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Zwischen dem letzten Puff und dem Konservatorium“, so beschreibt Heinz Wittenbrink die geografische Lage seiner off_gallery in Graz. Auf dem Weg vom Grazer Hauptbahnhof in die Griesgasse, wo sich der kleine Ausstellungsraum befindet, prägt die Kunst- und Kulturszene das Stadtbild mit. Ein Graffiti, ein Kunstcafé, an der Wand des Kunsthauses ist eine Zeitung großflächig plakatiert, schon biegt man in die Griesgasse ein.
Diese Orte, an denen wir tagtäglich bewusst oder unbewusst vorbeigehen, gehören zur freien Szene. Sie werden von Kunstschaffenden und Kulturliebhabenden unabhängig und selbstbestimmt betrieben. Dazu gehören Grätzelfeste, bei denen Nachbarinnen und Nachbarn ins Gespräch kommen, Proberäume, in denen geliebt, gestritten und ausprobiert wird, Ateliers, in denen Ideen geboren und verworfen werden, und Ausstellungen, die zum Interpretieren und Diskutieren einladen. In Österreich gibt es laut der Interessensgemeinschaft Kultur rund 12.000 aktive gemeinnützige Kulturvereine und etwa 400.000 Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren.
Einer dieser Vereine ist die off_gallery in Graz. Vor dem Eingang bückt sich ein Mann über sein Fahrrad und schweißt daran. Funken sprühen in alle Richtungen. Heinz Wittenbrink, ein älterer Herr, öffnet die Tür zu seiner Galerie. Einen Schritt hinein und man steht mitten im Raum. Einmal nach rechts, dann nach links drehen, und die Ausstellung ist im Blick. Dasselbe Foto in unterschiedlicher Belichtung hängt von der Decke herunter und zeigt einen stillgelegten Athener Flughafen.
Heinz Wittenbrink setzt sich auf die Fensterbank und trinkt Wasser aus einem Papierbecher. Eigentlich kommt er nicht aus der Kunstszene, sondern lehrte Online-Journalismus an der Fachhochschule. Das merkt man: Er stellt erst selbst Fragen, bevor er welche beantwortet. Das Interesse an Bildern und Räumen begleitet ihn schon lange. 2019 gründete er gemeinsam mit seiner Frau und einer Fotografin diesen kleinen Ausstellungsraum in der Griesgasse in Graz.

„Wir beschäftigen uns mit Raumwahrnehmungen in der Fotografie.“
Jedes Jahr widmet sich die Galerie einem Schwerpunkt, und immer schwingt die Frage mit, wie der Mensch seine Umwelt verändert. Heuer geht es um Infrastruktur, nächstes Jahr um öffentlichen Raum.
Unpolitisch ist das alles nicht. „Ich glaube, dass sie beim Land nicht ganz verstehen, was die politischen Implikationen der Dinge sind, die wir machen“, sagt Heinz Wittenbrink.
Vielleicht sei das sein Vorteil. Denn die off_gallery ist wie die meisten Kulturorte von Förderungen, insbesondere für die Raummiete, abhängig. „Es gibt Einrichtungen, denen haben sie jetzt schon die Zuschüsse total gestrichen.“ Als Beispiel nennt er „ausreißer - Die Grazer Wandzeitung“ , die ihre Texte im Stadtraum plakatiert. Ein Hinweis, dem später gefolgt wird. „Das haben sie ganz offensichtlich als politisch störend empfunden.“
Verunsicherung in der Kunst- und Kulturszene
Diese Vermutung ist ein Zeichen der Verunsicherung. Sie zieht sich über die Kunst- und Kulturszene der Steiermark. Am 24. November 2024 gewann die FPÖ mit fast 35 Prozent die Landtagswahlen und wurde damit die stimmenstärkste Partei. Die Kulturpolitik der FPÖ hat die freie Szene besonders im Visier: Die „Mittel der freien Szene sollen hin zur identitätsstiftenden und breitenwirksamen Volkskultur umgeschichtet werden“. Laut der steirischen FPÖ gäbe es ein „Missverhältnis bei Kulturförderungen“, damit spielen sie darauf an, dass die freie Szene die Volkskultur verdrängen würde. Das steht so auf ihrer Website.
