Von der Smartphone-Revolution zur Evolution? Eine hypothetische Spurensuche in unserem Genom

Nach knapp 19 Jahren bestimmt das Smartphone unseren Alltag. Bestimmt es auch unsere Entwicklung?

Von der Smartphone-Revolution zur Evolution? Eine hypothetische Spurensuche in unserem Genom
Illustration: Jochen Schievink für JETZT

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Ich weiß nicht, wie oft ich auf mein Handy geschaut habe, während ich an dieser Geschichte gearbeitet habe. Wahrscheinlich zu oft. Das geht ganz automatisch: Wenn es vibriert, schaue ich drauf und wenn es nicht vibriert, frage ich mich, was ich verpasse. Richtig nervig. Andrea, eine Freundin, hat mir schon vor Jahren gesagt, dass ich mein Smartphone nicht am Tisch liegen lassen soll, wenn ich mich konzentrieren will. Sie kennt die Dinger ziemlich gut und weiß, was sie mit Menschen machen. Andrea ist Smartphonecoach. Sie bringt Eltern, Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern den smarten Umgang mit smarten Geräten nah. In ihren Workshops bekommt sie eine Menge mit; unter anderem, wie unterschiedlich Erwachsene und Kinder ihren Smartphone-Konsum wahrnehmen: „Der Arbeitskonsum und der private Konsum wird von Erwachsenen im Kopf sehr stark getrennt. Ich erlebe bei Erwachsenen auch immer noch die Trennung zwischen analoger und digitaler Welt. Für Kinder und Jugendliche, die von 0 weg mit smarten Geräten aufgewachsen sind, gibt es diese Trennung in analoge und digitale Welt nicht mehr. Das ist verschmolzen.“

Bringt den smarten Umgang mit smarten Geräten bei Andrea Buhl-Aigner ist Smartphonecoach für Eltern und Lehrkräfte. (Foto: Michael Meier)

Off- und online ist eins geworden? Das ging schnell. Smartphones gibt es noch gar nicht so lange. Okay, ein paar Leute sagen, dass der Simon Personal Communicator von IBM aus 1994 das erste Smartphone war, aber richtig los ging es erst im Jänner 2007. Da hat Steve Jobs das erste iPhone vorgestellt. Ein Jahr später sind Apple App Store und Android Market mit den ersten Apps online gegangen. Noch ein Jahr später ist WhatsApp gestartet, die Messenger-App, die das SMS ins Nirvana befördert hat. 2014 wurde WhatsApp von Mark Zuckerbergs Konzern Meta übernommen. Auch heute ist WhatsApp immer noch weit oben in den weltweiten Download-Charts. Spitzenreiter-App im August 2025? ChatGPT, der Hosentaschengefährte mit künstlicher Intelligenz. Noch kann er nicht alle anderen Apps ersetzen. Darum warten hunderttausende darauf, von uns genutzt zu werden. Und wir nutzen sie. Kurzum: Es ist eine Menge los auf unseren Smartphones und fast alle haben eins - in Österreich 89 % der Bevölkerung.

Das Smartphone hat sich tief in unserem Alltag verankert. Smartphonecoach Andrea Buhl-Aigner: „Bei einem Reality-Check haben kürzlich 60 – 70 % der Oberstufenschülerinnen und -schülern gesagt, dass sie mehr als sechs Stunden am Handy sind. Ein beträchtlicher Teil hat gesagt, dass er mehr als acht Stunden am Handy ist. Die haben eigentlich gar keine richtigen Pausen mehr fürs Gehirn im Tagesablauf. Die füllen jede kleine Wartezeit mit Medienkonsum - an der Bushaltestelle, in den Unterrichtspausen, oder wenn sie aufs Klo gehen. Die haben alle natürlichen Pausen, die das Gehirn hätte, eliminiert. Die sind also einer irrsinnigen Menge an Reizen ausgesetzt. Sie verlernen Geduld und Langeweile.“

Und genau diese Reizüberflutung geht auf Kosten der Denkleistung. Wir denken langsamer und sind unkonzentrierter. Dafür muss das Smartphone noch nicht mal an sein. Es reicht, wenn es in greifbarer Nähe ist. Wenn es dann eingeschaltet ist, schadet es anscheinend unseren Augen. In den USA z.B. haben sich die Fälle von Kurzsichtigkeit bei Kindern seit den 70ern verdoppelt. Psychisch leiden wir auch unter Smartphone-Nutzung. Forscherinnen und Forscher des Global Mind Project haben fast zwei Millionen Menschen in 163 Ländern befragt. Ergebnis: Je früher Kinder Smartphones nutzen, desto schlechter steht es um ihre psychische Gesundheit. Die Forscherinnen und Forscher fordern seitdem, dass Kinder unter 13 Jahren überhaupt keine Smartphones mehr nutzen. Das mit dem Smartphoneverbot kennen wir ja in Österreich. Zumindest an Schulen. Ist das eine gute Idee, Andrea? „Ich bin ganz froh, dass das Bildungsministerium zumindest für die erste bis achte Schulstufe diese Regelung eingeführt hat. Ich würde unterstützen, dass das Verbot bis zur zwölften Schulstufe ausgeweitet wird. Wir werden sehen, ob sich das noch jemand traut.“

Machen wir eine Bestandsaufnahme

Das erste Smartphone ist 2007 herausgekommen. Knapp 19 Jahre später müssen wir Smartphones schon wieder verbieten, unter anderem weil sie unsere Gehirne, Augen und Psychen kaputt machen. Was Smartphones sonst noch anrichten, müssen wir erst herausfinden. Die ersten Forschungseinrichtungen für Langzeitfolgen von digitalen Endgeräten gibt es bereits.

Ich will wissen, wie das weitergeht. Konkreter: Ich will wissen, ob das Smartphone uns Menschen langfristig verändert. Hat das Smartphone Einfluss auf unsere Evolution? Um das herauszufinden, habe ich mit Gerhard Weber gesprochen. Er leitet das Department für evolutionäre Anthropologie an der Uni Wien. Was genau ist nochmal Evolution, Herr Weber? „Die Währung, in der wir in der Biologie sprechen, sind keine Euro oder Dollar, sondern Fortpflanzungserfolg. Wie gut kann ich mich vermehren? Der einzige Weg, in die Zukunft zu gehen, ist Nachkommen zu haben, die wieder Nachkommen zeugen. Dabei ändern sich die Gene im Laufe der Zeit. Und die, die im Moment vorteilhaft sind, werden mehr herausselektiert und andere werden mit der Zeit weniger wichtig.“

Erforscht, wie Menschen sich entwickelt haben Gerhard Weber leitet das Department für evolutionäre Anthropologie an der Uni Wien (Foto: Klaus Ranger)

Die Frage ist also, ob exzessive Smartphone-Nutzung Einfluss auf unseren Genpool hat oder haben wird. „Das ist eine schwierige Frage“, sagt Weber, „dazu braucht man lange Zeit. Welche Eigenschaften in der neuen Welt zu einem hohen Reproduktionserfolg führe, ist nicht abzuschätzen. Da müssten wir uns - was wir leider nicht können - in 100 Jahren wieder treffen. Dann wissen wir schon ein bisschen mehr. Dann haben wir drei bis vier Generationen durch und dann könnten wir schauen, welche Gene sich in den Pools geändert haben.“

Im Jahr 2125

Da müssten meine zukünftigen Kolleginnen und Kollegen von JETZT übernehmen. Aber was genau würden die Evolutionsforscherinnen- und forscher ihnen dann berichten? Könnten sie die Frage beantworten, ob das Smartphone einen Einfluss auf unseren Genpool gehabt haben wird? Professor Weber: „Es wird schwierig werden, einen Faktor herauszupulen. Es wird ja nicht nur das Handy sein, sondern die ganze Infrastruktur ändert sich.“

Zumindest hätten wir in 100 Jahren mehr Daten, auf die wir in der Forschung zugreifen können. Evolutionsforscher Weber erklärt mir, dass wir jetzt schon - zumindest in Mitteleuropa - das Genom von sehr vielen Menschen haben. Unter anderem wegen Unternehmen wie 23andMe. Da kann jeder und jede mithilfe einer Genprobe auf die Spuren der eigenen Vorfahrinnen und Vorfahren gehen.

Vermutlich werden wir nicht nur mehr Daten haben. Die Genforschung wird sich bis 2125 ebenfalls weiterentwickelt haben. Die ist nämlich noch gar nicht so weit, wie viele denken, sagt Weber: „Wir haben zwar den Code, aber wir wissen bei vielen Dingen gar nicht, welche Gene welche individuellen Merkmale ausmachen. Dann kommt noch die Epigenetik dazu, wo Umwelteinflüsse bei unserer Entwicklung beobachtet werden.“

Es braucht also noch Zeit, bis wir sagen können, ob - und wenn ja, welchen - Einfluss das Smartphone auf unsere Entwicklung gehabt haben wird. Ein paar Annahmen liegen aber jetzt schon auf der Hand. Im Fall von extremen Umweltveränderungen (Stichwort: Blackout und Cyberattacke) würden Offline-Fähigkeiten wie handwerkliches Geschick wahrscheinlich zu deutlich mehr Reproduktionserfolg führen. Da würde uns das Smartphone nicht weiterhelfen.

Dass wir dank Smartphone schwerer sprechen lernen und weniger Empathie zeigen, könnte uns in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten ebenfalls Schwierigkeiten bereiten. „Das war, was uns so erfolgreich gemacht hat: soziale Komplexität und das Zusammenarbeiten”, sagt Weber. “Wir sind ja ziemlich schwache Tiere: Wir haben keine Klauen, keine Fangzähne, können nicht schnell laufen. Warum wir erfolgreich waren, war, weil wir zusammengearbeitet haben.“

Das Smartphone zwischendurch abzuschalten, mit anderen zu sprechen und zwischenmenschliche Interaktion zu üben, könnte also einen evolutionären Vorteil haben.

Und weil ich selber echt schlecht darin bin, mein Smartphone abzuschalten, habe ich Smartphonecoach Andrea Buhl-Aigner um einen Tipp gebeten: „Der erste Schritt ist, ehrlich die eigenen Gewohnheiten zu erkunden. Sich tatsächlich genau anzuschauen, was mache ich eigentlich untertags wie lange am Smartphone. Fun Fact: Die meisten Erwachsenen schätzen ihre eigene Nutzung um 50% zu niedrig ein.“

Im ZDF gab es mal eine Kindersendung, die hieß „Löwenzahn“. Da hat ein kauziger Latzhosenträger - Peter Lustig - von einem blauen Bauwagen aus die Welt entdeckt und erklärt. Nach jeder Folge hat er gesagt: „Und nicht vergessen: abschalten“. Ich habe mich tatsächlich manchmal daran gehalten. Darum probiere ich jetzt auch mal so einen Abschluss. Nicht vergessen: zwischendurch das Smartphone abschalten.

Sounddesign und Audioproduktion: Henric Wietheger und Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas