Alles ist gratis und nichts ist von Bedeutung

Wir werden immer mehr beherrscht von einer neuen mythischen Klasse: Tech-Milliardäre. Hier ist, was ich über sie gelernt habe, als Jeff Bezos mich auf einen Retreat einlud.

Alles ist gratis und nichts ist von Bedeutung
Illustration: Hedi Lusser/JETZT unter Verwendung von KI

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Am Ende von Paul Andersons Film „There Will Be Blood“ aus dem Jahr 2007 erschlägt Daniel Plainview, ein gealterter, stinkreicher Ölmagnat (gespielt von Daniel Day-Lewis) den Prediger Eli Sunday (gespielt von Paul Dano) mit einem Bowling-Pin. Der Prediger – seit der Zeit, als Plainview Karriere machte und reich wurde, dessen Erzfeind – ist gekommen, um Plainview sein ölreiches Grundstück zu verkaufen, das dieser einst begehrte. Doch Plainview braucht es nicht mehr. Denn er hat längst, wie er in einem der berühmtesten Monologe der modernen Filmgeschichte erklärt, von einem Nachbargrundstück aus alles tief darunter verborgene Öl abgesaugt wie einen Milkshake.
In höchster Geldnot bettelt Eli Plainview um einen Kredit an. Stattdessen jagt ihn Plainview durch eine Bowlingbahn und ermordet ihn genüsslich. Als Eli tot ist, kommt ein Butler nachsehen, was der Lärm zu bedeuten hat. „Ich bin fertig“, schreit Plainview. Egal wie oft ich mir diesen Film ansehe, ich verstehe diese Worte nie als „Ich bin erledigt, meine Taten werden Folgen haben“. Es bedeutet ganz im Gegenteil: Plainview hat seine Reise vollendet, ist durch die Anhäufung von Reichtum und Macht irgendwo jenseits des moralischen Universums angekommen. Anders gesagt: Er tut nicht mal mehr so, als ginge ihn die Menschheit mit ihren sozialen Regeln noch etwas an.

2018 war ich in Jeff Bezos Campfire Retreat in Santa Barbara, Kalifornien. Einmal im Jahr lädt der Amazon-Gründer gut 80 Gäste auf drei Nächte in einem privaten Resort ein – Stars, Künstler, Intellektuelle und wen er sonst noch interessant findet. Kurz zuvor war ich von Amazon gefragt worden, ob ich mit meinem Film- und Fernsehunternehmen nicht von Disney zu Amazon wechseln wolle, und obwohl (oder gerade weil?) ich abgelehnt hatte, lud Bezos Team mich nach Campfire ein. Vielleicht, um mir mit seiner Macht zu imponieren.

An einem warmen Dienstag im Oktober schwärmten Scharen von Privatjets nach Van Nuys und New York aus, um die Gäste stilvoll nach Santa Barbara zu befördern. Zu dem Zeitpunkt hatte ich nur eine vage Vorstellung davon, wer da aller kommen würde – Prominente, Reiche, Einflussreiche und eben ich. Eine vollständige Gästeliste würden wir bei der Ankunft bekommen, hieß es. Auch Familien waren eingeladen, und jedes Kind würde vor Ort von einer Nanny betreut.
Also packten meine Frau und ich unsere beiden Kinder zusammen, fuhren von Austin nach Los Angeles und flogen 45 Minuten Richtung Norden, mit an Bord ein Fernsehmogul und ein Comedian. Bezos hatte das ganze Biltmore Resort und den Beach Club gegenüber für uns reserviert. Eine Security-Firma aus Las Vegas sorgte dafür, dass wir sicher und ungestört blieben. Sogar das Wetter zeigte sich von seiner edelsten Seite, und in unseren Zimmern erwarteten uns Designer-Geschenketüten mit lauter Luxusartikeln drin.

Der Autor Noah Hawley mit seiner Frau Kyle bei einer Preisverleihung in Santa Monica 2024. Jeff Bezos hat die beiden nach der unglücklich verlaufenen Teilnahme an dem Retreat nie wieder eingeladen. (Foto: Michael Buckner/Variety via Getty Images)

Jeden Morgen saßen wir in einem Hörsaal und lauschten Präsentationen. Wenn Sie schon mal einen TED-Talk gesehen haben, kennen Sie dieses Format. In dem Jahr, in dem ich dabei war, gab es ein Interview mit einem amtierenden Richter am Obersten Gerichtshof, und ein Neurologe erzählte vom technischen Fortschritt in der Prothetik. Die Nachmittage und Abende verbrachten wir damit, uns bei kühlen Drinks und Viergänge-Menüs über unsere Ideen auszutauschen, ohne vorgegebenes Ziel – also, anders gesagt: Netzwerken mit den exklusivsten Talenten des ganzen Planeten. Die Frage, die ich am häufigsten hörte, war: „Warum bin ich hier?“
„Warum bin ich hier?“, fragte der Hair-Metal-Sänger aus den Achtzigern. „Warum bin ich hier?“, fragte die Pulitzer-Preisträgerin, Anthropologin und Historikerin mit Forschungsschwerpunkt Präsidenten. Nur die Filmstars und Milliardäre fragten nicht: Sie waren nicht zum ersten Mal auf so einem Event. Offenbar gibt es eine ganze Reihe dieser wiederkehrenden Ideen-Festivals. Viele Tech-Milliardäre treten als Gastgeber auf, und wer auf der richtigen Liste steht, kann das ganze Jahr über herumreisen, Wagyū-Rind essen und mit dem berühmtesten Talk-Show-Moderator aller Zeiten über die Welt und ihre Verbesserung reden.

So begann dieses Wochenende. Es endete damit, dass meine Frau auf dem nassen Gras ausrutschte und sich das Handgelenk brach, während die Kinder und ich die Hand-Fuß-Mundkrankheit erwischten. Kein Scherz. So reiste eine von uns mit dem Arm in der Schlinge ab, den Rest der Familie quälten juckende, schmerzhafte rote Bläschen im Gesicht und an den Extremitäten. Wenn man auf ein Zeichen Gottes hofft, ob die Gesellschaft der Reichsten dieser Welt das Richtige für einen ist, und er einem nicht nur eine, sondern gleich zwei Plagen schickt, sollte man aufhorchen. Dass wir seitdem nie wieder in Campfire waren, ja nicht einmal je wieder eingeladen wurden, muss wohl nicht extra dazugesagt werden.
Bei einem Drink am zweiten Abend fragte mich der Chef einer großen Talenteagentur, was ich von dem Wochenende hielte. Ich sagte: „Mein Leben lang versuche ich schon rauszukriegen, wie die Welt funktioniert. Dabei hätte ich einfach hierher kommen und die Leute fragen können, die die Fäden ziehen.“ Das sollte irgendwie witzig sein. Der Leadsänger einer Alternative-Country-Band zieht ja keine Fäden, auch nicht der prominente Autor, dem später Fehlverhalten vorgeworfen wurde. Aber seit dieser Exklusiveinladung in ein Luxusresort weiß ich genau, was mit dem Wort „Elite“ gemeint ist.

Die Hybris des Erfolgs

Wenn man so, den Bleistift parat, in diesem Hörsaal sitzt und sich den Vortrag eines mächtigen Konzernchefs über seine humanitären Projekte anhört, kann man leicht das Gefühl bekommen, die Lösung für die Probleme dieser Welt läge zum Greifen nahe. Doch als ich rundherum in die Gesichter sah, die ich nur aus Zeitschriften oder dem Fernsehen kannte, hatte ich eine beunruhigende Erkenntnis: Das ist die Hybris des Erfolgs. Wer in einer Sphäre als Genie gilt, hält sich in allen Belangen für ein Genie.
Wir waren 80 Personen mit einem Gesamtvermögen, das größer war als das einer Kleinstadt, aber im Vergleich zu Macht und Wohlstand unseres Gastgebers noch immer verschwindend gering. Was bedeutete ihm dieses Ereignis? War es ein erster Schritt zur Rettung der Welt oder nur eine Zurschaustellung von Reichtum und Einfluss?
Bezos war an diesem Wochenende allgegenwärtig – er trug ein enges T-Shirt, lachte zu laut, schlang die Arme um die Schultern seiner Teenager-Söhne. Damals war er gerade zum zweiten Hundertmilliardär der Welt geworden, sein Vermögen betrug an die 112 Milliarden Dollar, heute ist es doppelt so viel. Diese bisher unvorstellbare Zahl verlieh ihm auf einem Planeten mit acht Milliarden Menschen eine Einzigartigkeit, die man im ganzen Raum spürte. Auch die Reichsten und Berühmtesten unter uns fühlten sich von der Energie dieses unfassbaren Reichtums angezogen.

Damals wussten wir noch nicht, dass Bezos’ erste Ehe ein paar Wochen später geschieden würde. Auf mich wirkte seine Frau an jenem Wochenende vor allem traurig, obwohl Bezos in seiner Rolle als Familienvater eine große Show abzog. Im Rückblick ist mir vor allem diese Performance in Erinnerung geblieben. 2018 verhielt sich Jeff Bezos noch, als würde er glauben, er müsste einen guten Eindruck machen, und sein finanzieller und sozialer Status könnte durch negative Schlagzeilen beeinträchtigt werden. Er hielt seine Handlungen noch nicht für folgenlos. Er war noch nicht frei – noch nicht so befreit wie Daniel Plainview – von den menschlichen Regeln.
Acht Jahre später haben Bezos und noch zwei weitere reichste Männer der Welt – Mark Zuckerberg und Elon Musk – die Welt der Konsequenzen eindeutig hinter sich gelassen. Sie schweben frei in einem empfindungsleeren Raum, der so groß ist wie die ganze Welt und in dem sie die Einzigen sind, die je ihre eigenen Taten bewerten.
Je tiefer ich in die Welt des Wohlstands blicke, desto klarer wird mir, dass echter Reichtum nicht bedeutet, genügend Geld für Superyachten, Privatjets und hektarweise Land anzuhäufen. Echter Reichtum heißt, dass man im Endeffekt alles gratis bekommt. Man kann sich alles kaufen und nichts verlieren, weil kein Verlust so groß sein kann, dass er das globale Ansehen oder die persönliche Macht eines beinah schon Billionärs trüben könnte. Für solche Menschen hat das Wort „Misserfolg“ keine Bedeutung mehr.

Dieses Gefühl von Unverwundbarkeit hat tiefgreifende psychische Auswirkungen. Wenn alles gratis und nichts von Bedeutung ist, dann nimmt man die ganze Welt und andere Menschen nur als Handlungsobjekte wahr – wenn man sie überhaupt wahrnimmt. Klassischer Narzissmus, bei dem sich eine innere Unsicherheit hinter der Maske eines grandiosen, aber fragilen Selbstbilds versteckt, ist etwas anderes. Ich spreche hier von einer Selbstwahrnehmung, in der das Individuum sich auf das ganze Universum ausdehnt und das Universum wiederum verschwindet. Als Donald Trump, ebenfalls Milliardär und der beim Weitem reichste Präsident der amerikanischen Geschichte, kürzlich gefragt wurde, ob seine Macht irgendeiner Kontrolle unterliege, sagte er: „Ja, eine Sache gibt es: meine Moral. Mein Kopf. Das ist das Einzige, was mich aufhalten kann.“ Nicht nationales oder internationales Recht, nicht der Wille der Wähler·innen, nicht Gott oder die jahrhundertealte Moral zivilen und religiösen Zusammenlebens.

Der Mechanismus, der Menschen beibringt, dass auch andere existieren

Jahrzehntelange Forschungen in der Entwicklungspsychologie haben gezeigt, dass sich moralisches Empfinden anhand von Konsequenzen entwickelt – nicht unbedingt durch Bestrafung, sondern durch die Erfahrung, wie sich die eigenen Handlungen auf andere auswirken, durch ehrliches Feedback und die Notwendigkeit, die Wirklichkeit so zu akzeptieren, wie sie ist, und nicht, wie man sie gerne hätte. Ich will damit nicht sagen, dass reiche Menschen automatisch böse werden; es ist vielmehr so, dass sie in ihrer Umwelt jene Dinge nicht mehr lernen, an denen weniger reiche Menschen einfach nicht vorbeikommen, indem sie auch Rückschläge einstecken müssen. Wenn man jeden Fehler mit Geld ausbügeln kann, wenn man jeden, der anderer Meinung ist, kündigen kann, wenn das soziale Umfeld ausschließlich aus Personen besteht, die was von einem wollen, dann schaltet sich der Mechanismus aus, der Menschen beibringt, dass auch andere existieren.

Als Peter Thiel sagte, er glaube nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie kompatibel seien, meinte er nicht Ihre Freiheit. Er meinte seine. Sie existieren doch gar nicht. Als Elon Musk mit einer Kettensäge in die Regierung einzog, um seinen Insider-Witz namens DOGE* anzubringen, tat er das als einer, dem alles egal ist – Armut, Chaos, menschliches Leid. Er hatte seinen Spaß. Es war auch egal, dass dieses ganze destruktive Unterfangen im Endeffekt keine finanziellen Einsparungen brachte. Für Musk war das Ergebnis von vornherein klar: Er konnte nur gewinnen, weil Verlieren nichts mehr zu bedeuten hatte.

Seit den Wahlen 2024 passiert bei den Rechten und vor allem bei Tech-Milliardären eine philosophische Verschiebung, die dazu führt, dass die Idee der Empathie verteufelt wird. Musk nannte Empathie die „fundamentale Schwäche der westlichen Zivilisation“. Für ihn ist sie eine Waffe, mit der die liberale Gesellschaft ansonsten rationale Menschen dazu zwingt, gegen die eigenen Interessen zu handeln. Empathie ist etwas, das andere dir antun – ein Schwachpunkt, den sie ausnutzen, eine Hintertür, durch die sie sich Zugang zu deinen Ressourcen und deinem Willen verschaffen. Diese Ablehnung von Empathie als menschlichem Wert gewährt Menschen Deckung, die überhaupt nichts mehr fühlen wollen. Wenn Empathie das Problem ist, ist ein Mangel daran kein Defizit, sondern ein Vorteil.

Ich sprach Bezos schließlich am letzten Campfire-Tag an, beim Lunch, nachdem meine Frau sich das Handgelenk gebrochen hatte. Ich bedankte mich für die Einladung, und er fragte, wie es uns gefallen habe. Ich sagte, es war toll, aber leider habe sich meine Frau am Morgen beim Ballspielen mit unserem sechsjährigen Sohn das Handgelenk gebrochen.

Lieber flüchten als Empathie zeigen

Am Vorabend hatten wir in dem Beach Club am Pool gestanden und Synchronschwimmerinnen bei der Vorführung einer perfekten Wasserchoreografie zugesehen. Ich hatte mich mit einem berühmten Schriftsteller unterhalten, der sagte: „Ich weiß einfach nicht, warum ich hier bin.“ Indessen bereitete ein Rockstar ein akustisches Konzert vor. Der berühmte Koch hatte Paella gekocht. Irgendwo in meinen untersten Hautschichten keimte die erste fiese Pustel.
Am nächsten Morgen fiel meine Frau hin, und ein privates Security-Team brachte uns flugs in einem schwarzen SUV zum hinteren Eingang einer Notaufnahme in Santa Barbara, wo sie sofort untersucht und behandelt wurde. Wir waren rechtzeitig zurück, um den Richter des Obersten Gerichts zu sehen, der per Zoom aus Washington zugeschaltet wurde.
„Wie hat Ihnen Campfire gefallen?“, fragte mich Bezos eine Stunde später, und weil ich ein ehrlicher Mensch bin und auch selbst gern Gäste habe, dachte ich, es würde ihn interessieren, dass es ein Problem gegeben hatte, aber sein Team rasch reagiert und effektiv geholfen hatte. Um es ganz klar zu sagen, ich machte ihm weder einen Vorwurf, noch versuchte ich, den reichsten Mann der Welt zu erpressen. Ich bot Bezos, der ja genau wie ich ein Ehemann und Vater war, ganz einfach eine kurze menschliche Verbundenheit an.

Doch als er hörte, was passiert war, sah Bezos entsetzt aus. Er sagte nicht „Das tut mir aber leid“. Er sagte auch nicht „Braucht ihr noch was?“. Er zog eine Grimasse, und einen Augenblick später kam ein Gehilfe und zauberte ihn fort. Angesichts dieser Gelegenheit, Empathie zu zeigen, vielleicht auch nur gespielte, ergriff er lieber die Flucht.
Ein paar Stunden später bot im Privatflieger nach Hause ein berühmter Filmproduzent meiner Frau eine Decke an. Meine Kinder hatten lauter rote Punkte im Gesicht. Unter meinen Fingernägeln sprossen rote Quaddeln.

Die Welt lag immer schon in der Hand reicher Männer. Die Kapitalisten des Gilded Age waren bekannt für die Skrupellosigkeit, mit der sie Vermögen anhäuften – streikende Gewerkschafter machten sie mithilfe der Pinkerton Agency ausfindig und ließen sie erschießen. Doch sie griffen direkt in ihr Umfeld ein, nutzen ihr Geld und ihre Macht dazu, es in eine möglichst profitable Form zu bringen. Die Milliardäre der Gegenwart manipulieren zwar eindeutig die Gesellschaft, um ihre Gewinne zu maximieren, aber es passiert auch noch etwas anderes – eine Entkoppelung von einer Realität mit Ursache und Wirkung, von Sinn und Geschichte. Diese Männer haben nicht mehr das Gefühl, die Welt verändern zu müssen, um Erfolg zu haben, weil ihnen ihr Erfolg garantiert ist, egal wie es allen anderen geht.
„Ich bin fertig“, schreit Daniel Plainview, selig auf dem glänzenden Boden seines Himmelreichs hockend. Obwohl er gerade einen Mord begangen hat, fühlt er sich so frei wie nie.

*Dieser Artikel erscheint in der Druckausgabe von „The Atlantic“ vom Mai 2026 unter dem Titel „Everything Is Free and Nothing Matters“.

Sprecher: Philipp Bernhard
Audioproduktion und Sounddesign: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Yannik Milz