Split in Half Warum die Pasterze auseinanderbricht

Die Pasterze wird in der Mitte brechen. Dann ist sie nicht mehr der größte Gletscher Österreichs, bis 2089 ist die Pasterze sehr wahrscheinlich ganz verschwunden. Wie es um Österreichs Gletscher steht und was die Schmelze für die Suche nach dem nächsten Ötzi bedeutet.

Split in Half Warum die Pasterze auseinanderbricht
Foto: Alpenverein/Elias Bachmann

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799 Gletscher gibt es in Österreich. Ein paar wenige sind noch mehrere Quadratkilometer groß, manche sind jetzt schon kaum mehr als ein Häufchen Eis. Es gibt wohl keinen Ort in Österreich, an dem man so klar sieht, was der Klimawandel anrichtet, wie auf unseren Gletschern. Man kann buchstäblich zusehen, wie einem das Eis unter den Füßen wegschmilzt. Jedes Jahr verlieren unsere Gletscher mehrere Meter an Eis. Routen werden für Bergsteiger unbegehbar, von Jahr zu Jahr sinken die Eismassen immer weiter ab. Bis nur noch Stein und Geröll übrig bleiben.

Die ETH in Zürich und die Vrije Universität Brüssel haben zusammen mit internationalen Forschern eine interaktive Gletscherkarte gebastelt. Dort kann man sehen, wie lange welcher Gletscher wohl überleben wird. 200.000 Gletscher weltweit sind darin verzeichnet, auf jedem Gletscher klebt ein Kreis mit einer bestimmten Farbabstufung. Rot bedeutet: Dieser Gletscher wird sehr bald verschwunden sein. Orangetöne bedeuten: Ein paar Jahrzehnte halten sie noch. Blau bedeutet, dass der Gletscher sehr wahrscheinlich das Jahrhundert überleben wird. Die Farbe Blau ist im Alpenraum am seltensten zu sehen. Zoomt man auf Österreich, sieht man fast nur rote und orange Punkte. Hallstätter Gletscher: weg 2068, Mittelberg Ferner: weg 2067, der Gepatschferner im Ötztal, der zweitgrößte Gletscher in Österreich, ist einer der wenigen Gletscher, die wohl das 21. Jahrhundert überleben werden. Die Pasterze am Großglockner, der größte Gletscher Österreichs, ist laut der Karte im Jahr 2089 komplett verschwunden. Den Titel als größter Gletscher Österreichs wird sie aber schon sehr viel früher verlieren.

Bald nicht mehr Österreichs Größter

Die Pasterze hängt aktuell fast wortwörtlich am seidenen Faden. Die Verbindung zwischen dem Plateau, der Eismasse oben am Berg, und der Gletscherzunge wird immer schmaler. Das Plateau versorgt die Gletscherzunge mit Eis. Reißt die Verbindung, stirbt die Zunge in wenigen Jahren ab. Damit ist die Pasterze als größter Gletscher Österreichs Geschichte. Der Gepatschferner wäre die neue (ebenfalls schmelzende) Nummer eins.
Die Bruchstelle, der sogenannte Hufeisenbruch, wäre dann zum ersten Mal seit über 5000 Jahren eisfrei. Ein historisches Ereignis, auf das Österreich wohl gerne verzichtet hätte. Aber zu verhindern ist es nicht mehr. Es geht um das Wann, nicht um das Ob. Das Wann ist dann sehr wahrscheinlich im nächsten Sommer. Und sonst halt im Sommer drauf. Aber was sind schon ein, zwei Jahre in einer tausendjährigen Geschichte.

Das Schmelzwasser sammelt sich in Seen am Fuß des Gletschers. (Foto: Alpenverein/Elias Bachmann)

Die Gletscherschmelze ist eine Katastrophe für das Klima, die Natur, wahrscheinlich auch für die Hersteller von Eispickeln und Steigeisen, aber für manche bieten sich durch die Schmelze auch ganz neue Gelegenheiten. Für die Gletscherarchäologie zum Beispiel bedeuten die schmelzenden Gletscher eine große Chance.
Denn zurück bleibt nicht nur ein nackter Berg, ein paar Bergseen, Stein und Geröll, sondern auch Gegenstände, die Menschen über hunderte, manchmal sogar tausende Jahre auf dem Berg zurückgelassen haben. Mal kleinere und mal größere Funde. Artefakte, die wie im Eiskasten hunderte, tausende Jahre eingefroren waren und jetzt vom Berg wieder freigegeben werden. Oft sehr gut erhalten. Sie erzählen die Geschichte der ersten Alpinisten aus der Steinzeit und, was sie dort oben eigentlich zu suchen hatten. Thomas Bachnetzer ist Gletscherarchäologe beim Bundesdenkmalamt, er sammelt und untersucht die Artefakte. Für seine Arbeit ist er viel auf den Gletschern unterwegs. Über die Gletscherschmelze freut er sich natürlich nicht: „Aber es ist natürlich so, dass die Archäologie, sagen wir mal, die Gletscherschmelze jetzt ausnutzen kann“, sagt er.
Ohne die Schmelze wären die Artefakte dort wohl auch noch für viele Jahre wie in einem Eisschrank liegen geblieben. „Die vielfach organischen Funde sind aus Holz, Leder, Fell und Ähnlichem, das natürlich über die Jahrhunderte und Jahrtausende in der Regel zerfällt. Die Gletscher sind ein richtiges Eisarchiv, das jetzt in dem Fall eben leider wegschmilzt, aber für die Archäologie auch große Chancen bietet.“

Der eine Fund, der alles ins Rollen gebracht hat

Bachnetzers Disziplin, die Gletscherarchäologie, ist noch gar nicht so alt. Man dachte lange, dass sich früher in den Hochgebirgslagen keine Menschen aufgehalten haben. Bis zu einem Fund in den 90ern, der auf dem Gebiet alles verändert hat. Die Rede ist natürlich von Ötzi. Da liegt eine 5000 Jahre alte Gletschermumie bestens erhalten samt Werkzeugen auf über 3000 Metern Höhe. Gefunden von einem Ehepaar aus Nürnberg. Durch Ötzi konnte man sehr viel über das Leben der Menschen im Alpenraum vor 5000 Jahren herausfinden. Zuvor dachte man, dass die Menschen damals nicht so weit hochgestiegen wären. Eine absolute Sensation, die den Blick auf die Gletscher- und Hochgebirgsarchäologie komplett verändert hat. In den darauffolgenden Jahren kamen viele weitere Funde dazu. Denn, das fand man heraus: Ötzi war nicht der einzige, der sich so weit nach oben wagte. Es war die Initialzündung für die Forschung im Eis. So fand man beispielsweise in der Schweiz auf dem Schnidejoch eine Stelle mit Werkzeugen aus der Jungsteinzeit. Die Funde sind nochmal 1000 Jahre älter als Ötzi.

Thomas Bachnetzer beim Untersuchen eines Fundes. (Foto: Michael Kasper)

Die Forschung hat herausgefunden, dass sich schon seit ungefähr 12.000 Jahren Menschen im Hochgebirge aufhalten. Aber wieso haben sie sich damals so weit nach oben gewagt? Dafür gibt es gleich mehrere Gründe: „Natürlich ist es so, dass, wenn man über die Alpen von A nach B will, die Wege oft kürzer sind, wenn man drüber geht, als weit außen herum über die Täler. Das heißt, die Menschen haben auch Höhen von über 3.000 Metern in Kauf genommen. Früher in der Steinzeit vor allem haben sie Ressourcen in Form von Feuerstein gebraucht, Bergkristalle für Geräte und Werkzeuge zum Beispiel. Dann später wurden die Berg auch ab der Jungsteinzeit von Hirten genutzt, massiver dann ab der Bronzezeit, weil sie oben ihr Vieh weiden haben lassen.“

Angewiesen auf Zufallsfunde

Und seitdem wird das Hochgebirge eigentlich kontinuierlich bis in die Gegenwart genutzt. Heute meistens von Wanderern oder Skifahrern. Die sind total wichtig für Bachnetzers Arbeit. Die meisten Gegenstände sind nämlich Zufallsfunde. So ja auch der Ötzi.
Erst vor ein paar Jahren fand ein Botaniker der Universität Innsbruck auf einer Tour zufällig ein Holzteil. Eindeutig von Menschen bearbeitet. Das Holzstück kam ihm sonderbar vor und so nahm er es mit ins Tal und übergab es einer Forschergruppe, in der auch Thomas Bachnetzer dabei war. Nach längeren Untersuchungen stellte sich das Holzteil als Sensationsfund heraus. Es ist Teil einer Trittfalle für Großwild aus dem Jahr 1328. Wieso man das so genau sagen kann? Durch die Jahresringe auf dem Brett kann man Muster erkennen, die auf bestimmte Jahre zurückzuführen sind. Der Fund war ein absoluter Glücksfall, durch den man viel Neues über die Jagd im Mittelalter herausfinden konnte.

Anhand des gefundenen Holzstücks konnten die Forscher die Trittfalle mittlerweile sogar nachbauen. (Foto: Klaus Oeggl, Zeichnung: Andreas Blaickner)

Aber auch aus den letzten hundert Jahren kommen Artefakte zum Vorschein. Zwar nicht ganz so lange eingefroren, aber deshalb nicht weniger interessant. Einer der spektakulärsten Funde waren wohl Teile eines US-Bombers, der während des Zweiten Weltkriegs 1944 über den Pitztaler Alpen abgestürzt ist.
Noch jünger ist ein Fund der im Juli gemacht wurde. Und zwar fanden Wanderer auf dem Sulztalferner einen Rucksack. Es stellte sich heraus, dass der Rucksack einem mittlerweile 86-jährigen Mann aus Bayern gehört, der den Rucksack 1963 auf dem Berg zurücklassen musste. Er stürzte damals in eine Gletscherspalte. Damit ihn seine Bergsteigerkollegen wieder hochziehen konnten, musste er so viel Ballast wie möglich loswerden und so seinen Rucksack in der Spalte lassen. Mittlerweile ist das Eis so weit abgeschmolzen, dass der Rucksack wieder zum Vorschein kam. Und mit über 60 Jahren hat er den Weg zurück zu seinem Besitzer gefunden.
Egal ob 50 oder 5000 Jahre alt: Durch die Gletscherschmelze gibt das Eis immer neue Gegenstände frei. Damit die Zufallsfunde auch wirklich gemeldet werden, gibt es mittlerweile eine eigene App: die Ice-Watcher-App. Stößt man beim Wandern auf ein sonderbares Objekt kann man das über die App melden.
Foto machen, kurz Beschreiben, GPS-Daten und das Material angeben, also Holz, Metall, Knochen oder Leder und dann abschicken. Die Meldung landet beim zuständigen Gebietsbetreuer. Solltest du zufälligerweise bei einer Wanderung in Vorarlberg einen Fund machen, dann landet deine Meldung höchst wahrscheinlich auf dem Schreibtisch von Thomas Bachnetzer. Vielleicht wird so in den kommenden Jahren ja der nächste Ötzi gefunden. Möglich ist es, sagt Bachnetzer. Vielleicht gibt es dann einen „Pasti“, wenn man ihn auf der Pasterze findet oder einen „Pitzi“, wenn er aus den Pitztaler Alpen kommt. Hoffentlich ist man dann etwas kreativer.

Im September wurden auf der Pasterze die Daten für den Gletscherbericht 2026 gesammelt. (Foto: Alpenverein/Elias Bachmann)

Immer mehr ewiges Eis schmilzt. Wie viel genau, das wird jedes Jahr im Gletscherbericht festgehalten. Seit 135 Jahren wird so die Entwicklung von über 90 österreichischen Gletschern festgehalten. Aktuell finden die Messungen für den Gletscherbericht 2026 statt. Erste Erkenntnisse gibt es bereits. So ist an der Pasterze auf 2.500 Metern das Eis um zehn Meter abgesunken. Auf 3.000 Metern um vier Meter. Historisch altes Eis, das im Vergleich zur Lebensdauer in einem Wimpernschlag verschwindet. Das Schmelzwasser wiederum sickert in das noch bestehende Eis ein und wärmt es von innen auf, was den Schmelzprozess in den tieferen Schichten vorantreibt. Was irgendwann zurückbleibt, ist ein nackter Berg. Mein Kollege Nico hat sich in seiner Geschichte „Bröckelnde Berge“ angeschaut, was mit den Bergen eigentlich passiert, wenn das Eis weg ist und der Berg auftaut. Die Geschichte habe ich dir hier verlinkt.

Zu viele Schmelztage

Einer der Leiter des Alpenvereins-Gletschermessdiensts, Gerhard Lieb, sagt, dass sehr viele Indizien dafürsprechen, dass 2026 zu einem der gletscherungünstigsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen gehören wird. Dabei sind nicht unbedingt die Rekordtemperaturen, die dieses Jahr gemessen wurden, das große Problem, sondern viel mehr kämpft der Gletscher damit, dass die Zahl der warmen Tage immer mehr wird. Es gibt immer mehr Schmelztage. Dass ein Stück vom Eis im Sommer wegschmilzt, ist ganz normal, aber früher war im Winter genügend Zeit, um neues Eis zu produzieren. Schmelzen und neu produzieren waren im Gleichgewicht. Dieses System ist mittlerweile aus den Fugen geraten. Heute geht die Schmelzzeit teilweise von Mai bis in den November hinein. Es gibt immer mehr Schmelztage und zu schwache Winter, um das Problem wieder auszugleichen.
Und so werden die Gletscher immer kleiner, bis sie letzten Endes ganz verschwinden.
Nur neun Gletscher in Österreich sind noch über fünf Quadratkilometer groß. Sechs davon in den Ötztaler Alpen. Für Thomas Bachnetzer bedeutet die Schmelze viel Arbeit in den kommenden Jahren und vielleicht ja der nächste Ötzi.