B-Seite

10. Februar 2026

Die Olympischen Spiele wollen unpolitisch sein. Die Realität ist aber eine andere.


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Foto: IMAGO / ZUMA Press Wire

Bei ihrer ersten Rede als Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hat Kirsty Coventry gesagt, man müsse sich auf den eigenen Kern konzentrieren: „Wir wissen, dass wir nicht in einem Vakuum operieren. Aber unser Spiel ist Sport. Das bedeutet, dass wir den Sport als neutralen Ort bewahren – ein Ort, an dem jeder Athlet, jede Athletin frei antreten kann, ohne von der Politik oder Spaltung der eigenen Regierung zurückgehalten zu werden.”

Peter Filzmaier ist nicht nur Politikwissenschaftler sondern auch Sportfan, der „Sportereignisse mit glühenden Ohren und leuchtenden Augen“ verfolgt. Die politischen Aspekte des Sports kann und will er nicht ausblenden. 2024 hat Filzmaier sein Buch „Olympia: Die Spiele als Bühne für Sport und Politik” veröffentlicht. In der Inhaltsbeschreibung steht: „Die Olympischen Spiele wollten unpolitisch sein und waren es nie.“ Ich habe mit ihm darüber gesprochen, wieso das so ist. Daraus ist eine B-Seite in einem etwas anderen Format entstanden: mehr erzählt als in Interview-Form.

Peter Filzmaier ist Politikwissenschaftler und leidenschaftlicher Sportfan. Foto: A&W

Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Gespräch:

  • Das Internationale Olympische Komitee hat sich von Anfang an auferlegt, sich für den Frieden, für die Völkerverständigung und für die Menschenrechte einzusetzen – politische Ziele im positiven Sinn. Friede wurde auch immer recht defensiv interpretiert – schon in der Antike. Er beschränkt sich darauf, dass man sich während der Spiele nicht „den Schädel einschlägt“ oder rassistisch beschimpft. So wird man zum Feigenblatt.
  • In der Realität werden die hehren Ziele oft nicht erfüllt. Peter Filzmaier sieht kein Problem darin, sich große Ziele zu stecken – ganz im Gegenteil. Man müsse in der Gesellschaft Ideale haben, nach denen man strebt. Aber man dürfe nicht so tun, als würde man sie durchwegs erfüllen, wenn man das nicht tue.
  • Auch das Ziel, Antidiskriminierung zu leben, wurde von Anfang an nicht erfüllt – und wird es bis heute nicht. Zu Beginn der neuzeitlichen Olympischen Spiele waren Frauen ausgeschlossen. Pierre de Coubertin, der als Vater der neuzeitlichen Olympischen Spiele gilt, war selbst strikt dagegen, dass Frauen teilnehmen durften. Sein Einsatz für Frieden und Völkerverständigung endete außerdem dort, wo seine Unterstützung für den Kolonialismus begann. Zwar nehmen dieses Jahr auch elf afrikanische Nationen an den Olympischen Winterspielen teil. Aber das dient nicht ernsthaft der Völkerverständigung oder der Einbeziehung des Kontinents in die Weltpolitik.
  • Den Anspruch, unpolitisch zu sein, kann das IOC schon allein aufgrund seiner Struktur nicht erfüllen: Ein Großteil der Nationalen Olympischen Komitees (NOC) vertritt undemokratische Staaten. Zwar müssen NOCs den Olympischen Prinzipien nach politisch, juristisch, religiös und wirtschaftlich unabhängig sein, aber die dänische Initiative Play The Game hat 2017 festgestellt, dass eines von sieben NOCs personelle Überschneidungen mit der Regierung hat. Das muss nicht unbedingt heißen, dass es auch politische Einflussnahme gibt. Aber in undemokratischen Staaten ist wohl davon auszugehen, dass das Komitee nicht unabhängig agiert.
  • Die politische Abhängigkeit eines Großteils der NOCs verhindert auch größere strukturelle Reformen des Internationalen Olympischen Komitees.
  • Auch wenn Olympia als Geschäft gilt: Der größte Gewinn für austragende Städte und Länder ist die politische Inszenierung. Medien müssen durch kritische Berichterstattung dazu beitragen, diese einzuordnen. Journalistisch hat sich in den vergangenen Jahren die Berichterstattung vom reinen Jubel weg entwickelt – hin zu mehr kritischen Berichten. Allerdings erreichen Medien damit wohl eher Menschen, die ohnehin offen für einen kritischen Diskurs sind.
  • Russland darf seit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine nicht antreten. Dafür gehen 13 sogenannte Individuelle Neutrale Athleten und Athletinnen an den Start, die aus Russland stammen. Die Voraussetzung: Sie müssen neutral sein und keine Unterstützung für den Krieg in der Ukraine zeigen. Ein BBC-Bericht hat die Neutralität von vier der 13 Sportler und Sportlerinnen infrage gestellt. Dieser Kompromiss hat also seine Schwächen. Ebenso die Maxime, bestimmte Staaten auszuschließen, wenn sie gegen Olympische Prinzipien verstoßen. Denn ginge es danach, ob Völkerrecht eingehalten wird, müssten viel mehr Staaten ausgeschlossen werden. Zum Zeitpunkt der Olympischen Spiele in Peking 2022 war beispielsweise längst bekannt, dass China die Uiguren und Uigurinnen, eine ethnische Minderheit aus dem Nordwesten Chinas, systematisch verfolgt.
  • Das IOC hat in der Vergangenheit Verfehlungen nicht ausreichend aufgearbeitet – wie etwa die Olympischen Spiele unter Adolf Hitler 1936 – und es arbeitet weiterhin mit nicht-demokratischen Regierungen zusammen. Ein Vorteil dabei: In illiberalen Staaten stellen sich Fragen wie direkte Demokratie und Umweltschutz bei der Ausrichtung der Spiele nicht.
  • Filzmaier zieht für sich als Sportfan die Konsequenz, nicht zu Bewerben zu fahren, die in Staaten unter diktatorischen Regimen stattfinden. Er war nicht bei der Fußball-WM in Katar und wird unter den aktuellen politischen Umständen auch nicht in die USA fliegen, um die Fußball-WM im Sommer und 2028 die Olympischen Sommerspiele in Los Angeles zu sehen. Aber er wird sie sich über den Fernseher ansehen.

Ich bin gespannt auf deine Ansichten zu dem Thema!

Einen schönen Nachmittag wünscht dir

Pia Miller-Aichholz

B-Seite-Team