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Jetzt ist es wieder so weit. Wir singen die Nationalhymne, hissen Flaggen, schwenken Fähnchen und malen uns rot-weiß-rot an. Wobei: wir? Sagen wir halt: viele. Immerhin ist Österreich zum ersten Mal seit 1998 wieder am Start bei einer Fußball-Weltmeisterschaft. Morgen tritt die Nationalmannschaft in San Francisco gegen Jordanien an (Mein Tipp als absoluter Fußball-Noob: 5:1 für Österreich).
Ich habe mich in meinen Beiträgen für JETZT schon öfter in Welten begeben, die mir fremd sind. Um mit dir andere Lebensrealitäten zu entdecken und im besten Fall irgendetwas Verbindendes zu finden. Das hier ist wieder so eine Geschichte. Nationalstolz ist mir fremd. Hymnen singen, Flaggen hissen, Fähnchen schwenken - alles eher nichts für mich. Ich mag mit dir schauen, was es mit dem Nationalstolz bei Großereignissen wie der WM auf sich hat. Worauf sind wir da eigentlich stolz? Und ich möchte ein kleines, vielleicht etwas verrücktes „Was-wäre-wenn-Spiel“ mit dir ausprobieren: Wie würde die WM aussehen, wenn wir keine Nationen anfeuern würden?
Wer gehört dazu und wer nicht?
First things first: Was steckt hinter dem Begriff „Nation“? Ganz früher, in der Antike und im Mittelalter, war damit eine Gruppe an Menschen gemeint, die im selben Gebiet geboren wurden - eine Abstammungsgemeinschaft sozusagen. Im 18. Jahrhundert, auch angezündet von der Französischen Revolution, hat sich das Verständnis maßgeblich geändert. Die Nation wurde zu einer politischen Gemeinschaft gleichberechtigter Staatsbürgerinnen und Staatsbürger.
Heute ist der Begriff „Nation“ nochmal deutlich weiter gefasst und es ist nicht mehr so leicht, sich darauf zu verständigen, wer zu einer Nation gehört und wer nicht. Immerhin: Einen gewichtigen, belegten Anhaltspunkt gibt es. Das US-amerikanische Pew Research Center hat 2016 über 14.000 Menschen aus 14 Ländern zum Thema nationale Identität befragt. Das wesentliche Ergebnis: Der Geburtsort spielt keine wesentliche Rolle. Wichtiger ist die gemeinsame Sprache. Es gibt auf jeden Fall zig Möglichkeiten, wie man sich zur Idee von Nationen verhalten kann. Gehen wir mal ein paar davon durch und versetzen uns in unterschiedliche Menschengruppen.
- Verfassungspatriotismus: Wir müssen uns auf universelle, demokratische Prinzipien verständigen; die Verfassung, das Grundgesetz. Herkunft, Kultur oder Geschichte spielt keine Rolle.
- Postnationalismus: Die traditionelle, nationale Identität ist längst outdated. Was zählt, ist die Gemeinschaft und das Miteinander. Wir müssen Grenzen neu denken und uns zusammenschließen; global und lokal.
- Lokalpatriotismus: Wo uns wirklich das Herz aufgeht: beim Miteinander im Grätzl oder Kiez. Hier verstehen wir, wie alles ineinander greift und wir lieben es.
- Patriotismus: Wir lieben unsere „Heimat“ - wenn du willst, nenn es „Vaterlandsliebe“ oder „Mutterlandsliebe“. Werte, Kultur und Geschichte sind uns urwichtig. Andere dürfen ihr Land genauso wie wir unseres. Das ist ok.
- Nationalismus: Wir sehen das ähnlich wie die Patriotinnen und Patrioten, aber ganz ehrlich: Unser Land, unsere Nation ist besser als andere Länder oder Nationen.
- Nationalchauvinismus: Von wegen „ganz ehrlich“. Natürlich sind „wir“ besser. Und wer nicht dazugehört, oder dazugehören will, den lassen wir das systematisch spüren.
Wir könnten jetzt noch weitermachen, aber du weißt vermutlich, worauf das hinausläuft. Bleiben wir in der erweiterten Mitte der Gesellschaft. Wir wollen ja herausfinden, was es mit Nationalstolz bei Großereignissen auf sich hat, wo ein breiter Durchschnitt der Gesellschaft mitfiebert.
Zwischen EU-Fraktion und Weidezaun-Ästhetik
Wenn von „Nationalstolz“ die Rede ist, ist in der Regel Patriotismus gemeint, also die emotionale Verbundenheit mit der Heimat, dem Herkunftsland, seiner Kultur und so weiter. Alles nicht so richtig konkret und deswegen offen für Interpretationen. Und natürlich heiß umkämpft - vor allem in rechten oder konservativen Kreisen.
Es ist safe to say, dass Rechtspopulistinnen und -populisten in Österreich und Europa schon seit einigen Jahren die Nase vorn haben, wenn es darum geht, Patriotismus zu besetzen und zu vermarkten - spätestens seit der Gründung der rechtspopulistischen EU-Fraktion „Patrioten für Europa“ 2024. Ebenfalls safe to say, dass sie in Österreich bei der Besetzung und Vermarktung des Begriffs von reichweitenstarken Boulevardmedien unterstützt werden. Die Kolleginnen und Kollegen vom Medienwatchblog KOBUK haben das im vergangenen Jahr am Beispiel der Tageszeitung HEUTE mal aufgedröselt. Hier geht es zum Beitrag.
Ab und zu hört man aus anderen Richtungen etwas von „Heimat“ und österreichischem „Wir-Gefühl“. Bundespräsident Alexander Van der Bellen ist da ein gutes Beispiel. 2016 und 2022 wirbt er im Wahlkampf um sein Amt mit seiner Verbundenheit zu Österreich; lässig lehnend an einen Weidezaun zum Beispiel. Die Grünen, seine ehemalige Partei, reden in den vergangenen Jahren auch immer wieder von „Heimat“ und „Heimatliebe“. Eine ihrer Botschaften übernimmt sogar SPÖ-Finanzminister Markus Marterbauer in seiner heurigen Budgetrede. Was Heimatverbundenheit, Patriotismus und Nationalstolz bedeuten, will man also anscheinend nicht ganz dem Rechtspopulismus überlassen.
Kommen wir doch mal zu einer der wichtigsten Fragen: Ist Österreich überhaupt stolz auf Österreich? Einfache Antwort: Ja. Zumindest laut einer Statista-Umfrage aus 2020. Nur 19 Prozent der Befragten sind es nicht. Und was ist mit der überwiegenden, stolzen Mehrheit? Worauf ist sie stolz? Soziologinnen und Soziologen der Unis Graz, Linz, Salzburg und Wien untersuchen das seit über 30 Jahren. Die Ergebnisse veröffentlichen sie im Rahmen des Sozialen Survey Österreich, kurz SSÖ. Seit 1995 hat die Abstammung, also der Geburtsort, anscheinend an Bedeutung verloren. Wichtiger sei es heute, sich als Österreicherin oder Österreicher zu fühlen und die Gesetze des Landes zu respektieren, sagt Studienleiter Max Haller. Und: Politischer oder wirtschaftlicher Einfluss in der Welt sei nicht mehr so wichtig wie früher.
Wenn man sich die Studie im Detail anschaut, kann man sagen: Der Nationalstolz der Österreicherinnen und Österreicher ist mehr Gefühl geworden. Den Finger darauf zu legen, worauf man genau stolz ist, ist gar nicht so leicht. Wenn dann eben jene, die finden, man müsse andere, die dem Gefühl nicht entsprechen, anders behandeln oder sogar ausschließen, an Bedeutung gewinnen, wird es brisant. Dann kann aus dem „Wir-Gefühl“ ein „Wir-Gegen-Die-Gefühl“ werden. Politische Konflikte und unterschiedliche Überzeugungen können sich wie existenzielle Kämpfe anfühlen. Dann werden Flaggen und Hymnen zu Standarten und Marschmusik. Und Stadien zu Arenen.
Von Ausschreitungen und Zeremonien
Bei Fußball-Weltmeisterschaften und Europameisterschaften haben Ausschreitungen zwischen Anhängerinnen und Anhängern unterschiedlicher Nationen durchaus Tradition. Nach den Ausschreitungen zwischen der Schweiz und der Türkei beim Play-off-Match zur WM 2006 hat der damalige Boss des Fußball-Weltverbands FIFA, Joseph Blatter, im Gespräch mit der Schweizer Illustrierten laut gedacht: „In dem Moment, in dem man offensichtlich Nationalismus gepaart mit Leidenschaft und Emotionen hat, hat man zugleich eine explosive Situation. Deswegen denken wir darüber nach, die Praxis mit den Nationalhymnen abzuschaffen”.
Das war nur ein flüchtiger Gedanke. Die FIFA ist rasch zurückgerudert und es wurde weiter gesungen. Bei der heurigen WM wird nicht nur die Startelf der jeweiligen Mannschaften zur Hymne auf den Platz geholt, sondern insgesamt 26 Spieler pro Team. Um die „Zeremonie“ zu bereichern, sagt die FIFA.
Ich will das Ganze nicht größer machen, als es ist. Ausschreitungen gehen in der Regel von kleinen Gruppen gewaltbereiter Anhänger aus. Hier muss ich nicht gendern. Aber lass uns doch mal kurz crazy werden. Wie könnte die WM aussehen, wenn nicht Nation gegen Nation antritt? Wenn die herkömmlichen Nationalsymbole keine Rolle mehr spielen.
Fünf verrückte Ideen
Wir könnten zum Beispiel statt einzelnen Nationalflaggen eine Weltflagge hissen und Weltfähnchen. Okay, dafür müssten wir uns erstmal auf eine einigen, aber es gibt schon genug Vorschläge. Meine Kollegin Aliona hat dir ein Best-of zusammengestellt.
Die „World Peace“-Flaggedes Geistlichen James William van Kirk aus 1913 (Bild: Wikimedia Commons | Swiãtopôłk)
Die „World Peace“-Flaggedes Geistlichen James William van Kirk aus 1913 (Bild: Wikimedia Commons | Swiãtopôłk)
Die „World Peace“-Flaggedes Geistlichen James William van Kirk aus 1913 (Bild: Wikimedia Commons | Swiãtopôłk)
Die „World Peace“-Flaggedes Geistlichen James William van Kirk aus 1913 (Bild: Wikimedia Commons | Swiãtopôłk)
Die „World Peace“-Flaggedes Geistlichen James William van Kirk aus 1913 (Bild: Wikimedia Commons | Swiãtopôłk)
Die „World Peace“-Flaggedes Geistlichen James William van Kirk aus 1913 (Bild: Wikimedia Commons | Swiãtopôłk)
Wir könnten, wie bei der Champions League, eine gemeinsame Hymne singen. Ok, wir sollten vielleicht eine komponieren, die jeder und jede versteht und mitsingen kann. Es ist nicht allzu lange her, dass ich gecheckt habe, dass der Chor in der Champions League Hymne tatsächlich einen Text singt und nicht nur irgendwelche Fantasielaute. Vielleicht könnten wir ja aus den WM-Songs der letzten Jahrzehnte ein Mash-up machen.
Wir könnten gar nichts singen und gar nichts schwenken. Immer eine Möglichkeit. Dann wären aber die beiden chinesischen Firmen Wonderful Flag Industry und Quality Flag Industry (die heißen tatsächlich so) vermutlich traurig. Beide gehören zu den größten Flaggenproduzenten der Welt. Die Wonderful Flag Industry allein hat für die heurige WM in den USA, Kanada und Mexiko schon 400.000 Nationalflaggen geliefert.
Wenn wir eher lokale Druckereien unterstützen wollen, könnten wir auch als Ein-Personen-Mikrostaaten bei der WM mitfiebern. Ganz im Sinne von Künstler Christoph Schlingensief, dem die Wiener Festwochen ja gerade im Museum für angewandte Kunst eine eigene Ausstellung für sein Lebenswerk widmen. „Sei dein eigener Staat“, hat er gesagt. Why not?
Wir könnten uns auch ein Vorbild nehmen an den Swifties, also der Fan-Gemeinde von Taylor Swift. Vielleicht hätten die auch eine universelle Hymne im Angebot. Auf jeden Fall würden wir statt Fähnchen zu schwenken, Freundschaftsarmbänder tauschen und uns mit Glitzersteinen verzieren. Und wir würden uns auf drei Grundregeln verständigen (die habe ich bei Reddit in einem Swiftie-Thread gefunden): Entschuldige dich nicht dafür, was dich begeistert. Gib niemals jemandem das Gefühl, er sei schlecht, dumm oder blöd, nur weil er sich für etwas begeistert. Und über allem schwebt der „leben und leben lassen“-Vibe.
Und noch eine besonders verrückte Idee
Ich habe es vorweggeschickt: alles ein bisschen crazy. Nationen und Nationalstolz werden vermutlich immer eine Rolle spielen bei Großereignissen wie der Fußball-Weltmeisterschaft. Wenn das so ist, dann habe ich noch eine letzte, vielleicht wirklich verrückte Idee in petto: Wagen wir uns mehr Nationalstolz.
Kommt nicht von mir, sondern vom Open Society European Policy Institute. Das hat 2019 eine Studie herausgebracht. Titel der Studie: „The Fading Taboo of Germany’s National Pride“. Die Autorinnen und Autoren der Studie meinen aufgrund der Ergebnisse, Nationalstolz sei nicht gleich Nationalstolz. Und: „Stützt sich Stolz auf das Grundgesetz, den Sozialstaat, die Toleranz Deutschlands gegenüber Zuwanderern oder seine Rolle in der europäischen Integration, kann er die offene Gesellschaft und die damit verbundenen Werte sogar unterstützen und fördern.”

Vielleicht braucht es nicht weniger Nationalsymbole wie Flaggen oder Hymnen, sondern eine kritische Auseinandersetzung damit, was alles mitschwingt und worauf wir konkret stolz sind, wenn wir schwenken und singen. Lass uns das Experiment in der Kommentarspalte beginnen. Ich freue mich drauf.
Im Audio werden folgende Quellen zitiert:
"National Anthem of Austria | Österreichische Bundeshymne"
"Budgetrede des Finanzministers: Doppelbudget 2027/2028"
"UEFA Champions League Anthem"
Weitere Sprecherin: Claudia Luef
Audioproduktion und Sounddesign: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas
