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„Man kämpft gegen ein Regime an, das bis dato noch nie in der Position war, dass es gestürzt werden könnte“, sagt Luka und zuckt die Schultern. Was am 25. Oktober passiert, kann er nicht sagen. „Wir machen uns auf alles gefasst.“
Anfang Oktober, knapp drei Wochen vor den vorgezogenen Parlamentswahlen in Serbien, versammeln sich ein paar hundert Menschen vor dem Museumsquartier in Wien. „Students Win“ steht auf T-Shirts, Schildern und auf Buttons zum Anstecken, die herumgereicht werden. Es ist der Name der Liste, mit der die serbische Studierendenbewegung bei der Wahl antritt.
Denn seit 2024 das neu errichtete Bahnhofsvordach in Novi Sad zusammenstürzte und 16 Menschen getötet wurden, protestieren vor allem Studentinnen und Studenten in Serbien unermüdlich. Sie besetzen die Universitäten und gehen auf die Straße: Gegen die Korruption im Land, die sie für das Unglück verantwortlich machen, gegen Aleksandar Vučićs autoritäres Regime, das mit massiver Gewalt auf die Proteste antwortet, und für mehr Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Mit „Students Win“ wollen sie nach dem 25. Oktober die nächste Regierung stellen. Dazu müssen sie verhindern, dass Vučić mit seiner Liste die absolute Mehrheit holt. Er ist im Sommer als Präsident zurückgetreten, um als Ministerpräsident zu kandidieren und so seine Macht zu festigen.
„Es gibt keine Prognosen, die uns zuverlässig sagen können, wie das ausgeht“, sagt auch Südosteuropa-Experte Vedran Džihić. Zum ersten Mal seit 14 Jahren unter Vučićs Fortschrittspartei SNS wirkt es so, als gäbe es eine reale Chance auf einen demokratischen Umsturz. Das Wahlergebnis hängt also stark von der Mobilisierung ab. Die findet nicht nur in Serbien statt, sondern auch im Ausland.
Auch in Wien wird die Wahl geschlagen
Serbien hat eine große Diaspora, ganz besonders in Österreich. Knapp 10.500 Serbinnen und Serben sind hier dieses Jahr zum Wählen registriert. Weltweit werden etwa 100.000 Menschen aus dem Ausland ihre Stimme abgeben, mehr als doppelt so viele wie bei den letzten Parlamentswahlen 2023. „Im Zuge der großen studentischen Mobilisierung sind auch die Menschen in Serbien und auch in der Diaspora deutlich politisch wachsamer geworden“, erklärt Džihić. Immerhin haben die serbischen Studierenden ordentlich Stimmung gemacht, sind mit den Fahrrädern durch die großen Städte Europas gefahren, wurden in Wien am Heldenplatz empfangen. Aber auch die SNS beackert seit Jahren das Feld der Diasporapolitik. „Was vielleicht auch dazu führt, dass ein paar hunderte tausende Menschen mehr sich registriert haben entlang dieser SNS-Struktur, die, und das muss man auch sehen, weit ins Ausland hineingreift.“
Serbiens Wahlkampf ist also längst auch in Wien angekommen.

„Deshalb wählen wir am 25. Oktober die Nummer drei“, ruft Andjelina in die Masse. „Drei für das Glück, drei für die Studierenden und drei für Serbien!“ Die Menschen jubeln. Zum Abschluss der Kundgebung wird noch der traditionelle Kolo getanzt.
Organisiert wurde die Veranstaltung von Blokada Beč. Beč ist Wien auf Serbisch. Die Bürgerinneninitiative wurde vor zwei Jahren aus der Wiener Diaspora gegründet, um die Studierendenproteste zu unterstützen. Genauso wie die Bewegung in Serbien ist sie basisdemokratisch organisiert. Es gibt keine Führungsperson, Entscheidungen werden im Plenum getroffen. Ein Korrespondent ist nach Belgrad mit einer Koordinatorin für die österreichische Diaspora vernetzt.
Andjelina fast von Anfang an mit dabei. Als die Unis in Serbien besetzt wurden, hatte sie das Gefühl, irgendetwas tun zu müssen. Auch die Menschen in ihrem Umfeld wurden durch die Bewegung wachgerüttelt.“ Ich habe auch Freundinnen und Freunde, die jetzt zum ersten Mal wählen gehen.“ Kaltgelassen haben die Proteste auch in Wien niemanden: „Das klingt jetzt so traurig, aber jeder ist von dieser korrupten Politik beeinflusst wurde. Die Leute in Serbien direkt, die Leute in der Diaspora, weil sie wegen diesem System wegziehen mussten.“
Wahlfahrt nach Wien
Einige von Andjelinas Freundinnen und Freunden fahren für die Wahl sogar nach Serbien. Unter anderem, um das komplizierte System zur Wahlanmeldung zu umgehen. Denn eine Möglichkeit zur Briefwahl, wie wir sie aus Österreich kennen, gibt es nicht. Wer aus dem Ausland wählen möchte, musste zunächst einmal einen Antrag beim betreffenden serbischen Konsulat stellen. Wurde der bewilligt, ist man für die Wahl registriert und kann am 25. Oktober ein Wahllokal aufsuchen.
Nur, dass es davon viel zu wenige gibt. Wer wählen will, muss mancherorts hunderte Kilometer zurücklegen, um das Wahlrecht wahrzunehmen. Hinzu kommt eine Regelung, dass die Wahlen weltweit zur selben Uhrzeit stattfinden müssen, weshalb Wahllokale in der USA oder in Australien mitten in der Nacht geöffnet haben.
In Österreich wird es sechs Wahllokale geben, in Wien, Linz und Salzburg. Leute aus Vorarlberg würden zum Beispiel nach Salzburg fahren, erzählt Andjelina, aus Graz kommen Wählerinnen nach Wien. Aber auch Menschen aus Bratislava melden sich bei Blokada Beč, fragen nach Anfahrtsmöglichkeiten, Parksituation oder Mitfahrgelegenheiten. Auch für solche Situationen wurden kreative Lösungen gefunden. „Es gibt gerade auch eine richtig tolle Plattform, die heißt VoteBNB. Da kann man sich zum Beispiel in Wien anmelden und Leute hosten, die herkommen zum Wählen. So wird gerade ein gutes Netz aufgebaut.“

Zynismus wie Burek
Bei den letzten Parlamentswahlen 2023 gewann die SNS in der Diaspora noch mit rund 56 Prozent – gegenüber rund 48 Prozent des Gesamtergebnisses. Das könnte auch damit zusammenhängen, dass die Menschen, die nicht hinter der SNS stehen, sich den komplizierten Registrierungsprozess nicht antun wollten. Auch, weil man zynisch geworden war und nicht mehr an Veränderung glaubte, sagt Simon Bardini: „Zynismus in Serbien, das gibt es öfter als Burek.“ Er ist Journalist aus Wien und hat selbst serbische Wurzeln, kann bei dieser Wahl aber nicht mitwählen, weil er nicht die serbische Staatsbürgerschaft hat.
„Also, die Leute wollen einfach nicht über Politik reden, weil nie was Gutes da rausgekommen ist. Dann hieß es immer: Bitte reden wir über was anderes. Oder: Das sind alles Diebe und Verbrecher. Ich kenne viel mehr Wörter für Diebe in meiner Muttersprache, als mir eigentlich lieb ist.“ Wie die meisten aus der Generation Z kann er sich an eine Zeit vor Vučić gar nicht erinnern. Schon als Kind sah er ihn ständig auf den Fernsehbildschirmen, wenn er den Sommer in der Vojvodina verbrachte. Sein Opa, der mittlerweile verstorben ist, glaubte noch fest an die Fortschrittspartei.
„Er hat uns die Straßen gezeigt, schau, das hat Vučić gemacht. Und dann haben wir halt immer konfrontiert, das sind nur Straßen. Schau dir den Rest an. Die Leute sind arbeitslos, haben seit Jahrzehnten das gleiche Gehalt.“
Seit den Studentenprotesten habe sich aber etwas an der Stimmung verändert: Die Leute haben wieder Hoffnung geschöpft. Und sogar Bekannte, die jahrelang vom System profitierten, etwa als Beamte, haben sich mittlerweile hinter die Studierenden gestellt.
Das System hinter der Wahl
Noch etwas hat Simon ganz direkt mitbekommen. Etwas, wovon eigentlich alle Serbinnen und Serben aus der Diaspora erzählen: Bestechung. Kurz vor der Wahl erreicht eine Verwandte, die seit Jahrzehnten in Wien lebt, über ein paar Ecken eine Nachricht. 200 Euro werden ihr angeboten, wenn sie die SNS wählt. Angenommen hat sie den Vorschlag nicht.
Solche Geschichten sind längst nicht mehr überraschend, sagt Vedran Džihić. Vučićs System nennt er in der Fachsprache ein kompetitiv-autoritäres Regime: Institutionen werden nahezu vollständig beherrscht, die öffentliche Meinung kontrolliert. Ein informelles Netz an Einflüssen reicht weit in Wirtschaft und Wirtschaftsbeziehungen hinein. Schon die letzten Wahlen waren nicht fair und frei, jetzt, wo das System unter Druck stehe, sei das nicht anders.
„Ob finanziell, ob organisatorisch, was die Beherrschung des medialen Raumes betrifft und Institutionen insgesamt, war die SNS schon immer übergroß. Und man hat auch bei den letzten Wahlgängen immer mit unterschiedlichen Mitteln, mitunter auch mit Wahlbetrug, Wahlmanipulation, Arbeit mit Wähler und Wählerinnenlisten, Bestechung von Leuten, versucht, das erwünschte Ergebnis herbeizuführen.“
Und weil mit 100.000 Stimmen die Zahl der Auslandswählenden doch auch eine relevante Größe erreicht habe, gehe man in der Diaspora mit ganz ähnlichen Mitteln vor. „Ich habe auch schon gehört, dass eben Busunternehmen, Reiseunternehmen aus Serbien, in der Diaspora über die Struktur der Vereine, auch manchmal über die Mundpropaganda, sich anbieten, Menschen für die Wahl nach Serbien zu transportieren.“ Dieser Wahltourismus, bei dem den Menschen auch Unterkunft und Verpfleungung bekommen, sei aufgrund der geografischen Nähe in Österreich besonders gängig.
Aufbruchstimmung
Genau eine Woche vor der Wahl findet im Adlerhof eine Podiumsdiskussion statt. Hinten im Veranstaltungsraum ist es gedrängt voll, das Licht ist gedimmt. Vor allem junge Serbinnen und Serben sind gekommen, um sich ein Panel mit Jelena Riznić anzusehen, das von Blokada Beč organisiert wurde. Die feministische Soziologin und Aktivistin ist auf Social Media mit einem Clip viral gegangen, in dem sie ankündigt, sie werde Kolo tanzen, sobald das Regime gefallen ist. „Ich bin mir nicht ganz sicher, warum das so gut ankam. Aber seitdem tanzen die Menschen in Serbien bei Protesten den Kolo, unseren traditionellen Tanz.“
Social Media ist ein wichtiger Kommunikationskanal für die Studierendenbewegung. Dort werden Demonstrationen angekündigt, Informationen geteilt, Stimmung gemacht. Riznić wurde dadurch weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Im Adlerhof spricht sie heute darüber, warum die Proteste auch ein feministisches Thema sind. Nicht nur, dass bei vielen Protesten die Frauen in der ersten Reihe stehen; es sei auch wichtig zu bennen, dass es sich in Serbien um ein faschistisches System ohne Pressefreiheit und faire Wahlen handle. Wie könne man in so einem Land über Femizide und Gewalt gegen Frauen und Mädchen sprechen? Jubel.
Es liegt eine Aufbruchstimmung im Raum. Im Publikum sind an diesem Abend auch junge Menschen aus Serbien, die zum Studieren nach Wien gekommen sind. Sie erzählen, wie wichtig es ihnen ist, in Österreich eine Community gefunden zu haben. „In Belgrad war ich schon ziemlich aktiv in der Bewegung auf verschiedene Weisen“, sagt Petar. „Hier hat es mich sehr gefreut unsere Diaspora zu finden, die ebenso an der Bewegung beteiligt ist. Jetzt der gerade vor den Wahlen bin ich sozusagen wieder so in voller Motivation.“
Vor ein paar Tagen, habe er in einem Post von der ZIB gelesen, dass es bald wieder einen Direktzug von Wien nach Belgrad gebe, erzählt ein junger Mann, der anonym bleiben möchte. In den Kommentaren schrieb jemand: „Dann wird es noch viel leichter und schneller mit der Abschiebung.“ Es habe ihn nicht überrascht. Sollte er in ein paar Jahren Österreich verlassen müssen, hoffe er, wenigstens in ein demokratisches Serbien zurückkehren zu können.
Hoffnung für Europa?
Was passiert mit einer zivilen Protestbewegung, wenn sie zu einem politischen Projekt mit einer eigenen Liste wird? Andjelina sieht sich zumindest nicht als Teil dieser Liste. Blokada Beč sei eher zur Unterstützung und Mobilisierung da. Trotzdem hat sie das Gefühl, dass auch mehr Verantwortung damit einhergeht, jetzt, wo es eine Chance gibt, dass die Studierenden es tatsächlich in die Regierung schaffen: „Es ist ja schon so, dass wenn die Studierendenliste gewählt wird, und wenn sie gewinnt, dass es dann halt zu sehr vielen politischen Umbrüchen kommen wird, hoffentlich. Und natürlich kann einerseits da nicht allen alles passen, weil die Begung einfach sehr heterogen ist. Aber ich glaube, es wird definitiv besser als die SNS und als das Regime, was wir jetzt haben.“
Es fällt auf, wie geeint die Bewegung auftritt, auch in Wien. Dabei macht gerade ihre Heterogenität sie aus. Dass sie keinem politischen Spektrum zuzuordnen ist, zeigt sich auch darin, dass Parteien aus den unterschiedlichsten politischen Richtungen gar nicht erst zur Wahl antraten – um die Studierendenliste zu unterstützen und ihr keine Stimmen wegzunehmen.
Immer wieder steht auch die Frage im Raum: Hat die Bewegung ein Nationalismusproblem? Irritiert hat etwa ein Statement auf dem offiziellen Instagram-Account „studenti u blokadi“, in dem geäußert wird, Kosovo sei ein untrennbarer Teil Serbiens. Das sorgte auch bei einigen Mitgliedern von Blokada Beč für Bedenken. Von der Bewegung in Serbien wird Ihnen geraten, sich nicht zum Thema zu äußern.
Džihić sieht das Problem des Nationalismus nicht als eines, das spezifisch für die SNS oder die Studierendenbewegung sei. „Ich würde insgesamt sagen, dass die serbische Gesellschaft heute zu einem großen Teil derselben Meinung ist, dass eben die Kriege der 90er Jahre etwas waren, wo Serbien sich verteidigt hat. Viele sind auch blind, wenn es um die Fragen der Kriegsverbrechen der eigenen Bevölkerungsgruppe geht, in Bosnien oder im Kosovo.“ Der große Unterschied sei eben die Heterogenität der Studierendenbewegung, und, dass sie im Gegensatz zu Vučić den Nationalismus nicht instrumentalisiere, um sich an der Macht zu halten. Ganz abgesehen von Fragen der Ideologie sei die Bewegung nämlich etwas, dass es im immer autoritäreren Klima Europas sonst nicht gebe.
„Sie haben in den letzten eineinhalb Jahren wirklich unermüdlich in diesen Bürgerinnenversammlungen, in den studentischen Plenars, Prozeduren entwickelt der basisdemokratischen Arbeit. Diese Liste von 250 Leuten haben sie auf eine basisdemokratische Art und Weise in langwierigen, transparenten Prozessen bestimmt. Sie sind eigentlich der Kern eine sehr interessante, fast schon demokratieinnovative Bewegung.“
Zweite Heimat
Das klingt abstrakt, für die Menschen aus der Diaspora ist es das aber gar nicht. Selbst für junge Serbinnen und Serben aus der zweiten oder dritten Generation wird diese Wahl am 25. Oktober eine sehr emotionale. „Dadurch, dass unsere Länder auch gar nicht so weit entfernt sind, haben wir immer noch diese Verbindung damit“, sagt Simon Bardini. Ob die Musik in der Bar im 15. Bezirk, das Burek aus der Bäckerei oder der Heimaturlaub in den Sommern der Kindheit, für viele ist Serbien weiter ein zweites Zuhause. Die meisten haben ja auch noch Verwandte, Freundinnen und Freunde dort. „Ich glaube, deswegen, ist es so vielen auch in Wien so wichtig. Weil die Leute das Beste haben wollen für ihre Heimat. Die einen wollen es halt durch die Studentenliste und die anderen denken, das Beste ist Vučić.“
Audioproduktion und -mix: Patrik Haas
