Geld, Gier, Gesundheit 300.000 Spielsüchtige gibt es in Österreich, ein Viertel ist schwer betroffen.

Weltweit schlagen Gesundheitsexpertinnen und -experten Alarm. Wie ist es so weit gekommen? Die Wissenschaft weiß einige Antworten — aber niemand kennt die Zockenden so gut wie die Glücksspielindustrie selbst. Und das nutzt sie zu ihrem Vorteil. Online ist das einfacher als je zuvor.

Geld, Gier, Gesundheit 300.000 Spielsüchtige gibt es in Österreich, ein Viertel ist schwer betroffen.
Illustration: Getty Images

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Wie es angefangen hat, weiß er noch genau: Alle zwei oder drei Monate ging er ins Casino, dann jeden Monat, dann zweimal im Monat, einmal die Woche, zweimal, fünfmal die Woche. So erzählt es mir Richard, dessen echten Namen wir hier auf seinen Wunsch nicht nennen. Er sei vermutlich süchtig, also krank, habe er sich schon damals gedacht, vor mehr als 15 Jahren. Richard musste Ausreden erfinden, warum er später von der Arbeit nach Hause kommt. Die Partnerin vertrösten. Das musste er nicht mehr, als er online mit dem Glücksspiel anfing.

„Du sitzt daheim vorm Computer, verlässt das Haus nicht mehr. Es entsteht eine eigene Welt, in der du dich abschottest.“

Mehr als eine Million Euro hat er verspielt. Über Jahre hinweg. Geld, das er nicht hat. Das er sich ausgeborgt hat und zurückgewinnen wollte und dann nur noch mehr verlor. Er wurde kriminell, um das Geld für den Stoff zu besorgen. Der Stoff: die Gewinnversprechen. Das Blinken und Klingeln der Online-Slots auf allen möglichen Casino-Seiten. Die Sucht hat ihm viel genommen. Heute versucht er wieder ein normales Leben zu führen.

Seit zwei Jahren beschäftige ich mich mit Glücksspiel, mit Richard habe ich schon 2024 sehr lange gesprochen, und eines ist mir in dieser Zeit klar geworden: Seine Geschichte ist eng verbunden mit einem System, das nicht nur oft süchtig macht, sondern oft bewusst so gestaltet ist, dass es süchtig macht. Das Glücksspiel-Business ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten enorm gewachsen, es ist ins Internet gewandert und weiß um psychologische Tricks und Marketing. Dabei hat es ein Ziel: die Leute sollen weiterspielen. Die Menschen mit den härtesten persönlichen Schicksalen sind aus Industriesicht gute Kundinnen und vor allem Kunden. Ihre hohen Verluste sind deren Gewinne. Viele Glücksspielkonzerne sind börsennotierte Milliardenunternehmen, eine Topmanagerin von ihnen, hat allein 2025 mehr als 300 Millionen Euro verdient.

Mit den steigenden Profiten und der Expansion wächst ein Problem mit: Rund 300.000 Personen in Österreich zeigen mittlerweile zumindest eine milde Form von pathologischem Glücksspielverhalten. Ein Viertel davon – also rund 75.000 Menschen — ist schwer betroffen. Das heißt zum Beispiel, sie denken oft ans Glücksspiel, setzen immer mehr Geld und jagen ihren Verlusten hinterher. Oft betroffen sind Männer, Jüngere und Menschen mit einem niedrigeren Bildungsabschluss. Das Institut Gesundheit Österreich hat Glücksspiel 2025 erstmals in seinen Suchtbericht aufgenommen. Glücksspielsucht ist eine psychische Störung und eine Erkrankung, die erhebliches Leid auslöst, bei Betroffenen und Angehörigen. Knapp sieben Million Euro verlieren Österreicherinnen und Österreicher laut einer neuen Studie – pro Tag. „Es ist eigentlich unfassbar, was du wegen dem Glücksspiel alles aufs Spiel setzt: dein Leben, deine Familie, deine Karriere, alles“, sagt Richard.

„Sweet Bonanza“ – eines der vielen Onlineslot-Spiele eines Anbieters aus Malta. (Screenshot: JETZT)

Nicht nur in Österreich, sondern auch weltweit schlagen Gesundheitsexpertinnen und -experten Alarm. 22 Autorinnen und Autoren warnen im renommierten medizinischen Fachblatt The Lancet: Die Entwicklung der Glücksspielindustrie befinde sich an einem entscheidenden Wendepunkt, die Politik hätte bisher nicht genug reguliert, Millionen von Menschen haben Milliarden von Euros verzockt. Besonders das Online-Glücksspiel, das auch Richard zum Verhängnis wurde, sei gesundheitsgefährdend.

Das leugnet kaum mehr jemand, aber die Warnungen werden seit einiger Zeit drängender. Aktuell steht eine Reform des Glücksspiels in Österreich an. Der Online-Glücksspielmarkt wird geöffnet, das bisherige Monopol fällt. Was die Regierung plant und wo es dabei hakt, das will ich mir genauer anschauen. In Teil 2 und 3 dieser Serie geht’s ins Detail.

Heute, in Teil Eins, geht’s ums Grundsätzliche: Wie funktionieren diese Internet-Casinos, welche Mechanismen stecken dahinter? Ich habe dazu viele Stunden lang mit Richard gesprochen. Und zusätzlich mit Forschenden: mit einem Psychologen und einer Sozialanthropologin. Beide beschäftigen sich schon lange mit der Branche, die sich selbst gerne verharmlosend „die iGaming-Branche“ nennt. Doch Internet-Casinos treiben Tausende in den Ruin, illegale und legale. Ein paar gar nicht spielerische internationale Schlagzeilen aus dem April 2026 dazu:

Forderung nach einer Reform des Glücksspiels in Großbritannien, nachdem sich eine „großzügige und fürsorgliche” Frau das Leben genommen hat.

Ein Politikexperte warnt: Spielsucht in den USA ist „außer Kontrolle”, die Wettmärkte boomen.

Aufgedeckt: Das riesige illegale Casino-Netzwerk, das es auf britische Glücksspieler abgesehen hat.

In Österreich habe ich in der Vergangenheit zusammen mit Kolleginnen und Kollegen selbst über ein illegales Offshore-Casino-Netzwerk berichtet. Aber man muss gar nicht in die Karibik schauen. Selbst hier in der EU sind Online-Casinos so gebaut, dass manche Glücksspielende wie Richard nicht aufhören können, ihr Geld zu verlieren. Und das sollen sie auch gar nicht. Die Gratisspiele oder Freispiele haben Richard bei der Stange gehalten, erzählt er. Und dass er dann immer wieder auch mal gewonnen hat.

Geplante Sucht?

Ich rufe Natasha Schüll in New York an. Die Sozialanthropologin hat ein Buch mit dem vielsagenden Titel „Addiction by Design“ geschrieben. Den könnte man mit „Geplante Sucht“ übersetzen. Das Buch ist 2012 erschienen und zum Standardwerk geworden.
Schüll hat sich damals echte Casinos und Automaten in Las Vegas angeschaut, vor der die Glücksspielenden stundenlang sitzen. Die Maschinen haben sie interessiert: Wie sind sie gebaut und gestaltet? Wie sehen ihre mathematischen Algorithmen aus? Welche Farben, Geräusche und Rhythmen verwendet sie? „Ohne Interaktion keine Sucht”, sagt Schüll.

Die US-amerikanische Sozialanthropologin Natasha Schüll hat sich mit Casinoautomaten beschäftigt. (Foto: privat)

Am Anfang ihrer Forschung ist ihr ein dickes Fachbuch in die Hände gefallen. Mehr als 1000 Seiten, sagt sie, darüber, wie Casinos gestaltet werden sollten: Wie hoch oder niedrig die Decke sein soll, wo Spiegel platziert werden sollen und dass Teppiche kein Ende haben, sondern immer weiterführen sollen, hin zu den Automaten. Dort sollen es die Menschen gemütlich haben, dort sollen sie verweilen, das ist das Ziel. Schüll hat versucht zu verstehen, wie die Algorithmen funktionieren, wie die Gewinne im Laufe der Zeit verteilt werden. Man könne Automaten so programmieren, dass sie langen Durststrecken haben und dann dann plötzlich einen großen Jackpot auszahlen. Oder so, dass sie viele kleine Gewinne auszahlen, sodass man viel länger dort sitzen bleibt. - Zu letzterem habe es sich hinentwickelt. Die Kundinnen und Kunden sollen dranbleiben, nicht aufgeben.

Time on device – das sei der Industriebegriff für dieses Phänomen. Je mehr Zeit der Kunde oder die Kundin vorm Automaten verbringt, desto höher der Profit. Die Automaten laufen immer weiter, sie tönen und blinken, das Spiel ist nie zu Ende – so, wie wir das auch von sozialen Medien kennen, wo wir scrollen. Immer weiter scrollen. Scrollen sollen. Im Internet muss man keine Automaten mehr bauen, es reichen Codezeilen. Ist das eine System profitabler als das andere, tauscht man den Code aus.

Glücksspielende merken oft nicht, dass sie Geld verlieren – Schüll erklärt, wieso: „Du setzt 50 Münzen und bekommst 40 zurück. Ding, ding, ding. Du setzt, du gewinnst 30 zurück. Ding, ding, ding. Es ist immer das gleiche Feedback, egal ob man tatsächlich verliert oder ob man gewinnt, und man sitzt einfach da und kommt in diesen Rhythmus, und alles fühlt sich sehr bestätigend und bestärkend an.” Die Forscherin nennt das die „als Gewinne getarnten Verluste”. Alles fühle sich wie ein Gewinn an, „und dann ist man plötzlich bei Null”.

Es gibt einen Begriff, den man in der Glücksspielindustrie öfter hört, man findet ihn sogar auf illegalen Seiten: Responsible Gambling. Das verantwortungsvolle Spielen. Das soll sagen: Verspiel nicht mehr Geld, als du es dir leisten kannst. Spiel nur zum Spaß. Verfällst du den Automaten, wirst du süchtig, ist das deine Schuld. Du hast nicht verantwortungsvoll gespielt. Natasha Schüll nennt das eine PR-Kampagne der Branche, die von ihrer möglichen Verantwortung ablenkt, von ihrer Werbung und ihren Produkten.

Online verschärfte sich die Situation über die vergangenen Jahre immer mehr, davor warnen auch die 22 internationalen Forschenden in The Lancet. Die Betreiber und Betreiberinnen hinter den Onlinecasinos kennen die psychologischen Mechanismen genau – und nutzen sie für sich. Das Ziel bleibt gleich: Setze Geld. Hör nicht auf. Die weltweite Regulierung dieser Branche hängt hinterher.

Der Psychologe Tobias Hayer ist Glücksspielexperte an der Universität Bremen. Er weiß, dass die Demoseiten der Onlinecasinos – auf denen man Spiele ohne echtes Geld testen kann – oftmals überhöhte Ausschüttungsquoten an den Tag legen.

„Böse Zungen würden jetzt den Begriff Anfixen wählen. Ich sag das einmal etwas moderater: Hier wird ganz klar Neugierde entfacht auf das Produkt Glücksspiel, aber unter falschen Voraussetzungen.”

Was passiert dann? Der Psychologe Tobias Hayer sagt, Glücksspielende kaufen Gefühle, wenn sie am echten oder virtuellen Automaten sitzen. Sie regulieren Emotionen, egal ob sie verlieren oder gewinnen. Eigentlich müssen Online-Plattformen deutsche, suchtgefährdete Spieler sperren — aber diese sogenannte Früherkennung obliege den Plattformen selbst und für die Forschung sei das eine Blackbox.

Der Psychologe Tobias Hayer leitet die Arbeitseinheit Glücksspielforschung an der Universität Bremen. (Foto: Kai Uwe Bohn / Universität Bremen Hochschulkommunikation)

Fragen wir eine andere Maschine: ChatGPT, was sind eigentlich die besten Online-Casinos in Österreich?

„Hier sind die Anbieter, die 2026 in mehreren Vergleichen und sogenannten Community-Reviews besonders oft positiv auftauchen.“

Es folgt eine Liste von „sehr seriösen“ Casinos mit „fairen Boni“ und „vielen Slots“, „bekannt in Österreich“ und mit „sehr schnellen Auszahlungen“. Eines haben sie gemeinsam: Hierzulange sind sie alle illegal, das heißt: Sie dürften ihre Slots nicht in Österreich anbieten und Österreicherinnen und Österreicher dürften dort nicht spielen. Beides passiert dennoch. Die unzähligen Vergleichslisten im Internet, auf die ChatGPT offenbar zugreift, sind Teil der Marketingkampagnen der riesigen Online-Casino-Industrie.

Richard hat auch auf diese Listen vertraut, als er sich überlegt hat, bei welchen Casinos er sich anmeldet. Er habe online recherchiert, sagt er, und vor allem den großen Namen vertraut oder Infos, die er in Internetforen gefunden hat.

Die Werbung für Online-Casinos ist allgegenwärtig: Man findet sie auf Google. Facebook spielt Anzeigen aus. Instagram auch. Es gibt eine britische Studie, die zeigt: Zwei Drittel aller Kinder und jungen Erwachsenen zwischen 11 und 24 sehen Glückspielwerbung in den sozialen Medien. Man kann das nicht eins zu eins auf Österreich umlegen, aber klar ist: Junges Publikum wird gezielt durch Streamer angeworben. Ein Kollege von der BBC hat berichtet, dass Onlinecasinos seinen minderjährigen Sohn anwerben wollten für genau diese Art von versteckter Werbung. Die kann übrigens durchaus strafbar sein. Die deutsche Glücksspielbehörde, zum Beispiel, hat dem Rapper Capital Bra auf einem seiner Konzerte einen sogenannten Zwangsgeldbescheid in Höhe von einer Viertelmillion Euro zugestellt. Er hatte wiederholt illegales Online-Glücksspiel in den sozialen Medien beworben.

Worum geht’s? Werbung ist schlicht überall im Internet. Man soll nicht drumherum kommen. Irgendwann draufklicken, sich anmelden. Und wenn man das einmal macht, wie ich, zum Test, mit einer Fake-E-Mail-Adresse, dann trudeln die Werbemails ein – und sie hören nicht mehr auf.

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Der deutsche Rapper Capital Bra hat wiederholt illegales Online-Glücksspiel beworben, was strafbar ist. (Foto: IMAGO / Future Image)

Wer spielt, weiterspielt, viel Geld verliert, der kommt oft ins VIP-Programm. Ist eine Very Important Person. Für die Casinos. Oder wie ein britischer Journalist kreativ übersetzt hat: ein Vulnerable Impressionable Punter, also: ein verletzlicher, leicht beeinflussbarer Wettkunde. VIP, das sei er selbst gewesen, erzählt mir Richard, etwa bei maltesischen Onlinecasinos. Wenn er viel Geld veloren und gebettelt habe, habe der “Mitleid” gehabt mit ihm und ihm Geld aufs Spielerkonto gutgeschrieben. Sogar ein Macbook und am Ende eine Reise habe Richard angeboten bekommen. Damit er weiterspielt. Dem Casino treu bleibt. Mit dem VIP-Betreuer konnte er persönlich auf Whatsapp telefonieren, auf Deutsch. Richard sagt, er war „fast ein persönlicher Seelenberater”.

Die Casinos wissen genau, wer ihre profitabelsten Glücksspielenden sind – und wie sie sich um sie kümmern müssen. Sie sitzen auf wertvollen Daten, die sind der Schatz der Industrie, und den teilen sie ungerne.

„ Ich bekomme grundsätzlich keine Daten von der Glücksspielindustrie”, sagt mir Tobias Hayer, Psychologe und Leiter der Arbeitseinheit Glücksspielforschung an der Universität Bremen.  Unterm Strich, sagt er, könne man sogar die Hypothese aufstellen:

„Die Industrie kennt ihre Kundinnen und Kunden besser als die Forschung.“

Es geht um viel Geld – für die Konzerne, aber auch für den Staat, der durch Steuern mitprofitiert. Deutschland nimmt heute durch Steuern auf Glücksspiel doppelt so viel ein wie durch Steuern auf Alkohol. Es geht also um was. Allerdings wird nur ein kleiner Bruchteil in Prävention, ins Hilfesystem und in Forschung investiert, sagt Hayer.

Jetzt kann man sagen: Wer Spaß hat, soll spielen. Erwachsene können selbst entscheiden. Aber da gibt es eben diese psychologischen Aspekte, von denen wir anfangs schon gehört haben. Und man kann dem Marketing von Glücksspiel als Freizeitbeschäftigung auch Zahlen der Weltgesundheitsorganisation gegenüberstellen. Die sagen nämlich: 60 Prozent aller Gewinne der Glücksspielkonzerne kommen von Kundinnen und Kunden mit problematischem Glücksspielverhalten – sprich: Sie spielen in ungesundem Ausmaß und verlieren viel Geld.

Der Anwalt Karim Weber hat sich auf Glücksspielrecht spezialisiert – und klagt für seine Mandantinnen und Mandanten illegale Onlinecasinos. (Foto: gl-recht.at)

Wie schnell das geht, weiß Richard. „Ich kann mich in 30 Sekunden online anmelden, Geld einzahlen und bin in fünf Minuten startbereit.”

Um sein in illegalen Onlinecasinos verlorenes Geld zurückzubekommen, hat er einen Anwalt engagiert. Karim Weber vertritt viele Klienten wie Richard, es ist eines seiner Standbeine als Anwalt. Er sagt, er habe rund 200 Glücksspielfirmen geklagt und paradoxerweise sei es am Schwierigsten, gegen Casinos im EU-Staat Malta vorzugehen. Schwieriger als gegen Internetcasinos mit Sitz in dem karibischen Kleinstaat Curacao. Denn auf Malta habe das Berufungsgericht noch immer nicht entschieden.

Gleichzeitig stehen dieselben maltesischen Glücksspielfirmen nun davor, legal am österreichischen Markt zu operieren. Denn: Das Onlinecasino-Monopol soll fallen. Glücksspielfirmen können sich dann um Lizenzen bewerben. Warum? Und was bedeutet das für den Staat und die Glücksspielenden? Das liest und hörst du übermorgen in Teil 2 dieser JETZT-Recherche.

Sprecherinnen und Sprecher : Katharina Darya Ressl, Enis Bunjaku

Audioproduktion und Sounddesign: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas