Schmutziges Wasser Was macht ein mutmaßlicher russischer Geheimdienstagent in einem Dorf in Oberösterreich?

Und was das mit sauberem Wasser für Millionen von Menschen in Europa zu tun hat.

Schmutziges Wasser Was macht ein mutmaßlicher russischer Geheimdienstagent in einem Dorf in Oberösterreich?
Illustration: Julian Rentzsch für JETZT

Dieser Artikel ist für dich kostenlos

Du kannst diesen Beitrag lesen oder anhören, weil Thomas Winkelmüller JETZT-Mitglied ist und ihn mit dir geteilt hat.

Es ist Spätsommer, als wir - Eva Plank und Nikolai Atefie - uns auf den Weg zu einem seltenen Treffen machen. Wir sind mit unserem Kollegen Christo Grozev verabredet. Christo arbeitet mit uns an investigativen Recherchen. In den vergangenen Jahren hat er russische Agenten enttarnt. Seither gilt er als persönlicher Erzfeind von Wladimir Putin. Aus Sicherheitsgründen treffen wir ihn normalerweise nicht persönlich. Doch dieses Mal ist das anders: Christo ist etwas aufgefallen, das er uns persönlich erzählen will. Es ist eine ziemlich unglaubliche Geschichte.

Es geht um kritische Infrastruktur, verschmutztes Wasser, einen österreichischen Konzern und den russischen Geheimdienst. Und es geht darum, was all das mit der Sicherheit von Hunderten Millionen Menschen zu tun hat.

Diese Geschichte beginnt in Rottenbach bei Haag, einer kleinen Gemeinde in Oberösterreich mit etwas mehr als tausend Einwohnerinnen und Einwohnern, rund eine Stunde von Linz entfernt. Rottenbach ist ein Dorf wie viele andere in Österreich: eine Kirche im Ortskern, eine Bäckerei in der Nähe, ein kleines Hotel, eine Volksschule und ein Fußballplatz. Doch verlässt man den Ort in Richtung Bundesstraße, verändert sich das Bild. Auf einem weitläufigen Areal reihen sich mehrere moderne Gebäude aneinander, darunter eine große Produktionshalle, ein sechsstöckiger „Innovationstower“ und ein Forschungscampus, vor dem zwei Stierstatuen und ein Brunnen aus Bronze stehen. Auf den Fassaden steht in drei großen Buchstaben: VTA. Hier befindet sich der Unternehmenssitz der VTA Austria GmbH.

VTA steht für „Verfahrens-Technologische Abwasseraufbereitung“. Das Unternehmen wurde 1992 gegründet. Bei VTA hat man früh erkannt, dass in einer Welt mit zunehmender Überproduktion und Umweltverschmutzung die Abwasserreinigung immer wichtiger wird. Das Angebot von VTA ist umfangreich. Das Unternehmen filtert mit seinen Technologien Medikamentenrückstände, Pestizide und Industriechemikalien aus Abwasser. Zudem werden Wasseranalysen durchgeführt – unter anderem, um Viren und andere Keime zu erkennen. Geforscht wird dazu im hauseigenen „VTA Institut für Umwelt & Gesundheit“. Die Präparate, die VTA zur Abwasserreinigung entwickelt, nennt die Firma „flüssige Intelligenz“. Die Dienste von VTA sind weltweit begehrt, etwa in Kläranlagen von Gemeinden wie Kitzbühel, Bulgariens drittgrößter Stadt Warna oder im polnischen Poznań. Der Stadt Wien und Linz liefert man Chemikalien. Auch bekannten Lebensmittelmarken wie dem Kindergetränke-Hersteller „Dreh & Drink“ oder dem Schweizer Käseproduzenten Emmi hilft VTA bei der Wasserreinigung. Laut eigenen Angaben machte VTA 2022 100 Millionen Euro Umsatz. Mittlerweile zähle man über 450 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – eine echte Erfolgsstory, made in Austria. Insgesamt hilft die Technik aus Rottenbach bei Haag bei der Abwasserreinigung von über 250 Millionen Menschen weltweit. Das schreibt VTA auf ihrer Website.

Warum Abwasserreinigung so wichtig ist, erklärt Heide Müller-Rechberger, Leiterin der Abteilung für anlagenbezogene Wasserwirtschaft im Landwirtschaftsministerium.

Müller-Rechberger erklärt, dass Kläranlagen in Österreich als systemrelevante Einrichtungen gelten, zum Teil sogar als kritische Infrastruktur.

Käme es etwa zu einem Blackout oder einer anderen Krise, dann sei es „das Allerwichtigste einmal, dass die Bevölkerung mit Trinkwasser versorgt wird. Sobald das sichergestellt ist, fällt aber auch Abwasser an. Es ist entscheidend, dass dieses Abwasser bis zur Kläranlage kommt, und dass man zumindest eine gewisse Grundreinigung sicherstellt“, sagt Müller-Rechberger.

Wenn Kläranlagen nicht richtig funktionieren, kann das schwere Folgen haben: Es könnte sich etwa Abwasser in der Kanalisation zurückstauen – im schlimmsten Fall laufen die Kanäle über. Oder das Wasser wird nicht ausreichend gereinigt, sodass Schadstoffe ungefiltert in die Flüsse gelangen. Das geht mit Folgen für Umwelt, Tierwelt und auch für uns Menschen einher.

VTA entwickelt Technologien, die diese systemrelevante Abwasserentsorgung wirksamer, nachhaltiger und effizienter machen sollen. Diese Technologien können auch von kommunalen Kläranlagen eingesetzt werden.

Gründer des Unternehmens ist der Chemiker Ulrich Kubinger – genauer gesagt: Professor, Ingenieur, Magister, Doktor, Doktor Ulrich Kubinger. Er hält etliche Patente im Bereich Wasserreinigung und ist einer der wichtigsten Industriellen Oberösterreichs. 2009 wurde ihm das Goldene Verdienstzeichen des Landes Oberösterreich verliehen. In der Gemeinde ist er Ehrenbürger und sponsert den lokalen Fußballverein Union VTA Rottenbach.

In zahlreichen Werbespots auf dem eigenen VTA-Youtube-Kanal präsentiert Kubinger die neuesten Errungenschaften der Firma: Wasserstoffherstellung aus Abwasser und eine spezielle Substanz, die Mikroplastik aus dem Wasser filtern soll. In den Videos ist auch zu sehen, wie ihn prominente Politiker und Politikerinnen besuchen, darunter der damalige Bundeskanzler Karl Nehammer.

Auch international bekommt Kubinger Anerkennung für seine Arbeit. Auf der VTA-Website führt er an, dass ihm eine bulgarische Universität den Ehrendoktor verliehen hat, und in Malta wurde er zum Professor für Innovationsmanagement berufen. Ulrich Kubinger wird aber auch in Russland sehr geschätzt.

2012 bekommt VTA Besuch einer russischen Delegation. Der Anlass war die Verleihung eines Ehrendoktortitels der Russischen Akademie der Naturwissenschaften (RANS) an Kubinger. Hinter der RANS verbirgt sich jedoch keine Universität, sondern ein Verein, der etwa auch die Firma Grander ehrte. Grander hat ziemlich viel Geld mit ihren Technologien verdient, die angeblich Wasser „beleben“ können. Wissenschaftlich konnte die Wirkung von Grander-Wasser nie belegt werden.

Kubinger wird damals Mitglied dieser sogenannten Akademie. Die Oberösterreichischen Nachrichten titeln im Oktober 2012 „VTA nimmt russischen Markt ins Visier“. Auf dem Foto darunter strahlen der damalige Landeshauptmann Josef Pühringer und Ulrich Kubinger in die Kamera. Die Satellitenaufnahme von Google Maps zeigt, dass bis vor wenigen Jahren die russische Flagge, neben anderen, vor dem VTA-Komplex in Rottenbach schwang – mittlerweile wurde sie abgenommen. Für russischsprachige Kundinnen und Kunden gibt es auch die VTA-Website auf Russisch, genauso wie einen der vielen Werbespots auf Youtube.

Und dann stoßen wir in unserer Recherche auf etwas Interessantes: 2014 wird in Russland die Firma VTA Nord-West gegründet, mit Sitz in der Obukhovskaya Oborony Avenue 86 in St. Petersburg. Das russische Unternehmen nennt sich auf seiner Website damals auch „Water Technological Alliance Group“ (WTA) und schreibt, dass es moderne Wasseraufbereitungsanlagen herstellt – genau wie die VTA Austria GmbH. Heute existiert die Seite nicht mehr, doch wir finden sie in einem Website-Archiv. Bis 2020 sind auf der russischen Website auch Partner des Unternehmens aufgelistet. Und tatsächlich: Dort findet man auch das österreichische Unternehmen VTA, ebenso wie Eurodos Dosiertechnik GmbH, ein weiteres Unternehmen von Kubinger.

Aber das war es noch nicht. Wir recherchieren und finden weitere russische Unternehmen, die VTA im Namen tragen: VTA St. Petersburg und VTA Eurasia, gegründet 2016 und 2018. Bei VTA Eurasia werden die Überschneidungen besonders deutlich. Ihre Website wirkt wie eine Kopie der österreichischen. Zu sehen sind das gleiche Logo, dieselben Sujets, ein Foto von Kubinger, und Zertifikate vom österreichischen Unternehmen. Bis 2022 steht auf der Website: „VTA EURASIA ist der offizielle Vertreter des österreichischen Konzerns VTA Austria GmbH in der Russischen Föderation und der Republik Belarus“.

Wurde die Website kopiert? Das russische Unternehmen VTA Eurasia präsentierte sich online als offizieller Vertreter der VTA Austria GmbH. Man zeigt auch VTA-Chef Kubinger und österreichische Zertifikate (links: Website Stand 2018, rechts: Website Stand 2022). Screenshots: JETZT

Auf Anfrage sagt die VTA Austria GmbH , dass man keines dieser Unternehmen kenne und auch nicht in Russland tätig sei.

Auffällig ist, dass all diese russischen Firmen personelle Überschneidungen haben. Und ein Name lässt uns nicht mehr los. Es ist der Name des Leiters der Verkaufsabteilung von VTA Eurasia, Sergei K. Denn dieser Mann ist eigentlich kein Abwasserexperte und er trägt auch einen anderen Nachnamen als den, den er angibt.

Alles deutet darauf hin, dass Sergei K. ein russischer Geheimdienstagent ist.

Jetzt kommt unser Kollege Christo Grozev ins Spiel. Christo hat Zugang zu geleakten Daten, die zeigen, wer nach Russland ein- und ausreist. Sie zeigen auch die Passdaten der Reisenden. Und Christo weiß, wie der russische Geheimdienst nach einem wiederkehrenden Muster, gefälschte Identitäten für Agenten erfindet und Reisepässe ausstellt. Dabei ist ihm auch der Pass von Sergei K. aufgefallen. Die Passnummer ist ähnlich wie die von anderen russischen Geheimdienstagenten. Auch jene Agenten, die 2018 Sergei Skripal mit dem Nervengift Nowitschok vergifteten, hatten solche Passnummern.

Wenn Christo herausfinden will, welche echte Person hinter einer solchen Fake-Identität steckt, sucht er nach Personen mit demselben Vornamen und Geburtsdatum. Bei Sergei K. war das besonders einfach, sagt Christo: „Der Nachname unter der falschen Identität ist seinem echten Nachnamen sehr ähnlich. Vorname und Mittelname waren sogar identisch, ebenso wie das Geburtsdatum. Er war also ein einfacher Fall, normalerweise ist das etwas schwieriger.“

Zwei Pässe, ein Gesicht Sergei K. reist einmal als er selbst, einmal als mutmaßlicher Geheimdienstagent. Vorname, Mittelname und Geburtsdatum sind ident. Fotomontage: JETZT

Christo findet den Namen Sergei K. auch auf einem brisanten Dokument, das bestätigt, dass Sergei K. für den russischen Militärgeheimdienst GRU gearbeitet hat. Das Dokument bestätigt den Kauf eines 32-Quadratmeter-Apartments im Wohnheim der GRU-Akademie, wo russische Spione ausgebildet werden. An dieser Adresse war Sergei K. für eine Zeit lang auch gemeldet.

Damit Sergei K. als mutmaßlicher Geheimdienstagent auch außerhalb Russlands agieren kann, benötigt er einen Fake-Namen und einen Fake-Pass. Und solche Auslandsreisen unternimmt er zwischen 2017 und 2021 öfters, vor allem nach Österreich. Laut geleakten Flugdaten flog er in dieser Zeit zehn Mal von Moskau nach Wien, je einmal nach Paris, Tiflis und Minsk sowie zwei Mal nach Istanbul.

Sergei K. dürfte aber nicht irgendein kleiner russischer Spion sein. Laut den Recherchen von unserem Kollegen Christo Grozev soll er zur Unit 29155 gehören. Diese Einheit betreibt nicht nur Spionage im Ausland, infiltriert strategische Unternehmen und rekrutiert und bildet neue Agenten aus, sondern steckt auch hinter Mordanschlägen und Vergiftungen. 2015 haben Agenten der Unit den bulgarischen Waffenhändler Emilian Gebrev in Sofia vergiftet, und 2018 Sergei und Yulia Skripal in Salisbury. Zudem soll Unit 29155 für die Explosion eines Munitionsdepots in Tschechien 2014 verantwortlich gewesen sein, bei der zwei Personen gestorben sind. All das konnte Christo gemeinsam mit anderen Journalistinnen und Journalisten herausfinden. Es ist aber nur ein kleiner Ausschnitt der Tätigkeiten der Unit. Auf seinem Youtube-Kanal hat Christo eine ganze Video-Serie dazu.

Halten wir fest: Es gibt da also ein österreichisches Unternehmen, VTA, das Abwasser reinigt und in der Vergangenheit überlegt hat, in Russland geschäftlich aktiv zu werden – das dann aber doch gelassen hat. Etwa zur selben Zeit sind in Russland mehrere Firmen entstanden, die den Namen des österreichischen Unternehmens VTA verwendeten. Die österreichische Firma sagt, dass sie davon nichts wusste. In einer dieser russischen Firmen, die sich sogar als offizieller Vertreter der VTA Austria GmbH ausgibt, arbeitet jedoch anscheinend ein russischer Geheimdienstagent. Dieser mutmaßliche Agent war auch in Österreich. Das zeigen nicht nur geleakte Flugdaten. Sergei K. hinterlässt auch auf Social Media Spuren.

Sergei K. ist während der Zeit, in der er wiederholt nach Österreich reist, auch auf Instagram und Facebook ziemlich aktiv. Ein Video auf seinem Instagram-Account zeigt ihn bei einem Judokampf – genauer gesagt bei den International Vienna Open 2018. Sergei K. ist in seiner Freizeit nämlich begnadeter Judokämpfer. Er tritt damals für den Wiener Judo-Verein Ratiborets an. Der Obmann des Vereins ist ein russischer Staatsbürger, der in Wien lebt. Ratiborets ist ein altslawisches Wort, und soll für einen mutigen, starken Mann stehen, der seine Familie und sein Land verteidigt – so wird der Name auf der Website des Vereins beschrieben. Sergei K. kämpft damals unter seinem Fakenamen in der Gewichtsklasse 66 Kilogramm. Und: Er gewinnt. Sowohl die Ergebnisliste als auch ein Siegerfoto halten diesen Moment fest.

Unter dem Video vom Judokampf, bei dem Sergei K. seinen Gegner zu Boden zwingt, steht ein Kommentar:

„In the future I will always be friendly to you“

Dazu ein Zwinkersmiley mit herausgestreckter Zunge. Der Kommentar stammt von einem Österreicher. Was interessant ist: Er arbeitet als Chemie-Ingenieur beim oberösterreichischen Wasserkonzern VTA.

Es gibt also doch eine Verbindung zwischen dem österreichischen Unternehmen und dem vermeintlichen Vertriebsleiter von VTA Eurasia.

Der Ingenieur ist bereits seit den 1990er-Jahren bei VTA tätig, und ist somit bestens mit den Technologien und Entwicklungen des Unternehmens vertraut. Er gilt auch als Freund des Firmenchefs Ulrich Kubinger und als wichtiger Mitarbeiter. Aus medienrechtlichen Gründen können wir seinen Namen nicht schreiben. Wir nennen ihn hier „Ingenieur“.

Während seiner Aufenthalte in Österreich hat Sergei K. nicht nur an einem Judokampf teilgenommen, sondern auch beim Arbeitgeber des Ingenieurs vorbeigeschaut. Im Sommer 2018 nimmt er an der Summer School des Deutschen Expertenrates für Umwelttechnologie und Infrastruktur teil, die in der VTA-Zentrale in Rottenbach stattfindet. Darüber wird auch in der Firmenzeitschrift berichtet, inklusive einem Bild von K. Darunter steht ein Zitat von ihm: „Ich bin bei der Summerschool dabei, weil ich meine Kenntnisse im Bereich der Abwasserbehandlung auffrischen und mehr über die VTA erfahren möchte.“

Sergei K. postet auch auf seinem Instagram-Account über einen Besuch bei VTA. Es sind Fotos aus dem Chemie-Labor. Darauf zu sehen sind kleine Fläschchen mit VTA-Logo, Reagenzgläser und andere Laborgeräte. Er veröffentlicht weitere Bilder von einem Vortrag über Wasser-Rahmenrichtlinien im Ruhrgebiet und einer Messe für Umwelttechnologie in München, auf der VTA ausstellte. Dann postet der Russe auch noch ein Foto, auf dem der Ingenieur zu sehen ist. Neben ihm steht Ulrich Kubinger. Sergei K. schreibt in die Caption:

„Great Person!!!“

Ausflug ins Labor Der mutmaßliche Geheimdienstagent Sergei K. hält auf Instagram seinen Besuch bei VTA fest. Illustration: Julian Rentzsch für JETZT

Der mutmaßliche russische Agent und der österreichische Ingenieur tauschen sich immer wieder in den Kommentaren auf ihren Facebook- und Instagram-Profilen aus. Sergei K. kommentiert etwa im Herbst 2020 unter einem Facebook-Posting des Ingenieurs:

„Hello my dear friend, fly to Moscow, I’m waiting for you to visit! Great photo!“

Die beiden wünschen einander auch gegenseitig frohe Weihnachten und K. nennt den Ingenieur in einem Kommentar einen „wahren und ehrlichen Freund“. Unter einem Bild von einer belebten Straße, das Sergei K. im Juli 2018 postet, fragt der Ingenieur auf Russisch: „Wo bist du da drüben“. Sergei K. antwortet auf Englisch: „Die Straße heißt Old Arabat und ist im Zentrum von Moskau, ich zeig sie dir, wenn du da bist.” Und wirklich: Der Ingenieur fliegt zwei Monate später nach Moskau. Ob er damals tatsächlich K. besucht oder seine Reise andere Gründe hatte, wissen wir nicht. Aber, das war weder sein erster noch letzter Aufenthalt in Russland. Zwischen 2013 und 2019 fliegt er laut den geleakten Daten ziemlich oft von München oder Wien nach Moskau und Sankt Petersburg. Insgesamt ist er anscheinend 13-mal nach Russland eingereist. Seit 2019 sind keine Flüge mehr nach Russland dokumentiert. Allerdings reiste der Ingenieur seither zumindest einmal in die Ukraine.

Einladung nach Moskau Zwei Monate nach dem Posting fliegt der Ingenieur nach Russland. Illustration: Julian Rentzsch für JETZT

Laut unseren Informationen wurde die österreichische Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) erst vergangenes Jahr auf den mutmaßlichen Geheimdienstagenten Sergei K. aufmerksam. Was hat der Staatsschutz dagegen unternommen? Auf unsere Anfrage gibt man sich bedeckt: Der Sachverhalt sei bekannt, die Ermittlungen würden aber nicht gegen Mitarbeiter von VTA Austria GmbH laufen. Diese würden sich bisher kooperativ zeigen. Unsere Fragen zu Sergei K. will die DSN aus ermittlungstaktischen Gründen nicht beantworten. Sie ersucht um Verständnis.

Ein mutmaßlicher russischer Agent freundet sich also mit einem wichtigen Mitarbeiter der VTA Austria GmbH an, der immer wieder nach Russland reist. Die DSN wird auf den mutmaßlichen russischen Spion aufmerksam und kontaktiert VTA sowie den Ingenieur. Hat sich die Sache damit erledigt? Ist hier gerade noch Schlimmeres verhindert worden? Nicht ganz, das war noch nicht alles.

In unserer Recherche stoßen wir auf etwas Merkwürdiges:

Etwas stimmt mit den Reisedaten des VTA-Ingenieurs nicht. Wir sehen in den geleakten Flugdaten, dass der Ingenieur immer wieder nach Russland geflogen ist, doch laut den Grenzüberschreitungsdaten hat er die russische Grenze nie passiert. Es scheinen keine Grenzübertritte vom Ingenieur in den Datenbanken auf, sein Passfoto jedoch schon. Das bedeutet, dass sein Reisepass zwar gescannt wurde, seine Grenzübertritte dann aber irgendwie verschwunden sind. Diese Grenzüberschreitungsdaten werden vom russischen Inlandsgeheimdienst, dem FSB, verwaltet.

Hat der FSB die Daten absichtlich gelöscht? Doch wieso sollte Russland daran interessiert sein, die Reisen eines Chemie-Ingenieurs zu verschleiern? Wir wissen es nicht. Normalerweise, sagt Christo, löscht der FSB nur Grenzübertritte seiner eigenen Geheimdienstagenten, oder eben von Leuten, die für ihn nützlich sind. Möglich wäre auch, dass die Daten durch einen seltenen Systemfehler verschwunden sind – ausschließen lässt sich das nicht.

Und was sagt der Ingenieur zu all dem?

Kurz vor Redaktionsschluss erhalten wir eine E-Mail von ihm. Er ist „verunsichert und bestürzt“ nachdem wir ihm unsere Rechercheerkenntnisse mitteilen. Zu keinem Zeitpunkt habe er auch nur den geringsten Verdacht gehabt, dass er in das Interesse der russischen Behörden gelangt sein könnte. Auch von möglichen manipulierten Reisedaten habe er keine Kenntnis. Der Ingenieur erzählt, dass er Sergei K. auf einer Reise nach Russland kennengelernt hat. K. sei ihm als Fahrer zur Verfügung gestellt worden. Er habe „einen losen beruflichen Kontakt (…) aufgebaut und gehalten“. Der Ingenieur bestätigt auch ein weiteres Treffen während der Summer School, die am VTA-Campus in Rottenbach stattgefunden hat. Diese Treffen mit K. seien aber in keinster Weise auffällig gewesen. In den Gesprächen sei es lediglich um Grundlagen der Abwasserreinigung gegangen, sonst habe sich der Kontakt auf „small talk“ beschränkt. Auch die Firma VTA Eurasia oder Sergei K.’s Tätigkeiten für diese seien ihm bis zu unserer Anfrage nicht bekannt gewesen. Es gebe außerdem keine Anzeichen dafür, dass der mutmaßliche Geheimdienstagent an sensible Informationen gelangt sein könnte, teilt der Ingenieur mit. Die VTA und er sehen sich als Opfer.

Und was bedeutet das alles für unsere Sicherheit?

Wir wissen nicht genau, welchen Einfluss oder welche Informationen Sergei K. bekommen hat. Doch in jedem Fall ist es bemerkenswert, dass jahrelang niemand den mutmaßlichen russischen Spion enttarnt hat – weder das Unternehmen noch die Behörden.

„Wenn jemand mit schlechter Absicht die Steuerung über eine Kläranlage übernehmen würde, kann ich mir viele unangenehme Punkte vorstellen“, sagt die Abwasserexpertin Heide Müller-Rechberger. Wie genau eine Kläranlage manipuliert werden kann, führen wir an dieser Stelle natürlich nicht aus. Doch Müller-Rechberger erklärt: „Kläranlagen haben Aggregate und elektrotechnische Einrichtungen, die sie zukaufen. Jedes Aggregat ist prinzipiell ein potenzielles Opfer von Angriffen. Kläranlagen sind aber auch so designt, dass es Redundanzen gibt. Nicht jeder Angriff würde sofort zu einem völligen Zusammenbruch der Kläranlage führen.“

In den vergangenen Wochen stand Russlands hybride Kriegsführung immer wieder im Fokus. Darunter versteht man den Versuch Russlands, mit nichtmilitärischen Mitteln Unruhe in feindlichen Staaten zu stiften, etwa durch Propaganda, Cyberangriffe oder zuletzt durch Drohnen im EU-Luftraum. Könnte auch der Abwassersektor ein Ziel solcher Angriffe sein? „Theoretisch ja“, sagt Müller-Rechberger.

„Aber es gibt andere Bereiche, die möglicherweise noch kritischer sind. Wenn man Unruhe in ein System bringen will, ohne Menschen akut zu schaden, dann vielleicht auch die Abwasserreinigung – je nach Ziel einer hybriden Kriegsführung.“

Selbst wenn es dem russischen Geheimdienst nicht darum ging, Abwassersysteme in Österreich zu manipulieren: Sergei K. war im Umfeld von VTA auf jeden Fall strategisch gut platziert. Das Unternehmen stellt Technologien für Abwasserreinigung weltweit bereit – auch in der Ukraine, wo Russland seit Beginn des Angriffskrieges immer wieder gezielt Wasser- und Abwasserinfrastruktur zerstört.

VTA-Gründer Ulrich Kubinger verurteilt in einem Fernsehinterview die russischen Angriffe:

„Was die Russen dort gemacht haben, ist zu verurteilen. Das ist Ökozid – böswillige Zerstörung der Wasserquellen, der Brunnen, (…), der Oberflächengewässer.“

In einem hauseigenen Werbevideo auf YouTube unterstreicht er seine Unterstützung für die Ukraine und sagt: „Es ist unsere moralische Verpflichtung, dort zu helfen – das Lebensrecht Wasser wieder den Menschen zurückzugeben.“

Doch wie konnte ein mutmaßlicher russischer Geheimdienstagent so nahe an einen der wichtigsten Abwasserkonzerne Europas gelangen? Trotz mehrerer Interviewanfragen wollte der Unternehmensgründer und Geschäftsführer Ulrich Kubinger nicht mit uns sprechen. Stattdessen bekommen wir elektronische Post vom Firmenanwalt Mag. Christian Schödl. Unser Bericht wäre ein „Rohrkrepierer“ und etwaige interne Aufarbeitungen hätten uns „nicht zu interessieren“. Er droht uns mit einer Schadensersatzklage jenseits der 10 Millionen Euro. VTA Austria hätte die russischen Firmen VTA Nord-West, VTA St. Petersburg und VTA Eurasia bisher nicht gekannt, man stünde in „keinem persönlichen, rechtlichen, wirtschaftlichen oder sonstigen Zusammenhang“. Und man würde „rechtliche Schritte gegen die rechtswidrige Verwendung der Firmenbezeichnung“ einbringen. Generell sei VTA Austria weder direkt oder indirekt in Russland tätig. Auch den Vertriebsleiter Sergei K. von VTA Eurasia würde man nicht kennen. „Ob dieser Herr beim russischen Geheimdienst tätig bzw. Mitglied einer russischen Spezialeinheit ist, ist meinem Mandanten nicht bekannt.“ Der Anwalt schreibt auch, es sei „krass wahrheitswidrig“, dass K. eng mit der VTA verbunden ist oder öfters im Labor, auf Messen und bei Vorträgen war. Auch eine Freundschaft zwischen dem VTA-Ingenieur und dem Geheimdienstagenten bestreitet die Firma. Der Anwalt bestätigt allerdings, dass der langjährige Mitarbeiter von der Direktion für Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) als Zeuge vernommen wurde.

