Die Social-Media-Riesen machen uns kaputt aber vielleicht können wir Social Media reparieren

Während sich Österreich und andere Länder den Kopf über Social-Media-Verbote zerbrechen, versuchen einzelne, Social Media wieder etwas mehr social zu machen.

Die Social-Media-Riesen machen uns kaputt aber vielleicht können wir Social Media reparieren
Montage: Hedi Lusser/JETZT

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Ich sage es gleich vorweg: Diese Story ist ein bisschen nerdy. Ganz ohne Fachbegriffe und technischen Schnickschnack bin ich nicht ausgekommen. Wir machen es einfach so: Wenn du irgendwo gedanklich aussteigst, scrolle eine Runde durch deinen Facebook-, Insta-, X- oder TikTokfeed. Hirn auslüften. Wenn du nicht hängen bleibst und nach einer halben Stunde vergessen hast, was du eigentlich machen wolltest, komm wieder zurück. Wir schauen uns nämlich unterschiedliche Ansätze an, wie man die hinnigen Social Media wieder hinkriegen oder reparieren kann. Und - auch das sage ich schon zu Beginn - „Social Media“ ist natürlich viel zu allgemein. Was hin ist und uns kaputt macht, sind die wirklich großen Social Media Plattformen. Die, die Milliarden Menschen weltweit nutzen. Die, die aus unserer Zeit, Aufmerksamkeit und Emotion Geld machen. Die Social Media oder SM-Riesen.

Wenn du JETZT schon eine Weile lang hörst oder liest, weißt du, was bei den SM-Riesen schiefläuft. Falls du erst seit Kurzem dabei bist, schau dir unsere Reihe „Die Evolution der digitalen Welt“ an. Da bekommst du einen ganz guten Überblick. Im Wesentlichen kann man sagen: Die SM-Riesen fördern affektive Polarisierung, gefährden den demokratischen Diskurs, beeinflussen unsere intimsten Beziehungen und beeinträchtigen unsere psychische Gesundheit massiv.

Und jetzt verbieten Erwachsene, die die SM-Riesen knapp 20 Jahre lang mit Zeit, Aufmerksamkeit, Daten und Geld gefüttert haben, Jugendlichen, die SM-Riesen zu nutzen. Das klingt unfair, macht aber vermutlich Sinn. Stichwort: ernst zu nehmender Jugendschutz im digitalen Raum. Einfach ist es so oder so nicht. Das sehen wir ja in Österreich. Im Sommer soll der Gesetzesentwurf zum Social-Media-Verbot für Kinder unter 14 Jahren am Tisch liegen. Bis dahin müssen noch einige Fragen geklärt werden.

Welche Plattformen sollen verboten werden? Im Moment ist sinngemäß die Rede von Plattformen, die Inhalte algorithmisch verbreiten, zu Suchtverhalten führen, Cybermobbing fördern oder Desinformation verbreiten. Das wären dann mal sicher alle SM-Riesen wie Facebook, Instagram, X oder TikTok. Zieht das Gesetz überhaupt bei ihnen und was blüht ihnen, wenn sie gegen das Gesetz verstoßen? Ist es überhaupt möglich, den Zugang zu den SM-Riesen datenschutzkonform zu beschränken? Und ist das Gesetz vereinbar mit den Kinderrechten auf Information und Meinungsäußerung? Mal schauen, ob die Expertinnen und Experten, mit denen die Bundesregierung aktuell spricht, ein bisschen Licht ins Dunkel bringen können.

On a positive note: Österreich ist im EU-Vergleich relativ früh dran, sich konkrete Gedanken über all das zu machen. Den Zugang zu bestimmten Social-Media-Plattformen zu beschränken, ist noch ziemliches “Neuland”. Und vermutlich ist es auch nicht schlecht, dass unterschiedliche Länder unterschiedliche Herangehensweisen wählen. Im besten Fall setzt sich ja dann die Lösung durch, die am meisten “Wumms” hat und am wenigsten andere geltende Gesetze beschneidet.

Sehr viele Verantwortungsträgerinnen und -träger beschäftigen sich gerade damit, den Schaden, den die SM-Riesen verursachen, zu minimieren - nicht nur durch Zugangsbeschränkungen für Minderjährige. Dann gibt es aber noch andere, die versuchen, Social Media neu zu denken, zu retten oder zu reparieren. Sie stellen die SM-Riesen auf den Prüfstand, setzen sich für Alternativen ein, experimentieren am Herzen von Social Media und basteln an „besseren“ Algorithmen. Lass uns das mal in Ruhe anschauen.

First off: „How To Build Up“. Das ist eine US-amerikanisch-kenianisch-deutsche NGO, die sich selbst auf die Fahnen schreibt, „an der Schnittstelle zwischen Friedensförderung und Technologie neue Instrumente für alte Probleme und alte Instrumente für neue Probleme einzusetzen“. „How To Build Up“ war es ein Dorn im Auge, dass die SM-Riesen auf ihren Plattformen affektive Polarisierung fördern. Ich habe vor nicht allzu langer Zeit einen ganzen Beitrag zu dem Thema gemacht. Nur kurz: Affektive Polarisierung beschreibt das negative Gefühl gegenüber Menschen, die andere Ansichten als wir haben. Die SM-Riesen profitieren natürlich davon. Wenn wir Inhalte von Menschen angezeigt bekommen, die besonders negative Gefühle in uns hervorrufen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir mit den Inhalten interagieren. Und je mehr wir davon zu sehen bekommen, desto größer das Gefühl, dass es in der weiten Welt da draußen „die Bösen“, „die Dummen“, „die Gefährlichen“ gibt - und natürlich uns, die vermeintlich Guten, Klugen, Harmlosen.

„How To Build Up“ hat sich vorgenommen, diese affektive Polarisierung auf den Plattformen der SM-Riesen sichtbar zu machen. Ihre Idee: Ein „Polarisierungsfußabdruck“, also quasi so etwas wie ein „CO₂-Fußabdruck“ für die, die das Miteinander in der Gesellschaft verschmutzen.

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Den größten "Polarisierungsfußabdruck" hat in Kenia die Social Media Plattform "X"

In Kenia haben sie die SM-Riesen schon auf den Prüfstand gestellt. Konkret haben sie sich drei Dinge angeschaut: inwieweit der Ton, der bei Facebook, YouTube und Co. angeschlagen wird, Negativität gegenüber einer bestimmten Menschengruppe ausdrückt, ob Nutzerinnen und Nutzer in der Kommentarspalte polarisierte Einstellungen hinterfragen und wie sehr sie sich in unterschiedlichen Inhaltsuniversen bewegen. Das Ergebnis: X (ehemals Twitter) hat den größten „Polarisierungsfußabdruck“, Facebook den kleinsten. YouTube, die Riesen-Plattform, die am meisten in Kenia genutzt wird, hat den zweitgrößten Abdruck.

Was könnte man mit diesem Rating anstellen? „How To Build Up“ hat drei Vorschläge: Polarisierung könnte besteuert werden. Dann müssten SM-Riesen, die besonders wild zu affektiver Polarisierung beitragen, auch dafür bezahlen. Der „Polarisierungsfußabdruck“ könnte auch als Faktengrundlage für EU-Regulierungsbehörden dienen, die für die Durchsetzung des Digital Services Acts zuständig sind. Außerdem könnte der Fußabdruck auch so etwas wie ein Gütesiegel sein. „How To Build Up“ meint, das könnte beeinflussen, welche Plattformen wir herunterladen und nutzen.

Das bedeutet natürlich eine Menge Goodwill und Durchsetzungskraft von wesentlichen Entscheidungsträgerinnen und -trägern. Nicht zuletzt müssten auch die SM-Riesen selbst bereit sein, ein paar Schritte des Weges mitzugehen.

Von den Riesen auf die Inseln

Die deutsche Initiative „Save Social“ ist eher skeptisch, dass die Riesen sich bewegen. Hinter der Initiative steckt eine echt beachtliche Liste an Künstlerinnen, Künstlern, Forscherinnen, Forschern, Journalistinnen, Journalisten und Tech-Nerds. Laut ihrer Website haben sie sich „zusammengetan, um das Internet zurückzuerobern und soziale Netzwerke als demokratische Kraft zu retten.“

Ihre klare Ansage: Es gibt gesellschaftsschonende Alternativen zu den SM-Riesen, also nutzen wir sie. Zu diesen Alternativen gehören laut „Save Social“ Mastodon, Friendica oder Peertube - allesamt Plattformen, die auf „ActivityPub“ basieren. Den Begriff für die Gesamtheit aller Server und Dienste, die über ActivityPub miteinander verbunden sind, hast du bestimmt schon mal gehört: „Fediverse“.

Ein bisschen einfacher: Es gibt die SM-Riesen Facebook, YouTube, X und Co. Die gehören einzelnen, milliardenschweren Konzernen. Auf der anderen Seite gibt es das Fediverse - ein noch relativ kleines, buntes Land mit vielen Inseln, die niemandem gehören - Friendica, Peertube, Mastodon z.B. Alle Inseln sprechen dieselbe Sprache ActivityPub. Grenzen gibt es nicht. Man kann also ganz entspannt hin und her reisen.

Das ist vielleicht alles ein bisschen sehr verkürzt, aber du verstehst hoffentlich, was ich meine. Die Initiative „Save Social“ hat ein paar sehr konkrete Vorschläge, wie man Menschen von den Riesen auf die Inseln bringt, zusammengefasst in einer Petition. Mehr als 260.000 Menschen haben sie bereits unterzeichnet.

„Save Social“ will z.B., dass öffentlich finanzierte Inhalte auch bei Fediverse-Diensten veröffentlicht werden müssen und öffentlich finanzierte Stellen mindestens gleich viel Effort in die Produktion von Fediverse-Inhalten stecken wie in den Content für die SM-Riesen. Sie rufen auch den Bund und die Länder dazu auf, in Angebote und Dienste aus dem Fediverse zu investieren. Nicht zuletzt fordern sie, dass Medienkompetenzbildung auch anhand von nicht kommerziellen Diensten passiert. Da kommt eine ganze Latte an Maßnahmen zusammen. Auch hier sind natürlich Entscheidungsträgerinnen und -träger gefragt, die sich trauen, neue Wege zu gehen.

Das Engagement von „Save Social“ geht aber über die Petition hinaus. Einmal pro Monat veranstaltet die Initiative mit anderen Organisationen den „Digital Independence Day“. Die Idee dahinter: Gemeinsam den Wechsel ins Fediverse zelebrieren. Für alle, die noch nicht in Feierlaune sind, gibt es auf der Seite des „Digital Independence Day“ ein paar Wechselrezepte zum Gustieren und Nachbacken.

Wir haben noch einen Blick ins Labor vor uns oder besser: in die Forschung. Es gibt nämlich hier in Österreich echt eine ziemlich toughe Forschungscommunity, die vielleicht auch etwas zur Rettung von Social Media beitragen kann.

Einen aus der Community habe ich an der TU Wien kennengelernt: Stefan Neumann. Er hat dort für den Forschungsbereich Machine Learning mit ein paar „Bachelor with Honours“-Studierenden ein Modell entwickelt, das „Meinungen in sozialen Netzwerken nicht als diametral entgegengesetzte Pole interpretiert, sondern als überlappende Bereiche auf Gruppenebene.“ Klingt kompliziert, ist es aber nicht.

Mit „Sozialen Netzwerken“ sind im Fall von Neumann und seinen Studis nicht nur Social Media gemeint, sondern theoretisch alle Netzwerke, wo einzelne Menschen interagieren. Manche Menschen interagieren positiv miteinander. Sie verstehen sich. Mit anderen verstehen sie sich nicht. Die verstehen sich aber untereinander gut. Da stehen also zwei Gruppen gegenüber. Alle der einen Gruppe haten alle der anderen Gruppe. Das wäre die klassische Erzählung von den zwei gegensätzlichen Polen.

Stefan Neumann und sein Team schauen sich in Sozialen Netzwerken keine Pole, sondern Intervalle an. (Foto: JETZT)

Neumann und sein Team haben angenommen, dass diese Erzählung zu verkürzt ist. Sie sind nicht mehr von einzelnen Menschen, sondern direkt von Gruppen ausgegangen, die deutlich differenzierter mit anderen Gruppen interagieren. Entstanden ist ein Modell, das Überlappungen zwischen Gruppen darstellt. Da, wo es Überlappungen zu anderen Gruppen gibt, gibt es eine positive Interaktion - also z.B. Zustimmung. Da, wo es keine Überlappungen gibt, ist die Interaktion negativ - keine Zustimmung.

Spannend ist, dass so Bereiche sichtbar werden, wo Teile mancher Gruppen mit Teilen anderer Gruppen d’accord sind, obwohl sie auf den ersten Blick nicht zusammengehören. Neumann spricht da von Intervallen: „Man kann halt für verschiedene Themen sich die Interaktionen anschauen: Wie interagieren die Leute zum Thema American Football oder österreichischer Fußball oder Theater? Und da kann man dann genauso sich diese Intervalle machen. Und wenn man da sieht, das zerfällt halt weniger, dann weiß man, da gibt es mehr Schnittmengen grundsätzlich. Und wenn man jetzt andere Themen hat, wie Klimaschutz oder so, da wird das halt wahrscheinlich mehr zerfallen. Dann sieht man, wie stark halt auch die Meinungen zersplittert sind.“

Ein Vorteil im Vergleich zu anderen Modellen, die das Miteinander von Menschen interpretier- und nutzbar machen, sei, dass ihr Modell deutlich datenschonender sei, meint Neumann: „Wir müssen bloß wissen, haben die Leute interagiert oder nicht, und wenn ja, freundlich oder nicht. Und das ist halt auch so eines der Learnings von dieser Arbeit: Das reicht halt schon, um da interessante Gruppen zu finden. Und es ist weniger datenintensiv, was gut ist, weil es einerseits Ressourcen schont und andererseits, weil es natürlich datenschutzrechtlich besser ist.“

Bei der 39. „Annual Conference on Neural Information Processing Systems“, der weltweit größten Konferenz für Machine Learning, wurde die Arbeit von Neumann und seinem Team „als eine von nur 77 aus 5,290 akzeptierten und 21,575 eingereichten Beiträgen für eine mündliche Präsentation ausgewählt.” Neumann versichert mir, „das sei schon was“.

Warum könnten solche Modelle auch für Social Media interessant sein ?

„Teilweise wird so was dann auch eingesetzt, wenn soziale Netzwerkanbieter Algorithmen bauen. Also, was die dann teilweise machen, ist, dass sie verschiedene Gruppen finden und das dann halt benutzen, um Vorschläge zu machen“, sagt Neumann.

Damit ihr Modell für SM-Riesen interessant wird, müsste es noch ausgebaut werden, meint er. Skalierbar müsse es sein. Er empfiehlt mir aber noch, die Arbeit von Jana Lasser und ihrem Team an der Uni Graz anzuschauen. Die seien deutlich anwendungsorientierter unterwegs.

Stimmt. Lasser hat einen sehr begehrten Grant des europäischen Forschungsrats bekommen und erforscht jetzt mit ihrem Team alternative Algorithmen für die Empfehlung von Inhalten auf Social-Media-Plattformen. Für sie ist klar: Es braucht Algorithmen. Wir können schlicht nicht alles konsumieren, was veröffentlicht wird. Lasser und ihr Team wollen aber im besten Fall einen Beitrag dazu leisten, dass Userinnen und User die Hoheit über das zurückgewinnen, was mit ihren Inhalten passiert. Wie das gelingen kann und was ein „guter“ Algorithmus überhaupt können muss, hat sie in einem sehr differenzierten Beitrag für den Standard zusammengeschrieben.

Schauen wir mal, was wird. Was wird.

Fakt ist, es wird noch ein Haufen Arbeit werden, einen rechtlich sauberen und sozialverträglichen Umgang mit den SM-Riesen zu finden. Konkrete Pläne zu schmieden und auszuprobieren, wie wir den Schaden und das Risiko minimieren können, das sie verursachen, ist nicht nur wichtig, sondern auch geboten - Stichwort: Digital Services Act. Bei allem Damage- und Risikomanagement lohnt es sich aber ganz offensichtlich auch, Social Media zu reparieren oder neu zu denken, um das hochzuhalten, wofür Social Media irgendwann mal an den Start gegangen sind: Menschen zusammenzubringen.

Wenn dir dieser Beitrag ein bisschen Mut gemacht hat, dass DIE Social Media nicht komplett verloren sind, teile ihn doch gerne im Fediverse.

Audioproduktion und Mix: Yannik Milz