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26. August 2026

Maserntote in den USA: Die Masern galten als eliminiert. Aber sie und andere Krankheiten kehren zurück


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Österreich gilt nicht mehr als masernfrei. Die USA verzeichnen Rekord-Infektionszahlen – bereits das zweite Jahr in Folge. Experten kämpfen gegen Falschinformationen, die auch aus der Politik kommen.

Texas im Februar 2026: Ein Schild weist den Weg zum Drive-in-Masern-Testzentrum. Im Frühjahr sind in dem Bundesstaat zwei ungeimpfte Kinder an den Masern gestorben. (Foto: APA-Images / REUTERS / Sebastian Rocandio)

Zum ersten Mal seit 35 Jahren gibt es im US-Bundesstaat Pennsylvania wieder Masern-Todesfälle. Beide Todesopfer waren ungeimpft. Dieses Jahr gibt es in den USA so viele Maserninfektionen, dass schon Mitte des Jahres der Ganzjahresrekord von 2025 geknackt worden ist. Die USA könnten deshalb den Status als masernfreies Land verlieren – so wie Österreich. Anfang des Jahres hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Österreich als nicht mehr masernfrei eingestuft. Seit 2018 hatten die Masern als eliminiert gegolten.

Experten und Expertinnen betonen, dass die Mumps-Masern-Röteln-Impfung (MMR-Impfung) sicher ist und lebenslangen, fast hundertprozentigen Infektionsschutz bietet. Gleichzeitig wird die Angst vor Impfungen und Ablehnung ihnen gegenüber befeuert – auch aus der Politik. In den USA sogar auf höchster Ebene. US-Präsident Donald Trump hat Anfang August die Anzahl der empfohlenen Impfungen für Kinder von 18 auf 11 reduziert und behauptet, die MMR-Impfung sei tödlich. Sein Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. ist ausgewiesener Impfskeptiker und wiederholt regelmäßig die längst widerlegte Behauptung, dass die MMR-Impfung Autismus auslöst.

Die Impfquoten sinken und die Auswirkungen zeigen sich in den Spitälern: Dort kommen auch andere, lebensgefährliche Erkrankungen wieder häufiger vor, gegen die es sichere und wirksame Impfungen gibt – etwa Keuchhusten. In Österreich verbreiten die Freiheitliche Partei (FPÖ) und ihr Umfeld Angst vor Impfungen und Falschinformationen dazu. Die Partei macht damit politisch Gewinne.

Wir haben die beste medizinische Versorgung in der Geschichte der Menschheit, Wissenschaft und der Bildungsgrad der Menschen machen enorme Fortschritte. Wieso sinken dennoch die Impfquoten so stark, dass ausgemerzte Krankheiten drohen, wieder zurückzukommen, und wieso wird gerade vor Masern immer wieder so gewarnt?

Darüber spreche ich mit der Infektiologin und Mikrobiologin Andrea Grisold von der Medizinischen Universität Graz. Sie ist Vorsitzende des Nationalen Verifizierungskommitees zur Elimination von Masern und Röteln in Österreich.

„Masern gehören zu den ansteckendsten Erkrankungen, die wir kennen“, sagt Infektiologin Andrea Grisold. (Foto: privat)

Die wichtigsten Aussagen aus dem Gespräch:

  • Die empfohlene Impfquote für die Masern liegt bei 95 Prozent, weil sie eine schwerwiegende Erkrankung sind und zu den ansteckendsten Krankheiten zählen, die wir kennen. Wenn man mit einer infizierten Person in Kontakt kommt und nicht immunisiert ist, erkrankt man mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit. Wie infektiös eine Krankheit ist, wird auch daran gemessen, wie viele nicht immunisierte Personen potenziell von einer infektiösen Person angesteckt werden. Im Fall von Masern sind es 18 Personen. Zum Vergleich: eine Person, die an der Grippe erkrankt ist, steckt ungefähr vier weitere Personen an. In Österreich liegt die Durchimpfungsrate über alle Bevölkerungsgruppen hinweg bei rund 90 Prozent.
  • Wer an Masern erkrankt, bekommt etwa acht bis zehn Tage nach dem Erstkontakt Grippe-ähnliche Symptome. Ein frühes Symptom und ein wichtiger Hinweis auf eine Masernerkrankung für Ärztinnen und Ärzte sind die sogenannten Koplik-Flecken an der Wangeninnenseite. Nach den Grippe-ähnlichen Symptomen folgt der typische Ausschlag. Ein Drittel der Erkrankten muss im Krankenhaus behandelt werden. Eine Maserninfektion führt auch zu einer sogenannten Immun-Amnesie: Sie löscht das Immungedächtnis des Körpers, wodurch Patientinnen und Patienten über einen längeren Zeitraum anfällig für andere Krankheiten werden.
  • Dass die Infektionen in Europa aktuell niedrig sind, führt die Wissenschaft auf die starken vergangenen Infektionsjahre zurück und darauf, dass damit eine zusätzliche Gruppe an Menschen Immunität erworben hat. Aber die aktuell niedrigen Fälle könnten auch die Ruhe vor dem Sturm sein.
  • Die Impfquoten nehmen nicht nur für Masern ab, sondern auch für andere Infektionskrankheiten. Das liegt unter anderem daran, dass Menschen darauf vergessen, sich impfen zu lassen. Es gibt auch einen gewissen Effekt durch die Corona-Pandemie, in der Menschen aus Angst vor Ansteckung weniger zu Ärzten und Ärztinnen gegangen sind. Um zu vermeiden, dass Menschen unabsichtlich nicht immunisiert sind, werden stellenweise auch in Österreich sogenannte Recall-Systeme eingeführt, um die Menschen daran zu erinnern, sich impfen zu lassen.
  • Da die Impfung in der Regel einen lebenslangen, beinahe hundertprozentigen Infektionsschutz verspricht, ist es bei Masern theoretisch möglich, sie beinahe zu besiegen – bei entsprechender Immunität in der Bevölkerung. Tritt in einem Land weniger als ein Masernfall auf 100.000 Einwohner auf, dann gilt die Krankheit als eliminiert.

Werden Dinge oft genug wiederholt, sind sie unserem Gehirn vertraut, und wir neigen eher dazu, sie als wahr einzustufen. Dieser Effekt heißt Wahrheitsillusion. Auch deshalb haben Falschinformationen, die weit verbreitet sind, so eine starke Wirkung.

Der Menscheit ist es übrigens erst bei einer einzigen Krankheit gelungen, sie komplett auszurotten: bei den Pocken. Dass die seit 1980 als ausgerottet gelten, ist durch eine weltweite Impfkampagne gelungen.

Einen schönen Nachmittag wünscht dir

Pia Miller-Aichholz

B-Seite-Team