Was haben ein Christ, ein Jude und ein Muslim gemeinsam? Alle hassen Frauen.

Heftige Aussage. Wenn man aber genauer in die drei monotheistischen Weltreligionen schaut, zeigt sich: Der Frauenhass ist allgegenwärtig.

Was haben ein Christ, ein Jude und ein Muslim gemeinsam?  Alle hassen Frauen.
Collage: Hedi Lusser/JETZT

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Zur Frau sprach er: Viel Mühsal bereite ich dir und häufig wirst du schwanger werden. / Unter Schmerzen gebierst du Kinder. / Nach deinem Mann hast du Verlangen / und er wird über dich herrschen.“ Die Bibel. Buch Genesis.

„Wenn eine Frau gebiert und einen Knaben zur Welt bringt, so soll sie sieben Tage unrein sein. (…) Wenn sie aber ein Mädchen gebiert, so soll sie zwei Wochen unrein sein …“ Tora. 3. Buch Mose.

„Die Männer stehen den Frauen in Verantwortung vor, (…) und diejenigen, deren Widersetzlichkeit ihr befürchtet, – warnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie.“ Koran, Sure 4, Vers 34.

„Ein Mann ist verpflichtet, jeden Tag drei Segenssprüche zu sprechen: (…) Gepriesen seist du, Herr, unser Gott, dass du mich nicht als Nichtjuden erschaffen hast; gepriesen seist du, dass du mich nicht als Frau erschaffen hast; gepriesen seist du, dass du mich nicht als Sklaven erschaffen hast.“ Talmud, Menachot.

Bibel, Koran, Tora und Talmud. Die heiligen Schriften des Christentums, des Islams und des Judentums. Und in allen finden sich Passagen, in denen Frauen unterdrückt werden.

Wir haben in unserer Redaktionssitzung viel über diese Geschichte hier diskutiert. Können wir so eine Behauptung wirklich aufstellen, ist das nicht doch etwas krass? Immer wieder sind wir dabei auf einen gemeinsamen Nenner zwischen den drei Religionen gestoßen: Frauenhass.

Am 5. Tag schuf Gott die Tiere des Meeres und die Vögel. Kupferstich von Elias van den Bosche (17. Jhd) (Source: Wellcome Collection)

Dafür lohnt es sich, in die Bibel zu schauen. Konkret zu ihrem Beginn, als Gott, wie es dort heißt, „im Anfang“ Himmel und Erde erschaffen hat. In den Tagen danach schafft er Tag und Nacht, Pflanzen, Sonne, Mond, Sterne, Vögel und Fische. Für die Menschen lässt er sich Zeit, die sind erst am sechsten Tag dran.

„Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“

Das steht im ersten Buch Mose. Diese ersten Menschen waren laut der Bibel Adam und Eva. Gott erschafft zuerst Adam und als Hilfe und Weggefährtin dann Eva. Aus einer von Adams Rippen. Adam und Eva leben im Paradies, im Garten Eden. Eine Idylle, von vier Flüssen und saftigen Bäumen durchzogen, die unzählige Früchte tragen. Zwei dieser Bäume sind aber besonders: Der Baum des Lebens, der steht für das Gute und der Baum der Erkenntnis, der steht für das Schlechte. Grundsätzlich dürfen und sollen Adam und Eva in diesem Paradies machen, was sie wollen. Nur eines nicht: Sie sollen nicht vom Baum der Erkenntnis naschen.

Es kommt aber dann, wie es kommen muss, und dieser Baum der Erkenntnis reizt die beiden. In der Geschichte ist dann Eva diejenige, die den ersten Schritt setzt und sich von Satan in Gestalt einer Schlange dazu verführen lässt, von den Früchten dieses Baumes zu essen.

Man muss dazu sagen: Diese Geschichte steht zwar nicht im Koran, in späteren Auslegungen und in volkstümlichen Legenden ist sie aber sehr wohl weitverbreitet. Besonders ab dem Mittelalter.

„Adam und Eva", Lucas Cranach der Ältere, 1520–1525 (Source: Museo Soumaya)

Die Geschichte von Adam und Eva ist die Basis für das stereotype Bild der Frau als Verführerin, sagt Birgit Heller. Sie ist Professorin für Religionswissenschaften in Rente an der Universität Wien. Eva wird in dem Mythos als triebhafter und sinnlicher als Adam dargestellt. Daraus ergibt sich das Bild der Frau, die genau deshalb auch dem Mann untergeordnet ist und kontrolliert werden muss. Aber dazu später mehr.

Für Heller ist diese Urgeschichte jedenfalls eine Geschichte mit großen Auswirkungen. Im Mythos von Adam und Eva wird im Grunde genommen die Ordnung der Schöpfung erzählt, also die Frage behandelt, warum die Dinge so sind, wie sie eben sind. Dazu gehört auch die Geschlechterordnung: Das Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau, das in einer patriarchalen Kultur besteht, wird durch diese Erzählung legitimiert und stabilisiert. Und sie ist nicht zu verändern – weil die Schöpfung etwas ist, das nicht zu verändern ist.

Die Geschichte von Adam und Eva, auch bekannt als Sündenfallgeschichte. Sie handelt vom Ursprung der Menschheit, vom Paradies, von Satan, von der Frau Eva, die den Mann Adam vom Weg abbringt und ins Böse verführt. Und sie spielt in allen drei Religionen eine wesentliche Rolle – Christentum, Islam, Judentum. Aber warum eigentlich?

Birgit Heller sagt, alle drei Religionen seien unter ähnlichen Bedingungen entstanden. In patriarchalen Systemen, also Gesellschaftsordnungen, in denen die Frau dem Mann in jedem Lebensaspekt untersteht.

Was bedeutet „Patriarchat“?

Laut Duden ist das Patriarchat eine „Gesellschaftsordnung, bei der der Mann eine bevorzugte Stellung in Staat und Familie innehat und bei der in Erbfolge und sozialer Stellung die männliche Linie ausschlaggebend ist“.

Da stellt sich irgendwie die Frage nach Henne und Ei. Hat Religion die Umstände erschaffen, in denen Frauen unterdrückt werden – oder sind Religionen erst in einer patriarchalen Umgebung entstanden und spiegeln diese nur wider?

Die Religionswissenschaftlerin Heller sagt, man kann diese beiden Aspekte nicht voneinander trennen. Religionen sind immer Teil einer Gesellschaft – so wie Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft oder Politik. Religionen sind also keine Kraft, die mehr oder weniger „von außen“ die Gesellschaft formt, sondern erfüllen bestimmte Funktionen, laut Birgit Heller genaugenommen zwei. Einerseits: Sinngebung. Das heißt, dass Menschen in einer fragilen Welt Halt suchen, den Sinn des Lebens. Fragil, weil der Mensch ständig mit Krankheiten, kriegerischen Auseinandersetzungen und mit dem Tod konfrontiert ist. Das war besonders auch zu der Zeit der Fall, in der die Religionen entstanden sind. Andererseits bewahren Religionen aber auch die vorherrschende soziale Ordnung. Und dazu gehört auch die Geschlechterordnung der Gesellschaft.

„Wenn die Funktion darin besteht, die patriarchale Gesellschaftsordnung zu stabilisieren, heißt das auch, die patriarchale Erbfolge zu erhalten“, sagt die Wissenschaftlerin. Und das macht man am besten, indem man weibliche Sexualität kontrolliert. Birgit Heller spricht in diesem Zusammenhang von „disziplinierenden Maßnahmen“.

Wie schauen diese disziplinierenden Maßnahmen aber konkret aus? Welche Regeln gelten für Frauen in Judentum, Christentum und Islam?

Es gibt eine ganze Reihe an Gemeinsamkeiten und frauenfeindlichen Motiven, die bei allen drei Religionen eine alltägliche Rolle spielen. Schauen wir uns drei davon genauer an.

Autorität ist männlich.

Rollen, die mit Autorität verbunden sind, sind in allen drei abrahamitischen Religionen in der Regel nur männlich besetzt. Abrahamitisch, das sind jene Religionen, die den Urvater Abraham - im Islam Ibrahim - als ihren geistigen Stammvater sehen. Für diese Autoritätsrollen braucht es jedenfalls bestimmtes Wissen, um überhaupt in eine Leitungsposition zu kommen. In den meisten Fällen sind Frauen von diesem Wissen ausgeschlossen.

Im Judentum zum Beispiel ist es Frauen seit dem zweiten Jahrhundert verboten, den Talmud zu studieren. Das bedeutet, es gibt in der Regel keine gelehrten Frauen – was wiederum das gesellschaftliche und religiöse Prestige der Frauen vermindert. Frauen sind zum Beispiel ausgeschlossen vom sogenannten Minjan – das sind zehn Männer, die nötig sind, um überhaupt einen Gottesdienst feiern zu können. In weiterer Folge gibt es auch keine Rabbinerinnen. Anders ist das etwa bei sogenannten Reformsynagogen, zum Beispiel der liberal-jüdischen Gemeinde Or Chadasch in Wien. Hier sind Frauen nicht vom Minjan ausgeschlossen und können sogar Rabbinerinnen werden. Ähnlich ist es auch im Islam: Es gibt zwar feministische Moscheen - in der Regel kommen aber nur Männer in hohe Positionen. Und auch in der Katholischen Kirche gibt es keine Frauen in hohen Ämtern, anders als etwa in der evangelischen.

Die verführerische Frau.

Auf dieses Schlagwort sind wir zu Beginn ja schon eingegangen, bei der Geschichte von Adam und Eva. Für Birgit Heller ist dieses Stereotyp der Frau als Verführerin mit der Sündenfallgeschichte schon in den „Grundmythen der Schöpfung“ festgelegt. Eva prägt den Typ der verführerischen Frau mit ihren verschiedenen – hauptsächlich negativen – Eigenschaften: Sie ist ungehorsam, flatterhaft, untreu, geschwätzig, lüstern und sinnlich. All diese negativen Eigenschaften bündeln sich im Bild der Eva. Das führt dazu, dass Frauen nicht nur ausgegrenzt werden, sondern auch keinen Zugang zu Rollen religiöser Autorität bekommen. Wenn die Frau also so einen schwachen Charakter hat, kann man ihr schließlich keine Leitungsfunktionen umhängen. Im Gegenteil: Die Frau muss kontrolliert werden.

Gemälde von Adam und Eva aus der Manafi al-Hayawan. Urheber: Maragh im mongolischen Iran. (Foto: Wiki Commons)

In den drei abrahamitischen Religionen passiert diese Kontrolle auf verschiedenen Wegen:

Bei den ultraorthodoxen Jüdinnen und Juden, den Chassidinnen und Chassiden beispielsweise, gibt es strenge Kleidungsvorschriften. Der Rock oder das Kleid muss die Knie bedecken, auch Ellenbogen dürfen Frauen nicht zeigen. Ab dem Tag ihrer Hochzeit tragen sie eine Perücke oder ein Kopftuch. Und in manchen Gemeinden müssen sie sogar ihr Haar abrasieren.

Auch im Islam gibt es strikte Verschleierungsvorschriften, zum Beispiel das viel diskutierte Kopftuch. Ab der Pubertät besteht für Frauen in der Regel eine Verschleierungspflicht, weil ihre Haare als besonders verführerisch gelten. Bis auf Gesicht und Hände muss der Körper der Frau bedeckt sein und auch die Körperkonturen dürfen nicht erkennbar sein und schon gar nicht betont werden. In Ländern wie Indonesien, dem Iran, Saudi-Arabien, Sudan oder Tschetschenien werden Frauen auch vom Staat gezwungen, eine bestimmte Kleidung zu tragen.

Was Schwangerschaftsabbrüche angeht, sind alle drei Religionen grundsätzlich einmal dagegen. Bei allen gibt es aber Ausnahmen, zum Beispiel, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Das heißt, die Frau darf bei allen Religionen nur in Ausnahmefällen über ihren eigenen Körper entscheiden. In fundamentalistischen Gruppen, wo Verhütung auch nicht erlaubt ist, gibt es dementsprechend oft besonders große Familien.

Apropos Familie: Auch im religiösen Familienrecht werden Frau und Mann klar getrennte Pflichten und Rechte zugeschrieben.

Eigentlich sollten Mann und Frau mit den gleichen Rechten in die Ehe starten. Das steht unter anderem in Artikel 16 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und Artikel 16 der UNO-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (die hat der Vatikanstaat übrigens nicht unterzeichnet). In allen drei religiösen Rechtsauslegungen sieht das in der Realität aber ganz anders aus.

Der Mann ist in jedem Fall für die Versorgung der Familie zuständig. Also vor allem fürs Geld. Er muss sich vor Gott dafür verantworten, dass es seiner Familie gut geht, so steht es beispielsweise im Koran. Frauen hingegen sind auf ihre Rolle als Mutter und Ehefrau beschränkt. Still und gehorsam sollen Sie sein. Und wenn sie nicht gehorchen, dann darf ihr Mann sie nicht nur zurechtweisen, es ist sogar seine Aufgabe. Im Koran steht dazu: „Diejenigen, von denen ihr Aufsässigkeit befürchtet, ermahnt sie zunächst, meidet sie dann in den (Ehe)betten und schlagt sie.“

Zu dieser Passage gibt es verschiedene Auslegungen, wie so oft. Eine Erklärung ist, dass damit nur gemeint wäre, der Mann dürfe seine Frau „symbolisch“ schlagen, etwa mit einem Zahnhölzchen, also einem Zahnstocher. Alternativ auch mit einer Zahnbürste. Denn in der Praxis soll das Schlagen schmerzlos sein und keine Spuren hinterlassen.

Ein anderes Argument ist, dass die Übersetzung etwas vage ist. Das arabische „daraba“ kann zwar als schlagen übersetzt werden, genauso aber als vermeiden.

In der Bibel steht es weniger explizit, aber der Grundtenor ist sehr ähnlich: „Ein jeder liebe seine Frau wie sich selbst; die Frau aber habe Ehrfurcht vor dem Mann.“

Gott ist männlich

Eigentlich behaupten alle drei Religionen, dass Gott gar kein Geschlecht hat. Schaut man sich aber die Texte und vor allem auch Bilder an, dann fällt auf, dass Gott in der Regel in der männlichen Form angesprochen und immer männlich dargestellt wird. Abgesehen davon, es ist ja auch „der“ und nicht „die“ Gott, „der“ und nicht „die“ Allah.

Birgit Heller ist Professorin i.R. für Religionswissenschaften an der Universität Wien. (Foto: Claudia Winkler)

Wenn man sich Gott als männlich vorstellt, entsteht eine Hierarchie: Der Mann auf Erden ist Gott ähnlicher als die Frau. Und genau da sind sich alle drei Religionen einig.

Der Mann steht über der Frau. Dabei schwingt die ganze Zeit ein problematischer Unterton mit, ein biologischer Determinismus. Also die Annahme, dass Mann und Frau „von Natur aus“ nicht nur unterschiedliche körperliche Eigenschaften und psychologische Stärken mitbringen, sondern eben in einer klaren Hierarchie existieren. Diese Hierarchie ist natürliches Phänomen der Gesellschaft, wenn man so will, ist sie gottgewollt.

Dieser biologische Determinismus ist nichts als eine pseudowissenschaftliche Erklärung der männlichen Überlegenheit. Aber er ist die Argumentations-Grundlage für viele besonders laute Stimmen der politischen Rechten. Jordan Peterson ist wohl mit einer der bekanntesten davon. Er ist ein kanadischer Psychologe, Autor und ehemaliger Professor, der durch seine politischen Ansichten und Online-Vorträge populär geworden ist.

Peterson sieht in der Gleichberechtigungsbewegung und in der links-liberalen Politik den Grund für die „Entwurzelung von Männern“. Den Grund dafür, wieso sich viele Männer gesellschaftlich in einer Identitätskrise befinden. Damit bietet er eine scheinbar einfache Lösung für ein Problem, das kaum greifbar scheint.

Jordan Peterson ist eine besonders laute Stimmen der politischen Rechten. (Foto: Gage Skidmore)

„Das Leben selbst wird immer komplexer, schwieriger, weniger gut überschaubar. Da sucht man nach einer Reduktion dieser Komplexität. Und die kann nur darin liegen, dass jemand sagt, wo es lang geht und die Dinge vereinfacht“, sagt Birgit Heller. Für sie ist also die Grundmentalität, die zu fundamentalistischen Bewegungen führt, und jene, die in die politische Rechte führt, „durchaus vergleichbar“, wie sie sagt.

Deswegen gibt es auch so viele ideologische Überschneidungen zwischen Fundamentalisten und rechten beziehungsweise rechtsextremistischen Bewegungen. In ihren Grundwerten sind sie sich einig und diese Werte richten sich gegen queere Personen, gegen liberale Rollenbilder und allen voran gegen Frauen.

Dieser Frauenhass spiegelt sich auch in alltäglichen Begriffen wider. Zum Beispiel dem „Sexual Market Value“. Der sagt aus, dass je weniger Geschlechtsverkehr eine Frau hatte, desto höher ist ihr Wert. Was klar mit einer Reinheits- und Keuschheitslogik spielt, so zumindest die Soziologin und Expertin für Hasskriminalität im Netz, Corinna Dolezalek. „Diese Keuschheitslogik findet sich auch in anderen Subkulturen der Manosphere wieder und wir können sie auch ganz klar im christlichen und islamischen Fundamentalismus beobachten.“

Mit der Manosphere beschäftigen wir uns im nächsten Teil dieser Serie genauer. Aber im Grunde ist die Manosphere ein Online-Phänomen, ein komplexes Netz aus verschiedenen, teils zersplitterten Subgruppen. Nach außen ist sie aber ein klarer Schulterschluss aus Männern, die in Frauen, Feminismus und Gleichberechtigung den Ursprung allen Übels sehen. Ganz kurz gesagt. „Die Grenze zwischen Manosphere und religiös-fundamentalistischen Inhalten ist wirklich fließend, denn es geht um einen Kontrollgewinn der Frau. Das wird kaschiert mit vermeintlich traditionellen Werten.“, so Dolezalek.

Der Kontrollgewinn über Frauen, kaschiert von vermeintlich traditionellen Werten. Genau das findet sich in den drei abrahamitischen Weltreligionen wieder. Genauso wie in rechten und rechtsradikalen Strömungen oder religiös-fundamentalistischen Bewegungen. Im Kern liegt hier ein gemeinsamer Nenner. Diese Verteidigung vermeintlich traditioneller Werte, beziehungsweise einer „traditionellen Maskulinität“ findet bei den Fundamentalisten in zwei wachsenden Lagern statt.

Auf der einen Seite steht ein christlich-fundamentalistischer Flügel. Vertreten wird diese Strömung von Leitfiguren wie dem Theologen Douglas Wilson, über ihn hat unser Kollege Ingo bereits gesprochen. Am bekanntesten ist aber der inzwischen verstorbene Aktivist Charlie Kirk. Mit seiner polemischen Rhetorik hat er die Ängste junger Männer in ein traditionell-konservatives Gewand gepackt und so eine der größten und einflussreichsten Jugendorganisationen weltweit aufgebaut.

Demgegenüber steht eine islamisch-fundamentalistische Bewegung. Greenpills, Alt-Wallah, Muslim alt-right, akhi-right, sie haben viele Namen. Im Zentrum steht dabei eine vermeintliche Krise des Islams, die sich vor allem durch die Verwestlichung muslimischer Frauen bemerkbar macht. Also ihren Status, was sie anziehen dürfen, wie sie sich zu verhalten haben und wo ihre Loyalitäten liegen.

Obwohl sich die beiden Strömungen ideologisch gar nicht so unähnlich sind - wenn es darum geht, ein Angstbild zu finden, da gehen sie diametral auseinander. Die christlichen Fundamentalisten warnen vor einer globalen Islamisierung. Die islamistischen Fundamentalisten wiederum vor der Verwestlichung eines „authentischen Islams“.

In der Grundlogik sind sich also viele einig. Am Ende sind es dann aber doch noch monotheistische Religionen, die miteinander konkurrieren, sagt die Expertin. „In einer sehr fundamentalistischen Glaubensaufnahme kann ja keine Religion gleichermaßen existieren. Dort gibt es ja wirklich nur dieses sehr binäre alles-oder-nichts-Prinzip.“

Gut, das sind natürlich Extreme, überhaupt nicht repräsentativ für die breite Allgemeinheit. Aber eine Sache ist spannend. Eine aktuelle Umfrage des Instituts Gallup zeigt nämlich Folgendes: Religion spielt im Leben von Frauen eine immer kleinere Rolle. In allen Altersgruppen. Bei jungen Frauen zwischen 18 und 29 liegt der Wert auf einem historischen Tiefpunkt. Bei Männern sieht das aber anders aus. Für Männer wird Religion immer wichtiger und bei jungen Männern ist sie so wichtig wie nie zuvor.

Während Frauen sich also immer mehr von traditionellen Glaubensgemeinschaften distanzieren, suchen vor allem junge Männer immer öfter Zuflucht in religiöse Strukturen. Und genau hier docken extremistische Bewegungen der Manosphere an. An dem wachsenden Bedürfnis nach klaren Regeln und greifbaren Rollenbildern.

Historisch betrachtet geht es immer um die Macht des Mannes und darum, diese Macht zu stabilisieren. Das zieht sich wie ein roter Faden durch religiöse Texte, Traditionen, den politischen Ring und gesellschaftliche Tendenzen.

Natürlich gibt es innerhalb der drei Religionen Reformbewegungen und Versuche daran etwas zu ändern. Aber für Birgit Heller scheint nicht klar, wo die Reise wirklich hingehen soll: „Vor allem angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Situation, wo wir ja überall auch einen politischen Rechtsruck erleben. Also das wirkt ja auch wieder bremsend auf die religiösen Entwicklungen zurück.“

Der Frauenhass betrifft also die ganze Gesellschaft, nicht nur die Religionen. Das Problem ist aber: Schlägt das eine aus, wirkt es auf das andere ein. Das heißt, wird die Gesellschaft an sich frauenfeindlicher, werden es auch die Religionen und umgekehrt.

Dass die Religionen in einer Zeit entstanden sind, in denen das Patriarchat noch allgegenwärtiger war, als heute, ist ein Umstand, für den die Religionen selbst zwar nichts können, schon gar nicht ihre Anhängerinnen und Anhänger. Religionen erhalten diesen Zustand aber und befördern dadurch auch heute frauenfeindliche Tendenzen, wie eine Art Katalysator. Es ist also auch keine Überraschung, dass sich große Namen der rechtsextremen Szene am antifeministischen Fundus der Religionen bedienen.

Wenn es auch keine Überraschung ist, bedrohlich ist es allemal.

Sprecher: Ingo Hasewend, Michalis Pantelouris, Wolfgang Rössler

Audioproduktion und Sounddesign: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Yannik Milz