Selbst das Tätigkeitsfeld von VTA bestreitet man. Es sei unrichtig, dass VTA auch in der Trinkwasseraufbereitung tätig ist. Der Anwalt schreibt: „(…) um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, hätte ein kurzer Blick auf die Homepage meiner Mandantin genügt.“ Diesen erneuten Blick haben wir gewagt. Auf der Website steht: „maßgeschneidertes Lösungskonzept - ob für die Abwasser-, Brauchwasser oder Trinkwasseraufbereitung.“ Doch kurz nach unserer Anfrage verschwindet das Trinkwasser von der Homepage. Es habe sich um ein redaktionelles Missverständnis gehandelt, teilt uns der Anwalt mit.

Wir bekommen eine zweite E-Mail vom Anwalt von VTA Austria. Darin heißt es dann, dass ein Sergei K. sehr wohl bei VTA zu Besuch war. Aber es würde sich „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ um eine Verwechslung handeln. Der Mann sei Student und nicht Agent. Der Anwalt schreibt: „Zu Ihrer Beruhigung darf ich jedoch mitteilen, dass weder im VTA-Labor noch bei den Vorträgen sicherheitsrelevante Themen besprochen oder Betriebsgeheimnisse offengelegt werden. Meine Mandantin wäre im Übrigen stolz, wenn der russische Geheimdienst durch ihre Vorträge über die Bedrohung durch Mikroplastik in unserer Umwelt sensibilisiert worden wäre.“

Kurz vor Redaktionsschluss läutet unser Telefon. Es ist Christian Schödl, der Anwalt von VTA. Sein Mandant hat ihn angewiesen, nun doch mit uns zu reden. Auf unsere Frage, wie sich VTA Eurasia anscheinend unbemerkt als offizieller Vertreter der VTA in Russland und Belarus ausgeben konnte, antwortet er, dass die VTA eben ein „schillerndes Unternehmen“ sei, und, „dass da natürlich immer wieder in anderen Ländern Personen bestrebt sind, sich als exklusiver Vertriebspartner oder als Kooperationspartner auszugeben.“ Schödl bleibt dabei: In Russland sei VTA nie aktiv gewesen. Zu den Aktivitäten des mutmaßlichen russischen Geheimdienstagenten Sergei K. und dazu, was dieser bei der VTA angerichtet haben könnte, sagt er: „Gar nichts.“ Und weiters:

„Sollte sich herausstellen, dass es sich um einen Geheimagenten handelt, was, wie gesagt, die VTA nicht herausfinden wird können, dann ist sie natürlich geschockt, dass sie da offenbar Mittel und Zweck war.“

Dass es zu einem Technologie- oder Wissenstransfer gekommen sein könnte, schließt Schödl aus.

Und was ist mit dem Geheimdienstagenten passiert?

Wir haben natürlich versucht, Sergei K. zu kontaktieren, aber mehrere Versuche sind ins Leere gegangen. Er war für uns nicht erreichbar. Laut den geleakten Reisedaten ist Sergei K. seit 2021 nicht mehr aus Russland ausgereist, zumindest nicht unter einem der beiden Namen, die wir kennen. Mittlerweile wäre das auch gar nicht mehr möglich gewesen, denn durch die Recherchen von Christo und anderen Journalistinnen und Journalisten sind die Fake-Identitäten der 29155 Agenten den Behörden heute bekannt.

Aber es schaut so aus, als würde das Sergei K. nicht daran hindern, Aktivitäten für die Unit auszuführen. Jetzt eben aus Russland. Für Sergei K. gilt die Unschuldsvermutung. Und darüber, was er in Russland anscheinend so macht, erzählen wir euch bald mehr im zweiten Teil.

Hast du Ideen für andere Recherchen oder vertrauliche Hinweise zu dieser Story? Dann melde dich bitte unter [email protected] oder [email protected].

Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas