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Wie wollen wir eigentlich in Zukunft leben? Wie wird unsere Welt sein – und wie werden wir in ihr sein? Wir Menschen sind vor allem deswegen besondere Lebewesen, weil wir uns die Zukunft ausmalen können. Wir können Szenarien entwerfen und, vielleicht noch wichtiger: wir können träumen, können uns die Welt und uns ganz anders vorstellen, als sie gerade ist. Der französische Schriftsteller Victor Hugo hat das einmal so formuliert: „Nichts trägt im gleichen Maß wie der Traum dazu bei, die Zukunft zu gestalten. Heute Utopia, morgen Fleisch und Blut.”
Was einmal eine absurde, verrückte Vorstellung war, wird plötzlich ganz normal. Menschenrechte, das Fliegen, digitale Revolutionen – all das war vor ihrer Einführung kaum denkbar. Der Slogan, den ich im Titel leicht abgewandelt habe, ist für mich das treffendste Beispiel für eine Utopie: „Stell dir vor, es ist Krieg – und keiner geht hin.” So unwahrscheinlich es aktuell scheint, dass alle Soldaten ihre Waffen niederlegen – es ist kein Naturgesetz, dass Menschen aufeinander schießen müssen. Es wäre so möglich und wirkt doch so unmöglich. Genau das macht eine Utopie aus: dass etwas kommt, das bis dahin unvorstellbar war. Eine neue Realität, nach der wir leben und fühlen. Oder um es mit Rio Reiser von Ton Steine Scherben zu sagen:
„Es gab keine Angst und nichts zu verlieren / Es war Friede bei den Menschen und unter den Tieren / Das war das Paradies"
Das Paradies – wie fern das doch wirkt beim aktuellen Blick in die Zukunft. Wer heute das Smartphone öffnet oder in die Nachrichten schaut, wird mit einer Welt konfrontiert, die immer brutaler und chaotischer zu werden scheint. Eine Pandemie, die wie aus dem Nichts die Welt aus den Fugen hebt. Ein Angriffskrieg in der Ukraine, von dem viele bis zum letzten Moment geglaubt haben, dass er nicht wirklich stattfinden wird. Der Nahost-Konflikt, der mit einer Brutalität eskaliert ist, die die Hoffnung auf Versöhnung in weite Ferne drängt. Der Sudan, Inflationskrisen, der Abbau der Demokratie. Und ganz zu schweigen vom Klimawandel, der wie ein Damoklesschwert über allem schwebt – und über den wir mittlerweile gar nicht mehr nachdenken wollen. Am G7-Gipfel in Frankreich wurde das Thema ausgeklammert, um Donald Trump nicht zu verärgern.
Was bei all diesen – natürlich unvollständigen – Krisen vielleicht am bedrohlichsten ist: Sie stellen bloß den Anfang eines Trends dar. Hin zu einer Welt, in der internationale Regeln gleichgültig sind, in der einzelne Konzerne und eine Handvoll Tech-Milliardäre riesige Macht konzentrieren. Wer die Zukunftsszenarien der Krisenforschung kennt, wer mit Forscherinnen und Forschern spricht, wird darin oft bestätigt. Die Bilder sind düster. Aber muss es wirklich so kommen? Sind Trends unaufhaltbar – oder leben sie nicht gerade davon, dass wir sie immer wieder reproduzieren und so erst möglich machen?

Klaus Kofler ist Zukunftsforscher aus Vorarlberg. Er argumentiert, dass ohne eine klare innere Haltung jede Reise in die Zukunft zwangsläufig ziellos bleibt. “Wenn wir uns keine Haltung aneignen, um in diese Zukunft, in eine bestimmte Zukunft gehen zu können, dann werden wir uns natürlich auf diese Reise unweigerlich verlaufen. Das heißt, es braucht einen starken Plan, es braucht ein starkes Inneres, um die Zukunft, die wir gestalten wollen und die wir verändern wollen, auch bewegen zu können.” Klaus Kofler hat damit einen anderen Ansatz als in der klassischen Zukunftsforschung, die stark auf der Analyse der Gegenwart, aus Hochrechnungen, Prognosen und den wahrscheinlichsten Szenarien beruht. Kofler beschreibt seine Herangehensweise auf seiner Website so:
Für mich als Zukunftsforscher ist Zukunft kein abstraktes Planungskonstrukt, sondern ein erlebbarer Resonanzraum für Verantwortung und Vorstellungskraft. Meine Arbeit verbindet Zukunftsforschung, Regeneratives Zukunftsdesign und systemisches Denken. Ich entwickle neue Narrative und Bilder und vermittle Zukunftswissen und Kompetenzen, die es für echte Veränderungsprozesse braucht.
„Wenn wir unser inneres Bild und unsere innere Zukunftskraft nicht erzeugen können, dann passiert im Äußeren rein gar nichts”, sagt Kofler.
Was auf den ersten Blick logisch klingt, scheint aber – im wahrsten Sinne des Wortes – utopisch zu sein. Den Aufruf, Optimismus zu haben und bunte Zukunftsvorstellungen zu entwickeln, könnte man fast als zynisch empfinden, wenn parallel weltweit Menschen hungern, unschuldig sterben oder leiden. Kofler glaubt aber, dass es auch nichts bringt, sich einfach zu verschließen.
„Wenn die äußere Zukunft zu laut, gefährlich und unsicher wird – wie wir das gerade erleben – dann passiert etwas Fatales. Nämlich Angst, Stillstand und dass wir nur noch verwalten statt zu gestalten.” Kofler argumentiert, dass dann eine Haltung entsteht, bei der wir das Gefühl haben, dass was draußen, was in der Welt passiert, das können wir eh nicht beeinflussen und verändern. „Dann verpufft die Zukunft mehr oder weniger. Ohne Möglichkeiten und positiven Zukunftsbildern Lethargie, Zukunftsangst und Stillstand.”
Haben wir noch Visionen?
Und das spüren und erfahren wir alle immer wieder – im Alltag oder im Bekanntenkreis. Menschen, die keine Nachrichten mehr schauen wollen, weil es subjektiv eh nur schlimmer wird. Andere, die nur noch mit Zynismus und Gleichgültigkeit das Geschehen ertragen. Viele, die sich auf sich und ihr individuelles Leben konzentrieren, weil nur dort vermeintlich noch Sicherheit liegt. Die Standhaften, die weiter hoffen, dass irgendwie alles gut wird, gelten schnell als naiv. Vielleicht sind wir als Gesellschaft schlicht zu müde, um träumen zu können. Vielleicht sind wir als Gesellschaft zu müde, um träumen zu können. Diese utopie-arme Zeit zeigt sich auch in den politischen Angeboten.
Konservative Parteien setzen naturgemäß auf den Erhalt des Status quo. Die extreme Rechte bildet eine Ausnahme – sie will zwar radikale Veränderung, aber eine, die für viele eher Dystopie wäre, Stichwort Remigration. Linkere Parteien galten historisch oft als Treiber von Utopien, doch auch sie finden seit Jahren keine überzeugende Erzählung davon, wie eine radikal andere Welt aussehen könnte. Der niederländische Historiker Rutger Bregman hat es so formuliert: Linke Parteien wüssten sehr gut, wogegen sie sind – aber nicht wofür. Die Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe spricht gar von einem postpolitischen Konsens: Die Programme von Mitte-links und Mitte-rechts Parteien würden sich seit den 1990er Jahren immer weniger voneinander unterscheiden. Insgesamt erinnert die Stimmung an den früheren deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt, der einmal sagte: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.”
Ist es Zeit die alten Geschichten loszulassen?
Klaus Kofler glaubt nicht, dass wir ganz orientierungslos auf die Zukunft zusteuern – eher, dass wir noch einer alten Erzählung hinterherlaufen. „Unsere Zukunftskraft und -gestaltung war lange ungeheuer geprägt von einer funktionalen Gewinngeschichten. Die haben uns natürlich auch reich und effizient gemacht – haben den Wohlstand geschaffen, den wir heute haben. Und von diesen guten Gewinngeschichten wollen wir einfach nicht loslassen. Wenn ich drei Autos in der Garage habe und verkaufe eins, dann hab ich nur noch zwei. Diese Verlustängste in unserer Gesellschaft sind immens.”
Die Ideen und Ideologien sind also nicht unbedingt weg, sondern erscheinen uns nur so zwingend und selbstverständlich, dass wir uns Alternativen nur schwer vorstellen können. Der kanadische Autor Cory Doctorow sieht den Neoliberalismus als eine solche unbewusst verinnerlichte Ideologie. Also den Konsum als Lebensinhalt, den freien Markt und ewiges Wachstum. Die britische Premierministerin Margret Thatcher hat das mit einem Ausspruch auf den Punkt gebracht: “there is no alternative.” Es gibt keine Alternative. Was Doctorow auch als „traut euch nicht an eine zu denken” deutet. Wer keine Alternative denken kann, kann auch keine bauen. Zukunftsforscher Kofler sieht das ähnlich. Er argumentiert, dass man zunächst verstehen müsse, warum alte Bilder funktioniert haben – um dann den fairen Abgleich zu schaffen: „Sind wir dann nicht besser beraten, wenn wir sagen, wir lassen diese alten Bilder dann mal stehen und bauen daraus neue Bilder? Und ich glaube, daran scheitern wir momentan in großem Maße, dass wir uns einfach nicht auf dieses Neue einlassen, dass wir uns nicht auf dieses Neue rauftrauen.”
Neue Bilder zu bauen, klingt fast zu einfach. Aber Kofler meint damit keine bunte Wunschliste, sondern eine viel grundlegendere Frage: das Worum und Wofür. Warum tun wir, was wir tun – und wohin wollen wir damit? Wenn sich eine Gesellschaft oder ein Mensch das nicht beantworten kann, hat er, sagt Kofler, nichts, das ihn trägt. „Wir hören ja alle diesen Ruf, der da draußen stattfindet, aber wir sind nicht bereit, diese Schwelle zu übertreten. Und das ist die Challenge. Wenn wir dieses Worum und Wofür nicht kennen, dann gibt es auch kein Was, nämlich was wir tun könnten und folglich auch kein Wie, wie wir es umsetzen.”
Die Schwelle ist ein Bild, das Kofler immer wieder verwendet, und es stammt aus einem alten Konzept, das man vielleicht aus Märchen oder Abenteuerfilmen kennt: der Heldenreise des Kulturanthropologen Joseph Campbell. Campbell analysierte, dass der Held einer Geschichte erst selbst über seinen Schatten springen muss, bevor er aufbrechen kann. Kofler zieht daraus eine Konsequenz: Die Schwelle werde nicht übertreten, solange man nicht in gewissem Maße dazu genötigt werde, solange man die Komfortzone nicht verlassen müsse. Es brauche disruptive Elemente. Es müsse klar werden, dass man sich in Bewegung setzen muss – und gleichzeitig, dass man mit dem Schritt über die Schwelle ein unbekanntes Gebiet betritt. Mit allen Möglichkeiten, Chancen, aber auch Gefahren. „Es scheuen sich ganz viele, und da spreche ich nicht nur von unserer Gesellschaft, von Menschen, sondern auch von vielen Unternehmen, vielen politischen Konzepten, von den möglichen Gefahren, die daraus resultieren. Aber nur wenn wir eben auch bereit sind, diese Gefahren in Kauf zu nehmen, kann daraus etwas Neues entstehen.”
Alles wird gut (?!)
Mich treibt beim Thema Utopie vor allem eine Frage um: Wenn ringsherum die Institutionen bröckeln und die Sicherheit fehlt – wie schaffen es Individuen und Gesellschaften trotzdem, konstruktiv und positiv zu denken? Wie können wir das Träumen wieder lernen in einer Zeit, die so ermüdend ist?
Kofler sieht Vertrauen als die Leitwährung, die uns in die Zukunft führt. Aber Vertrauen brauche auch kritisches Denken. Es brauche eine andere Dialogkultur, eine andere Art der Auseinandersetzung, die andere Meinungen zulässt – und aus diesem Kreislauf heraus würde dann ein neues Vertrauensfundament entstehen. „Wir können es uns nicht mehr leisten, nur weil jemand anderer Meinung ist, einfach aufzustehen oder jemanden niederzumachen. Sondern wir brauchen diese neue Dialogfähigkeit, um die Komplexität, mit der wir es zu tun haben, umgehen zu lernen. Und es braucht auch noch etwas ganz Entscheidendes: Wir müssen uns vielleicht auch wieder trauen, neue Geschichten zu erzählen.”
„Der Mensch braucht zu seinem Glück nicht nur diesen oder jenen Genuss, sondern Hoffnung, neue Unternehmungen und Veränderungen.” Das hat der britische Philosoph Bertrand Russell aufgeschrieben und ergänzt: “Unser Ziel sollte nicht ein vollkommenes Utopia sein. Sondern eine Welt, in der Hoffnung und Fantasie lebendig sind.”
Klaus Kofler schreibt in einem seiner Bücher, dass wir mehr „Zumuten können” brauchen. Dass wir uns die Zukunft wieder mehr zumuten. Kofler will mutig nach vorne schauen: „Es wird nicht mehr reichen, die Zukunft nur zu managen – wir müssen Zukunft kultivieren.”
Zukunft als Chance
Utopisch denken muss also nicht naiv sein. Die Utopie kann die Richtung vorgeben, in die wir uns entwickeln wollen. Das ist vielleicht gerade in chaotischen Zeiten wie diesen umso wichtiger. Dem Träumen und utopischen Fantasieren muss per se keine Grenze gesetzt sein – es geht um die Veränderung des Koordinatensystems, in dem wir alle leben, nicht nur um Details und kleine Anpassungen. Wobei Utopien auch im Kleinen umsetzbar sind – und absolute Utopien auch gefährlich sein können. Aber davon erzähle ich im zweiten Teil dieser Serie mehr. Darin wird es um die Geschichte der Utopien gehen: Seit wann und wie malen wir uns einen Sehnsuchtsort aus? Wie unterschiedlich sind Utopien weltweit und sind sie immer gut? Außerdem geht es darum, wie man utopisches Denken trainieren kann, was die UNESCO damit zu tun hat – und welche kleinen und großen Utopien gerade im Hier und Jetzt entstehen.
Und weil mich interessiert, was Utopie für dich bedeutet, ob und wie du sie lebst oder von ihr träumst – ich bitte dich um einen Kommentar unter diesem Beitrag oder eine Sprachnachricht an [email protected]. Klaus Kofler hat auf diese Frage für sich schon eine Antwort gefunden.
„Wir müssen lernen, mit der Komplexität umzugehen. Also nicht lernen, Komplexität zu bewältigen, sondern mit der Unsicherheit zu leben. Wir müssen lernen, Resilienzwissen aufzubauen und auch mit Krisen zu leben. Wir müssen lernen, uns wieder andere Geschichten über die Zukunft zu erzählen. Wir sollten versuchen, den Menschen in den Mittelpunkt zu positionieren. Also nicht den Mensch als Ressource zu betrachten und auszusaugen, sondern den Mensch als Gestalter wieder in die Mitte zu bringen. Dann bin ich überzeugt davon, dass wir letztlich den Herausforderungen der Zukunft, die da draußen natürlich reihenweise auf uns warten, auch anders begegnen zu können.”
Übrigens: Wenn dich Klaus Kofler und seine Positionen zur Zukunft interessieren und du mehr davon hören möchtest, dann kannst du dir hier das vollständige Interview anhören, das ich mit ihm beim Alpenklimagipfel auf der Zugspitze geführt habe.
Audioproduktion und -mix: Yannik Milz
