasche in den Flur. Fühlt sich gut an. Ich schaue online nach, was andere in ihren Rucksack packen und komme drauf, dass ich mir einen Großteil der Arbeit hätte sparen können. Ich lande nämlich noch einmal auf der Website des Zivilschutzverbands. Stellt sich heraus: Da gibt es einen eigenen Online-Shop, wo man fertig gepackte Notfallrucksäcke, Kurbelradios und Wasserfilter einfach komplett und geprüft kaufen. Die emotionalen Gegenstände muss man natürlich selbst hinzufügen, logisch.

Ein gemeinnütziger Verein mit hoheitlichem Informationsauftrag, der gleichzeitig Produkte verkauft? Beißt sich das nicht? Almira Geosev vom Zivilschutzverband sagt, der Shop sei eine unabhängige Tochtergesellschaft des oberösterreichischen Landesverbands.„Das Ziel war damals eine beschränkte Palette an Produkten anzubieten, die für Notsituationen empfohlen werden, jedoch im regulären Handel nicht erhältlich waren“, sagt Geosev. Wichtig sei die inhaltliche Abgrenzung: Empfehlungen würden nie direkt mit Verkaufsangeboten verknüpft werden, die Information stehe immer im Vordergrund.
Was können wir aus der Geschichte mitnehmen? Krisenvorsorge ist kein Prepper-Hobby mehr. Es ist eine sehr rationale Antwort auf eine Welt, die ein bisschen aus den Fugen geraten ist. Ob man sich den Rucksack nun mühsam selbst zusammenstellt oder online bestellt, ist vermutlich zweitrangig. Wichtig ist, dass man ihn hat, wenn das Wasser steigt oder die Sirenen heulen.
Jetzt bin ich gespannt: Stell dir vor, du hast nur noch fünf Minuten, um deine Wohnung zu evakuieren. Rucksack, Wasser, Pässe hast du schon. Welchen einen emotional wertvollen Gegenstand packst du als Letztes ein, bevor du die Tür hinter dir zumachst? Wir treffen uns in der Kommentarspalte.
Audioproduktion und -mix: Yannik Milz