Eine Analyse aus den Zahlen der Kulturförderungsberichte der IG Kultur Steiermark zeigt, dass diese Behauptungen der FPÖ irreführend sind. Die Volkskultur habe kontinuierlich seit der institutionellen Reform 2022, in der die Volkskultur und die freie Szene zusammengelegt wurden, mehr Mittel erhalten. Das Volkskulturbudget sei von 520.000 Euro (2021) auf knapp 980.000 Euro (2023) erhöht worden. Und: Das mögliche Einsparpotenzial bei zeitgenössischer Kunst und Kultur ist laut IG Kultur – gemessen an den gesamten Landesausgaben – sehr gering.
Auch ein größerer Trend in Richtung „Umschichtung“ lässt sich bisher nicht erkennen. Für die mehrjährige Förderung von 2026 bis 2028 sind 116 Anträge positiv entschieden und belaufen sich auf 20,9 Millionen Euro. Es sind zwar fast eine Million Euro weniger als davor, was aber daran liegt, dass die Volkskultur seit der neuen Wahl ein eigenes Ressort hat. Das heißt: Die meisten Vereine, die bereits in der Förderspirale waren, werden weiterhin unterstützt. Bei einer Absage wird oft empfohlen, einen Antrag für eine Jahresförderung einzureichen.
Auf einen positiven Bescheid wartet Heinz Wittenbrink. Ob Land oder Stadt ihm die Förderung für die off_gallery zusprechen, ist noch offen. Dabei geht es nicht um die Finanzierung der Arbeit des Vereins. Sie arbeiten ehrenamtlich. Es geht mehr um die Honorierung der Künstlerinnen und Künstler und der Raummiete. Ohne diese finanzielle Unterstützung können sie den Raum auf Dauer nicht bezahlen.
Freie Szene und Demokratie
Für Heinz Wittenbrink ist die off_gallery Teil seines Alltags. „Es ist jetzt auch meine Community geworden“, sagt er mit weicher Stimme. Seine Galerie erreicht kein Massenpublikum, aber dafür hat er, wenn auch im Kleinen, einen Raum für Diskurs und Zusammenhänge geschaffen. Und solche Räume sind für eine Demokratie wichtig.
Das zeigt eine Publikation der EU aus dem Jahr 2023: Kultur und Demokratie hingen direkt zusammen. Kulturelle Teilhabe führe zu einer höheren Wahrscheinlichkeit, zur Wahl zu gehen, sich ehrenamtlich zu engagieren und an gemeinschaftlichen Aktivitäten teilzunehmen. Sie fördere positive soziale Einstellungen, die mit demokratischen Werten verbunden seien, wie Empathie, Toleranz, Vertrauen. Auch die Selbstverwirklichung, das Zuhören, das Verstehen verschiedener Sichtweisen und die Konfliktlösungskompetenz würden gesteigert. Die Publikation weist auf mehrere Studien hin. Eine davon ist aus dem Jahr 2012. Sie zeigt auf, dass die Wahlbeteiligung bei Jugendlichen derselben sozioökonomischen Gruppe um 44 Prozent bei den US-Präsidentschaftswahlen im Jahr 2004 höher war als bei jenen, die nicht an Kunst- und Kulturangeboten teilnahmen.
Was eine Demokratie auch ausmacht, ist die künstlerische Freiheit und damit die Vielfältigkeit der Kulturlandschaft.
„Es gehört zur Demokratie, dass es eine große Zahl von unterschiedlichen Impulsen gibt, die zusammenlaufen und aus denen man Ideen bezieht, die Dinge verändern und umgekehrt.“
Sagt Heinz Wittenbrink, schmeißt zwei Papierbecher in den Mistkübel und öffnet die Tür zur Griesgasse, wo der Mann mit dem Fahrrad noch immer werkelt. In Graz scheint die Sonne warm auf die Häuserzeilen. Ein fester Händedruck zur Verabschiedung, das Handy liegt mit geöffneten Google Maps in der anderen Hand, und schon spaziert man von der Griesgasse zum Forum Stadtpark.
Im Grazer Stadtpark trifft das Grüne auf die Kunst. Mittendrin steht das Forum Stadtpark, ein Ort für zeitgenössische Produktion und Präsentation. An seiner Wand klebt die aktuelle Faltausgabe „ausreißer - Die Grazer Wandzeitung“ , darauf sind Reportagen, Artikel und Gedichte zu lesen. Davor steht Evelyn Schalk, die Chefredakteurin und Mitgründerin.

Nur wenige Meter weiter findet sich ein ruhiges Plätzchen im Schanigarten eines Cafés. Zwölf Grad, ein bisschen Sonne, und schon tankt man Vitamin D in der kalten Luft. Evelyn Schalk gründete 2004 als Studierendenprojekt „ausreißer - Die Grazer Wandzeitung“ mit. Sie wollten gemeinsam eine Zeitung an der Schnittstelle zu Journalismus, Literatur und Kunst schaffen, die unabhängig und ohne kommerzielle Einflüsse für sich steht. Die Zeitung sollte nicht nur zwischen den Fingern liegen, sondern auch in den öffentlichen Raum gebracht werden. Durch Literatur entdeckte Evelyn Schalk das Wandzeitungsformat, das es so in der Untergrundszene im Iran, Irak und anderen Ländern bereits gab, und brachte es mit dem „ausreißer “ auch nach Österreich.
Mittlerweile kann man den „ausreißer“ an elf fixen und weiteren elf temporären Standorten in Graz lesen. Insgesamt sind 116 Ausgaben mit jeweils 1500 Auflagen veröffentlicht worden. Die letzte ist im Oktober mit dem Covertitel „Existenz – Resistenz“ erschienen. Und das hat seinen Grund. Nach mehr als 15 Jahren, in denen sich die Redaktion durch Landesförderungen mitfinanzieren konnte, wurde ihnen mit dem Antritt der Schwarz-Blau-Regierung die Landesförderung gestrichen.
„Wir waren, glaube ich, mit die ersten, denen sie die Förderung gestrichen haben, und zwar auf Null. Das war schon eine ziemliche Ansage.“
Kulturkuratorium Steiermark
Zuerst kommt der Förderantrag zur zuständigen Stelle und wird von Fachbeiräten geprüft. Danach gelangt er an das Kulturkuratorium. Hier trudeln jährlich um die 1.000 Förderanträge ein; diese werden diskutiert, Empfehlungen für Förderwürdigkeit ausgesprochen oder abgelehnt. Eigentlich sollte das bestehende Kulturkuratorium bis 2026 arbeiten. Anfang 2024 wurde das Kulturkuratorium fast vollständig - 13 der 15 Aufsichtsräte - abberufen und von der neugewählten Regierung innerhalb der ersten zwei Monate neu besetzt.
„Mit Vertretern mit sehr rechtem Hintergrund“, sagt Evelyn Schalk.
Einige der von der FPÖ neu abgeordneten Männer - die FPÖ hat ausschließlich sieben Männer nominiert - im Kulturkuratorium sorgen für Diskussionen. Für den meisten Widerstand, vor allem seitens der IG Autorinnen Autoren, sorgt Franz Koiner, der als Marketing- und Vertriebsmitarbeiter des Grazer Stocker- und Ares-Verlags gilt. Laut Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) lassen sich zahlreiche bei Ares verlegte Werke „der rechtsextremen Publizistik zuordnen“. Unter anderem wurden dort Bücher des ehemaligen „Aula“-Chefredakteurs Martin Pfeiffer, des einstigen SS-Standartenführers Franz Wimmer-Lamquet, zweier AfD-Politiker und auch des amtierenden Landeshauptmanns Mario Kunasek (FPÖ) verlegt. Warum also sitzt Franz Koiner im Kulturkuratorium?
Vom Büro des Kulturlandesrats heißt es:
„Das von Ihnen angesprochene Mitglied wurde von Volkskulturreferent Landeshauptmann Mario Kunasek nominiert.“
Die endgültige Entscheidung über die Förderung liegt dann beim politischen Büro. Die politische Ausrichtung des Büros wie auch des Kulturkuratoriums lässt Evelyn Schalk daraus schließen: „Also für uns sah das schon sehr nach politischer Entscheidung aus.“
Hat der „ausreißer - Die Grazer Wandzeitung“ eine linke oder rechte Ausrichtung? Evelyn Schalk schüttelt den Kopf. Es habe nie Kooperationen mit Parteien gegeben. Sie arbeiten unabhängig, positionieren sich antifaschistisch. Wie sie arbeiten, sei „Journalismus mit Haltung“, sagt sie.
Kulturland Retten: Proteste und Widerstand
Mit der Umbesetzung des Kulturkuratoriums beginnen die Proteste. Die Initiative, die es bereits in Oberösterreich gab, „Kulturland Retten“, wird in der Steiermark ins Leben gerufen und immer lauter. Eine große Solidaritätswelle ergreift die Kunst- und Kulturszene: Demos, Kundgebungen, Podiumsdiskussionen.
„Ich habe das als super schön und wichtig empfunden, dass das sofort von Anfang an entstanden ist, als sich abgezeichnet hat, was da auf uns zukommt. Und es war auch öffentlich sehr sichtbar, was ein wichtiges Zeichen an unsere Politik war und ist“, sagt Evelyn Schalk.
Der Aufschrei der Kunst- und Kulturszene Steiermarks räsonierte mit einem Medienecho durch ganz Österreich. Diese Sichtbarkeit hat in den vergangenen Monaten nachgelassen. Haben sich die Zustände in der Steiermark verändert? Protestiert die Szene nicht mehr?
„Es geht weiter, die Aktivitäten gehen weiter, die Präsenz geht weiter. Natürlich geht die öffentliche Wahrnehmung ein bisschen zurück, wenn es gerade keinen Aufschrei über etwas Neues gibt“, sagt Evelyn Schalk. Es ist auch eine Frage von Ressourcen, sagt die Chefredakteurin. Viel Energie, Zeit und finanzielle Ressourcen würden auf die Aufarbeitung und Reaktion auf diese Situation gehen, und diese fehlten dann woanders.
Neben den wöchentlichen Protesten sammelt „Kulturland Retten“ 11.600 Unterschriften für eine vielfältige Kulturlandschaft bei einer Petition und überreicht diese im Juni Kulturlandesrat Karlheinz Kornhäusl (ÖVP). Gefordert werden eine Erhöhung des Kulturförderbudgets, die Neubesetzung des Kulturkuratoriums sowie die Umsetzung der beschlossenen Kulturstrategie 2030. Es sind mittlerweile sechs Monate vergangen. Sind Schlüsse gezogen worden?
Sein Büro erklärt, die Kulturstrategie werde im Rahmen der budgetären Möglichkeiten umgesetzt; einige Maßnahmen seien bereits gestartet, etwa die Arbeiten am neuen Kultur- und Kunstförderungsgesetz unter Einbindung der Kulturszene. Gleichzeitig verweist das Büro auf die allgemein angespannte Budgetlage auf Bundes-, Landes- und Gemeindeebene.
Künstlerische Freiheit und Demokratie
„Die FPÖ und generell alle rechten Parteien, das kann man in allen Ländern beobachten, sehen die Wichtigkeit von Kunst und Kultur sehr wohl, aber halt für ihre ideologischen Bedürfnisse oder Ziele. Und ich glaube, Vielfalt ist genau das Gegenteil dessen, was ihre Positionen da weiterbringt“, sagt Evelyn Schalk.
Auch wenn sich derzeit keine tatsächliche Umschichtung der Fördergelder beobachten lässt, bleibt die Sorge, dass kulturelle Vielfalt langfristig unter Druck geraten könnte. Als Mitglied der UNESCO ist Österreich klar an die Wahrung der künstlerischen Freiheit gebunden. Ein Recht, „vielfältige kulturelle Ausdrucksformen auszudenken, zu schaffen und zu verbreiten, ohne Zensur durch Regierung, politische Einflussnahme oder Druck von nichtstaatlichen Akteurinnen und Akteuren. Sie schließt das Recht aller Bürgerinnen und Bürger auf Zugang zu diesen Werken ein und ist für das Wohlergehen von der Gesellschaft unerlässlich“, heißt es von der UNESCO.
Evelyn Schalks Ansicht nach wäre „ganz wenig dessen, was wir heute als selbstverständlich an demokratischen Werten, an Gesellschaftssystemen, an sozialen Werten nehmen, je ohne Kunst und Kultur entstanden.“
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum Stimmen aus dem Kulturbereich, wie jene von Heinz Wittenbrink oder Evelyn Schalk, die Bedeutung kultureller Vielfalt im demokratischen Kontext immer wieder betonen und auf die Kulturpolitik der FPÖ so stark reagieren. Hält das Büro des Kulturlandesrats diese Sorgen für berechtigt?
„Wir nehmen die Sorge natürlich ernst, sie ist aber unbegründet, denn mit Kulturlandesrat Karlheinz Kornhäusl hat die steirische Kulturlandschaft eine starke Stimme an ihrer Seite. Die Steiermark war, ist und bleibt ein Kulturland, das sich durch seine Vielfalt auszeichnet.“
Fehlende Expertise?
Kritisiert wird seitens der Kunst- und Kulturszene nicht nur die politische Ausrichtung des Kulturkuratoriums, sondern auch die fehlende Expertise. Gerade jetzt bräuchte es Expertise und Krisenmanagement. Budgetierung muss neu gedacht, Fördertöpfe sinnvoll eingesetzt werden. Aus dem Büro des Kulturlandesrats heißt es:
„Es wurde versucht, möglichst viele Expertinnen und Experten zu nominieren, die selbst nicht unmittelbar Förderwerber sind.“
Im Oktober dieses Jahres präsentiert das Land den Sparkurs für 2026. Von 82,6 Millionen wird auf 78,5 Millionen das Kulturbudget gekürzt. Insgesamt werden 4,1 Millionen eingespart, auf Kosten der „Großen“. Das trifft am härtesten das Universalmuseum Joanneum, die „Steiermark Schau“ wird nächstes Jahr ausfallen und bei Bühnen Graz wird auch eingespart.
Es ändert aber nichts an der Tatsache: Es mangelt an Geld, und zwar überall. Die IG Kultur und die Initiative Kulturland Retten fordern, dass transparent mit der aktuellen Lage umgegangen wird. Das macht die Stadt laut Evelyn Schalk wesentlich besser als das Land: „Die Stadt kommuniziert viel transparenter, geht in einen direkten Austausch, schaut, wie man das Vorhandene möglichst effektiv aufteilen kann.“
Transparenz ist wohl ein gutes Stichwort. Im Moment ist kaum nachzuvollziehen, wo konkret wie viel Geld hinfließt. Das lässt sich spätestens im Juli 2026 bei Veröffentlichung der Rechnungsberichte nachlesen. Ein weiterer Punkt ist, dass momentan etwas willkürlich erscheint, warum bestimmten Initiativen Förderungen gestrichen werden.
Laut dem Büro des Landesrats erfolgt die Entscheidung über Förderanträge nach „einem klar vorgegebenen Prozess“. Zur Transparenz der Zu- und Absagen heißt es: „Der Absagetext wird vom Kulturkuratorium vorgegeben, hier hat die Geschäftsstelle keinen Einfluss. Denkbar ist, dass den Förderungswerbenden die Stellungnahme zur Absage öfters zu knapp formuliert erscheint. Das Kulturkuratorium entscheidet allerdings selbst, wie die Absage zu lauten hat.“
Zugleich zieht sich ein neues Muster durch Zu- und Absagen. „ausreißer“ ist einer der Vereine, die das erleben: Evelyn Schalk bekommt nach 15 Jahren eine Absage für die Jahresförderung, reicht dann für die mehrjährige Förderung ein, bekommt wieder eine Absage mit der Formulierung, ihr Projekt sei prinzipiell förderwürdig, aber sie würden eher eine Jahresförderung empfehlen. Also reicht sie für die Jahresförderung ein, bekommt wieder eine negative Antwort.
„Man macht da schon ein bisschen Beschäftigungstherapie“, sagt Evelyn Schalk.
Das begründet das Büro damit, dass es aufgrund der Umstellung des Prozesses in der Gliederung der Förderungsanträge und „trotz geführter Gespräche und schriftlicher Informationen zu der einen oder anderen Irritation“ führe.
Die Budgetkürzungen im Bereich Kunst und Kultur kann Evelyn Schalk im Allgemeinen nicht nachvollziehen. Denn laut ihr ist das:
„Die beste Investition in Demokratie, die beste Investition in Resilienz gegen totalitäre Ideologien.“
Gerade deswegen wird der Verein „ausreißer - Grazer Wandzeitung“ die Zeitung auch ohne Landesförderungen verlegen und weiter an Wänden großflächig kleben.
Zwei Jahrzehnte gestaltet Evelyn Schalk die freie Szene in Graz mit, parallel dazu entsteht heute eine neue Generation. Wie erleben junge Kulturschaffende die aktuelle Situation?
Mit einem Stapel „ausreißer“-Ausgaben unterm Arm führt der Weg zum letzten Stopp dieses Tages.
Raum 117: Die neue Generation
Es dämmert über dem Gewerbegebiet. Eine junge Frau bleibt mit dem Fahrrad abrupt stehen. „Hey“, sagt sie. „Du bist die, die uns Fragen stellt.“ Das Gitter öffnet sich. „Willkommen in der Rösselmühle!“, ruft ein junger Mann. Ein Fußballtisch steht am Eingang, die Treppen bleiben unbeleuchtet. Der junge Student öffnet eine Tür und drückt auf den Lichtschalter. Kein Strom. Kabel verschwinden unter dem Teppich und führen ins andere Zimmer. Erst ein Stockwerk höher geht das Licht an. Man hört Stimmen.
Heute ist Open Atelier. Einige Besucherinnen sehen sich in den Räumen um, in denen Kunst entsteht. Ein Atelier wird spontan zum Interviewraum. Eine Malerei im Entstehen, Keramikschalen und Tassen stehen auf einer Kommode. Eine davon wird gleich zum Aschenbecher umfunktioniert.
Vier junge Erwachsene, Felix, Jana, Magdalena und Lili, sitzen in dicken Pullis, Jacken und Hauben auf verschiedenen Sesseln. Es ist kalt. Die Heizung läuft nicht oder existiert gar nicht. Sie befinden sich in einem der vielen Räume, die der Verein Raum 117 wiederbelebt hat. Vierzehn Vereinsmitglieder setzen sich für die Nutzung von Leerstand ein. An drei Standorten in Graz schafft der Verein Raum 117 Orte für Kreativität, Zusammenhalt und Gemeinschaft. „Kunst schafft Verbindungen, öffnet Dialoge und bietet Raum für neue Perspektiven, genau dort, wo gesellschaftliche Veränderungen beginnen“, heißt es auf ihrer Website.

Während das Außenbild des Vereins laut und aktiv wirkt, treten die vier hier eher leise auf und wirken etwas schüchtern. Sie sprechen von Solidaritätspartys für andere Kulturinitiativen, Kunstfestivals, Ausstellungen und Gemeinschaftsarbeit.
„Unsere Projekte wurden von sehr viel ehrenamtlicher Arbeit getragen. Und es wäre schon schön, dafür entlohnt zu werden. Förderungen würden das möglich machen.“
Anfangs, sagen sie, sei die Motivation groß gewesen. Mittlerweile merke man die Belastung. „Es ist echt viel Arbeit und es ist auch anstrengend.“ Mehr finanzielle Unterstützung würde entlasten.
Da man mehrere Wochen bis Monate auf die Zu- oder Absage von Förderanträgen wartet, bleibt immer eine Verunsicherung, ob das Projekt dann überhaupt realisierbar ist oder nicht. Gleichzeitig schaffe die fehlende Förderung eine gewisse Freiheit: „Man ist auch ungebundener und kann sich mit gesellschaftspolitischen Themen ganz anders auseinandersetzen. Es gibt eh niemanden, der uns Geld kürzen kann, weil wir eh schon kein Geld kriegen.“
Leben kann man davon aber nicht. Ist das überhaupt ihr Ziel? „Von Kunst zu leben ist ziemlich unrealistisch und das finde ich eigentlich sehr schade“, sagt ein anderes Mitglied, dessen Atelier heute als Interviewraum dient. „Gerade für junge Leute gibt es kaum Plattformen, um das wirklich beruflich machen zu können.“
Auch deshalb existiert Raum 117: um den Zugang zu Kunst und Kultur niederschwelliger und inklusiver zu gestalten. Die freie Szene sei wichtig, sagen sie, für junge Kulturschaffende, die mit ihrem Verein eine Plattform bieten, aber auch für Jugendliche und junge Erwachsene, die analoge Räume „ohne Konsumzwang“ brauchen.
„Es geht nicht nur darum, hier Kunst zu machen“, sagt ein Vereinsmitglied. Das müsse man weiterdenken.
„Es geht auch darum, einen Ort zu schaffen, an dem man sich begegnet.“
Auf dem Weg nach draußen hallen die Gespräche der Vereinsmitglieder und Besucherinnen im Stiegenhaus nach. Demokratischer Diskurs entsteht dort, wo unterschiedliche Menschen selbst Orte schaffen und zusammenkommen. In unbeheizten Ateliers, kleinen Galerien, an Wänden voller Worte.
In der Straßenbahn auf dem Weg zum Grazer Bahnhof entsteht nach diesem langen Tag der Eindruck, dass die freie Szene so schnell nicht zum Stillstand kommen wird. Die Energie und der Zusammenhalt, die bei den drei Vereinen spürbar waren, klingen noch lange nach. Oder wie Evelyn Schalk es formuliert:
„Wir werden niemandem den Gefallen tun, leiser zu werden oder aufzuhören.“
Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas
