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Es ist viel vom Antichristen die Rede, wenn es um Peter Thiel geht, und das liegt vor allem daran, dass er selbst ständig davon redet. Peter Thiel ist der umstrittenste und wohl auch gefürchtetste Silicon Valley Tech Guy – zur Erinnerung: er hat mal Paypal mitentwickelt, war einer der ganz frühen Investoren von Facebook, ist so Milliardär geworden und hat außerdem die Firma Palantir gegründet, die ähnlich sagenumwoben und gefürchtet ist wie er. Das ist die Firma, die durch Datenanalyse unter anderem der US-Reg ierung hilft, zu überwachen, was sie eben überwachen will. Es ist auch die Firma, bei der Sebastian Kurz angestellt war, und auch der Sohn des mächtigen deutschen Verlegers Matthias Döpfner vom Springer-Verlag. Peter Thiel ist wahrscheinlich derjenige unter den Tech Guys, der am meisten direkten politischen Einfluss hat, mehr noch als Elon Musk, der mit Thiel gemeinsam bei Paypal war. Aber Musk ist eine Clown-Figur. Peter Thiel, das sieht man auch an den Diskussionen in Wien rund um seinen gerade vom Veranstalter abgesagten Auftritt bei den Festwochen, Thiel ist für viele eine Art Satan. Ganz sicher nicht lustig.
Und er ist auch noch ein Satan, der geheime Vorlesungen hält, ganz elitär, hinter verschlossenen Türen, Aufnahmegeräte verboten. Dort spricht er über Armageddon und das Erscheinen des Antichristen, vollkommen ernsthaft. Wir wissen das, weil natürlich trotz aller Verbote jemand ein Aufnahmegerät hineingeschmuggelt und die Aufnahme den Kollegen des Guardian in London zugespielt hat. Wir kommen gleich noch auf den Inhalt dieser Vorlesungen.
Wir haben jetzt etwa ein halbes Jahrhundert der digitalen Ära hinter uns, und mit digitaler Ära meine ich, dass das Digitale in alle Leben der westlichen Welt eingedrungen ist. Forscher und Techniker waren schon viel länger digital, aber vor etwa 50 Jahren ist der Personal Computer geboren worde – Apple wird dieses Jahr 50, die daran einen großen Anteil hatten –, damals gab es auch die ersten Spielkonsolen, die man an den Fernseher anschließen konnte, Namen wie Atari kommen in den Sinn – das alles gehört zusammen, in eine Zeit, aber auch an einen Ort, denn das war die Generation, die auch das Silicon Valley erschaffen hat.
Genau deswegen lässt sich die Kultur der die Gründer von damals so gut beschreiben.
Generation Personal Computer
Das Silicon Valley beginnt kurz hinter San Francisco im Norden von Kalifornien, und dort war vor gut 50 Jahren nicht nur das Epizentrum der Tech-Industrie, sondern auch der Hippie-Bewegung. Und diese ganzen Männer (es waren damals vorwiegend Männer) steckten mehr oder weniger tief in der Szene: Steve Jobs, der Apple-Mitgründer, der später das alleinige Gesicht von Apple wurde, war ein langhaariger und barfußlaufender, nach Indien zu einem Guru reisender, meditierender Hippie, der übrigens bei Atari alleine in der Nachtschicht arbeiten musste, weil nie geduscht hat. Er war der Überzeugung, Vegetarier stinken nicht – und hat diese Theorie nach der übereinstimmenden Beobachtung aller seiner Kollegen erfolgreich widerlegt. Auch Vegetarier können stinken, aber die Geschichte illustriert etwas ganz anderes: In den Anfängen der Heim-Computer-Industrie hatten barfußlaufende, stinkende Hippies Ingenieur-Jobs – weil sie mit dieser aufkommenden Industrie total verflochten waren. Sie waren eins.

Steve Jobs und sein Co-Apple-Mitgründer, Steve Wozniak, waren Mitglieder des Homebrew Computer Club. Das war wie ein Strick-Zirkel, nur mit Männern, die Platinen löten. Es war die Keimzelle der Heim-Computer-Revolution: Hippies mit Platinen, die Computer als Instrumente der Befreiung sahen, oder wie Steve Jobs es genannt hat, als „Fahrräder für das Gehirn“ – weil sie es den Gedanken ermöglichen sollten, sich schneller und weiter zu bewegen.
Die Menschen dort glaubten ernsthaft, dass persönliche Computer das tun könnten, was persönliche Freiheit allein nicht geschafft hatte: den Einzelnen gegenüber den Institutionen stärken. IBM mit ihren Großrechnern war das Establishment. Der PC war die Revolution. Und man sieht Reste davon heute noch, im Kleinen wie im Großen.
Es war nicht vorherbestimmt, dass Computer zum Beispiel viele verschiedene Schriftarten haben würden, das liegt vor allem daran, dass Steve Jobs ein Kalligrafie-Fan war, aber noch mehr sieht man es an zentralen Ideen, die bis heute die digitale Welt prägen, vor allem dem Utopismus, dem Glauben, dass die Welt durch Technik gerettet werden kann oder sogar muss. Da ist auch bis heute der Gedanke des Dezentralismus, dass zum Beispiel Netzwerke keine Mitte haben, von der alles ausgeht, sondern von einem Rechner zum nächsten funktionieren, und von einem Knotenpunkt zum nächsten, wie das Internet.
Der gleiche Grundgedanke steckt hinter Open-Source-Software, also Programmen, die nicht von einem Unternehmen herausgebracht und gepflegt werden, sondern von einer Community (warum solche Software für österreichische Behörden eine gute Idee wäre, hat mein Kollege Benjamin aufgeschrieben). Stewart Brand, einer der Wortführer dieser Bewegung, brachte es 1984 auf den Punkt: „Information wants to be free – Information möchte frei sein (und free bedeutet im Englischen ja auch kostenlos). Dieser Satz wurde so oft zitiert, dass man vergisst, wie radikal er war. Information als Gemeingut. Wissen als Befreiungsmittel. Technologie als Werkzeug gegen Machtkonzentration.
Und natürlich gibt es bis heute in der Branche einen sehr legeren Dresscode, auch wenn sich inzwischen wahrscheinlich die allermeisten Ingenieure regelmäßig duschen.
Generation Dotcom
Dann kam das Internet. Und mit ihm eine neue Generation – jünger, schneller, hungriger. Und mit einem entscheidenden Unterschied: Sie hatten keine Counterculture im Rücken. Keine Woodstock-Erinnerung. Keinen Stewart Brand. Sie hatten Venture Capital.
Die Dotcom-Generation der späten Neunziger und frühen Zweitausender Jahre war das erste Produkt des digitalisierten Kapitalismus. Sergey Brin und Larry Page, die Gründer von Google, Mark Zuckerberg von Facebook, Chad Hurley von YouTube, Kevin Systrom von Instagram – das waren keine Rebellenkinder. Es waren Studenten an Elite-Universitäten aus gutem Hause.
Es gab einen Grundgedanken, und der war: Vernetzung. In all ihren Plattformen geht es um das Teilen von Informationen und Inhalten. Wir erinnern uns, was Google so stark gemacht hat war, dass sie Informationen danach bewertet haben, wieviele andere Seiten auf sie verlinken. Das heißt, je vernetzter eine Information war, umso besser war sie. Es steckt ein bisschen Utopie in dem Gedanken, nämlich dass Informationen nicht nur frei sein wollen, sondern dass die Welt eine bessere ist, wenn möglichst alle Informationen – und alle Menschen – miteinander vernetzt sind.
Das ist aber offensichtlich auch der naivstmögliche Gedanke. Uns fallen jetzt hier sofort tausend Gründe ein, warum es schwierig ist, wenn sich zum Beispiel alle Pyromanen der Welt verbinden und gleichzeitig alle Anleitungen frei zugänglich sind, wie man am besten eine Brandbombe baut. Oder, dass ein universeller, weltweiter Wettkampf um Aufmerksamkeit zwingend dazu führt, dass alle immer noch lauter schreien – das hätte man vielleicht ahnen können.

Aber diese Generation Tech-Gründer war in Wahrheit unpolitisch. Sie waren Elite-Studenten , die Code schreiben als eine effiziente Form von Gelddrucken benutzten. Die Rebellion, die diese Generation pflegte, war rein ästhetisch. Der Hoodie statt des Anzugs war keine politische Aussage, er war ein Dresscode, eine Stammesmarkierung, ein Signal: Wir sind cooler als ihr. Wir sind jung. Wir brechen die Regeln. Aber welche Regeln brachen sie wirklich? Die Arbeitswelt. Die Bürohierarchie. Die 9-to-5-Kultur.
Das Silicon Valley dieser Ära erfand das Büro als Spielplatz. Google baute Rutschbahnen in seine Gebäude. Facebook hatte Tischkicker. Start-ups boten kostenloses Essen, Massagen und Schlafkapselräume an, und das wurde als Befreiung gefeiert, dabei war es in Wahrheit eine sehr geschickte Form der totalen Verfügbarkeit. Wer nie nach Hause gehen muss, weil das Büro so toll ist, der arbeitet eben immer. Der Hoodie war die Uniform des freiwilligen Workaholics.
Die Ideologie dieser Generation – soweit man ihr überhaupt eine attestieren kann – war im Grunde der optimistische Neoliberalismus in Coding-Sprache. „Move fast and break things, wie Zuckerbergs berühmtes internes Motto lautete. Gemeint waren Bugs. Gemeint waren interne Prozesse. Aber implizit mitgemeint – und das wurde erst später klar – waren auch Demokratien, Märkte, Öffentlichkeiten, Vertrauensinfrastrukturen.
Diese Generation sprach viel über „connecting the world“, über „organizing the world’s information“, über „making the world more open“. Es klang utopisch und war es auch, aber in einem seltsam apolitischen Sinn. Zuckerberg interessierte sich erkennbar nicht für Politik – er interessierte sich für Wachstum. Die Welt verbinden, das war das Ziel. Was passiert, wenn man Milliarden Menschen in einem Raum ohne Regeln zusammenbringt? Diese Frage stellte er sich schlicht nicht.
Das Charakteristikum dieser Generation ist nicht Bosheit. Es ist Naivität, und die Weigerung, aus ihr herauszuwachsen. Als klar wurde, dass Facebook Wahlen beeinflussen kann, dass YouTube Radikalisierung befeuert, dass Twitter Hass skaliert, da war die Reaktion bezeichnend: Verleugnung, Verzögerung, minimalste Anpassung. Keine echte Auseinandersetzung mit der Verantwortung, die aus dieser Macht erwächst.
Zuckerberg steht exemplarisch dafür. Ein Mann, der Jahrzehnte gebraucht hat zu verstehen, was er da gebaut hat – und dem man bis heute nicht sicher ist, ob er es wirklich verstanden hat oder nur so tut. Und seine jüngste Rechtswendung – die Abschaffung der Faktenchecker, die Öffnung zu Trump und rechten Netzwerken – das ist keine neue Überzeugung. Das ist dasselbe Prinzip: Wachstum über alles. Und wenn rechte Inhalte mehr Engagement erzeugen, dann sind rechte Inhalte eben gut.
Die Generation Dotcom hat die Infrastruktur der digitalen Öffentlichkeit gebaut. Aber sie hat sich nie gefragt, ob Öffentlichkeit Regeln braucht. Ob Information kuratiert werden muss. Ob Plattformverantwortung existiert. Diese Fragen galten als langweilig, als regulatorisch, als uncool. Als Boomer-Themen. Stattdessen gab es Bällebäder. Und Pingpong. Und Obstsalat. Und Aktienoptionen.
Generation Artificial Intelligence
Jetzt stehen wir vor der dritten Generation. Und es ist keine Übertreibung zu sagen, dass hier etwas fundamental anders ist.
Elon Musk. Marc Andreessen. Peter Thiel. Diese Namen stehen für einen Typus, der sich von seinen Vorgängern so grundlegend unterscheidet, dass man fast eine neue Spezies ausrufen möchte. Was sie eint, ist nicht Technologie. Was sie eint, ist Ideologie. Und zwar eine sehr spezifische, sehr alte, sehr gefährliche.
Peter Thiel hat es am klarsten formuliert. In einem Essay aus dem Jahr 2009 schrieb er: „I no longer believe that freedom and democracy are compatible“ – Ich glaube nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar sind. Das ist kein Versprecher. Das ist eine Überzeugung, die sein gesamtes Handeln seitdem prägt. Thiel ist Mitgründer von Palantir, dem Überwachungssoftware-Konzern, der mit Geheimdiensten und Militär auf der ganzen Welt arbeitet. Er hat die politische Karriere von JD Vance mit großen Summen finanziert. Er ist einer der einflussreichsten Königsmacher der neuen amerikanischen Rechten.

Musk ist etwas komplizierter – und deshalb vielleicht sogar noch gefährlicher. Er ist kein Ideologe im klassischen Sinne, sondern ein Narzisst mit weltgeschichtlichem Selbstbild. Aber die Effekte sind ähnlich: Mit Twitter/X hat er eine der wichtigsten Kommunikationsinfrastrukturen der Welt übernommen und systematisch zu einem Megafon für Desinformation, Rechtsextremismus und seine eigene Person umgebaut. Sein Starlink-Netzwerk hat er als geopolitisches Werkzeug eingesetzt – mit und ohne Absprache mit Regierungen. In Deutschland hat er im Bundestagswahlkampf 2025 offen die AfD unterstützt. Das war für ihn keine Grenzüberschreitung. Das war Programm.
Peter Thiel und/oder der Antichrist
Was diese Generation von den vorherigen unterscheidet, ist die Bewusstheit. Jobs glaubte naiv an Befreiung durch Technologie. Zuckerberg wollte naiv wachsen und die Konsequenzen ignorieren. Aber Thiel und seine Mitstreiter wissen ganz genau, was sie tun. Vor allem Thiel, der Philosophie studiert hat und einen ganz eigenen und besonderen Twist mit hineinbringt. Denn er ist auch noch auf eine thielhaft dunkle Art religiös und erwartet eben, wie am Anfang dieser Geschichte schon angekündigt, die Ankunft des Antichristen. Und der hat bei ihm in seinen Vorlesungen eine spezifische Gestalt, nämlich die des One World State, des Weltstaates, der die ganze Welt beherrscht.
Das ist sehr nah an einer ganzen Reihe von Verschwörungserzählungen, die meistens unter dem Begriff New World Order zusammengefasst werden, und die Erzählungen gehen ungefähr so: Unter dem Vorwand, der Welt Frieden bringen zu wollen – Kriege verhindern zu wollen –, geben die Staaten mehr und mehr Souveränität ab und werden zu einem Über-Staat, der die ganze Welt beherrscht.
Das ist für einen klassischen Libertären, der Thiel auch ist, eine Horrorvorstellung: Er möchte so wenig Staat wie möglich, und dass die Welt möglichst von Monopolunternehmen beherrscht wird. Und als religiöser Mensch findet er laufend Hinweise in der Bibel, in denen der Antichrist Macht und Einfluss gewinnt, indem er Angst sät vor Krieg und Technologie. Wörtlich sagt Thiel laut Guardian in einer Vorlesung: „Der Antichrist bekommt seine Macht durch sein ständiges Reden über Armageddon, über Gerüchte vom Krieg und dadurch, dich so weit zu ängstigen, dass du ihm die Kontrolle über Wissenschaft und Technik überlässt.“

Das ist natürlich heute, in diesem Moment in der Zeit, in der Staaten versuchen, Regeln für die Künstliche Intelligenz zu entwickeln und einzuführen, eine steile These: Mehr oder weniger explizit setzt er die Staaten der Welt gleich mit dem Antichristen, der versucht, eine Technik zu kontrollieren, die zum Beispiel Thiel selbst mit Palantir entwickelt und einsetzt. Da vermischen sich seine Geschäftsinteressen und seine religiösen Prophezeiungen, und wenn man dann auch noch dazukommt, dass er nicht Demokratie will, sondern lieber hätte, dass er und seine Milliardärs-Buddys ungehindert die Welt regieren, dann ergibt das eine Ideologie, die ich Techno-Totalitarismus nennen möchte; Eine Welt, in der die digitalen Lords über uns herrschen, wie sie gerade lustig sind.
Das ist der Stand, das ist die Generation, die gerade in der Technologie den Ton angibt. Das sind offensichtlich keine Hippies, und das sind keine unpolitischen Hoodies – aber warum sind das so bösartige rechtsradikale Dunkelfinger? Bei den Nebenfiguren, bei Zuckerberg und Jeff Bezos von Amazon kann man sehen, dass viele von ihnen offensichtlich irgendein Problem mit ihrer Männlichkeit haben. Sie trainieren sich plötzlich Muskeln an und machen Kampfsporttraining, da ist die Annäherung an den rechten US-Präsidenten Trump vielleicht nur ein Kollateralschaden.
Aber vor allem bei Musk und Thiel – die beide zumindest zeitweise sehr privilegiert im Apartheids-Südafrika aufgewachsen sind, was auch immer das mit ihnen gemacht hat –, bei diesen beiden Demokratiefeinden ist es tiefe Überzeugung. Sie gehören zu den mächtigsten Männern der Welt, mit direktem Draht ins Weiße Haus, unendlich viel Geld und Technologie, die nicht nur Märkte beherrscht, sondern Staaten ins Wanken bringen kann. Wenn diese Staaten es nicht schaffen, wenn wir zusammen es nicht schaffen, sie rechtzeitig so zu regulieren, dass sie diese Machtposition nicht für ihre dunklen Zwecke ausnutzen können, dann werden wir möglicherweise recht bald in einer Welt aufwachen, in der unsere Meinung dazu nichts mehr zählt.
Audioproduktion und -mix: Patrik Haas
