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27. Oktober 2026

Nach Wahlsieg gegen Vučić: Kann Serbiens Studentenliste jetzt auch den Staat zurückerobern?


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ohne Anführer und ohne Partei hat die Studentenliste in Serbien die absolute Mehrheit geholt. Bevor sie Politik macht, will sie den Staat aufräumen.

Anhängerinnen und Anhänger der Studentenliste feiern am 26. Oktober 2026 vor dem serbischen Parlament in Belgrad den Wahlsieg. (Foto: IMAGO/ITAR-TASS)

Am Sonntag haben die Menschen in Serbien bei den Parlamentswahlen für einen historischen Machtwechsel gestimmt. Die oppositionelle Studentenliste hat Aleksandar Vučić und sein autokratisches System besiegt und bei den Wahlen die absolute Mehrheit erreicht – und das noch dazu mit einer Rekordwahlbeteiligung von fast 70 Prozent. So hoch war die Wahlbeteiligung seit dem Zerfall Jugoslawiens 1992 nicht mehr.

Die Studentenbewegung wurde im Vorfeld lange als politisches Experiment bezeichnet. Und diese Bezeichnung ist durchaus zutreffend. Denn die Studentenliste ist alles andere als eine klassische Partei. Angefangen hat alles vor fast zwei Jahren in Novi Sad. Dort ist im November 2024 das frisch renovierte Vordach vom Bahnhof eingestürzt. 16 Menschen sind dabei getötet worden. Viele haben in dem Unglück keinen Unfall gesehen, sondern das Ergebnis von Korruption. Die Studierenden haben daraufhin ihre Fakultäten besetzt, und daraus ist eine Protestbewegung im ganzen Land geworden.

Organisiert ist die Bewegung bis heute ohne Anführer. Ihre Entscheidungen hat sie bis jetzt in offenen Versammlungen an den Universitäten getroffen – also in den sogenannten Plenen. Dort wurden auch die 250 Kandidatinnen und Kandidaten für das Parlament ausgewählt – darunter Ärztinnen und Ärzte, Kunstschaffende und Menschen aus der Landwirtschaft.

Jetzt hat die Bewegung also die absolute Mehrheit. Wer Serbien künftig als Premierminister oder Premierministerin führen wird und wie die Regierungsarbeit konkret aussehen wird, ist aber noch offen.

Über die Studentenbewegung, ihren Sieg und die zukünftige Regierung spreche ich mit Aleksandra Tomanić. Sie ist Präsidiumsmitglied der Südosteuropa-Gesellschaft. Davor war sie Geschäftsführerin des European Fund for the Balkans, hat davor für die GIZ gearbeitet und war in Brüssel bei der Europäischen Kommission. Aktuell lebt und arbeitet sie in Belgrad.

Aleksandra Tomanić, Präsidiumsmitglied der Südosteuropa-Gesellschaft, lebt und arbeitet in Belgrad. (Foto: European Fund for the Balkans)

Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Interview:

  • Vor Schließung der Wahllokale wurden rund um die Wahlkommission Gendarmerie, Antiterroreinheiten und Hooligans zusammengezogen - warum genau ist nicht klar. Mit Vučićs doch überraschendem Eingeständnis der Niederlage, sind auch sie wieder abgezogen. Für Tomanić ist die spannendste offene Frage, was in dieser einen Stunde wohl passiert ist.

  • Die Studentenliste hat deshalb keine Führungsfiguren, damit niemand gezielt diffamiert oder unter Druck gesetzt werden kann. Die 250 Kandidatinnen und Kandidaten wurden über die Plenen in einem Konsens- und Vetoverfahren ausgewählt. Mehr als die Hälfte ist promoviert. Auch deshalb hält Tomanić die Kritik, es fehle an politischer Erfahrung, für eine Tatsachenverdrehung.

  • „Hier geht es darum, dass die Studierenden nicht nach Macht greifen, sie greifen nach dem Staat.“: In den nächsten vier Jahren will die Liste vor allem aufräumen: Korruption bekämpfen, Geheimverträge offenlegen, Medien und Justiz unabhängig machen. Nach vier Jahren sollen dann erstmals wieder freie und faire Wahlen stattfinden können.

  • Die EU muss Vertrauen zurückgewinnen, da sie Vučić lange als Stabilitätsgaranten hofiert habe, sagt Tomanić. Die Proteste in den letzten Monaten haben für europäische Grundwerte gekämpft. Tomanić merkt an dieser Stelle auch an, dass die Studierenden nach Brüssel und Straßburg gezogen sind, und nicht nach Moskau. Die meisten Unterstützer der Liste sind für einen Beitritt, im Moment hat er aber keine Priorität.


Die Studentenliste will, wie Aleksandra Tomanić sagt, nicht nach der Macht greifen, sondern nach dem Staat. Bevor die Liste aber im Staat aufräumen kann, muss sich das neue Parlament erst einmal konstituieren und ein Regierungsteam bilden. Die politische Tragweite dieser Wahl wird sich also in den nächsten Wochen und Monaten zeigen.

Einen schönen Nachmittag wünscht dir

Simon Altorff

B-Seite-Team