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Mitten im Wienerwald, in Mauerbach, wollen die Mächtigen in der SPÖ bloß darüber geplaudert haben, wie man dem ländlichen Raum neuen Atem einhauchen könnte. Und was zu unternehmen sei, damit die breite Öffentlichkeit mehr von den Wohltaten der Sozialdemokratie erfährt, der es in fast ganz Europa derzeit dreckig geht. Heißt es von Seiten der Partei. Viel mehr ist aus den Gesprächen während der zweitägigen Präsidiumsklausur vergangenes Wochenende nicht durchgedrungen. Zu Mauerbach wird bei den Roten gemauert.
Aber es wäre realitätsfern, anzunehmen, dass die Parteioberen hinter verschlossenen Türen nicht auch auf die verheerenden Umfragewerte ihrer SPÖ zu sprechen kamen, die mittlerweile bei kaum mehr als 15 Prozent liegen. Was viele dem Parteichef und Vizekanzler Andreas Babler anlasten, der keine zwei Tage vor der Klausur in groben Erklärungsnotstand geraten war: „Wurde Bablers Vater im Spital bevorzugt?“, titelte die bislang als eher zurückhaltend geltende, bürgerliche Kleine Zeitung in ihrer Onlineausgabe am späten Mittwochabend. Tags darauf erschien ein Titelblatt mit derselben Frage.
Der wichtigste Beleg: Hörensagen
Die Frage ergab sich aus einer parlamentarischen Anfrage der rechten FPÖ, die deren Gesundheitssprecherin Dagmar Belakowitsch am selben Tag an SPÖ-Gesundheitsministerin Korinna Schumann gerichtet hatte. Diese hat – so wollen es die Spielregeln des Nationalrats – zwei Monate Zeit, eine Antwort zu liefern. So lange wollte die zweitgrößte Kaufzeitung des Landes mit Sitz in Graz nicht warten. Unter Berufung auf ungenannte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des „Orthopädischen Spitals Speising“ im Wiener Nobelbezirk Hietzing berichtete die Kleine Zeitung, dass der Vater des Vizekanzlers „auffallend rasch und ohne die sonst übliche Wartezeit einhalten zu müssen, für einen Operationstermin vorgereiht worden sei.“ Der Text enthält noch ein knappes Dementi der SPÖ sowie eine Stellungnahme der Stadt Wien – das Spital wird nämlich vom Wiener Gesundheitsfonds finanziert. Letztere verweist auf das Spitalmanagement. Dort fragte die Kleine Zeitung vor der Veröffentlichung aber gar nicht an.

Mehr an Beweisen hatte das Blatt nicht vorzubringen. Aber schon der Vorwurf war brandgefährlich für Babler, der noch vor wenigen Wochen im ORF-Sommergespräch eine Zwei-Klassen-Gesellschaft im Gesundheitsbereich beklagt hatte. Alle Menschen in diesem Land hätten das Recht auf die gleiche medizinische Versorgung. Unabhängig von ihrem Einkommen. Oder ihrer Kontakte. So ein eklatanter Widerspruch zwischen öffentlichen Aussagen und persönlicher Praxis kann politische Karrieren im Nu beenden.
Zuletzt war das bei Jens Spahn in Deutschland der Fall, dem Ex-Fraktionschef der CDU, der mit seinem Partner eine Leihmutter für das Austragen eines Kindes bezahlt hatte, obwohl er als konservativer Politiker diese Praxis bei anderen verurteilte. So ein Widerspruch kann nicht aufgelöst werden. Derart offensichtliche Heuchelei gehört zu jenen politischen Sünden, für die die Menschen da draußen überhaupt kein Verständnis haben.
Bablers größter Trumpf ist seine Glaubwürdigkeit
Und Babler ist schon seit geraumer Zeit angeschlagen. Viele in der zweiten und dritten Reihe lasten ihm die verheerenden Umfragewerte an. Manche unter vorgehaltener Hand. Andere – wie der burgenländische Landeshauptmann Hans Peter Doskozil – fordern in der Öffentlichkeit unverblümt seinen Kopf. Babler, der linke Maverick aus Traiskirchen, hat keine echte Hausmacht in seiner Partei. Er hängt als Parteichef ziemlich in den Seilen und ist vom guten Willen des mächtigen Wiener Bürgermeisters Michael Ludwig abhängig. Dass der keinen Wirbel will, ist Bablers Glück.
Es ist kein Geheimnis, dass sich die roten Oberen in Bundesländern wie der Steiermark oder Kärnten mit dem pannonischen Quälgeist Doskozil abstimmen. Sie gehen Babler nicht öffentlich an. Aber sie lästern gerne in vertraulichen Gesprächen, wenn jemand von den Boulevardmedien anruft. Zumal man weiß, dass diese Babler ohnerhin aufgeschrieben hat, weil der ihnen als Medienminister staatliche Unterstützung kürzt. Die wird in Österreich gerne in Form von Inseraten gewährt, die aus Ministerien bisher freihändig vergeben wurden. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass diese besonders in der Ära von Kanzler Sebastian Kurz gegen Hofberichterstattung gehandelt wurde. Der Boulevard lässt Babler seinen Zorn spüren. In der Gratiszeitung Heute spielt man gerne mit der Bezeichnung „Urin-Andy“ – einer Wortschöpfung des FPÖ-Politikers Leo Lugner, der zuletzt wegen des Verdachts der NS-Wiederbetätigung einer Diversion zustimmte.
Babler ist, das muss man allerdings sagen, ein dankbares Opfer. Der dezidiert linke, ehemalige Bürgermeister von Traiskirchen sei farblos, heißt es aus den eigenen Reihen. Vor allem im Fernsehen. Ihm mangle es an Charisma, Durchsetzungskraft und Leadership. An Zug zum Tor. Mit seiner Forderung nach einer stärkeren Besteuerung der Reichen vergraule er die Wirtschaft. Nur eines wird Babler auch von seinen Kritikerinnen und Kritikern zugute gehalten: Er sei an sich ein anständiger Kerl. Einer, der es im Grunde aufrichtig meine. Der nicht den Verlockungen der Macht verfallen sei.
Das ist kein schwaches Argument. Bablers persönliche Integrität ist sein vielleicht stärkster Trumpf in zynischen Zeiten wie diesen.
Die Kleine Zeitung bürgt für Seriosität. Das machte die Sache für Babler so gefährlich.
Nun aber habe er seine Glaubwürdigkeit verspielt, insinuierte der Artikel in der Kleinen Zeitung. Es ist umgekehrt. Die Kleine Zeitung hat ihre Glaubwürdigkeit verloren. Die 1904 in Graz vom katholischen Preßverein gegründete, explizit kirchenahe Lokalzeitung mit bundespolitischem Anspruch, galt bisher als zurückhaltende, moderat konservative Stimme im Orchester der österreichischen Medien. Im Zweifel setzte man dort bisher eher auf Langsamkeit, zugunsten sauberer Recherche. Man verstand sich als Stimme der Vernunft, die im Zweifel lieber einmal nichts schreibt. Sie galt lange Zeit als leicht verschnarcht.
Selbstverständlich hat sich die Kleine Zeitung dem Ehrenkodex des österreichischen Presserates verpflichtet. Dieser verlangt, dass Vorwürfe sauber belegt sein müssen. Und dass Beschuldigungen nicht erhoben werden dürfen, ohne dass man zumindest versucht hat, den Beschuldigten Raum für ihre Darstellung einzuräumen.

Kurzum: Es gab bisher allen Grund, davon auszugehen, dass bei der Kleinen Zeitung journalistische Profis am Werken sind, die wissen, was sie tun. Der Titel des Mediums mit einer Reichweite auf allen Kanälen von mehr als 900.000 Menschen bürgt für Vertrauenswürdigkeit. Und das war mit ein Grund, warum der Artikel über Bablers Vater – der von sich aus nie groß die Öffentlichkeit gesucht hatte und daher höhere Persönlichkeitsrechte hat als Prominente – besonders schnell in anderen Onlinezeitungen und auf Social Media die Runde machte. Der Boulevard übernahm die Story, ohne groß nachzufragen.
Das Blatt hat also schwere Vorwürfe gegen den SPÖ-Chef und Vizekanzler erhoben, für die sie überprüfbare Quellen schuldig blieb. Und das, obwohl drei wichtige Köpfe für den Text recherchiert haben. Christina Traar, Chefredakteurin der Wiener Niederlassung, sowie ihre beiden erfahrenen Kollegen Walter Hämmerle und Simon Rosner. Alle drei hatten bis dahin einen tadellosen journalistischen Ruf. Hämmerle war einst Chefredakteur der republikseigenen Wiener Zeitung, ehe deren Printausgabe eingestellt und durch ein flottes Onlinemagazin ersetzt wurde.
Die Recherche fiel in sich zusammen
Tags drauf berichteten auch Der Standard und der ORF. Beide Medien führten zusätzliche Gespräche. Im Ö1 Mittagsjournal kam neben den Vorwürfen aus der parlamentarischen Anfrage und dem Kleine Zeitung-Artikel erstmals Kliniksprecher Pierre Saffarnia zu Wort: „Bei uns werden selbstverständlich die Behandlungs- und OP-Termine nach medizinischem Status, also nach medizinischen Kriterien vergeben“, sagte er. Später am Tag wurde er in einer öffentlichen Aussendung konkreter: Bablers Vater hatte ihn von seiner Schweigepflicht entbunden, um die Vorwürfe rasch zu entkräften.
Saffarnia erklärte: Der Vater des Vizekanzlers sei schon „als dringlicher Patient“ eingewiesen worden, habe tagsüber und nachts „starke Schmerzen“ sowie Bewegungseinschränkungen gehabt. „Der Fall war so dringlich, dass innerhalb von maximal vier Wochen eine Operation nach der Einweisung stattfinden musste, sonst drohten stärkere Einschränkungen, die die Lebensqualität massiv beeinträchtigen.“
Mit anderen Worten: Reine Routine, es habe keinerlei Regelwidrigkeit gegeben. Die Geschichte fiel im Laufe des folgenden Tages gewissermaßen in sich zusammen, zumal die Kleine Zeitung keine neuen Belege nachreichen konnte. In einem rasch nach der Stellungnahme der Klinik veröffentlichten zweiten Artikel berief man sich nur erneut auf die anonymen Quellen. Titel: „Schnelle OP bei Bablers Vater: ,Das ganze Haus weiß das‘“. Walter Hämmerle legte kurz darauf in einem Kommentar mit dem Titel „Eine Frage der Glaubwürdigkeit“ nach. Er schrieb: „Wenn der begründete Verdacht einer bevorzugten Behandlung im persönlichen Umfeld aufkommt, die im Widerspruch zu den politischen Positionen steht, ist es nicht nur legitim, sondern sogar geboten, zuerst nachzufragen und dann aber auch zu berichten.”
Gefährliche Vorwürfe
Die Argumentation ist an sich schlüssig. Bloß nicht in diesem Fall: Denn die Kleine Zeitung hat zuerst berichtet, dann erst nachgefragt. Am Ende konnte sie ihre Vorwürfe nicht untermauern, weshalb es auch Tageszeitungen gab, die den Artikel völlig ignorierten. Darunter der bürgerliche Kurier, dem man keine große Sympathie für Andreas Babler nachsagen kann: „Die Recherche hat nicht das Ergebnis gebracht, das in der Information angedeutet wurde“, schreibt Chefredakteur Martin Gebhart auf unsere Anfrage. Der linksliberale Standard wiederum berichtete sehr distanziert über den Fall. Innenpolitikchef Michael Völker bezog in einem Kommentar klar Stellung gegen die Vorverurteilungen: „In der Kampagne des Boulevards gegen SPÖ-Chef Andreas Babler werden längst die Grenzen des Anstands überschritten.“
Schließlich veröffentlichte das Medien-Watchblog Kobuk eine erste, umfangreiche Recherche zur Recherche. Wir haben die Autorin Andrea Gutschi gebeten, ihre Ergebnisse mit uns zu teilen und an diesem Artikel mitzuarbeiten – was sie gerne gemacht hat. Andrea hat unter anderem bei der Wiener Chefredakteurin Traar nachgehakt und folgende Antwort bekommen: „Die Whistleblower hatten direkt Einblick in die Unterlagen und uns glaubhaft vermittelt, dass eine Sonderbehandlung durch einen ungewöhnlich schnellen OP-Termin gegeben war.“

Bemerkenswert daran ist nicht nur die Bezeichnung „Sonderbehandlung“ – ein höchst problematischer Ausdruck, der auch im Artikel verwendet wurde, obwohl er bekanntermaßen in der NS-Zeit ein Code für die Ermordung von Jüdinnen, Juden und anderen „fremdländischen Menschen“ war. Sondern auch die Argumentation: Man glaubt die schweren Vorwürfe einer anonymen Quelle, die keinerlei Beweise liefert. Was, um das ganz klar zu sagen, ein journalistischer Tiefpunkt in der 121-jährigen Geschichte der Kleinen Zeitung ist.
Einer, der für Babler böse hätten enden können.
Wenn das Geraune die Fakten ersetzt
Kurz vor der Präsidiums-Klausur der SPÖ in Mauerbach ließ sich sagen, dass die Beweislage gegen Babler mehr als dünn war – nicht zuletzt durch die Kobuk-Recherche. Was, wenn diese nicht erschienen wäre? Wenn Babler nicht so schnell reagiert hätte, wenn sein Vater die Klinikleitung nicht von der Schweigepflicht enthoben hätte?
Hätte das in Mauerbach den Kopf des Vizekanzlers kosten können? Kaum, meint ein hoher SPÖ-Politiker aus einem großen Bundesland, der dabei war. Derlei Angriffe auf den höchstpersönlichen Lebensbereich lasse man in der Partei aus Prinzip nicht gelten. Erst recht nicht, da der Artikel in der Kleinen Zeitung Babler keinen Gesetzesbruch vorwarf. Nicht einmal die im Titel gestellte Frage, ob er zugunsten seines Vaters interveniert habe, wurde im Text beantwortet. Alles bleibt im Ungefähren, die Kleine Zeitung liefert keine Beweise, nur Geraune. Das wäre Babler kaum gefährlich geworden, meint der Rote.
Ein hochrangiger Bundespolitiker der SPÖ sieht das etwas anders. Immerhin seien auch deklarierte Babler-Gegner Teil des Präsidiums. Und für diese wäre die Story ein gefundenes Fressen gewesen – ob sie nun richtig sei oder nicht. Am Ende zähle in der Politik die öffentliche Wahrnehmung. „Gut möglich, dass Babler Mauerbach als dead man walking verlassen hätte“, sagt der Politiker. Dass bei der Klausur sein Sturz besiegelt worden wäre, weil mit den Vorwürfen sein letztes Ass im Ärmel verspielt worden sei. Seine Glaubwürdigkeit.
Womit der Vizekanzler dieser Republik sein Amt hätte räumen müssen, aufgrund von Vorwürfen, die auf Hörensagen beruhen. Auf die Gefahr hin, dass sich diese später als völlig unbegründet erweisen hätten können.
Halten wir fest: Wenn Zeitungen die Macht hätten, mit unbewiesenen Gerüchten Politikerinnen und Politiker zu Fall zu bringen, dann hätten wir ein gröberes Problem mit der Demokratie.
Die Sache mit den anonymen Quellen
An dieser Stelle sollten wir über den Umgang mit anonymen Quellen im Journalismus sprechen. Die Sache ist die: Wenn wir Hintergründe verstehen wollen, sind wir oft auf Einschätzungen von Insidern angewiesen, die offen reden, solange sie nicht namentlich genannt werden. Das ist eine Gratwanderung: Niemand kann unsere Quellen überprüfen, die wir mitunter sogar Kolleginnen und Kollegen verschweigen. Weil die Grundlage des Vertrauens Vertraulichkeit ist.
Auch deshalb geht man im Qualitätsjournalismus zurückhaltend damit um. Oft dienen solche Gespräche bloß dazu, bereits gesicherte Informationen durch weitere Details abzurunden. Und die Erfahrung lehrt: Wenn mehrere Menschen unabhängig voneinander im Wesentlichen dasselbe sagen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ein geschilderter Sachverhalt stimmt. Trotzdem muss man damit vorsichtig umgehen. Hörensagen bleibt das unzuverlässigste Werkzeug der journalistischen Beweisführung – wenn auch ein mitunter unerlässliches. Besonders dann, wenn es um weiche Informationen geht. Oder darum, ein Stimmungsbild zu zeigen. Auch das ist im Journalismus manchmal hilfreich.
Wir betonen das deshalb so stark, weil auch dieser Artikel zu Teilen auf vielen vertraulichen Hintergrundgesprächen beruht. Was insofern haarig ist, weil wir an dieser Stelle ebendiese Praxis kritisieren. Das ist ein Widerspruch, den wir bei JETZT offensiv ansprechen möchten. Weil wir glauben, dass du damit umgehen kannst, wenn wir Dinge beim Namen nennen. Dazu gehört auch die Information, dass Wolfgang – der an diesem Text mitgeschrieben hat – vor 13 Jahren für die Kleine Zeitung gearbeitet hat. Das hatte ehrlicherweise den Vorteil, dass er dort immer noch eine Menge Leute kennt, die ihm unter dem Siegel der Vertraulichkeit viel erzählt haben. Mehr als hier steht, weil sich nicht alles absichern lässt.
Die Kleine war einmal ziemlich groß
Die Kleine Zeitung stand bisher für solide, manchmal erfrischend rurale Berichterstattung aus Grazer und Klagenfurter Perspektive. Was sie auszeichnete, war ihre große Zielgruppe: Man wollte stets anspruchsvoll genug sein, um auch Leute mit akademischem Abschluss nicht zu langweilen. Zugleich niederschwellig genug, um Menschen ohne große Bildung nicht zu überfordern. Das ist dem Blatt lange gut gelungen. Ihr Kerngebiet sind die beiden südlichen Bundesländer Steiermark und Kärnten, wo die Kleine Zeitung in ihren besten Zeiten einen Marktanteil von mehr als 60 Prozent hatte. Dazu hat nicht zuletzt die unabhängige Berichterstattung aus den einzelnen Bezirken beigetragen.
Ein besonderes Schmuckstück war die große Wiener Redaktion am Lobkowitzplatz im Ersten Bezirk, unweit der Staatsoper. Der langjährige Leiter dieser Hauptstadt-Dependance, Kurt Vorhofer, galt aufgrund seiner scharfsinnigen Analysen als einer der Lieblingsjournalisten des roten Sonnenkanzlers Bruno Kreisky – obwohl der bürgerliche Redakteur verlässlich anderer Meinung war. Nach Vorhofer ist einer der renommiertesten Journalistenpreise des Landes benannt.
Die besondere Mischung aus Anspruch und Massentauglichkeit machte die Kleine Zeitung auch zur Cashcow des Styria-Verlags, mit Reingewinnen von mitunter mehr als 20 Millionen Euro. Ihre Erträge sicherten viele Jahre die lange chronisch defizitäre Presse ab. Die Presse schreibt inzwischen Gewinne, was ein Glück ist. Denn die Kleine Zeitung ist wirtschaftlich längst nicht mehr so gesund. Die veröffentlichten Zahlen sind aufgrund der vielen Verflechtungen im Styria-Konzern ohnehin mit Vorsicht zu genießen. Offiziell schrieb das Blatt im Vorjahr einen Bilanzgewinn von rund 6,9 Millionen Euro. Zugleich wurde aber 2025 der Buchwert der Marke von 62 Millionen Euro auf 24 Millionen Euro nach unten korrigiert. Die Kleine Zeitung ist für die Styria schon lange nicht mehr so wichtig, wie sie es einmal war. Zumal es längst andere hochprofitable Unternehmen gibt, wie etwa das Kleinanzeigen-Portal Willhaben.
Allein im Vorjahr mussten fast 30 Redakteurinnen und Redakteure gehen, dazu kamen jene Stellen, die nach Pensionierungen nicht nachbesetzt wurden. So sind allein 2025 an die 50 Arbeitsplätze verloren gegangen. Die großzügen Räumlichkeitender Kleinen Zeitung im Grazer Styria Media Center leeren sich zunehmend. Dass Andreas Babler die Inserate der Bundesregierung massiv kürzte, hat wie wirtschaftliche Lage jedenfalls nicht verbessert. In der Redaktion geht die Angst vor weiteren Entlassungen um.

Mehr zahlen für weniger Qualität
Der Kleinen Zeitung laufen die Abonnentinnen und Abonnenten davon, was Personaleinsparungen unvermeidlich macht. Und das führt zu einem Teufelskreis: Zum einen sind die Verantwortlichen gezwungen, die Abopreise zu erhöhen. Zum anderen sinkt aufgrund der Einsparungen zwangsläufig die Qualität. Die Stammleserschaft wird immer älter, während es kaum gelingt, junge Leute zu gewinnen. Die billigen Digitalabos können die Verluste bei den Abos der immer noch viel einträglicheren gedruckten Ausgabe nicht wettmachen – zumal in diese zunehmend weniger Ressourcen fließen.
Ein Printabo kostet bei monatlicher Zahlung mittlerweile 46 Euro. Und das, obwohl die Papierzeitung nur noch eine kuratierte Zusammenfassung des stark KI-getriebenen Onlineangebots ist – produziert von einem kleinen Team, das mit der regulären Redaktion kaum in Austausch ist. Spricht man mit Journalistinnen und Journalisten, dann fällt oft der Begriff „Knochenmühle“: Der Druck, Texte zu produzieren, sei enorm. Die Qualität bleibe da auf der Strecke, zumal die gegenseitige Kontrolle weitgehend wegfalle. „Niemand diskutiert mehr über Texte“, sagt ein Mitarbeiter.
Man traue einander nicht mehr über den Weg. Und in Anbetracht drohender weiterer Kündigungen wage kaum jemand, offen Kritik zu üben. Es gebe keine Fehlerkultur mehr. Weder intern, noch nach außen. Bis heute hat die Kleine Zeitung nicht ernsthaft auf die massive Kritik an der Berichterstattung über Bablers Vater reagiert. Auf unsere schriftliche Anfrage an Chefredakteur Oliver Pokorny – einem früheren Krone-Mann – kam eine automatisierte E-Mail mit einer Abwesenheitsnotiz: Er seit bis 14. September nicht erreichbar. Zwei Stunden später kam ein E-Mail der Wiener Chefredakteurin Traar, die auf den Leitartikel ihres Kollegen Hämmerle verwies. Mehr will man offenbar nicht sagen.
Auf den Leserbriefseiten der gedruckten Ausgabe wurde die Kritik einiger empörter Leserinnen und Leser abgebildet. Immerhin.
Angst vor weiteren Kündigungen
Intern, so heißt es, sei das vor allem in der Kaffeeküche aufgeregt diskutiert worden. Kaum aber in großer Runde, etwa in den täglichen Redaktionskonferenzen. „Die Kleine hat ihre Seele verloren“, sagt ein ehemals leitender Redakteur, der als Pensionist weiterhin Kontakt zur Redaktion hält: „Texte werden nicht mehr gegengelesen, es gibt keine interne Kontrolle mehr. Am Ende zählen nur noch die Klicks.“ Sie sei „fassungslos“, sagt eine frühere leitende Redakteurin.
Und noch etwas beschäftigt viele in der Redaktion. Seit einigen Monaten werden große Teile der Berichterstattung über Außen- und Innenpolitik vom Schwesterblatt Die Presse übernommen – die als Qualitätszeitung mit bürgerlich-liberaler Grundhaltung gilt. Auch das ist Sparmaßnahmen geschuldet: So werden Ressourcen frei. Man könnte durchaus den Schluss ziehen: Die eigene Innenpolitik-Redaktion der Kleinen Zeitung muss beweisen, dass sie weiterhin relevant ist. Dass sie einen Mehrwert liefert und ihre Texte für Gesprächsstoff sorgen. Auch in der Wiener Dependance steigt die Nervosität, heißt es aus der Redaktion.
Auch das Schwesterblatt war vorsichtig bei den Vorwürfen
Und diese dürfte nach den unbelegten Schnellschüssen gegen Babler nicht abnehmen. Zumal das seriösere Schwesterblatt Die Presse gezeigt hat, wie verantwortungsvoller Journalismus geht. Dort hat man erst mit deutlicher Verspätung Freitagnachmittag über die Vorwürfe berichtet – nachdem sich die Redaktion selbst ein Bild gemacht hat. Schon der Titel „Intervenierte Babler für frühere OP seines Vaters? ,Keine Intervention, keine Zusatzversicherung, keine Klasse‘, sagt das Krankenhaus“, schwächt die Kleine Zeitung-Story ab. „Wir haben getan, was wir in solchen Fällen immer tun: unsere eigenen Recherchen angestellt“, schreibt uns Chefredakteur Florian Asamer auf Anfrage.
Die Kleine Zeitung übernimmt die Textes des Schwesterblattes ungeprüft. Umgekehrt ist das jedenfalls nicht der Fall. Bei der Presse wird man wissen warum. Mit der verunglückten Berichterstattung über Babler – die mittlerweile den Presserat beschäftigt – hat das Blatt seine Glaubwürdigkeit verspielt. Kurt Vorhofer würde sein Blatt nicht mehr wiedererkennen.
Audioproduktion und -mix: Wolfram Leitner
