Warum reden wir immer noch so wenig über Menstruation? Und was braucht es, damit sie in unserer Mitte ankommt?

Vor etwas mehr als einem Jahr wurde der erste österreichische Menstruationsbericht veröffentlicht. Was hat er verändert und was ist noch zu tun?

Warum reden wir immer noch so wenig über Menstruation? Und was braucht es, damit sie in unserer Mitte ankommt?
Illustration: Laura Breiling

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Der Psychologe Charles Goetzinger hat in den 60ern seinen Studierenden an der Oregon State University einen schwarzen „Sack“ untergejubelt. Konkreter: Ein Mensch, der in schwarzen Stoff gehüllt war, hat sich immer wieder ohne Ankündigung und weiteren Kommentar zu den Studierenden gesetzt. Niemand kannte ihn. Erst waren die Studierenden dem Sack gegenüber feindselig, dann neugierig und schließlich freundschaftlich. Er wurde quasi zu ihrem Maskottchen. Psychologe Goetzinger wollte mit diesem kleinen Experiment zeigen, dass Dinge wahrhaft, glaubhaft, nah werden, wenn man nur oft genug mit ihnen konfrontiert wird – egal, wie schräg sie auf den ersten Blick wirken. Das Ganze nennt sich „Illusory-Truth-Effekt“. Die Kolleginnen und Kollegen von der Süddeutschen Zeitung haben das 2019 in einem anderen Kontext genauer unter die Lupe genommen.

Da sitzt noch ein „Sack“ in unserer Mitte, bei dem sich dieser Effekt anscheinend auch nach Jahrhunderten nicht einstellen will. Er sitzt nicht in einer Uni in den 1960er-Jahren, sondern in so ziemlich jedem Raum, wo Menschen zusammenkommen. Er ist rot. Ich will in dieser Geschichte herausfinden, warum wir immer noch wenig über Menstruation sprechen. Warum wir sie nicht in unserer Mitte aufnehmen. Warum wir uns ihr nicht zuwenden.

Wo die Frage gestellt wird, ob wir mehr über Menstruation reden müssen, gibt es ein paar Reaktionen, die immer wiederkehren. Bei dieser Recherche sind sie mir alle begegnet. Erstens: Abfinden. „Menstruation ist und bleibt ein Tabuthema.“ Zweitens: Wünschen. „Menstruation sollte kein Tabuthema mehr sein. Lasst uns doch was dagegen tun.“ Drittens: Ablenken. „Menstruation ist doch ganz natürlich. Wir sollten über andere Sachen reden.“ Viertens: Denkmale setzen. „Wir akzeptieren nicht, dass immer noch nicht über Menstruation geredet wird. Schaut hin!“

Ein paar Beispiele für Denkmale

Ein paar Beispiele für Denkmale: Anfang der 1970er bringen Vertreterinnen der zweiten Frauenbewegung im geteilten Deutschland eigene Gesundheitsratgeber heraus und klären über den weiblichen Körper auf. In den 2010ern begründet die Autorin und Aktivistin Chella Quint die #periodpositivity-Bewegung und veröffentlicht ein Aufklärungsbuch dazu. Die deutsche Übersetzung: Mut zum Blut. Ende der 2010er bringen lokale Influencerinnen und Influencer Menstruationswissen mithilfe der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Communities auf der ganzen Welt. Der Titel der Kampagne: #LetsTalkPeriod. Mit dabei sind auch einige männliche Influencer. Warum es wertvoll ist, Männer in den Diskurs über Menstruation einzubeziehen, schauen wir uns etwas später an.

Relativ neu im öffentlichen Diskurs über Menstruation ist das Fakten schaffen und über Fakten reden. Zumindest in Österreich. Okay, wissenschaftliche Studien und Artikel zum Thema Menstruation gibt es schon lange. Die kommen in der Regel aus dem Ausland. Eine ausführliche, repräsentative und vor allem lebensnahe Erhebung zum Thema Menstruation gibt es in Österreich erst seit 2024. Da hat der damalige Gesundheitsminister Johannes Rauch den ersten Menstruationsbericht vorgestellt. Entstanden ist er aus dem Frauengesundheitsbericht 2022 – ebenfalls ein Rauch-Produkt. 1332 Personen zwischen 14 und 60 Jahren wurden damals befragt. Die Antworten und Erlebnisse der Befragten wurden ergänzt durch die Einschätzung von Expertinnen und Experten, die in unterschiedlichen Kontexten mit Menstruierenden arbeiten – Sozialarbeitende, sexualpädagogische Fachkräfte, Beratende zum Beispiel.

Seit dem Bericht wissen wir, dass in Österreich das Durchschnittsalter bei der Menarche bei 13,8 Jahren liegt (Menarche ist der Fachbegriff für die erste Menstruationsblutung). Wir wissen auch, dass sich im Schnitt 19,3 % der Befragten bei der Menarche uninformiert und völlig unvorbereitet gefühlt haben. 11,4 % fühlen sich im Allgemeinen weniger gut bis gar nicht gut über Menstruation und Zyklus informiert. Auch wenn der Bericht zeigt, dass sich über die vergangenen Jahrzehnte etwas getan hat – die jüngste Befragtengruppe fühlt sich am informiertesten –, gibt es noch genug zu tun.

„Da kommt in dem Bericht ganz klar heraus, dass es absolut noch Aufklärungs- und Informationsarbeit braucht in die Bevölkerung hinein.”

Das sagt Sylvia Gaiswinkler. Sie ist Soziologin und Senior Health Expert beim Public-Health-Institut Gesundheit Österreich. Außerdem ist sie Erstautorin des Menstruationsberichts. Die Resonanz auf den Bericht hat sie positiv überrascht. Viele Frauen- und Mädchenberatungsstellen waren dankbar, dass sie endlich eine belastbare Daten- und Argumentationsgrundlage haben. Ein paar Medien haben den Bericht auch aufgegriffen. Damals bei der Präsentation des Berichts seien von fünf anwesenden Journalist:innen vier männlich gewesen, sagt Gaiswinkler. Laut sein war nicht das Ziel. Es wurde hingeschaut, ein Daten-Denkmal gesetzt. Und ein paar Maßnahmen wurden auch daraus abgeleitet. Zum Beispiel hat Gesundheit Österreich ein Informationsvideo produzieren lassen, das in zwölf Sprachen übersetzt worden ist. Da wird in einfachen Worten erklärt, was Menstruation ist und wohin man sich mit Fragen wenden kann. Sylvia Gaiswinkler meint, dass es noch mehr Informationsmaterial brauche. Vor allem Informationsmaterial für unterschiedliche Zielgruppen. Der Menstruationsbericht zeigt nämlich deutliche Unterschiede auf.

Menstruierende aus einem Haushalt mit höherem Einkommen fühlen sich zum Beispiel informierter. Sie wenden sich bei Fragen auch deutlich häufiger an Fachmediziner. Bildung spielt ebenfalls eine Rolle. Je höher zum Beispiel der formale Bildungsabschluss, desto einfacher scheint es zu sein, die notwendigen Informationen von Ärztinnen und Ärzten zu bekommen. Wenig überraschend fällt auch der Lebenskontext ins Gewicht. Das befragte Expertenteam, das sich im Rahmen des Menstruationsberichts mit dem Thema Chancengerechtigkeit beschäftigt hat, unterstreicht im Bericht, dass Scham und Rückzug für marginalisierte Personengruppen eine große Rolle spielen.

Health Expert Gaiswinkler sieht nicht nur Aufholbedarf bei Informations- und Aufklärungsmaterialien. Es gebe für unterschiedliche Bereiche der Gesellschaft noch eine Menge zu tun. Sie sagt zum Beispiel, dass es immer noch vorkommt, dass Ärztinnen und Ärzte Schmerzen, die mit Menstruation zu tun haben, nicht ernst genug nehmen. Endometriose werde so zum Beispiel oft nicht frühzeitig erkannt. Endometriose, eine Erkrankung, die zu Entzündungen, Vernarbungen und starken Schmerzen im Unterleib führen kann, sei keine Randerscheinung, sondern komme so häufig vor wie Diabetes. Darüber könnte man eine eigene Geschichte schreiben. Wenn euch das interessiert, schreibt es hier in die Kommentare.

Die Schmerzen und Beschwerden vor und während der Menstruationsblutung – allen voran Unterleibsschmerzen, Krämpfe, veränderter Appetit und Unwohlsein – schränken Menstruierende in so ziemlich allen Lebensbereichen ein. Gaiswinkler sieht deswegen so ziemlich alle gesellschaftlichen Systeme in der Verantwortung, offen mit Menstruation umzugehen und darauf einzugehen. Sie nennt das Beispiel Schule: „Sind Mädchen aufgrund von Schmerzen so eingeschränkt, dass sie zum Beispiel die Schule tageweise nicht besuchen können, dann würde ich schon sagen, dass man sich als Schulsystem zumindest damit beschäftigen sollte. Es sind viele Mädchen, die das betrifft. Oder das Vermeiden von Sportunterricht aufgrund der Menstruation.“

Von welchen Vorbildern kann Österreich da noch etwas lernen?

Es gibt Beispiele, in denen Systeme tatsächlich und ganz konkret auf die Realität von Menstruierenden eingehen. Spanien hat z. B. vor Kurzem als erstes europäisches Land einen gesetzlichen Anspruch auf Menstruationsurlaub eingeführt. Aber wie steht es um Menstruationsaufklärung? Von welchen Vorbildern kann Österreich da noch etwas lernen? „Ich würde tatsächlich auch auf Länder des Südens schauen. Wie dort mit dem Thema umgegangen wird. Weil dort eben zum Teil wirklich innovative Projekte passieren, um Mädchen zu informieren und zu unterstützen“, sagt Gaiswinkler.

Also: Ab in den Süden. Der führt in meinem Fall über den Wiener Westbahnhof und dann zur Mariahilfer Straße. Es ist noch wenig los. Ich stecke mir eine Zigarette an und setze mich auf eine Bank. Eine ältere Frau in beigefarbenem Mantel geht im Zeitlupentempo an mir vorbei. Sie schleppt ein zerknautschtes Leiner-Sackerl mit sich. Unsere Blicke treffen sich, sie lächelt mich an. „Sie haben’s auch nicht leicht, gell?“ Es ist recht früh am Tag und ich sehe ähnlich zerknautscht aus wie ihr Sackerl. Außerdem bin ich mit meinen Gedanken tief in dieser Geschichte hier. Ich lache kurz und antworte: „Ne, ne. Bei mir alles gut.“ „Nicht den Kopf hängen lassen“, sagt sie noch und verabschiedet sich. „Ne, ne“, sage ich, dämpfe die Zigarette aus und mache mich auf den Weg zum Interview.

In einem der schick verzierten Bauten direkt an der Mariahilfer Straße teilen sich die gemeinnützigen „RAIN WORKERS“ ein Büro mit anderen Organisationen. „THE RAIN WORKERS bilden Expertinnen und Experten in afrikanischen Ländern aus, die in ihren Communities in lokalen Sprachen sexualpädagogische Aufklärung betreiben.“ So steht es auf ihrer Website. Da erzählen sie auch, wie ihre Arbeit ins Rollen gekommen ist. 1989 soll die niederösterreichische Gynäkologin Maria Hengstberger bei einem Einsatz in Äthiopien eine Frau vor dem Verbluten gerettet und schließlich die „Aktion Regen“ gegründet haben. Das Regentropfensymbol in ihrem Logo soll für fruchtbares Wissen stehen.

Ich treffe Maggie Hassek und Henry Ouma. Sie bieten mir das Du an, ich nehme es an. Maggie ist Sozialpädagogin. Sie arbeitet im Wiener Büro, ist aber auch immer wieder unterwegs in den Einsatzländern der Organisation. Henry ist Geschäftsführer von „Get Water Uganda“, einer gemeinnützigen Partnerorganisation der „RAIN WORKERS“. Außerdem ist er selbst ein von den „RAIN WORKERS“ ausgebildeter Trainer für sexualpädagogische Aufklärung. Zum Einstieg ins Gespräch frage ich ihn, wie man in seinem Heimatland Uganda zur Menstruation sagt: „Wir nennen es ,going to the moon‘. Wenn man sagt, ,I have gone to the moon‘, meint man den Menstruationszyklus. Wir sagen auch manchmal ,I have knocked my leg‘.“

Über Menstruation sprechen Henry Ouma und Maggie Hassek (Foto: JETZT)

Zum Mond fliegen oder das Bein anstoßen also. Henry sagt mir, dass unterschiedliche Communities in Uganda noch andere Begriffe verwenden. „Menstruation“ werde nicht verwendet bzw. könne nicht verwendet werden. Er sagt, das sei ein kulturelles Problem. Menstruation werde als „unrein“ angesehen. Während der Blutung solle zum Beispiel kein Essen zubereitet werden; überhaupt solle man sich während der Blutung nicht mit anderen Menschen aufhalten. All das sei Tradition und schwer zu durchbrechen, sagt Henry: „Für manche Mädchen ist [ihre erste Menstruation] ein Schock. Sie erleben sie zum ersten Mal und wissen oft nicht, was in ihrem Körper geschieht. Meiner Ansicht nach ist noch viel zu tun, um Aufklärung zu fördern und das damit verbundene Stigma abzubauen.“

Ihr erinnert euch: Die erste Menstruationsblutung vollkommen unvorbereitet und uniformiert zu erleben, ist auch in Österreich für einige Menstruierende Realität. Die „RAIN WORKERS“ versuchen mit ihren Partnerorganisationen, Stigmata, die zu solchen Erlebnissen führen, zu durchbrechen. Einerseits dadurch, dass Menschen aus den Communities Wissen in die Communities bringen, andererseits dadurch, sichere Räume für Menstruierende zu schaffen. Henry erzählt mir von einem seiner Herzensprojekte, den MHMUs – Menstrual Health Management Units. Das sind kleine Häuschen auf Schulgeländen. Dort bekommen Schülerinnen frisches Wasser und Ersatzkleidung. Sie können sich waschen und umziehen. Außerdem gibt es Hygieneartikel und Sitzmöglichkeiten zum Ausruhen und zum Austauschen.

MHMUs sind kleine Menstruationshäuschen auf Schulgeländen (Foto: THE RAIN WORKERS)

Sie fühlen sich viel wohler und verpassen tatsächlich keinen Unterricht mehr. Früher konnten sie während ihrer Menstruation nicht zur Schule kommen, weil sie keine Hygieneartikel hatten. Ihre Uniformen waren befleckt. Sie hatten ihre erste Periode und wussten nicht, was sie tun sollten “, sagt Henry. Die Menstruationshäuschen tragen also dazu bei, dass Schülerinnen weniger Schulzeit verpassen. Maggie erzählt mir, dass die „RAIN WORKERS“ an anderer Stelle auch erfinderisch geworden sind. Sie haben für die Aufklärungs-Workshops Anschauungsmaterial entwickelt.

Die „Little Mom“ zum Beispiel ist ein handgenähtes Gebärmuttermodell. Und dann gibt es noch die Zykluskette aus 30 unterschiedlich farbigen Perlen und einem verschiebbaren Gummiring. Ein Bild von so einer Kette habe ich euch in den Text gepackt. Die Zykluskette soll Menstruierenden Orientierung über ihren Zyklus geben. Maggie meint, die Kette sei auch hilfreich dabei, hormonelle Veränderungen im eigenen Körper zu verstehen und zu erkennen. Die hormonellen Veränderungen während des Zyklus würden oft zu wenig beachtet.

Eine Kette zur Orientierung über den eigenen Zyklus (Foto: THE RAIN WORKERS)

Was Henry und Maggie immer wieder betonen: Bei jeder Form von Aufklärung über Menstruation sei ein „comprehensive approach“ wichtig. Sie meinen damit, nicht nur Menstruierende zu beraten und zu begleiten, sondern auch ihr Umfeld einzubinden. Dazu gehören ihrer Meinung nach unter anderem politische Akteure, Glaubensführerinnen und angesehene Personen in den Communities. Männer einzubeziehen in diesen „comprehensive approach“ spiele eine wesentliche Rolle, meinen die beiden. Henry hat selbst Erfahrung damit, wie schwer es sein kann, sich von den eigenen Vorurteilen zu lösen und sich dem Thema Menstruation zuzuwenden: „Die kulturelle Überzeugung in meinem Kopf zu überwinden, hat viel Übung und zahlreiche Gespräche gebraucht. Nach und nach habe ich erkannt, dass es sich dabei eigentlich um eine ganz normale biologische Entwicklung bei Mädchen, Müttern und Frauen in meiner Community handelt.“

Maggie sagt, es sei nicht unbedingt schwerer, Männer zu Aufklärungstrainern auszubilden, weil Frauen eben auch Vorurteile mit sich tragen, die die Arbeit erschweren können. Was sie aber bemerkt, wenn die Diskussion über Menstruation zwischen den Geschlechtern gelingt, beschreibt Maggie als Magie:

„Das ist die Magie, über Menstruation zu sprechen. Sie schafft diese Augenhöhe und diesen Respekt. Auch für die Frauen, die all ihre Erfahrungen und ihr hilfreiches Wissen weitergeben. Das ist eine wunderbare Erfahrung, die ich gemacht habe.“

Die Frage nach der Verantwortung von Männern im offenen Diskurs über Menstruation hat mich nicht losgelassen. Darum habe ich mit der Sexualpädagogin Sabine Ziegelwanger gesprochen, die schon seit 20 Jahren Erwachsene – unter anderem Lehrkräfte – berät, unterrichtet und begleitet. „Es ist wirklich auffällig, dass da wenig Wissen vorhanden ist, und das führt natürlich dazu, dass sie menstruierende Menschen nicht unterstützen können, diese Empathiefähigkeit, dieses Verständnis für körperliche Vorgänge nicht haben und gleichzeitig aber auch gewisse Mythen reproduzieren. Möglicherweise auch abwerten oder Abwertungen reproduzieren“, sagt Ziegelwanger.

Im Menstruationsbericht kommt klar heraus, dass Personen ohne Regel nicht die erste Anlaufstelle bei Fragen sind. Gerade mal 3,3 % der Befragten haben angegeben, dass sie sich bei Fragen zu ihrer Regelblutung an Bezugspersonen ohne Regel wenden; 2,1 % an Familienmitglieder ohne Regel.

Was Männer über Menstruation wissen? Die einzigen Daten, die es dazu aus Österreich gibt, stammen aus einer Umfrage von erdbeerwoche.com, einem österreichischen Social Business, das sich auf das Thema Menstruation spezialisiert hat. 2017 wurden 1100 Teenager über Menstruation und Zyklus befragt. 40 % der Befragten waren männlich. Da kam raus, dass jeder dritte Teenager wusste, was Menstruation überhaupt ist, 70 % das Thema peinlich finden und 53 % glauben, dass Menstruation der Verhütung diene. Das ist natürlich nur eine winzig kleine Momentaufnahme.

Sexualpädagogin Ziegelwanger meint, dass das Nichtzuwenden oder Nichtwissen von Männern unserer Sozialisation entspringe. Das habe unter anderem damit zu tun, dass immer noch Männlichkeitsbilder vorgelebt werden, die weder über die eigene noch über die Sexualität anderer Geschlechter sprechen, geschweige denn über Menstruation. Dass viele Männer immer noch nicht an der „Culture of Care“, also einer gesamtgesellschaftlichen Fürsorge füreinander, beteiligt sind, habe ebenfalls damit zu tun.

Ein kleiner Tipp an dieser Stelle: Die Kolleginnen und Kollegen von Deutschlandfunk haben sich 2024 gefragt, wie sich unser Blick auf Menstruation verändert hat. Menstruationsmythen und die Benachteiligung von Menstruierenden spielen in der aufwendig gestalteten Audio-Geschichte eine große Rolle.

Ziegelwangers Idee, wie es im Diskurs über Menstruation einen Schritt Richtung Miteinander gehen kann: „Da braucht es mal einen Move von den Männern, mehr in das Interesse und die Notwendigkeit für Care auf unterschiedlichen Ebenen reinzufinden, weil es im Endeffekt für uns alle ein großer Zugewinn ist, wenn auch Männer Bezugspersonen werden für Kinder, Jugendliche oder ihre Partnerinnen und Partner in Bezug auf deren Körperlichkeiten.“

Mittlerweile finde ich das Bild, das ich am Anfang der Geschichte aufgemacht habe, total schräg. Da sitzt kein roter „Sack“ in unserer Mitte, über den wenig geredet wird, dem wir uns nicht zuwenden und den wir nicht in unserer Mitte aufnehmen. Da sitzt mehr als die Hälfte aller Menschen in unserer Mitte. Sie menstruieren. Die reine, kommentarlose und wiederholte Konfrontation damit führt anscheinend nicht dazu, dass wir anerkennen, dass Menstruation wahrhaft und glaubhaft wird, dass sie zu uns allen gehört. Der „Illusory-Truth-Effekt“ wird sich nicht einstellen. Den braucht es auch nicht. Es braucht Auseinandersetzung.

Was es für diese Auseinandersetzung braucht, haben wir in dieser Geschichte angerissen. Es braucht mehr Aufklärung für Menstruierende – am besten mit Informationsangeboten, die unterschiedliche Zielgruppen erreichen. Arbeits-, Bildungs- und Gesundheitssysteme müssen Menstruationsbeschwerden und -schmerzen ernst nehmen. Wir können von anderen Ländern lernen, die innovative Wege finden, über Menstruation zu sprechen und Stigmata zu brechen. Alle relevanten Stakeholder einzubeziehen, die Veränderung möglich machen können, kann hilfreich sein. Männer müssen einen Schritt Richtung gesamtgesellschaftlicher „Culture of Care“ machen. Vielleicht ist dann Auseinandersetzung möglich. Vielleicht ist dann möglich, dass Menstruation in unserer Mitte ankommt.

Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas