Wie man von der Straße wegkommt Österreich geht gemeinsam mit anderen Ländern neue Wege in der Wohnungslosenhilfe

Die EU möchte bis zum Jahr 2030 Wohnungslosigkeit bekämpfen. Immer mehr Staaten verfolgen dafür das „Housing First“-Prinzip. Im Wesentlichen sagt es aus: Zuerst eine Wohnung, dann alles andere. Kann das die Wohnungslosigkeit beenden?

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Illustration: Getty Images

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Da ist das Bad drinnen. Total gut. Ist praktisch. Und vor allem: Das Wasser ist sofort heiß. Das ist auch super.“ Anton ist stolz, wenn er durch seine Wohnung führt. Seit vier Jahren wohnt er hier, in zwei Zimmern auf 45 Quadratmetern mit Balkon, in Salzburg, nicht weit vom Stadtzentrum entfernt. „Und da ist die Küche. Kaffeemaschine, Mikrowelle, etwas zum Abwaschen, Kühlschrank, Ofen, alles, was man braucht.“

Bevor Anton hier einzog, war er obdachlos. Insgesamt drei Monate lebte der heute Ende 50-Jährige auf der Straße. Geschlafen hat er in einem Zelt am Salzachsee, am Stadtrand von Salzburg. „Da gibt es einen Wald hinterbei und da gibt es gute Verstecke“, sagt Anton. Gerade im Sommer sei es dort angenehm, weil es Duschen und Waschbecken vor Ort gibt, die man kostenlos nutzen kann. „Aber wenn du draußen schläfst, da kann man eigentlich nie richtig schlafen. Nicht nur wegen der Kälte oder weil es zu heiß ist. Es fehlen ganz normale Sachen, an die man eigentlich gar nicht denkt, zum Beispiel Wasser“, stellt Anton fest.

Gerade im Winter kann Wohnungslosigkeit unangenehme Folgen haben, die bis in die Lebensbedrohlichkeit hineinreichen. So ist etwa die Lebenserwartung von obdachlosen Menschen ohnehin um zwanzig Jahre kürzer. Mitte Jänner sind nun aber auch zwei Männer in Wien erfroren. Sie wurden von Streetwork-Teams der Caritas gefunden. Das Caritas Kältetelefon verzeichnete zuletzt rund 350 Anrufe pro Tag; hier können Passantinnen und Passanten von November bis April anrufen, wenn sie sich um einen obdachlosen Menschen im öffentlichen Raum Sorgen machen. Die Caritas-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter suchen die Person dann auf und verteilen Schlafsäcke oder bringen sie in ein Notquartier. Bei akut lebensbedrohlichen Situationen – etwa, wenn die Person nicht ansprechbar ist – solle man lieber gleich die Rettung unter 144 anrufen, so die Caritas.

Caritas Kältetelefon

Wenn du den Schlafplatz eines obdachlosen Menschen bemerkst und rasch und unkompliziert helfen möchtest, kannst du das Caritas Kältetelefon unter 01 480 45 53 verständigen. Das Telefon ist von November bis Ende April rund um die Uhr, an sieben Tagen in der Woche, besetzt. In akut lebensbedrohlichen Situationen oder bei Gesundheitsgefährdung ist die Rettung unter 144 zu verständigen.

„Also, den Winter möchte ich zum Beispiel nicht draußen sein, weil der war, puh, also die letzten vier, fünf Wochen, die waren so kalt. Aber da ist es eben angenehm, wenn man in die Wohnung kommen kann, die hinter sich zumachen kann und es ist warm“, sagt Anton. Laut eigenen Angaben hat Anton 37 Vorstrafen und verbrachte insgesamt 13 Jahre im Gefängnis. Als er entlassen wurde, fand er keine Wohnung und schlief am Salzachsee.

Dass Anton heute eine Wohnung hat, hat er der Organisation „VinziDach-Housing First Salzburg“ zu verdanken. Die Organisation vermittelt seit 2012 Wohnungen an Langzeitobdachlose und Wohnungslose mit Doppeldiagnose, meistens psychische und Suchterkrankungen. VinziDach verfolgt dabei das sogenannte „Housing First“-Prinzip. Im Wesentlichen sagt es aus: Wohnungslosen Menschen soll zuerst eine Wohnung gegeben werden, alles andere kommt danach.

„Der Grundgedanke ist: Wenn dann die Wohnung da ist, dann kann alles Weitere passieren, was die Person möchte.“


Das sagt Franziska Edlinger, eine von drei Leiterinnen von VinziDach Salzburg. „Housing First ist also auch sehr partizipativ.“ Die Betroffenen unterschreiben einen Mietvertrag und müssen die Miete aus eigener Tasche zahlen. Bei VinziDach Salzburg werden die Bewohner dann zumindest vier Jahre aktiv und freiwillig von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern betreut. Krisen, Fragen zu Finanzen und Arbeitsmarkt oder andere Baustellen werden dabei direkt in der eigenen Wohnung gelöst.

Franziska Edlinger (Foto: Svjetlana Wisiak)

Das „Housing First“-Modell wurde in den 1990er-Jahren von dem Psychologen Sam Tsemberis in den USA in New York entwickelt, ursprünglich für besonders harte Fälle gedacht. In Finnland wird das Prinzip seit 2007 systematisch verfolgt: Neue Wohnungen werden vom Staat gebaut oder gekauft und dann günstig vermietet. Mehr als 270 Millionen Euro wurden dafür bisher in die Hand genommen. In den letzten knapp zwanzig Jahren hat sich die Zahl der wohnungslosen Menschen in Finnland so mehr als halbiert. Finnland hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2027 Wohnungslosigkeit zu beenden. Auch in Belgien, Dänemark, Frankreich und den Niederlanden wird das „Housing First“-Modell zunehmend populär.

Beim VinziDach in Salzburg liegt die Erfolgsquote bei 93 Prozent, also sieben Delogierungen bei hundert Wohnzuweisungen. Gleich zu Betreuungsbeginn wird den Betroffenen über das Wohnservice Salzburg eine Wohnung zugewiesen. Zwar gibt es vonseiten des Wohnservice ein paar Einschränkungen, so kann es etwa schwierig werden, wenn es in der Vergangenheit zu Delogierungen gekommen ist oder andere Auflagen erteilt wurden, wie der Nachweis einer sozialarbeiterischen Betreuung. Eine mangelnde Mitarbeit der Betroffenen hat aber keinen Einfluss auf die Betreuungsleistung. Finanziert wird das Projekt zur Gänze von der Stadt und dem Land Salzburg.

Seit Gründung der Organisation, also in den letzten 14 Jahren, konnten in Salzburg so bereits 160 Personen wohnversorgt werden, erläutert Edlinger. Zu den wohnungslosen Menschen kommen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von VinziDach durch die sogenannte „aufsuchende Sozialarbeit“. Das bedeutet, dass die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter aktiv jene Orte aufsuchen, an denen es in der Regel viel Obdachlosigkeit gibt, zum Beispiel in Parks oder Unterführungen. Auch Anton ist auf diese Weise zu seiner heutigen Wohnung gekommen. „Das war am Bahnhof, da bin ich einfach dagesessen und dann hat mich jemand vom VinziDach angesprochen. Ich habe gesagt: Ja klar brauche ich eine Wohnung“, erzählt er. Knapp drei Monate später bezog Anton dann die Wohnung, in der er heute wohnt.

Jeden Dienstag und Donnerstagvormittag bietet VinziDach außerdem die sogenannte „Anlaufstelle“ an. Hier können sich Betroffene mit oder ohne Termin beraten lassen. Zur Wohnungs- oder Arbeitssuche, zu Gesundheit, Finanziellem oder auch einfach zum Alltag.

Strudel nach unten

Bei der „Anlaufstelle“ treffe ich auf Gerhard. Auch er war früher obdachlos. Gerhard ist Ende 50 und redet gern. Vor einigen Jahren hat er sich von seiner damaligen Freundin getrennt. Bald danach wurde die Miete erhöht und Gerhard konnte sich die Wohnung nicht mehr leisten. Am Wohnungsmarkt fand er aber ebenso nichts Leistbares. Gerhard landete auf der Straße, für insgesamt zwei Jahre.

Oft hat er neben den Katakomben in Salzburg geschlafen, auf dem Weg zur Tiefgarage: „Aber da war ich um 5 Uhr früh schon weg, weil ich habe gewusst, dass die Sicherheitswache sonst kommt, dich aufweckt, womöglich unangenehm, und dann kommt es vielleicht zu einem Eklat und die Polizei wird gerufen. Die nimmt dann deine Daten auf. Und das will man sich alles ersparen.“ Duschen ging Gerhard während der zwei Jahre in ein Hallenbad in Salzburg, seine Wäsche hat er in der Salzach gewaschen. „Also es geht schon irgendwie. Man muss nur irgendwann eine Entscheidung treffen, wie lange man das aushält, wie lange man mit so einer Umgebung zufrieden ist.“ War Gerhard denn eine Zeit lang zufrieden auf der Straße? „Ja, das war ein interessantes Leben“, sagt er, „weil man immer wieder entscheiden muss: Was mache ich mit dem Tag?“ Es hätte genug Möglichkeiten gegeben, wie man sich die Zeit vertreiben könne. In der Bibliothek oder auf der Universität konnte er etwa lesen und lernen. Und im Sommer, mit einem guten Schlafsack und einer guten Matratze ausgestattet, sei der Alltag okay gewesen. „Das war richtig angenehm. Nur irgendwann wird man mürbe“, sagt Gerhard retrospektiv. Irgendwann kam das Bedürfnis nach eigenen vier Wänden auf, „wo ich hinter mir zusperren kann, wo ich machen kann, was ich will.“

Gerhard ist schon lange arbeitslos. Eine Verletzung am Fuß, an der er seit einem Autounfall vor mittlerweile mehr als dreißig Jahren leidet, erschwert ihm die Arbeitssuche. Er würde gerne in die Altenpflege, erzählt er. Heute wohnt Gerhard in einer Wohnung mit Schlafzimmer, Wohnküche und Bad um 375,- Euro im Monat. Der Mietvertrag ist unbefristet. Auch er hat die Wohnung über das VinziDach Salzburg vermittelt bekommen.

„Wohnungslosigkeit ist in ganz vielen Fällen ein strukturelles Problem“, sagt Alexander Machatschke.


Er ist Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnen, kurz BAWO, und Experte für Wohnungslosigkeit. Die BAWO ist ein Dachverband von 56 NGOs und sieht sich als politische Interessenvertretung der Wohnungslosenhilfe in Österreich. Machatschke sagt, dass es zwar auch individuelle Gründe geben würde, Arbeitslosigkeit, Sucht, Krankheiten, die zum Wohnungsverlust führen können, der eigentliche Grund sei aber ein struktureller. So sei Gerhards Fall keine Ausnahme: Trennungen oder Scheidungen werden bei Befragungen sehr oft als Ursache angegeben. „Aber nur weil ich mich scheiden lasse, muss ich doch nicht wohnungslos werden“, sagt der Experte. Das Problem sei, dass die Wohnung nach einer Trennung für eine Person allein zu teuer wird, und die Betroffenen fänden dann auf dem Wohnungsmarkt nichts Leistbares. Gerade in letzter Zeit zeige sich das sehr deutlich: „Menschen, die einfach nur ein geringes Einkommen haben, werden plötzlich wohnungslos. Die haben nicht einmal irgendein persönliches Problem zusätzlich, sondern deren Einkommen ist einfach zu niedrig. Und die finden nichts mehr am Wohnungsmarkt.“

Besonders Menschen, die zum ersten Mal auf den Wohnungsmarkt kommen – zum Beispiel, weil sie von daheim ausziehen oder nach Österreich migriert sind – seien gefährdet. Sie sind mit einem, wie Machatschke sagt, „segmentierten Wohnungsmarkt“ konfrontiert, in dem die Mieten viel teurer seien als noch vor wenigen Jahren.

Alexander Machatschke ist Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnen, kurz BAWO. (Foto: BAWO)

Seit drei Jahren steigt die Zahl der wohnungslosen Menschen in Österreich wieder an, zwischen 2016 und 2021 ging diese noch zurück. Laut den aktuellsten Zahlen der Statistik Austria waren im Jahr 2024 in Österreich rund 21.000 Personen als wohnungslos oder obdachlos registriert. Das ist ein Anstieg von knapp 3 Prozent beziehungsweise 578 Personen gegenüber dem Vorjahr. Der größte Teil, rund sechzig Prozent, lebt in Wien. Insgesamt sind mit rund siebzig Prozent deutlich mehr Männer als Frauen als obdach- oder wohnungslos registriert. Ein Drittel aller Registrierten ist unter dreißig Jahre alt. Nach EU-Definition gilt rund ein Siebtel der Österreicherinnen und Österreicher als armutsgefährdet. Im Jahr 2024 wurden in Österreich knapp 5000 Delogierungen durchgeführt.

In der Europäischen Union ist die Zahl der obdachlosen Menschen zwischen 2011 und 2021 um siebzig Prozent gewachsen. Man geht EU-weit von etwa 700.000 Obdachlosen aus.

Grundsätzlich wird zwischen Obdach- und Wohnungslosigkeit unterschieden. Obdachlos sind jene Menschen, die auf der Straße oder in Notschlafstellen schlafen müssen. Als wohnungslos gelten hingegen auch all jene, die vorübergehend keine eigene Unterkunft haben, aber ein Dach über dem Kopf. In Österreich durchleben rund 370.000 Menschen, also sechs Prozent, einmal in ihrem Leben eine solche Phase.

Hohe Dunkelziffer

Es gibt aber eine hohe Dunkelziffer. Das Problem sei, sagt Machatschke, dass die offiziellen Statistiken nur die registrierten Personen anzeigen, also Personen, die innerhalb der Wohnungslosenhilfe untergebracht sind, und sogenannte „Hauptwohnsitzbestätigungen“, die bestätigen, dass man keinen Hauptwohnsitz hat. In der Statistik scheinen zudem nur jene Personen auf, die bereits mit der Wohnungslosenhilfe Kontakt aufgenommen haben. Es gibt aber auch Menschen, die nirgends oder nur zum Schein gemeldet sind, zum Beispiel bei Freunden oder Bekannten. Personen, die von Sofa zu Sofa ziehen. Diese können auch nicht erfasst werden. Gerade Frauen sind von der sogenannten „verdeckten Wohnungslosigkeit“ betroffen, weil sie sich oft in Abhängigkeitsverhältnissen befinden und in Krisenzeiten dann gezwungen sind, Notlösungen zu finden.

Für Alexander Machatschke ist klar, dass man über Wohnungslosigkeit nicht nachdenken könne, ohne dabei auch die Wohnpolitik in die Pflicht zu nehmen. Dass aktuell viel gebaut wird, sei zwar grundsätzlich zu begrüßen, aber: „Diese Wohnungen sind nicht gebaut worden für Menschen, die wenig Einkommen haben und dorthin ziehen wollen, sondern für Menschen, die Geld zur Verfügung haben, das sie in Betongold investieren.“ Dennoch sei es aber gut, dass es mehr Angebot gebe.

Laut „Mietpreisspiegel“ von der Onlineplattform Willhaben haben die Mietpreise im Jahr 2025 spürbar zugelegt. Dabei wurden mehr als 250.000 Mietangebote ausgewertet. Untersucht wurde, wie sich die Quadratmeterpreise bei Neuvermietungen im Jahr 2025 im Vergleich zu 2024 verändert haben. So sind beispielsweise in Wien-Brigittenau die Mietpreise für Neu- oder Wiedervermietungen um ein Fünftel gestiegen und liegen jetzt bei 20,12 Euro pro Quadratmeter. Am günstigsten wohnt man mit einem durchschnittlichen Quadratmeterpreis von 8,76 Euro im südburgenländischen Güssing.

Machatschke möchte dennoch auch eine Lanze für die Politik brechen, wie er sagt. Zu Covid-Zeiten sei gehandelt worden, da sei darauf geschaut worden, dass etwa Delogierungen aufgefangen werden. Seit 2023 verfolgt das Sozialministerium außerdem das „Housing First“-Prinzip. Ziel ist es, bis Ende des Jahres 2.500 Menschen in eine eigene Wohnung zu vermitteln. Zudem bekennt sich die Österreichische Bundesregierung auch im Regierungsprogramm zum „Housing-First“-Prinzip und möchte dieses, Zitat, „vorantreiben“. Dafür wurde auch der sogenannte „Wohnschirm“ eingerichtet, ein bundesweites Programm des Sozialministeriums, das nach dem „Housing First“-Prinzip arbeitet und Betroffenen außerdem bei Miet- oder Energieschulden hilft.

Eine individuelle „Startunterstützung“ von bis zu 800 Euro unterstützt Betroffene außerdem beim Umzug oder bei ersten Anschaffungen, etwa einer Küche oder einer Waschmaschine. Abgewickelt wird das „Wohnschirm-Housing-First“-Programm von einem Zweigverein der BAWO. Derzeit sind 27 Sozialorganisationen an dem Programm beteiligt. Im Jahr 2025 sind rund 3,8 Millionen Euro in den „Wohnschirm – Housing First“ geflossen, über 1.100 Menschen konnten unterstützt werden. Von Herbst 2024 bis Ende 2026 werden insgesamt 20 Millionen Euro in die Hand genommen. Für die Zeit danach arbeite man derzeit an Lösungen, so das Sozialministerium.

Einsparungen im Sozialbereich

Und dennoch: Für Alexander Machatschke, Experte für Wohnungslosigkeit, bleibt noch viel zu tun. Auf der einen Seite wird der „Housing First“-Ansatz zwar verfolgt und gefördert, auf der anderen werde aber auch weiterhin Wohnungs- und Obdachlosigkeit produziert. Besonders die aktuellen Einsparungen im Sozialbereich, wie die Kürzung der Mindestsicherung, werden sich über kurz oder lang auch auf die Wohnungslosigkeit auswirken. Dreht man sich als Politik da nicht im Kreis? „Das ist tatsächlich völlig absurd und kontraproduktiv“, warnt der BAWO-Geschäftsführer.

Kontraproduktiv deshalb, da sich Wohnungslosigkeit auch finanziell auf den Gesundheits- und Sozialbereich auswirke. Es gebe zwar bessere Argumente gegen Wohnungslosigkeit als ökonomische, betont der Experte. Man sollte die Gesellschaft aber auch nicht in einzelnen Säulen denken: Gesundheit, Wohnen, Soziales. Denn jede Säule wirke sich immer auch auf die anderen aus. Stattdessen fordert Machatschke ein Gesamtkonzept gegen Wohnungslosigkeit, das alle diese einzelnen Bereiche gleichermaßen berücksichtigt. Denn ein Wohnungsverlust koste auch sehr viel Geld. Angefangen bei den Kosten, die entstehen, weil etwa ein Mietzinsrückstand entstanden ist, über Anwalts- und Delogierungskosten, auch die Unterbringung in der Wohnungslosenhilfe kostet Geld, dann muss den Betroffenen in der Regel auch bei der Anmietung einer neuen Wohnung finanziell unter die Arme gegriffen werden, beispielsweise für die Kaution. „Das ist ein ganz langer Lauf von Kosten, den man verhindern könnte.“

So spart etwa Finnland jährlich circa

15.000

Euro

pro ehemals wohnungsloser Person. Auch die Arbeit des VinziDach Salzburg wurde in den letzten Jahren wissenschaftlich begleitet. In einer Studie des Instituts für Immobilien, Bauen und Wohnen (IIBW) wurde zum Beispiel der Einfluss auf den klinischen Bereich in Salzburg untersucht. Das Ergebnis: Die stationären Spitalsaufenthalte von VinziDach-Bewohnerinnen und -Bewohnern gingen um fast siebzig Prozent zurück. Daraus ergibt sich laut VinziDach eine Entlastung für das Gesundheitsbudget von mindestens 100.000 Euro pro Jahr.

Alexander Machatschke hat deshalb gleich eine ganze Palette an Forderungen im Repertoire: von Mietpreisobergrenzen über höhere Einkommen bis hin zum Ausbau des kommunalen Wohnbaus.

Was aber sagt die Politik dazu? Wir hätten gerne mit Sozialministerin Korinna Schumann von der SPÖ gesprochen. Sie stand für ein Interview jedoch nicht zur Verfügung. Wir stellen unsere Anfrage daher schriftlich.

Österreich hat sich im EU-Parlament mit der Unterzeichnung der „Erklärung von Lissabon“ im Juni 2021 dazu verpflichtet, an der Beendigung von Wohnungslosigkeit bis zum Jahr 2030 zu arbeiten. Aber stehen die aktuellen Einsparungen im Sozialbereich nicht in einem Widerspruch zu diesem Ziel? Das Sozialministerium verweist darauf, dass bis Ende Dezember letzten Jahres bereits 39.000 Personen unterstützt wurden, und stellt weiter fest: „Ob sich Obdachlosigkeit (weitestgehend) beenden lässt, hängt von vielen Faktoren ab, etwa von der Verfügbarkeit von leistbarem Wohnraum oder der Arbeitsmarktsituation.“

Arbeitet man also, wie Machatschke fordert, an einem Gesamtkonzept zur Beendigung von Wohnungslosigkeit? Hier erhalten wir nur ein allgemeines Statement. Verwiesen wird auf das „Housing First“-Konzept und seine Implementierung. Eine stabile Wohnsituation bilde die Grundlage für gesundheitliche Stabilität und soziale Teilhabe. Die Sicherung eines verlässlichen Einkommens sei dabei ebenso zentral. Konkreter wird das Sozialministerium nicht.

Ein Grundrecht

Das Recht auf Wohnen ist jedenfalls sowohl im Sozialpakt der UNO als auch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sowie in anderen völkerrechtlichen Konventionen festgeschrieben. Im Gegensatz zu anderen Menschenrechten kann das Recht auf Wohnen in Österreich allerdings nicht eingeklagt werden. Die ständige Rechtsprechung besagt nur, dass jeder und jede einen Anspruch auf eine angemessene Unterkunft hat, die vom Staat zur Verfügung gestellt werden muss.

Aber warum gilt Wohnen eigentlich als Grundrecht?

„Wohnen ist alles“, sagt Alexander Machatschke.


Wohnen sei „extrem vielschichtig“. Die Palette an Gründen, die Machatschke anführt, reicht von einer vermeintlichen Banalität in die nächste: Man könne in der Wohnung individuell entscheiden, wie man die Wohnung einrichten möchte. Ob man jemanden zu Besuch einlädt oder sich einen ruhigen Abend vorm Fernseher macht. Man habe einen Rückzugsort, wenn man krank ist, um gesund zu werden. Und so weiter und so fort. Hat man das alles nicht, fehle ein ganz essenzieller Teil, so Machatschke.

Zurück nach Salzburg und zu Anton und Gerhard. Ich frage die beiden, was sich für sie verändert hat, seitdem sie ihre eigenen vier Wände bezogen haben. Gerhard sagt, er komme jetzt besser mit seinem Leben zurecht und schätze sich selber. Er genieße es, sich mit Dingen auseinandersetzen zu können, die vor einigen Jahren noch nicht infrage gekommen wären, wie etwa Bücher zu lesen oder sich einfach mit sich selbst zu beschäftigen. „Es ist ein bisschen mehr Selbstsicherheit gegeben“, sagt Gerhard.

Auch Anton sieht das ähnlich. „Seitdem bin ich sicher“, sagt er lapidar. Momentan arbeitet er daran, wieder am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Anton ist es, Zitat, „vollkommen egal“, was er einmal arbeiten wird. Hauptsache etwas, das er mit seiner Knieverletzung machen kann. Hauptsache Arbeit.

Ich frage Anton zum Abschied noch nach ein paar Tipps für Salzburg, mein Zug fährt erst am Abend. Den Hangar solle ich mir unbedingt ansehen, sagt Anton und wirft einen Blick aus der offenstehenden Balkontür. Dann deutet er auf die Baustelle vorm Fenster und beschwert sich, dass es in letzter Zeit sehr laut ist. Dass er einen Balkon hat, darüber ist er aber froh, betont Anton. Gerade wenn die Sonne scheint, sei es sehr angenehm, draußen zu sitzen: „Und vor allem die Jalousien, die sind Gold wert. Im Winter kommen sie runter, dann bleibt die Wärme herinnen, und im Sommer kommen sie runter, dann bleibt die Wärme draußen. Also, das ist genial.“

Korrekturhinweis

In der Erstfassung des Beitrags wurde für das VinziDach Salzburg eine Erfolgsquote von 97 % angegeben. Die korrekte Erfolgsquote beträgt 93 %. Der Wert wurde im Text entsprechend korrigiert.

Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas