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An Viktor Millers Front wird nicht geschossen. Da fliegen keine Raketen, da brummen keine Drohnen, da donnert keine Artillerie, da pfeifen keine Kugeln. Nicht an diesem Tag. Er zieht ein kleines Fläschchen mit geweihtem Öl aus der Tasche, zieht durch die Gänge der Zweiten Kiewer Klinik, klopft, wartet die Reaktion ab, öffnet Türen, fragt, ob er eintreten darf, wartet die Antwort ab, setzt sich ans Krankenbett, segnet Patienten – oder auch nicht. Manchmal bleibt er sitzen, wechselt einige Worte, manchmal zieht er rasch weiter. Je nachdem. Er sagt: „Wenn man da hinein kommt, weiß man nie, wie diese Begegnung enden wird. Aber unsere Aufgabe, das Allerwichtigste, ist es, da zu sein.“
Viktor Miller ist Militärseelsorger: Grüner Priester-Umhang, eine Skufia, eine weiche Wollkappe auf dem Kopf, Sonnenbrille. An diesem Tag hat er Mychailo Kukuyuk im Anhang – Schauspieler, Musiker, Frontmann der Band CookaTaBanda. Sie besuchen Verwundete. Mychailo Kukuyuk hat eine Gitarre umgehängt, zieht mit Viktor Miller von Tür zu Tür, klimpert ein paar Noten in den Krankenzimmern. So mancher Patient reißt die Augen auf, wenn die Tür aufgeht. Andere schauen ungläubig. Manche wollen ein Selfie mit ihm. Und auch die Krankenschwestern sind begeistert. Man kennt diesen Mann in der Ukraine. Er hat bei „Dancing with the Stars“ getanzt. Für den Militärdienst ist er untauglich: Minus zehn Dioptrien hat er. Er sagt: „Das ist, was ich tun kann, was ich beitragen kann – diese Jungs haben alles verdient.“
Viktor Miller hat an diesem Tag Mychailo Kukuyuk im Anhang – Schauspieler, Musiker, Frontmann der Band CookaTaBanda. (Fotos: Stefan Schocher)
Viktor Miller hat an diesem Tag Mychailo Kukuyuk im Anhang – Schauspieler, Musiker, Frontmann der Band CookaTaBanda. (Fotos: Stefan Schocher)
Viktor Miller hat an diesem Tag Mychailo Kukuyuk im Anhang – Schauspieler, Musiker, Frontmann der Band CookaTaBanda. (Fotos: Stefan Schocher)
Viktor Miller hat an diesem Tag Mychailo Kukuyuk im Anhang – Schauspieler, Musiker, Frontmann der Band CookaTaBanda. (Fotos: Stefan Schocher)
Mychailo Kukuyuk macht Scherze, reißt auch den einen oder anderen schmutzigen Witz. Manche Veteranen lachen. Manche nicht. Viktor Miller lacht.
Er kennt sie alle, die seelischen Abgründe, die ein Krieg mit sich bringt. Er kennt die verschlungenen Pfade, die Lebenswege nehmen in einem Krieg wie diesem, der seit 2014 und in seiner vollen Intensität seit 2022 andauert. Er sagt: „Da sind der Verlust von Angehörigen, der Verlust der Wohnung, ein längerer Aufenthalt fern von der Familie, Entfremdung innerhalb von Familien.“ Er macht eine Pause: „Bestimmte Probleme in den Familien – das heißt, ein ganzes Spektrum solcher Probleme.“

Dreckige Witze sind also nichts, was ihn aus der Fassung bringt. Und so zieht dieses Duo durch die Gänge des Krankenhauses: Viktor Miller mit gezogenem Öl-Spender und Kreuz in der Hand, Mychailo Kukuyuk im weißen Tanktop mit der umgehängten Gitarre.
Viktor Miller sagt: „Wir gehen hinaus, um Christus zu verkünden, auch wenn wir ihn niemandem aufzwingen.“ Welcher Religion eine Person folge, sei ihm völlig egal. Riten und Rituale seien unterschiedlich. Und das sei auch gut so.
In seinem Büro im Zentrum von Kiew stehen die Bibel, die Tora und der Koran. Grundsätzlich sei Seelsorge eine überkonfessionelle Sache. Und darum verteile er auch jüdische oder muslimische Ratgeber an Menschen, die danach fragten. Miller sagt: „Für mich sind die Probleme eines jeden Soldaten, auch wenn er einer anderen Konfession angehört, genau die Probleme, um die ich mich kümmere.“
Er maße sich dabei nichts an, er gebe nur Orientierung und biete Unterstützung. Was er anbieten könne, sei nichts anderes, als ein offenes Ohr und Vertraulichkeit bei einem Kaffee. Das sei sein Werk. Das sei sein Anteil. Das sei sein Beitrag in diesem Kampf gegen das Böse. Und wenn es jemand vorziehe, sich einem Rabbiner oder einem Imam anzuvertrauen, dann sei es kein Problem, das zu organisieren.

An diesem Tag aber ist es sein Werk, sein Anteil, sein Beitrag, zusammen mit einem Promi ein bisschen Abwechslung und vielleicht sogar Freude in ein Krankenhaus zu bringen – zu Menschen, die Beine, Arme, Augen verloren haben in diesem Krieg gegen das Böse, wie er es nennt. Und ein paar Geschenke und Spenden an das Krankenhaus: Kekse, Paradeiser, Gurken, Windelhosen.
Und so sitzen vor dem Eingang zu dem Krankenhaus später dann Männer. Sie rauchen. Einige sitzen in Rollstühlen, einige haben Krücken neben sich, einige haben frische Narben, andere Stabilisatoren in den Beinen. Ein Mann im Rollstuhl wirft einen ausgedrückten Zigarettenstummel in Richtung Mistkübel, verfehlt, flucht scherzhaft: „Mist, daneben geschossen“. Ein Mann, der neben dem Mistkübel auf einer Bank sitzt, hebt den Stummel auf, wirft ihn in den Mist, sagt: „Volltreffer!“ Verzagtes Lachen.
Mychailo Kukuyuk beginnt Gedichte zu rezitieren. Stille in der Runde. Dann ein Lied. Ein Reggae-Song über das Schwarze Meer, einen Russen und einen Hai, den er küssen wolle. Ein bisschen Sing along. Lachen. Applaus.
Einem Mann namens Yuri gefällt es. Er ist ein Mann mit langem weißen Bart. Er hat ein kaputtes Knie. Eine Mauer war auf ihn gefallen – und das nach drei Jahren an der Front. Er hebt den Kopf, deutet einen Blick in die Runde an. Er habe Glück gehabt. Und sagt: „Schauen Sie sich die ganzen jungen Burschen an – ich habe noch alle Gliedmaßen, ich werde gehen können.“
Dem Mann neben ihm auf der Bank fehlt das rechte Bein, der rechte Arm. Das rechte Auge ist vernarbt. Ein Mann in einem Rollstuhl neben der Bank hat keine Beine mehr. In dieser Runde der 20 Männer ist Yuri einer der am leichtesten Verletzten. Dann steht er auf für ein Selfie mit Mychailo Kukuyuk.
Zum Therapeuten zu gehen, ist für viele mit einem Stigmata behaftet
Was er mache, sei nichts anderes als seelischer Beistand, sagt Viktor Miller: Seine Erkenntnis sei es, „dass unsere Gesellschaft noch nicht ganz bereit ist für den Umgang mit Psychologen und Psychotherapeuten.“ Zu einem Therapeuten zu gehen, sei für viele mit gewissen Stigmata verbunden. „Deshalb ist es einfacher, zum Priester zu gehen“, Aber im Grunde gehe es um dasselbe: „Das seelische Befinden eines Menschen, Beratung, über diese Probleme zu sprechen.“ Wie er betont: „Streng vertraulich.“
An diesem Tag aber stehen keine Beratungen auf dem Programm, sondern eine kleine Tour. Nächste Station: Ein nahes Rehazentrum für Veteranen mit Amputationen. Und weil Viktor Miller nie mit leeren Händen kommt, hat er nicht nur Mychailo Kukuyuk, sondern auch Essen dabei. Rindfleisch in Granatapfelsauce – ein persisches Rezept. Weil man ja nicht davon ausgehen kann, dass alle Schweine essen – auch wenn Schweinefleisch so etwas wie ein ukrainisches Heiligtum ist. Aber nicht für Juden, nicht für Muslime – und wenn Viktor Miller einen Tisch deckt, dann deckt er für alle. Beim Hineintragen der Speisen hat er sich mit Granatapfelsauce angepatzt und ist sauer. Mychailo Kukuyuk macht sich einen Spaß daraus – und sich selbst die Hose etwas nass. Schließlich nimmt es auch Viktor Miller gelassen.

Veteran Yuri ist mitgekommen und setzt sich. Alle nehmen Platz rund um einen Tisch – Männer mit Prothesen, in Rollstühlen. All das solle nicht mehr als etwas Tapetenwechsel sein, sagt Miller. Dann regt er zu einem kurzen Schweigen vor der Mahlzeit an. Mychailo Kukuyuk setzt sich auf die Lehne eines Stuhles, die Gitarre auf dem Knie und singt.
Sehr oft aber kämen die Menschen auch, um ihn zu befragen, sagt Viktor Miller. Sie kämen, um ihm Löcher in den Bauch zu fragen. Um ihn herauszufordern, wie zu einem Duell. Es gebe diese, wie er es nennt, „verfluchten Fragen“: Warum so etwas passiert? Warum er es nicht verhindert hat? Viktor Miller macht eine Pause, sagt: „Es gibt Fragen, auf die wir keine Antworten erhalten, das ist das Geheimnis des Lebens, das ist das Geheimnis des Todes.“ Seine Antwort sei: „Sucht Gott, bevor er anfängt, euch zu suchen.“
Es sei wichtig, dass der Mensch sich seines Weges in diesem Leben bewusst werde. „Unsere ganze Hoffnung besteht letztlich darin, dass die Gerechtigkeit triumphieren wird“, sagt er. Viktor Miller steht am Rand der Gruppe, sieht zu an eine Wand gelehnt. Er neigt den Kopf, sagt leise. Seine Erfahrung sei: „Unter denen, die, die noch nicht dort waren, gibt es einen hohen Anteil an Atheisten, aber unter denen, die von dort zurückgekehrt sind, ist der Anteil der Atheisten sehr gering.“ Da gebe es vielleicht Menschen, für die nicht klar sei, an welchen Gott sie glaubten, die auf der Suche nach ihrer eigenen Wahrheit seien. Aber alle glaubten an irgendeinen Gott.
Sprecher: Ingo Hasewend, Mitja Milosits, Recep Kizilirmak, Wolfgang Roessler
Audioproduktion und Sounddesign: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas
