Ein großer Teil der Prognosen zum Ukraine-Krieg lag daneben Was der Journalismus daraus lernen kann

Medien versuchen dem verständlichen Wunsch nach Einordnung und Klarheit beim schlimmsten europäischen Krieg seit 1945 Rechnung zu tragen. Aber dabei können sie nur verlieren – nicht zuletzt an Glaubwürdigkeit. Warum wir alle lernen müssen, mit den vielen Ungewissheiten unserer Zeit umzugehen.

Ein großer Teil der Prognosen zum Ukraine-Krieg lag daneben Was der Journalismus daraus lernen kann
Die sechsjährige Ika sitzt in einem provisorischen Klassenzimmer in einer U-Bahn-Station in Charkiw (Foto: Johanna-Maria Fritz/OSTKREUZ)

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Am 24. Feber 2022 wurde im Nationalrat beschlossen, dass die Staatsanwaltschaft gegen ÖVP-Klubobmann August Wöginger ermitteln darf. Wegen Postenschacher. Außerdem sollte es eine weitere Corona-Impfkampagne um viele Millionen Euro geben. Und die SPÖ wollte über Datenschutz im Homeoffice reden. Das Wetter war wieder einmal viel zu warm für die Jahreszeit. Der Klimawandel ließ grüßen.

Aber all das interessierte an diesem Tag keinen Menschen. Ich weiß noch, dass ich aufwachte, ehe der Wecker klingelte. Ein Freund hatte um Dreiviertel sechs eine WhatsApp geschickt. Dann noch ein paar. Der Wahnsinnige hat es wirklich getan“, stand einer Nachricht. Dazu einige Links, beispielsweise zu einem Liveticker von CNN über den Konflikt“ zwischen der Ukraine und Russland.

Wenige Wochen nach Kriegsausbruch errichten Freiwillige in Odessa einen Schutzwall aus Sandsäcken. (Foto: IMAGO / Ukrinform)

Aus dem Konflikt wurde in den Stunden darauf ein Krieg und fortan wurde Russland zuerst genannt – als Angreifer. Zumindest in westlichen Medien. Der Diktator Wladimir Putin spricht heute noch von einer militärischen Spezialoperation. Wer als einfacher Mensch in Russland den Krieg einen Krieg nennt, riskiert viele Jahre Haft im Straflager.

1,8 Millionen Tote, Schwerverwundete und Vertriebene. So viele Menschen leben in Wien.

Diktator Putin hatte die Vollinvasion der Ukraine befohlen. Kyjiw, Charkiw, Odessa, Dnipro, Mariupol und zahlreiche andere Städte standen unter heftigem Beschuss. Der Frachtflughafen von Kyjiw war bereits in der Hand der Angreifer, von Belarus her rollten russische Panzer in Richtung der ukrainischen Hauptstadt. Man war sich hierzulande ziemlich einig: Putin würde kaum mehr als 72 Stunden brauchen, um seine Spezialoperation“ erfolgreich zu Ende zu bringen und das kleinere Nachbarland zu unterwerfen. Das war die erste Fehleinschätzung. In den kommenden viereinhalb Jahren sollten noch zahlreiche andere folgen.

So lange dauert der schlimmste Krieg auf europäischem Boden seit 1945 schon. Er hat mindestens eine halbe Million Menschen das Leben gekostet – wobei die Zahl der russischen Toten etwa dreimal so hoch ist wie jene der ukrainischen. Noch schlimmer ist es, wenn man zu den Gefallenen auch noch die Schwerverwundeten dazuzählt und jene Menschen, die vermisst sind. Dann kommt man auf bis zu 1,3 Millionen Menschen auf russischer Seite und bis zu 500.000 auf ukrainischer. Um das zu verdeutlichen: So viele Menschen leben in Wien. Oder in Lettland.

Das Foto entstand vor wenigen Wochen, nach einem russischen Luftangriff in der Stadt Kramatorsk. (Foto: IMAGO / Anadolu Agency)

Etwa 6,5 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer sind in den Westen geflohen, dazu kommen weitere Millionen Binnenvertriebene im eigenen Land. Weite Teile des Landes sind vermint, rund ein Siebtel des Wohnraums zerstört. Würde man heute mit dem Wiederaufbau der Ukraine beginnen, müsste man dafür fast 600 Milliarden Euro auftreiben. Unterdessen blutet auch Russland finanziell aus: Allein laut offiziellen Angaben betragen die Kosten für den Angriffskrieg bisher an die 130 Milliarden Euro, dazu kommen massive wirtschaftliche Einbußen und nicht zuletzt der Verlust von 300 Milliarden, die auf europäischen Konten lagern und eingefroren wurden. Beide Länder werden Jahrzehnte unter den Folgen zu leiden haben. Wenn Putin schon längst das Zeitliche gesegnet haben wird.

Das menschliche Leid wird ausgeklammert.

Und das sind nur die nackten Zahlen. Was sich niemand hier vorstellen kann, ist die Realität des Krieges. Für uns sind täglicher Luftalarm, Drohnenangriffe, zerstörte Häuser oder Angehörige an der Front Teil des Alltags“, schreibt Karina Beiglzimer in einer WhatsApp-Nachricht. Die Journalistin und Deutschlehrerin lebt in Odessa, wo ich sie vor einigen Jahren kennengelernt habe. In der Kleinen Zeitung berichtet sie regelmäßig über ihren Alltag während des Krieges.

Ein Friedhof in Odessa im Feber 2026. Jede ukrainische Fahne steht für einen Soldaten, der im Krieg gefallen ist. (Foto: IMAGO / MAXPPP)

Der technokratische Ton mancher Berichte hier bei uns irritiere viele ihrer Landsleute, erzählt sie. Weil der Krieg ganz abstrakt aus geoplitischer Perspektive betrachtet werde. Weil kaum noch vom menschliche Leid erzählt werde. Stattdessen über Waffenlieferungen, politische Strategien oder die Frage, wer nun gerade in einer besseren Position sei. An der Front.

Diese Form der Berichterstattung ist in doppelter Hinsicht gefährlich. Weil sie zum einen den ganz realen Horror des Krieges weitgehend ausklammert. Und weil sich die Stoßrichtung dauernd ändert. Beziehungsweise das, was nach Lektüre eines Artikels als Schlussfolgerung hängen bleibt:

Die Ukraine hat keine Chance.“
Auf lange Sicht hat die Ukraine keine Chance.“
Die russische Armee ist unbesiegbar.“
Die Sanktionen werden Russland bald in die Knie zwingen.“
Die Sanktionen gegen Russland haben nichts gebracht.“
Es wird nie einen Aufstand gegen Putin geben.“
Den Aufstand der Wagner-Truppe wird Putin nicht überstehen.“
Wenn Donald Trump gewählt wird, ist alles aus.“
Das schnapsen sich Putin und Trump aus.“
Die Ukraine kann den Krieg nicht gewinnen.“
Die EU hat nichts mehr zu melden.“
Die EU ist wieder im Spiel.“

Die Aufmerksamkeit des Publikums ist begrenzt.

Das allein wäre nicht einmal das größte Problem. Jeder Mensch irrt sich. Natürlich auch Journalistinnen und Journalisten, die bei der Kriegsberichterstattung mitunter wenig Zeit für eine gründliche Analyse haben – erst recht, wenn sich die Ereignisse überschlagen und sie an ihrem Schreibtisch in irgendeiner westlichen Mestropole sitzen. Wir reden hier wohlgemerkt von vernünftigen Medien, die unabhängigen, sauberen Journalismus machen. Also so ziemlich alles zwischen New York Times, Spiegel und den Vorarlberger Nachrichten.

Auch dort bekam man in den vergangenen viereinhalb Jahren allerhand kräftige Einschätzungen zu hören, die sich später als völlig falsch erweisen sollten. Das wirklich Ärgerliche daran ist, dass sie oft mit dem Brustton der Überzeugung vorgetragen wurden. Dass kaum jemand später offen gesagt hat: Ich habe mich geirrt.“

Und nicht alle Fehleinschätzungen westlicher Medien sind im Nachhinein lässlich. In vielen Berichten werde immer noch das russische Prisma“ zur Ukraine übernommen, kritisiert Stefan Schocher.

Berichterstattung durch das russische Prisma.

Er ist freier Journalist und beschäftigt sich seit 26 Jahren intensiv mit dem Land. Alle paar Monate fährt er zur Recherche in die Ukraine. Oft dorthin, wo andere westliche Medien nicht hinsehen. Einmal hat er für eine Reportage Postboten am Land begleitet, ohne deren Arbeit das soziale Gefüge zusammenbrechen würde.

Man habe, meint Schocher, hier wie in Moskau völlig unterschätzt, wie stark die ukrainische Demokratie ist. Die russische Führung kann nicht einschätzen, was es heißt, wenn etwas von unten kommt“, sagt er. Putin versteht den Staat als Vertikale, von oben nach unten.“ Der Diktator habe schlicht die Kraft der liberalen Demokratie unterschätzt. Viele westliche Medien ebenso.

Aufräumarbeiten nach einem russischen Drohnenangriff Anfang Juni in Kyjiw. (Foto: IMAGO / Avalon.red)

Auch mit der enormen Innovationskraft der Ukraine in Hinblick auf die Verteidigung habe hierzulande kaum jemand gerechnet. In der Berichterstattung schwinge immer noch ein gerüttelt Maß an westlichem Hochmut mit. Und dass, obwohl die ukrainischen Züge trotz russischem Beschusses pünktlicher sind als die deutschen. Kaum jemand berichte darüber, wie erstaunlich gut das Land im fünften Kriegsjahr noch immer funktioniere: Wenn irgendwo eine elektrische Schaltstation getroffen wird, dann läuft sie nach wenigen Stunden wieder, weil jemand dorthin geht und sie einfach repariert“, sagt Schocher.

Binnen weniger Monate kann sich alles ändern.

Das ist leider ein Problem des zeitgenössischen Journalismus, der auf schnelle Schlagzeilen zielt, weil die Aufmerksamkeitsspanne des Publikums begrenzt ist. Und die Erwartungshaltung groß: Die Leute wünschen sich verständlicherweise eine klare Einordnung, starke Ansagen. Sie wollen wissen, wie es jetzt weitergeht. Weil sie mit der Unsicherheit überfordert sind.

Werfen wir einmal einen Blick zurück in die jüngere Vergangenheit. Sagen wir Jänner dieses Jahres. Wir sind mitten im vielleicht schlimmsten Kriegswinter für die ukrainische Bevölkerung, mit täglichen Raketeneinschlägen auf Kraftwerke und auf Wohnhäuser. All das bei besonders frostigen Temperaturen. Donald Trumps Sondergesandter Steve Witkoff – ein gelernter Immobilienhändler – drängte Vertreterinnen und Vertreter beider Kriegsparteien zu Gesprächen in Abu Dhabi.

Eine alte Frau rettet ihre verbliebenen Habseligkeiten nach einem Angriff auf die Kleinstadt Kostjantyniwka. (Foto: IMAGO / Anadolu Agency)

Viel kam dabei nicht heraus. Zugleich wurde bekannt, dass die USA ihre Waffenhilfe für die Ukraine weitgehend einstellen würden. Schon im Sommer 2025 hatten sich Trump und Putin in Alaska getroffen und die Grundzüge eines Deals ausgehandelt, der in erster Linie die Interessen der beiden Großmächte abbildete. Weniger jene der Ukraine und ganz sicher nicht jene der Europäischen Union, die nicht gefragt wurde. Stoßrichtung der Berichterstattung: Die Ukraine sei knapp vor dem Zusammenbruch.

Ein paar Monate später unterfertigte Selenskyj ein Dekret, das die Bombardierung des Roten Platzes in Moskau für die Zeit der Feierlichkeiten zum 9. Mai, dem Tag des Sieges über Nazi-Deutschland, untersagte. Er gestattete Putin die Abhaltung einer Militärparade, die nicht nur wegen dieser Machtdemonstration zur Blamage für den Kreml wurde. Sondern auch, weil hauptsächlich ausrangierte Sowjet-Panzer über den Platz rumpelten. Alle anderen waren bereits kaputt oder wurden dringend gebraucht.

Europa ist wieder mit am Tisch.

Seither hat die Ukraine ihre Anschläge auf Ziele tief im Inneren Russlands intensiviert. Sogar beim Wirtschaftsforum in St. Petersburg waren die Einschläge zu hören. Während hochrangige AfD-Politiker mit Putins Hofschranzen schäkerten, zogen schwarze Rauchschwaden über die Stadt.

Trump ist seit Monaten mit seinen eigenen Problemen beschäftigt: Er hat gemeinsam mit dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu einen Krieg gegen den Iran vom Zaun gebrochen, der ebenfalls nur ein paar Wochen hätte dauern sollen. Jetzt ist die Straße von Hormus gesperrt und die Zwischenwahlen im Herbst drohen für Trump zur Katastrophe zu werden. Aus heutiger Sicht wohlgemerkt.

Unterdessen haben die sogenannten E3 – Deutschland, Frankreich und Großbritannien – die Führung übernommen. Europa ist zurück am Spielfeld, Seite an Seite mit der Ukraine, die Russland auch ohne US-Hilfe heftig zusetzt. Auch in Russland wird die Kritik an Putin langsam lauter.

Wie geht man mit komplexen Sachverhalten um?

Was lernen wir daraus? Zunächst einmal, dass wir mit kategorischen Ansagen verdammt zurückhaltend sein sollten. Aus Gründen der Glaubwürdigkeit. Das gilt nicht zuletzt für meine Branche, den Journalismus. Und zur Ehrenrettung möchte ich sagen: Die meisten Kolleginnen und Kollegen sind sich des Problems bewusst. Aber sie befinden sich eben in einer Zwickmühle.

In Charkiw ist dieser Tage der Sommer angekommen. Die Kinder genießen das warme Wetter. (Foto: IMAGO / Avalon.red)

Es fällt den Medien sehr schwer, komplexe Sachverhalte so herunterzubrechen, dass sie verständlich, aber nicht übersimplifiziert sind“, sagt Helge Fahrnberger. Er hat vor vielen Jahren das medienkritische Onlinemagazin Kobuk gegründet und beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit der Berichterstattung über den Ukraine-Krieg.

Merken wir uns die Formulierung komplexer Sachverhalt. Das trifft auf immer mehr Themen zu, die über einen langen Zeitraum hinweg die Berichterstattung dominieren. Die Corona-Pandemie war ein komplexer Sachverhalt. Ebenso der Krieg im Nahen Osten, der schon lange vor dem Angriff auf den Iran begonnen hat. Man könnte wahrscheinlich auch den Klimawandel oder den Aufstieg des Rechtspopulismus dazu nehmen. Oder die rasanten Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz.

Der schwarze Schwan.

Bei all diesen Themen gibt es keine einfachen Antworten. In vielen Fällen gibt es überhaupt keine echte Antwort oder eben gleich mehrere, die sich manchmal widersprechen. Das muss man erst einmal aushalten. Und dann gibt es immer wieder völlig unerwartete Ereignisse, die alles bisher verstanden Geglaubte über den Haufen werfen. In der Wirtschaftswissenschaft nennt man das Black Swan“. Also einen schwarzen Schwan, der aus dem Nichts auftaucht und die Spielregeln ändert. Bekannt wurde die Formulierung nach der Lehman-Pleite, die 2008 eine Weltwirtschaftskrise auslöste. Aber das Konzept gilt nicht nur für die Wirtschaft. Es lässt sich auch auf die Geopolitik umlegen.

Als der Chef der gefürchteten Söldnertruppe Wagner, Jewgeni Prigoschin, im Juni 2023 mit seinen Soldaten die ukrainische Front verließ und Richtung Moskau marschierte, war das ein schwarzer Schwan. Erst recht, als klarwurde, dass sich ihm kaum jemand entgegenstellte.

Warum Prigoschin 150 Kilometer vor der Hauptstadt umkehrte, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Acht Wochen später kam er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Was wohl kein Zufall war. Aber am Ende bleibt auch das Spekulation. Durch dieses Kapitel des Krieges flattern gleich mehrere Schwarzschwäne.

Mit der Unsicherheit leben lernen.

Und dann gibt es noch eine ganze Menge anderer Faktoren, die in der westlichen Berichterstattung über den Krieg sträflich vernachlässigt wurden. Und mit ihnen sollte man auch in Zukunft rechnen. Zumindest, bevor man allzu kategorische Voraussagen über die Zukunft des Krieges trifft.

Dnipro nach einem Angriff im Juni vergangenen Jahres. Die Frau freut sich trotz allem: Ihre Katze hat überlebt. (Foto: IMAGO / NurPhoto)

Wer kann ausschließen, dass Putin morgen stirbt? Dass Donald Trump irgendwann sogar von seinen eigenen Leuten für unzurechnungsfähig erklärt und abgesetzt wird? Dass das System in Belarus bröckelt. Dort steht Putins Vasall Alexander Lukaschenko an der Spitze eines Regimes, das von einer überwältigenden Mehrheit der belarussischen Bevölkerung abgelehnt wird. Ohne Belarus als Rückzugsort hätten die russischen Streitkräfte einen enormen Nachteil gegenüber der Ukraine.

Aber es geht auch umgekehrt: Was etwa, wenn die Bundesregierung in Deutschland zerbricht und die russlandfreundliche AfD an die Macht kommt? Ganz zu schweigen davon, dass der Rechtsextreme Jordan Bardella aus heutiger Sicht der absolute Favorit für die Präsidentschaftswahlen in Frankreich ist und der britische Premier Keir Starmer schwer angeschlagen in den Seilen hängt, während die russlandfreundliche Partei Reform UK die Umfragen dominiert.

Es gibt einfach zu viele Unwägbarkeiten. Und keine Sicherheiten mehr. Vielleicht gehört es zu den größten Herausforderungen unserer Generation, damit einen halbwegs guten Umgang zu finden.

Audioproduktion und -mix: Yannik Milz
Zweite Stimme: Henric Wietheger