Dieser Artikel ist für dich kostenlos
Du kannst diesen Beitrag lesen oder anhören, weil ein JETZT-Mitglied ihn mit dir geteilt hat. Schließe eine Mitgliedschaft ab, um auch unabhängigen Journalismus zu unterstützen!
Der Wiener Fotograf Florian Lehner hat das Cafe Concerto über zwei Jahre regelmäßig besucht und bildlich dokumentiert. Die im Text verwendeten Bilder sind eine Auswahl seiner Reportage.
Samstagfrüh am Wiener Gürtel. Eine Vollmondnacht. Nach und nach schließen die Clubs, die sich hier an der U-Bahn-Linie 6 aneinanderreihen. Das Venster zum Beispiel, das Weberknecht oder das Loco. Sperrstunde ist bei den meisten um vier, manche haben auch länger offen. Um sechs Uhr früh ist dann spätestens bei allen Sense.
An einem Ort aber, da bildet sich jetzt, um dreiviertel sechs in der Früh, eine Menschentraube. Gegenüber von der U6-Station Josefstädter Straße befindet sich das Cafe Concerto. Es sperrt um sechs Uhr früh auf und hat bis circa zehn Uhr vormittags offen. Genannt wird das Ganze „Afterhour“.
In der Traube treffe ich auf Alex. Seinen Namen haben wir – so wie jeden Namen in diesem Text – geändert. Alex ist seit Freitagabend mit zwei Freunden unterwegs und wartet darauf, dass das Concerto aufsperrt. Davor waren sie im Kramladen, einem Club gleich gegenüber.
Alex erzählt fast liebevoll, dass ihm hier im Concerto schon viel passiert ist. Arge Menschen, arge Situationen, arge Selbsterkenntnisse. Rausch und Nichtrausch. Auch seine letzte Freundin habe er hier kennengelernt. „Also wenn ich mit zehn Freunden unterwegs bin, ist das was ganz anderes als mit zehn fremden Menschen, die potenziell neue Freunde werden können“, sagt Alex und wird geradezu philosophisch, „jeder hat seinen eigenen Background, seinen eigenen Kulturkreis. Das vermischt sich dann schön, weil die Leute alle miteinander Banane sind. Dann trifft die eine Banane auf die andere Banane und dann geht es sich gut aus. Jeder hat seinen Vogel, aber kommt immer darauf an, wie die miteinander zwitschern.“

Es schlägt sechs Uhr früh und das Concerto öffnet seine Türen. Drinnen riecht es nach kaltem Rauch. Am Ende der Bar, gleich beim Eingang, lehnt Heinz Seidl. Er trägt ein rotes T-Shirt und hat ein Glas Wasser in der Hand, im Gesicht ein mildes Lächeln. Heinz ist Betreiber des Cafe Concerto. Ich begrüße ihn und bestelle mir einen Almdudler.
Heinz erzählt davon, dass das Concerto Probleme hat. Einerseits gibt es eine Reihe an technischen Gebrechen in dem Lokal. Von mehreren Wasserrohrbrüchen in den letzten Monaten, bis hin zu einer kaputten Heizung ist alles dabei. Andererseits kümmere sich der Hausbesitzer aber nicht darum, sagt Heinz. Im Gegenteil: Laufend müsse Heinz Geld vorstrecken, dieses bekommt er dann oft erst nach einem Gerichtsprozess zurück. Das Cafe Concerto befindet sich deshalb in einer brenzligen finanziellen Lage. Auf Postern, die im ganzen Lokal aufgehängt sind, bittet Heinz deshalb um Spenden. Man merkt, das Thema brennt ihm auf den Lippen.
Heinz war immer schon im Kulturbereich tätig. Die IG Kultur hat er zum Beispiel mitbegründet, sagt er, das ist eine Interessensvertretung autonomer Kulturinitiativen. So weit so gut – warum aber das Konzept Afterhour? „Ich war immer schon einer der Letzten oder der Letzte“, sagt Heinz und lacht, „das hat dann natürlich mit dem Concerto seine Fortsetzung gefunden.“ Heinz ist jedes Wochenende zur Afterhour da. Er ist der Erste, der kommt und der Letzte, der geht. Das bedeutet auch, dass Heinz nicht sehr viel schläft. Denn das Concerto hat nicht nur am Samstag und Sonntag zur Afterhour offen, sondern am Wochenende auch von 7 Uhr abends bis 4 Uhr früh. Da bleiben dann manchmal Freitag und Samstag jeweils nur zwei Stunden Schlaf über.
Wieso aber tut sich Heinz das an, so wenig zu schlafen, um dann nüchtern mit Betrunkenen Zeit zu verbringen? Heinz beschreibt die Afterhour als „weltoffen“ – dass sich hier verschiedenste Menschen verschiedenster Schichten finden, die friedlich zusammensitzen und sich austauschen. „Die Stimmung ist freundlich und nett“, sagt er. Das gefällt Heinz. Außerdem, das sei betont, seien es nicht nur Betrunkene, die ins Cafe Concerto kommen. Manche würden auch ganz nüchtern in der Früh auf einen Kaffee vorbeikommen.
Während ich mit Heinz spreche, kommen immer wieder Gäste vorbei und mustern uns neugierig. Hin und wieder werfen sie Wortfetzen ein oder klopfen Heinz auf die Schulter. Man kennt Heinz hier. Und man mag ihn.
Ich rauche mir draußen eine Zigarette an. Mittlerweile haben die Gäste Wind davon bekommen, dass ich da bin, fragen mich immer wieder, was ich hier mache mit meinem Mikrofon. Manche fühlen sich aber auch gestört von meiner Anwesenheit. Ein Mann mit langen Haaren, geschätzt Mitte dreißig, beschimpft mich sogar.
„Fuck you, Journalist!“
ruft er mir zu. Im Gesicht ein breites Grinsen.
Dann treffe ich auf Thomas. Thomas ist vergleichsweise etwas älter und trägt einen Hut. „Wenn alles vorbei ist, fängts wieder an“, beschreibt er das Konzept Afterhour. Was zu einer Afterhour dazugehört? „Alles, was man sonst nie macht. Es ist ein Biotop von allem, wovor die Mama immer gewarnt hat.“
Thomas erzählt, dass er gerade vorhin Ecstasy genommen hat. Er hat nicht vor, bald schlafen zu gehen, dafür ist er zu gut drauf. Nicht schlafen gehen, Drogen nehmen, Alkohol trinken. Warum begibt man sich freiwillig in so eine Ausnahmesituation? Warum dieser Exzess? „Exzess ist das Salz in der Suppe“, sagt Thomas, „jeder Mensch steckt sich persönliche Grenzen. Und der Exzess ist das Schöne, die eigenen Grenzen, die man sich steckt, zu überschreiten und das auch noch gut zu finden.“

Neben Partydrogen wie Ecstasy, MDMA oder gar Ketamin werden bei der Afterhour besonders Kokain oder Amphetamine wie Speed geschnupft. Dazu ein paar Zahlen aus dem Drogenbericht 2025 im Auftrag des Gesundheitsministeriums: In Österreich haben, was illegale Drogen angeht, 30 – 40 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zumindest einmal im Leben Cannabis geraucht. Kokain, Ecstasy und Amphetamine hat rund jeder Zwanzigste mindestens einmal im Leben genommen. Zumindest der Kokainkonsum in Österreich und der EU steigt laufend an. Das zeigen Spitalsstatistik und Abwasserproben. Der Konsum von Kokain streckt sich heute quer durch alle Gesellschaftsschichten, weil der Preis um einiges niedriger ist als noch vor einigen Jahren. Im Jahr 2025 wurden in Österreich jedenfalls 275 Kilogramm Kokain sichergestellt, sagt das Bundeskriminalamt – fast drei Mal so viel wie noch 2021. Konsumiert wurden Schätzungen zufolge 2 bis 12 Tonnen. Gleichzeitig zeigen Zahlen der Statistik Austria, dass der Alkoholkonsum – immer noch auf hohem Niveau – zurückgeht, besonders bei jungen Menschen.
Die gesundheitlichen Risiken der Afterhour sind vielfältig. Einerseits sind da natürlich die Nebenwirkungen des Drogenkonsums. Hier hängt es aber auch davon ab, welche Drogen man konsumiert. Psychedelische Drogen wie LSD oder auch Cannabis begünstigen etwa psychische Erkrankungen oder Psychosen. Stimulanzien wie Kokain oder Amphetamine wirken sich besonders auf das Herz-Kreislauf-System aus.
Andererseits kann auch der zur Afterhour gehörende Schlafentzug große Auswirkungen auf Körper und Geist haben: Schlafmangel erhöht nachweislich die Sterblichkeit, so haben zum Beispiel Nachtschichtarbeiterinnen und -arbeiter eine wesentlich kürzere Lebenserwartung als Menschen, die untertags arbeiten. Dazu muss man sagen: Ein einmaliger Schlafmangel ist an sich nicht schlimm – wird es zur Regelmäßigkeit, wird es aber gefährlich. Durch den Schlafentzug geraten die Nervenzellen im Gehirn unter noch mehr Stress, der Neurotransmitter-Haushalt kommt durcheinander und die Serotonin- und Dopamin-Speicher werden durch die Drogen komplett aufgebraucht. Kurzfristig kann das also zwar zu Euphorie und Glücksgefühlen führen, langfristig erhöht sich aber das Risiko für psychische Erkrankungen, zum Beispiel für Depressionen. Schlafentzug fördert außerdem auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkte, besonders in Zusammenhang mit Stimulanzien wie Kokain oder Speed, die das ohnehin begünstigen. Das kann bis zum Tod führen. Im Jahr 2024 sind in Österreich 257 Menschen direkt an illegalen Drogen gestorben. Auffällig ist hier, dass die Anzahl der jungen Drogentoten in den letzten Jahren immer mehr steigt. Viele der unter 25-jährigen Opfer konsumierten wahllos Drogen. Diese als Mischkonsum bekannte Form des Drogennehmens ist besonders gefährlich.

Das Cafe Concerto befindet sich am Lerchenfelder Gürtel, Ecke Neulerchenfelder Straße, gegenüber von der U6 Josefstädterstraße. Eigentlich ist das Concerto zweistöckig – unten, im Keller, dem sogenannten „Felsenkeller“, gibt es Veranstaltungen wie Konzerte, Open Stages, gelegentlich Lesungen oder Kabarett. Zur Afterhour ist aber nur das Erdgeschoß, genannt „Wintergarten“, geöffnet. Hier wimmelt es von üppigen Pflanzen, zwischen denen ein paar Puppen stehen. Die Pölster der Sitzbänke sind abgenutzt, fast schludrig. Im kommenden Februar feiert das Concerto sein 25-jähriges Bestehen.
Vor dem Concerto, auf der Straße, wo am Anfang noch eine Menschentraube war, sind jetzt etwa vierzig Leute. Sie stehen an Stehtischen oder sitzen im Schanigarten, der direkt an den stark befahrenen Gürtel grenzt. In den Händen haben sie Bierflaschen und Spritzergläser – Bier und Spritzer sind laut Heinz auch – neben Spirituosen - die Getränke, die am besten bei der Afterhour gehen. Manchmal gibt es aber auch plötzlich Vormittage, an denen zu einem Drittel Kaffee getrunken wird.
Ich setze mich draußen auf einen freien Sessel und mache eine Pause bei einem doppelten Espresso. Die Sonne ist schon aufgegangen und am Gürtel fahren immer mehr Autos am Concerto vorbei. Es dauert nicht lange, da setzt sich Vinzent zu mir. Er fragt, was ich mit dem Mikrofon vorhabe. Ich erkläre ihm, dass ich auf Reportage hier bin. Er fordert mich auf, ihn zu interviewen.
„Ich bin hier, weil ich heute wieder die falsche Entscheidung getroffen habe, nicht schlafen zu gehen“, sagt Vinzent. Warum es eine falsche Entscheidung ist? Der ganze Schlafrhythmus werde zerstört. Wenn man erst zu Mittag um zwölf ins Bett kommt, schläft man bis sechs am Abend. Da steht man dann auf, hängt herum und versucht um Mitternacht wieder schlafen zu gehen. Das geht dann aber nicht, weil man noch Energie hat. Man bleibt wach, bis drei Uhr früh. Am Montag, in der Arbeit, ist man dann einfach „meier“, sagt Vinzent. „Aber die falschen Entscheidungen machen die lustigsten Momente im Leben.“
„Fuck you!“
ruft mir der Langhaarige in einiger Entfernung erneut zu und grinst.
Während des Interviews mit Vinzent, hat zu meiner Rechten ein großgewachsener, bärtiger Mann Platz genommen. Ich nenne ihn Paul. Im Augenwinkel konnte ich erkennen, wie er unserem Gespräch gespannt lauschte. Als Vinzent geht, fordert auch Paul mich auf, ihn zu interviewen. Er möchte etwas sagen.
„Ich habe eine scheiß Trennung hinter mir und ich versuche mich abzulenken, deswegen bin ich hier und habe meinen Spaß“, sagt Paul. Im Mai hat ihn seine Freundin verlassen, nach zwei Jahren Beziehung. Das Concerto sei eine Ausflucht, eine Ablenkung. Obwohl ursprünglich er mit mir sprechen wollte, zeigt sich Paul sehr wortkarg auf meine Fragen. Es scheint, als wäre er mit dem Kopf ganz woanders. Wir sprechen deshalb nicht lange miteinander. Und eigentlich wollte ich ja gerade Pause machen und einen Kaffee trinken. Als ich das Mikrofon also wieder wegpacke, reden wir über Trennungen, über Beziehungen. Was schön daran ist, was manchmal belastend. Über Einsamkeit. Zum größten Teil rede ich. Dann unterbricht er mich und bittet mich, das Mikrofon wieder einzuschalten. Ich komme der Bitte nach. „Was ich noch sagen wollte“, sagt Paul energisch, „danke Heda, dass du mir diesen Schmerz bereitet hast. Dadurch habe ich gelernt, dass ich mich selber lieben kann.“
Besucht man das Concerto, exponiert man sich auf eine seltsame Weise. Die 2er-Straßenbahn fährt direkt an den Leuten vorbei, die draußen bei einer Zigarette plaudern. Passantinnen und Passanten gehen über den Zebrastreifen daneben oder schlängeln sich zwischen den Afterhour-Gästen hindurch. Vor den Fenstern hängen keine Vorhänge. Und auch von der gegenüberliegenden U6-Station sieht man hinunter auf die feiernde Menschenmenge, wenn man auf die U-Bahn wartet. Man wird fast dazu gezwungen, dazu zu stehen, dass man die ganze Nacht durchzecht.
Im Concerto arbeiten insgesamt 12 Kellnerinnen und Kellner, bei der Afterhour sind sie zu dritt, inklusive Heinz. Eine der Kellnerinnen ist Martha. Sie ist seit zwanzig Jahren fixer Bestandteil des Cafe Concerto und Heinz‘ Schwester. „Die Leute sagen zu mir, ich bin die Seele des Hauses“, sagt Martha mit einem Lächeln. Ich frage sie nach ihrem Alltag hier – oder, ob es so etwas überhaupt gibt. „In der Afterhour kommt alles zusammen“, erzählt sie, „von jung bis alt, verschiedenste Leute, verschiedenste Typen, verschiedenste Nationen und die finden sich irgendwie zusammen und tratschen und haben eigentlich immer einen wunderbaren schönen Morgen. Und kommen auch immer wieder.“ So gebe es auch im Concerto Stammgäste wie in jedem anderen Lokal. Solche, die ein paar Mal im Jahr kommen, das dafür schon seit langer Zeit. Solche, die einmal im Monat kommen. Und solche, die fast jedes Wochenende da sind.
Auch Martha schläft am Wochenende nicht viel, erzählt sie. Das sei manchmal auch anstrengend. „Sobald du dich hinsetzt, schläfst du ein“, sagt Martha. Die Leute seien aber „amüsant“ und „witzig berauscht“ – das mache das Ganze wieder angenehmer.
Es wird bald 9 Uhr Vormittag, das Concerto hat noch rund eine Stunde offen. Was Martha danach vorhat? Schlafen, Ruhepause. „Um sieben am Abend sperren wir ja wieder auf. Also weekends are heavy“, stellt sie fest. Martha und Heinz sind hier so etwas wie Ikonen. Es wirkt, als würden sie alle hier kennen.
So auch Daniela, die mit zwei Freundinnen gerade über das Patriarchat diskutiert, als ich mich ihnen nähere. Daniela ist Mitte dreißig und hat Glitzer an den Wangen. Sie kommt seit 15 Jahren regelmäßig ins Concerto. „Pretty big shout-out“, sagt sie an Heinz und Martha gerichtet, „wenn du hierherkommst und Heinz und Martha sind da, fühlst du dich daheim.“ Warum kommt sie aber zur Afterhour und nicht zu den normalen Öffnungszeiten? „Du willst nicht nach Hause gehen, weil zu Hause ist allein. Du willst nicht nach Hause gehen, weil zu Hause ist, wäh, Tristesse.“ Daniela erlebt die Menschen normalerweise als „aufgesetzt“, wie sie sagt. Bei der Afterhour, da ist es aber anders. Hier begegnen sich die Menschen nicht aufgesetzt: „Wir sind so, wie wir sind. Ich schaue aus wie Sau. Aber es macht nichts.“

Mittlerweile scheint die Sonne, es ist ein schöner Herbsttag geworden. Viele, mit denen ich rede, erzählen mir, dass sie bald nachhause gehen werden. Andere lassen es sich offen: Vielleicht ziehen sie, wenn das Concerto zusperrt, weiter und gehen noch in eine Wohnung, zum nahegelegenen Yppenplatz auf einen Absacker, oder sie fahren mit der U6 auf die Donauinsel - die letzten Tage des Jahres genießen, wo man auch noch draußen sitzen kann. Es scheint, als wolle man sich nicht festlegen.
Dann kommt Martha noch einmal hinaus in den Schanigarten, oder anders gesagt: auf den Gehsteig am Gürtel. Bald ist es zehn und das Cafe Concerto schließt wieder für ein paar Stunden seine Türen. Ein Mann mittleren Alters ist im Sitzen eingeschlafen, Martha weckt ihn auf. Zwei junge Frauen bestellen sich noch zwei Averna Sour. Am letzten Tisch angekommen fragt Martha, ob noch jemand einen Wunsch hat. Am anderen Ende des Tisches steht ein junger Mann in Jogginghosen auf und ruft: „Ich habe den Wunsch, dass es noch bis zwölf weitergeht!“
