„Danke für die Frage, aber...“ Warum sprechen unsere Politikerinnen und Politiker so?

Viele haben sich an „Politsprech“ gewöhnt, andere hören gar nicht mehr hin. Ich will herausfinden, warum Politikerinnen und Politiker so sprechen und wer es ihnen beibringt.

„Danke für die Frage, aber...“ Warum sprechen unsere Politikerinnen und Politiker so?
Illustration: Fiona Biber für JETZT

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Wir haben uns ja vorgenommen, euch in unseren Beiträgen keine KI-generierten Inhalte vorzusetzen. Ich breche jetzt einmal ausnahmsweise mit diesem Vorhaben, weil es einfach zu gut zu dieser Geschichte hier passt. Ich habe Google Gemini gebeten, aus allen Reden, die 2025 im österreichischen Nationalrat gehalten wurden, eine kurze, repräsentative Rede zusammenzubasteln:

„Hohes Präsidium! Hohes Haus! Wir debattieren heute einmal mehr über die zentralen Herausforderungen, die unser Land im Jahr 2025 prägen. Das Ringen um leistbares Leben ist noch lange nicht ausgestanden. Die Teuerung nagt an den Ersparnissen unserer Bürgerinnen und Bürger, und es ist unsere Pflicht, schnell und zielgerichtet zu entlasten, anstatt uns in parteipolitischen Scharmützeln zu verlieren. Ein zweiter Brennpunkt ist die Zukunft unserer Pflege und Gesundheit. Das System steht unter enormem Druck. Wir müssen jetzt mutige Schritte setzen, um Personal zu sichern und die Versorgung für die ältere Generation zu garantieren. Gleichzeitig dürfen wir die großen Zukunftsthemen nicht vergessen...“

Politische Kommunikation zwischen rotem Faden und Drahtseilakt (Illustration: Fiona Biber für JETZT)

Ich glaube, wir unterbrechen hier. Ein paar Wuchteln zur Einstimmung aufs Thema sind ja schon gefallen: Die zentralen Herausforderungen”, schnell und zielgerichtet entlasten”, mutige Schritte setzen”. Allesamt Formulierungen, die schwer nach Politsprech” klingen. Ich will wissen, warum Politikerinnen und Politiker so sprechen und wer es ihnen beibringt. Ein Disclaimer vorweg: Ich konzentriere mich auf die Bundespolitik. I know, auf Landes- und Gemeindeebene gibt es noch mal ganz andere Verhaltensmuster und Dynamiken, aber die können wir uns ja vielleicht in einer Folgegeschichte anschauen, wenn ihr wollt. Jetzt starten wir aber erst mal in diese Geschichte.

Die Entthronung

2022 ist eine Langzeitstudie veröffentlicht worden. Ziel der Studie war es, herauszufinden, wie sich das Verhältnis der Bürgerinnen und Bürger zur Politik über die Jahrzehnte verändert hat. Von 1974 bis 2022 hat sich ein klarer Trend gezeigt: Das Vertrauen in die Politik ist deutlich gesunken. Gleichzeitig haben sich die Österreicherinnen und Österreicher immer mehr zugetraut, das politische Geschehen zu beurteilen und daran teilzunehmen. Die beiden Politologen, die die Langzeitstudie veröffentlicht haben, haben das damals so zusammengefasst: Österreich habe sich von einer Untertanenkultur zu einem Land misstrauisch-kritischer Staatsbürgerinnen und -bürger entwickelt. Man habe sich auf Augenhöhe mit den politischen Eliten begeben.

Ich habe leider keine Studie gefunden, die die Gegenseite, also die Einstellung österreichischer Politikerinnen und Politiker zu ihren Wählerinnen und Wählern, beleuchtet. Was ich gefunden habe, ist eine Studie der Universität Cambridge aus 2024. Darin wurden Politikerinnen und Politiker aus elf Ländern – darunter Deutschland und die Schweiz – befragt, wie sie ihre Wählerinnen und Wähler einschätzen. Das Ergebnis: Im Schnitt finden Politikerinnen und Politiker, dass ihre Wählerinnen und Wähler in der rückblickenden Bewertung ihrer Leistung unfair, identitätsorientiert, egozentrisch, auf ein einziges Thema fokussiert, führungsorientiert und relativ uninformiert sind.” Je länger Politikerinnen und Politiker im Amt sind, desto eher treffen sie diese Einschätzung. Ich traue mich, davon auszugehen, dass, wären österreichische Politikerinnen und Politiker befragt worden, die Ergebnisse nicht deutlich anders ausgefallen wären.

Während sich Bürgerinnen und Bürger auf Augenhöhe mit der Politik begeben haben, sie sozusagen entthront haben, finden Politikerinnen und Politiker also en gros, dass sie von relativ Uninformierten unfair beurteilt werden. Man könnte sagen: Volk und Politik haben sich auseinandergelebt. Es ist kompliziert.

Dass Parteien, Politikerinnen und Politiker Erfolg haben, die in diesem Klima das Wir-Gefühl überbetonen, sich mit den Wählerinnen und Wählern ident erklären oder sich – zumindest auf Wahlplakaten – als ihre Dienerinnen und Diener inszenieren, macht Sinn.

Alle, die die Entthronung durch ihre Wählerinnen und Wähler noch nicht verkraftet oder zum eigenen Vorteil genutzt haben, müssen sie an anderer Stelle noch einmal ertragen: im Umgang mit Medien.

Von Ringkämpfen und Staubsaugern

Vor 30 – 40 Jahren war die Definitionshoheit in der politischen Kommunikation vielleicht noch eher auf der Seite der politischen Akteure. Die haben sich hingestellt, haben eine Pressekonferenz gegeben: Hier ist unser zehnseitiges Papier zur Gesundheitsreform. Das sind jetzt die Fakten und darüber sprechen wir jetzt.“

Das ist Lore Hayek. Sie forscht an der Uni Innsbruck zu Wahlkämpfen, Wahlwerbung und politischer Medienberichterstattung. Sie beschreibt eine Art Ringkampf zwischen Politik und Medien. Wer bekommt welche Botschaft unter und wer bekommt welche Antwort auf welche Frage? Eines meiner Lieblingsbeispiele dafür, wie schwer es fallen kann, zu verkraften, dass Medien nicht einfach berichten, was man als Politikerin oder Politiker sagt, ist dieses ZiB2-Interview aus 2012. Armin Wolf hat damals von Frank Stronach wissen wollen, ob Magna von den Eurofighter-Deals profitiert hat.

Politikwissenschafterin Lore Hayek sagt, dass in den vergangenen Jahrzehnten die Medien zum First Mover geworden seien. Politikerinnen und Politiker würden hinterherhecheln. Ausnahmen sind natürlich jene, die eigene (vor allem digitale) Medien aufbauen, sich Sichtbarkeit z. B. durch Inserate einkaufen, ihre Macht dazu nutzen, Einfluss auf Medien zu nehmen, oder noch tiefer in die Trickkiste greifen, um zu bestimmen, was berichtet wird. Stichwort: Message Control.

An dieser Stelle zwei Tipps: Mein Kollege Wolfgang hat 2023 für die NZZ am Sonntag zusammengefasst, wie Gerald Fleischmann, der damalige Kommunikationschef von Sebastian Kurz, österreichische Medien und die Öffentlichkeit manipuliert hat. Den Link findet ihr im Text. Wenn ihr mögt, lest oder hört außerdem in den JETZT-Beitrag von meinem Kollegen Stefan rein. Der hat nämlich recht ausführlich beschrieben, was wir verlieren, wenn es weniger Journalismus gibt.

Wer es nicht schafft, den eigenen Botschaften – sagen wir mal: mit Druck – Gehör zu verschaffen, muss mit dem arbeiten, was Journalistinnen und Journalisten ihm oder ihr bieten. Und das ist in der Regel wenig Zeit, wenig Platz und die Erwartungshaltung, auf fast alles eine Antwort zu haben. Politikwissenschafterin Hayek:

Da geht man mit einer Kernbotschaft rein: Ich will heute meine Botschaft z. B. zum Thema Bildung unterbringen. Dann kommen in dem Interview natürlich nicht nur Fragen zu dem Thema, mit dem ich als Politikerin reingegangen bin. Das ist aber nicht mein originäres Interesse, diese Fragen zu beantworten. Ich will meine Botschaften zum Thema Bildung unterbringen. Deswegen bin ich da. Diese kurze Zeit, diese acht Minuten, will man nutzen.“

Was bedeutet das für Menschen, die regelmäßig Medien konsumieren?

Das wirkt natürlich für jemanden, der immer zuhört, total ermüdend. So wie für jemanden, der jeden Tag Radio hört und jeden Radiojingle dreihundertmal hört, was fürchterlich ist. Zugeschnitten ist die politische Kommunikation auf die Menschen, die nicht so viel hinhören. Dass die Botschaft irgendwann ankommt, das ist der Sinn der Geschichte.“

Hayek pointiert das noch einmal:

„Man sollte sich verabschieden von der Erwartungshaltung, dass so ein Fernseh- oder Radiointerview ein Gespräch ist. Das ist ja keine Konversation, das ist ein Verkaufsgespräch. So, wie wenn der Staubsaugervertreter bei mir vor der Tür steht.”

Dass in so einem Verkaufsgespräch wenig Platz für Fragen ist, die nichts mit der Verkaufsbotschaft zu tun haben, macht Sinn. Dann sitzen Politikerinnen und Politiker in einem Interview und antworten halt nicht. Ich könnte da jetzt einige Beispiele aufzählen, aber ich glaube, ihr kennt eh selbst genug.

Kurzes Recap: Politikerinnen und Politiker wollen und müssen potenzielle Wählerinnen und Wähler mit ihren Botschaften erreichen. Viele vertrauen ihnen nicht mehr bzw. sie erwarten deutlich mehr von ihnen als noch vor 40 – 50 Jahren. Das macht die Sache schon mal schwerer. Um ihre Botschaften zu platzieren, sind sie obendrein auf Medien angewiesen, wenn sie sich nicht anders Gehör verschaffen können. Die erwarten von ihnen, dass sie kurz und knapp auf das antworten, was sie wissen wollen. Bei alledem müssen sie noch bereit sein, sich jederzeit zu rechtfertigen bzw. zu verteidigen. Der stete Drahtseilakt: unantastbar bleiben und gleichzeitig wahrgenommen werden. Das muss gelernt und trainiert werden.

Die Schulen

Zugegeben, ich hatte zu Beginn meiner Recherche die naive Annahme, dass es nur ein paar Schulen in Österreich gibt, wo man lernt, wie man sich als Politikerin oder Politiker gebärdet. Es gibt zwar solche Schulen, z. B. den Kurs Politische Kommunikation” an der Uni Graz oder den gleichnamigen Lehrgang an der Donau-Universität Krems, der von Peter Filzmaier gegründet und unter anderem von Ex-Bundeskanzler Nehammer besucht wurde.

Es gibt aber noch zig weitere Schulen”, wenn man so möchte, wo Politikerinnen und Politiker das Balancieren am Drahtseilakt lernen. Manche trainieren in den parteiinternen Akademien, andere lassen sich von ihren Kommunikationsteams beraten und begleiten. Wieder andere setzen auf Vertraute, die auf den ersten Blick nicht viel mit politischer Kommunikation zu tun haben. Prominentes Beispiel: Psychotherapeut Ferdinand Stürgkh, der Ex-Vizekanzler Heinz-Christian Strache beraten hat – unter anderem in puncto Rhetorik und Auftreten. Dann gibt es natürlich noch Mediencoaches. Einen lernen wir etwas später kennen. Externe Institute und PR-Agenturen vervollständigen den Reigen an Lehrmeisterinnen und Lehrmeistern für politische Kommunikation.

Die Grünen-Abgeordnete und ehemalige Justizministerin Alma Zadić hat Anfang des Jahres eine Anfrage an alle Ministerien gestellt, in der sie wissen wollte, welche externen Dienstleisterinnen oder Dienstleister sie im März 2025 wofür beauftragt haben. Berichtet wurde anschließend fast ausschließlich darüber, dass Vizekanzler Andreas Babler knapp 6000,- Euro für ein Medientraining bei der PR-Agentur bettertogether ausgegeben hat, um sich auf einen Auftritt in der ORF-Pressestunde vorzubereiten. Dass noch einige andere Ministerien Coachings in Auftrag gegeben haben, ist nicht berichtet worden.

Das schwarz geführte Landwirtschaftsministerium z. B. hat ein Coaching beim Institut für Vitalpsychologie in Auftrag gegeben. Zusätzlich gab es eine Führungskräfteklausur von der playfull GmbH. Im ebenfalls von der ÖVP geführten Innenministerium gab es gleich eine ganze Reihe an Impulsvorträgen im Rahmen einer Führungskräfteentwicklungsmaßnahme Erfolgreich Führen, Reflektieren, Erkennen, Weiterentwickeln”. Die Beratungsagentur Ketchum stand dem Neos-geführten Bildungsministerium mit einem Führungskräftecoaching und einem Krisenkommunikationsworkshop zur Seite.

Das sind natürlich nur Ausschnitte, die einen Eindruck davon vermitteln, wie vielfältig die Schullandschaft” in der politischen Kommunikation ist. Um ein aktuelleres Bild zu bekommen, wer welche Coachings in Anspruch nimmt, habe ich die Parlamentsklubs aller im Nationalrat vertretenen Parteien per E-Mail gefragt, ob ihre Abgeordneten im Gespräch mit Medien und Menschen trainiert werden, ob diese Trainings intern oder extern stattfinden und ob sie mir einen Coach verraten können, mit dem sie regelmäßig zusammenarbeiten. Außerdem habe ich sie um einen Tipp gebeten für alle, die lernen wollen, wie eine Politikerin oder ein Politiker zu sprechen.

Die FPÖ schreibt, es liege in der Eigenverantwortung der Abgeordneten, sich auf ihre Tätigkeit entsprechend vorzubereiten oder sich bei Bedarf auch auf diesem Gebiet fortzubilden.

Vom Parlamentsklub der ÖVP habe ich zum Erscheinungstag dieser Geschichte keine Antwort bekommen.

Die SPÖ antwortet, dass sich ihre Abgeordneten in der Regel mit Parlamentsklub-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern auf Medientermine vorbereiten würden. Eine Anlaufstelle für Abgeordnete, aber auch interessierte Bürgerinnen und Bürger, sei das Karl-Renner-Institut, die politische Akademie der SPÖ. Ihr wichtigster Tipp für alle, die lernen wollen, wie ein Politiker oder eine Politikerin zu sprechen: Man solle man selbst bleiben.

Von den Neos erfahre ich, dass ihre Abgeordneten in unregelmäßigen Abständen Medien- bzw. Interviewtrainings bekommen, um sie auf die besondere Stresssituation vor allem bei Live-Interviews vorzubereiten. Dass sie mit Menschen auf der Straße“ reden können, traue man den Abgeordneten ohne Schulungen zu. Inhaltliche Schulungen gebe es im Neos Lab, der Parteiakademie der Neos. Ihr Appell an werdende Politikerinnen und Politiker: Allwissende Sprechpuppen wolle niemand.

Die Grünen meinen, dass sich authentische Sprache nicht einstudieren lasse. Für sie zähle, mit den Menschen zu sprechen und nicht über sie. Trotzdem sei es vernünftig, Reden oder Interviews vorzubereiten und zu trainieren. Sie würden dabei auf interne und externe Ressourcen zugreifen. Weiterbildung im Bereich Kommunikation gebe es unter anderem in der grünen Parteiakademie FREDA. Ein Selbstzweck könne Kommunikation nicht werden.

Ok, wirklich überraschend sind die Antworten nicht. Außer einer Info: Die Einzigen, die mir einen Coach verraten haben, mit dem sie regelmäßig zusammenarbeiten, waren die Neos: Gerald Gross. Der gebürtige Steirer war unter anderem Moderator der ZiB 1. 2011 hat er sich als Mediencoach selbstständig gemacht. Ich kenne ihn noch aus seiner Zeit als Journalist. Damals hat er einen Gastvortrag an meiner FH gehalten. Weil er beide Seiten – vor und hinter dem Mikro bzw. der Kamera – kennt, habe ich ihn besucht.

Das Handwerkszeug

Gerald Gross’ Büro ist auf dem Gelände der Brotfabrik in Wien-Favoriten. Der Eingang von Hausnummer 31 hat etwas von Industrial Chic: graue Betonflächen, rote Backsteine und blankes Metall. Sein Büro ist eher ein Studio – wortwörtlich. Rechts neben dem großen, freistehenden Küchenblock ist ein kleines Fernsehstudio mit Kameras aufgebaut. Wir setzen uns trotzdem links an den Konferenztisch.

Auf Stresssituationen vorbereiten im Studio von Mediencoach Gerald Gross (Foto: Henric Wietheger)

Gross sagt, dass ca. 20 Prozent seiner Kundschaft Politikerinnen und Politiker sind. Um herauszufinden, was neue Kundinnen und Kunden aus der Politik mitbringen, macht er ein Überfallinterview. Wenn die Tür aufgeht, hält er ihnen eine Kamera oder ein Mikro ins Gesicht. Da merke man, ob sie auf normale oder anerzogene Kommunikationsreflexe zugreifen, sagt er.

Die Regel ist, dass Politikerinnen und Politiker – auch wenn sie noch sehr jung sind – meistens schon sehr gecoacht kommen. Das heißt, die haben oft schon sehr viel an Vorbildung, auch Verbildung möglicherweise.

Diese Verbildung auszutreiben, sei die größte Herausforderung, meint Gross. Vor allem halte sie sich hartnäckig.

Das sind oft Muster, die halt einfach weitergegeben werden. Das ist Tradition gewissermaßen. Medientrainings haben ja inzwischen eine gewisse Geschichte in Österreich – so lange gibt es das ja noch gar nicht auf professionellem Niveau – aber natürlich haben alle voneinander gelernt; und wahrscheinlich auch stibitzt.”

Gross sagt, er wolle Menschen nicht verändern, keine Kunstfigur aus ihnen machen. Damit das funktioniert, brauche es von Anfang an Vertrauen – weniger in die Fähigkeiten des Gegenübers, sondern in die Person.

Ich will jetzt nicht sagen, dass das wie eine Psychotherapie ist, aber ein bisschen geht es schon in diese Richtung, weil man Menschen in allen Facetten wahrnimmt und weil man sie mit ihren Schwächen und Abgründen kennenlernt.“

So tief will ich mit Mediencoach Gross nicht gehen. Aber ich will ein paar der Tricks und Kniffe besser verstehen, die er seinen Kundinnen und Kunden beibringt. Darum bitte ich ihn um einen Crashkurs.

Lektion 1 - Wie wirke ich auf den ersten Blick sympathisch

Bei aller subjektiven Wahrnehmung von Sympathie, solle ich ein ehrliches, also nicht aufgesetztes Lächeln aufsetzen. Nur die Mundwinkel heraufzuziehen, reiche nicht. Eine lockere Mimik mache den Unterschied.

Lektion 2 - Was mache ich, wenn mir nicht zu lächeln zumute ist?

Nicht zu lächeln sei eine Option. Es könne aber auch funktionieren, an schöne Erinnerungen zu denken, mich im besten Fall umzuprogrammieren. Gross empfiehlt seinen Kundinnen und Kunden, positive Momente bewusst abzuspeichern, um sie abzurufen, wenn ihnen nicht nach Lächeln zumute ist. Ein Gegenstand, den sie mit diesen Momenten verbinden, könne helfen. Ein Stein, ein Amulett, eine Murmel – Selbstmanipulation sei ja nichts Verbotenes.

Lektion 3 - Ist es ok, zu sagen, dass ich etwas nicht weiß?

Da komme es darauf an, welche Frage gestellt werde. Auf manche Fragen müsse man eine Antwort haben, z.B. darauf, was im eigenen Wahlprogramm steht. Man müsse aber nicht jede Studie und jede Zahl kennen. Gross meint, das solle man zugeben.

Lektion 4 - Wie umgehe ich unangenehme Wahrheiten?

Da gebe es wohlbekannte Vermeidungstaktiken. Eine davon sei das Reframing: Man wird etwas gefragt und antwortet mit einer Gegenfrage, die ganz woanders hinführt. Daran, wie Politikerinnen und Politiker diese Taktik anwenden, könne man Routinierte von weniger Routinierten erkennen.

Lektion 5 - Wie lüge ich?

Da zieht Gross eine Grenze. Er helfe niemandem, der oder die ihn bittet, authentisch zu lügen – gleich, um welchen Inhalt es gehe. Vorsichtig sei er, wo Vermeidungstaktiken wie das Reframing in schwarze Rhetorik abdriften. Methoden der schwarzen Rhetorik sind z. B. Kritik kleinzureden, dem Gegenüber Wissen abzusprechen oder die Behauptung, dass ein Änderungsvorschlag unzählige negative Konsequenzen nach sich ziehe.

Journalistinnen und Journalisten, die z. B. in Interviewsituationen mit Vermeidungstaktiken konfrontiert sind, empfiehlt er – sofern sie es erkennen – das transparent zu machen. Zum Beispiel, indem man sagt, dass die Interviewpartnerin oder der Interviewpartner die Frage nicht beantwortet. Eine andere Möglichkeit sieht er in der Penetranz. Ein berühmtes Beispiel für besonders hartnäckige Penetranz? Der ehemalige BBC-Journalist Jeremy Paxman hat seinem Interviewpartner Michael Howard 1997 in der Newsnight” 12-mal dieselbe Frage gestellt. Und trotzdem keine Antwort bekommen.

Wo sich Mediencoach Gross und Politikwissenschafterin Hayek vom Beginn der Geschichte einig sind: In der politischen Kommunikation gehe es auch ganz wesentlich um Talent. Es gebe manche Politikerinnen oder Politiker, die könne man noch so intensiv coachen, sie würden sich trotzdem schwer tun, ihre Botschaften sympathisch und annehmbar herüberzubringen. Für Hayek gehören zu diesem Talent drei Dinge. Erstens: Man muss gerne auf der Bühne stehen und die Öffentlichkeit mögen. Zweitens: Man muss kurz und pointiert formulieren können. Drittens: Man muss in Bildern reden können bzw. die Fähigkeit besitzen, Geschichten zu erzählen.

Der Blick von außen

Alles, was Politikerinnen und Politiker über das Sprechen mit Medien lernen und wir fast täglich zu sehen oder zu hören bekommen, ist schon lange Gegenstand von Forschung. Das Ganze nennt sich Politolinguistik. Um einen Blick von außen auf diese Geschichte zu bekommen, habe ich den deutschen Sprachwissenschafter Thomas Niehr angerufen. Woher kommt die Politolinguistik, Herr Niehr?

„Politolinguistik ist ein speziell deutsches Kind. Das hängt mit unserer Geschichte zusammen. Da haben in der Nachkriegszeit viele angefangen, sich für NS-Sprache zu interessieren. Das ist der eine Teil. Der andere Teil war die deutsche Teilung.“

Auch heute ist Politolinguistik in Deutschland besonders stark vertreten. Relativ einzigartig sei laut Niehr z.B. der Verein Sprache in der Politik”, ein Zusammenschluss aus Sprachwissenschafterinnen und Sprachwissenschaftern, der seit Anfang der 90er regelmäßig zu unterschiedlichen Themen Fachbeiträge veröffentlicht und Tagungen abhält.

Laut Niehr wurden Politolinguistinnen und -linguisten gerade rund um die Wiedervereinigung von Deutschland oft Befangenheit unterstellt. Man habe sich die Frage stellen müssen, ob es möglich ist, über die Sprache der Politik zu forschen, ohne die politischen Inhalte zu bewerten. Seit ca. 30 Jahren sei es Common Sense in der Community der Politolinguistinnen und Politolinguisten, dass es nicht darum geht, politische Vorlieben nach vorne zu bringen, sondern zu beschreiben, was auffällt; wie wird Sprache eingesetzt, um kommunikative Ziele zu erreichen. Eine linguistische Analyse sei dann gelungen, meint Niehr, wenn man nicht herauslesen könne, welche Partei die Forscherin oder der Forscher wählt.

Weil Niehr schon so lange im Bereich der Politolinguistik forscht, habe ich ihn gefragt, welche Veränderungen er in der politischen Kommunikation der vergangenen zehn bis fünfzehn Jahre wahrgenommen hat. Zunächst sei durch das Erstarken rechtspopulistischer Parteien in Europa ein Vokabular gesellschaftstauglich geworden, das vorher nicht gesellschaftstauglich war.

Das hat meine Forschung ergeben: Es werden sprachliche und kommunikative Tabus gebrochen. Natürlich nicht aus Versehen, sondern immer wieder, um diese Tabus zu schleifen.“

Niehr beobachtet außerdem, dass sprachliche Naturbilder für Menschen in der Migrationsdebatte früher mehr kritisiert wurden. Klingt sperrig, oder? Machen wir es konkret: Wenn der damalige deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble auf Angela Merkels Aussage Wir schaffen das” vor einer Lawine an Flüchtlingen” gewarnt hat, wurde das medial kritisiert. Heute würden solche kritischen Debatten weniger geführt, meint Niehr.

Neben der Bestrebung, korrekt zu formulieren, sei die dritte große Veränderung, die Politolinguist Niehr sieht, dass Sprache zum Thema geworden ist. Konkreter: Zum Konfliktherd. Gemeint ist die Debatte ums Gendern. Das wissen manche Politikerinnen und Politiker zu nutzen.

Teilweise läuft das sehr populistisch ab. Man weiß, dass viele in der Bevölkerung Schwierigkeiten damit haben, sich gendergerecht auszudrücken also haut man in diese Kerbe und sagt: Ja, das ist ja auch Sprachverhunzung.“

Tabus werden gebrochen, Menschengruppen wieder unhinterfragter mit Naturkatastrophen verglichen und Debatten um inklusive Sprache instrumentalisiert – das klingt alles in allem nicht allzu rosig. Ich habe Niehr gefragt, was er sich erhofft für zukünftige politisch-mediale Debatten.

Ich habe die Hoffnung, dass nicht das passiert, was in den USA passiert. Dass ein durchgeknallter Präsident mit autoritären Tendenzen z.B. Behörden bestimmte Begriffe schlichtweg verbietet.“

Zurück zur Ausgangsfrage: Warum sprechen Politikerinnen und Politiker, wie sie sprechen, und wer bringt es ihnen bei? Ihre Wählerinnen und Wähler fordern, dass auf Augenhöhe mit ihnen gesprochen wird. Dieses Gespräch, oder eher Verkaufsgespräch, mit den Wählerinnen und Wählern führen Politikerinnen und Politiker aber in der Regel über Medien, deren Handlungs- und Kommunikationslogik sie unterworfen sind, wenn sie nicht andere Wege finden, sich Gehör zu verschaffen.

Zu dieser Logik gehört, auf alles schnell antworten zu können, und wenn mal Fehler passieren, sich sofort rechtfertigen oder verteidigen zu können. Das alles lernen sie bei den unterschiedlichsten Lehrmeisterinnen und Lehrmeistern. Die Trickkiste ist groß. Wer sich zu viel daran bedient, wird entweder überhört, ausgeblendet oder aufgemacht. Ein schmaler Grat. Jene, die Talent haben, die Öffentlichkeit mögen, pointiert formulieren und Geschichten erzählen können, sind im Vorteil.

Zu durchschauen, welche Politikerinnen und Politiker wirklich am Gespräch auf Augenhöhe oder an wirkungsvoller Arbeit für Bürgerinnen und Bürger interessiert sind, fällt bei alledem nicht leicht. Darum möchte ich euch zum Abschluss dieser Geschichte noch ein Buch empfehlen, das mir bei meiner Recherche untergekommen ist: Gute Macht Geschichten – Politische Propaganda und wie wir sie durchschauen können. Ein ermächtigendes Leseerlebnis.

Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas