Die Kinder der Schande Wie die Marokkaner Vorarlberg befreit haben und was ein Bio-Bauer damit zu tun hat

200 Kinder von marokkanischen Besatzungssoldaten gibt es in Vorarlberg und Tirol. Georg Fritz ist einer davon. Mit knapp 80 Jahren hat der Bio-Bauer die Spur seines Vaters verfolgt, ist nach Marokko gereist und hat seine Geschwister das erste Mal getroffen. Eine Geschichte über das Aufwachsen ohne Vater, die Ablehnung seiner Umgebung und die Rolle Marokkos bei der Befreiung Österreichs.

Die Kinder der Schande Wie die Marokkaner Vorarlberg befreit haben und was ein Bio-Bauer damit zu tun hat
Foto: Ines Janas für JETZT

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Das ist schon verrückt, wenn man nach 80 Jahren jemand kennenlernt und das ist die eigene Schwester oder der Bruder“, sagt Georg Fritz mit seinem starken Vorarlberger Dialekt. Er lebt seit seiner Geburt auf einem Bio-Bauernhof in Möggers bei Bregenz. Die Geschwister, von denen Georg spricht, trifft er mit knapp 80 Jahren zum ersten Mal. Und das in Marokko, wo er sie nach langer Suche findet. Denn Georg ist Sohn eines marokkanischen Soldaten, der in der französischen Armee dabei half, Vorarlberg vom Nationalsozialismus zu befreien. Für einige Monate sind die marokkanischen Soldaten in Tirol und Vorarlberg – als Besieger, Befreier und Besatzer. Mit den westösterreichischen Frauen entstehen Beziehungen. Dann aber werden die Marokkaner abgezogen – das französische Militär verhindert jede Kontaktaufnahme. So bleiben etwa 200 Mütter mit Kind zurück. Eines davon ist Georg Fritz.

Als die Marokkaner Vorarlberg befreiten

Wir machen erst mal einen Zeitsprung ins Jahr 1945. Ende April erreicht die französische Armee von Nordwesten aus Vorarlberg. Von den 30.000 Soldaten, die dort kämpfen, sind 7000 Marokkaner. Als ich das zum ersten Mal gehört habe, war ich überrascht. Denn wenn wir an die Alliierten denken, dann an Großbritannien, die USA, Frankreich und die Sowjetunion. Zu dieser Zeit hatten die Siegermächte aber noch einige Kolonien – aus denen Soldaten rekrutiert wurden. Die marokkanischen Soldaten wurden vor allem als einfache Soldaten eingesetzt, höhere Ränge waren selten. Der Lohn war im Schnitt halb so hoch wie der der Franzosen und die Sterblichkeitsrate hoch. Dennoch war der Rückgriff auf Kolonialsoldaten für Frankreich enorm bedeutend, weiß der Tiroler Historiker Horst Schreiber von der Universität Innsbruck. „Vielen Menschen ist dieser Teil der Geschichte nicht bewusst: dass marokkanische Soldaten einen sehr wesentlichen Beitrag zur Befreiung vom Nationalsozialismus, vor allem in Vorarlberg, geleistet haben.“

Marokkanische Besatzungssoldaten vor dem Landestheater Innsbruck im Jahr 1945. (Bild: Stadtarchiv Innsbruck)

Die marokkanischen Soldaten sind nach Kriegsende also in Tirol und Vorarlberg. Schon nach wenigen Monaten werden sie allerdings wieder abgezogen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Einerseits ist Frankreich in Kolonialkriege in Indochina und Madagaskar verwickelt und braucht die Soldaten dort. Andererseits möchte sich Frankreich als Siegermacht inszenieren und in den besetzten Regionen lieber Franzosen als Marokkaner stationieren. Ein weiterer Grund ist die Stimmung mancher Einheimischer, die Besatzer mit schwarzer Hautfarbe nicht akzeptieren wollen. Viele Jahre nationalsozialistischer Propaganda wirken nach. Horst Schreiber analysiert das so: „Der Blick der Bevölkerung in rassistischer Hinsicht ist erstens, dass sie wie Kinder sind. Sie seien naiv, hätten wenig Bildung, wenig Kultur. Ein anderer Blick ist stark von den Nazis geprägt: Angst, Mörder, Vergewaltiger, Rache. Und drittens gibt es eine Exotisierung – im Positiven wie im Negativen“.

In den Archiven findet sich ein Schreiben der französischen Militärverwaltung an den französischen Außenminister, das zeigt, wie die Franzosen die Stimmung eingeschätzt haben: “Es handelt sich dabei nicht um Vorbehalte oder Befürchtungen, die auf Tatsachen beruhen. Die Disziplin der farbigen Truppen scheint in Österreich nicht besonderer Gegenstand nachteiliger Bemerkungen gewesen zu sein. Es handelt sich dabei vielmehr um eine Art psychologisches Vorurteil, gegen das keine Propaganda etwas ausrichten könnte (…) Die Regierung muss beurteilen, ob es ratsam ist, das Risiko einzugehen, ein politisches Werk, das unter ausgezeichneten Vorzeichen steht, zu untergraben, oder ob es nicht im Gegenteil besser wäre, die farbigen Truppen in Österreich nach und nach durch Einheiten der Armee aus dem metropolitanen Frankreich zu ersetzen.“

In Dornbirn schreiben Unbekannte ein Schmähgedicht und hängen es an verschiedenen Orten in der Stadt auf. Es richtet sich an einheimische Frauen: „Wenn er bringt die Schokolade herbei, dann ist euch sogar die Hautfarbe einerlei!“. Zum Schluss heißt es: „Eine namentliche Liste von diesen Frauen wird noch zusammengestellt und in einiger Zeit erscheinen.”

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Seit seiner Geburt lebt Georg am Bauernhof in Möggers. (Fotos: Ines Janas für JETZT)

Eine dieser Frauen ist die Mutter von Georg Fritz. Er wird in diesem Klima der Ressentiments groß. „Ich war halt der Schwarze, der Marokkaner. Wenn man von einem Franzosen ein Kind bekommen hat, ist das noch halbwegs gegangen. Aber von einem Marokkaner, das war die Teufelsbrut. Meine Mutter hat man in der Kirche von der Kanzel als Hure dargestellt.“

Das Leben mit einem Stigma

Ich treffe Georg in seinem Heimatort. Möggers liegt 15 Kilometer entfernt von Bregenz in einer hügeligen Landschaft. Wiesen und Wälder umringen den Ort, in dem 600 Menschen leben. Etwas außerhalb: der Bio-Bauernhof, auf dem Georg seit seiner Geburt lebt. Vom Hof sieht man fast bis zur deutschen Grenze, die nur wenige Hundert Meter entfernt ist. In unmittelbarer Nähe gibt es einen Walderlebnispfad – ins Leben gerufen von Georg, der für sein Engagement für Wald und Natur 2016 zum Schutzwald-Paten gekürt wurde. Als ich ankomme, führt mich Georg zum nahe gelegenen Fußballplatz – dort findet ein Fußballturnier statt und er möchte ein kleines Bier trinken. Als wir den Platz betreten, wird ringsum gegrüßt. Georg kennt alle – und alle kennen ihn. Nicht ganz verwunderlich, denn er fällt auf. Die weißen, lockigen Haare und der prächtige Bart – außerdem die markante Kappe, die er trägt. Sie ist aus Filz, rot und zylinderförmig. Eine sogenannte Fez-Kappe – benannt nach der Stadt in Marokko und lange Symbol des Widerstands gegen die französische Besatzung. Für Georg ist die Kappe auch ein Zeichen seiner Zugehörigkeit:

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Für Georg ist die Fez-Kappe ein Zeichen seiner Zugehörigkeit. (Fotos: Ines Janas für JETZT)

„Da stoßen sich etliche dran. Ich weiß schon, dass es eine Provokation ist, aber ich bin stolz, dass ich ein Marokkaner bin.“

Wenn man Georg Fritz im Alltag begegnet, trifft man auf einen fröhlichen Menschen, der immer einen Spruch auf den Lippen hat. Wenn er dann anfängt zu grinsen und seine Augen leuchten, hat sein knapp 80 Jahre altes Gesicht etwas Spitzbübisches. Wenn es aber um seine Kindheit geht, dann weicht die Heiterkeit schnell einer Schwere – die Stimme wird leise und der Blick angestrengt. „Der Pfarrer hat den Kindern verboten, mit mir zu spielen, weil ich der Galgenvogel war. Ich hatte einen Nachbarn, der mich mit acht Jahren im Winter bei Minusgraden ins eiskalte Wasser geworfen hat. Ich hab schauen müssen, wie ich heimkomme. Ich hab gewusst, jetzt muss ich rennen, sonst bin ich hin.“ Die Erfahrungen haben Georg abgehärtet: „Man hat durch die Ausgrenzung Nerven wie Zugstricke bekommen.“

Ähnliches erleben auch die etwa 200 anderen halbmarokkanischen Kinder und ihre Mütter. Horst Schreiber betont, dass uneheliche Kinder generell ein großes Tabuthema waren. Kinder von französischen Besatzungssoldaten wurden als Blamage gesehen, noch schlimmer von Marokkanern – das waren die Kinder der Schande.

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Sohn Johann, Mutter Friedolina, Großmutter Katharina, Großvater Johann, Sohn Georg Fritz (von links nach rechts). (Fotos: Ines Janas für JETZT)

„Die Frauen wurden diskriminiert und beschimpft – oft von den heimkehrenden österreichischen Soldaten, die selbst im Krieg massenweise Kinder produziert haben.“

Die Situation der Mütter ist also schwierig - die der Kinder ebenso, sie werden als Kinder der Schande gesehen. Meist waren die Marokkaner bereits abgezogen, als die Schwangerschaft festgestellt wurde. Viele marokkanische Soldaten wissen also gar nicht, dass sie Vater werden und können auch nicht kontaktiert werden. Denn die französische Militärregierung verhindert das und so wird nicht nur der Kontakt unterbunden, sondern über Jahrzehnte auch die Möglichkeit, Ansprüche wie Kindergeld zu stellen. „Das war eine Schweinerei – von Brüderlichkeit, Freiheit, Gleichheit war da wenig zu spüren“, sagt Horst Schreiber.

Woran erinnern wir uns?

Woran sich Gesellschaften erinnern, ist immer selektiv – hängt also von den Perspektiven und davon ab, wer die Geschichte erzählt. In Tirol erinnert man sich in Sachen Besatzung hauptsächlich an die Franzosen. Natürlich auch, weil sie viel länger präsent waren als etwa die Marokkaner. Emile Béthouart zum Beispiel: Das ist ein Name, den man in Tirol kennt. Béthouart war Kommandant der französischen Besatzungszone, bekannt für seine vermittelnde und engagierte Rolle und so beliebt, dass zu seiner Beerdigung in Paris 1982 sogar Tiroler Schützen anreisten. Außerdem wurde er in Innsbruck Ehrenbürger und eine Brücke über dem Inn nach ihm benannt.

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Georg vor dem Bio-Bauernhof der Familie. (Fotos: Ines Janas für JETZT)

Im Gegensatz dazu sind die marokkanischen Soldaten in der Erinnerung weniger präsent. Horst Schreiber erklärt: „Die marokkanischen Soldaten sind eine ganz typische Gruppe, deren Beitrag zur Befreiung bis jetzt vergessen worden ist.“ Ein Beispiel dafür sieht Schreiber in den Care-Paketen der Amerikaner, die gut in Erinnerung geblieben sind. Dabei wurden auch aus Marokko Beiträge geleistet: „Zum Beispiel Orangen, die aus Marokko gekommen sind, um die starken Hungersnöte in den westösterreichischen Städten 1945 einzudämmen. An die erinnern wir uns aber kaum. Es geht beim Erinnern immer auch um Anerkennung und Gerechtigkeit.“

Ein spätes Zusammentreffen

Dass er seinen Vater nicht kennt, das merkt Georg Fritz das erste Mal in der Volksschule, als er ein Formular ausfüllen soll. Als er seine Mutter dazu fragt, blockt sie ab und weicht aus. „Der Vater hat bei mir immer gefehlt“, sagt Georg und ergreift Mitte der 2000er die Initiative. Er schaltet eine Zeitungsannonce und lädt zu einem Treffen mit anderen Besatzungskindern ein. 15 Personen kommen zusammen und tauschen sich aus. Viele sind auf der Suche nach ihren Vätern und dankbar für die Initiative Georgs.

Ab diesem Zeitpunkt schreibt sich Georgs Geschichte wie ein Hollywood-Drehbuch. Georg weiß über den Vater so gut wie nichts. Er kennt weder Namen noch seine Herkunft in Marokko. Lediglich ein einzelnes Foto ist ihm geblieben. Dieses Foto wird in einer Dokumentation über marokkanische Besatzungssoldaten gezeigt. Und diese Aufnahmen wiederum sieht eine von Georgs Schwestern in Marokko im Fernsehen und erkennt sofort ihren Vater. Der liegt zu diesem Zeitpunkt im Sterben und erzählt, dass es durchaus denkbar ist, dass es in Österreich ein Kind von ihm gibt – an seine Liebe in Vorarlberg erinnert er sich gut. Über Bekannte aus Frankfurt bekommen die Geschwister heraus, wie der jeweils andere heißt. Es folgt ein erster Videochat: „Wir haben uns natürlich gar nicht verständigen können, aber das war eine riesen Freude“, erzählt Georgs Tochter Eva. Die marokkanischen Geschwister laden Georg und Familie zu sich nach Marokko ein, und schlussendlich steigt der knapp 80-Jährige in einen Flieger, um das erste Mal im Leben seine 14 Geschwister zu treffen.

„Für uns war es auch nicht so leicht, die Reise zu organisieren, aber wir haben es einfach gewagt“, erklärt Eva und erzählt, wie sie das Aufeinandertreffen am Flughafen im Mai 2023 in Erinnerung hat: „Draußen dann die ganze Familie – du weißt ja nicht, wen du da vor dir hast, aber dann haben sich alle umarmt und geküsst.“ Sie erinnert sich, wie die marokkanischen Geschwister beim Anblick von Georg ein Déjà-vu erleben – sie erkennen in ihm den verstorbenen Vater wieder. Auch Georg ist überwältigt:

„Das ist schon verrückt, wenn man nach 80 Jahren jemand kennenlernt und das ist dann die Schwester oder der Bruder.“

Tochter Eva kümmert sich gemeinsam mit Georg um den Hof und verkauft zwei mal pro Woche Bio-Produkte auf dem Bregenzer Markt. Der Humor vereint die beiden lebensfrohen Menschen. (Foto: Ines Janas für JETZT)

Und so könnte diese Geschichte ein Happy End haben. Aber wenn Georg auf sein Leben als Besatzungskind schaut, beschäftigt ihn ein Thema bis heute. „Den Rassismus, den spüre ich immer noch, und der führt in die falsche Richtung. Mir ist klar, dass ich eventuell einmal eine über die Rübe kriege, das ist halt Schicksal.“

Aber Georg hat einen Appell an alle, die auch Diskriminierung ausgesetzt sind:
„Sie müssen lernen, mit dem Rassismus umzugehen. Da kommt keiner und nimmt Rücksicht. Darauf darf man nicht hoffen. Man muss sich selber helfen, das ist wichtig.“
Davonlaufen oder aus Möggers wegzuziehen, war für Georg nie eine Option. Er hat auf seine Weise gelernt, mit den Ausgrenzungen umzugehen, hat sich zur Wehr gesetzt und sich abgehärtet. Und ist dabei trotzdem nicht verbittert geworden. Seit Jahrzehnten engagiert er sich in der Gemeinschaft, setzt sich für Natur und Tierwohl ein und hat seinen Humor nicht verloren. Zum Abschluss unseres Gesprächs will ich von Georg noch wissen, ob seine marokkanischen Geschwister auch einmal zu ihm nach Möggers auf Besuch kommen. Darauf lachen er und seine Tochter Eva laut: Ja, sagen sie, aber nicht jetzt sofort:

„Für 14 Geschwister zu Besuch muss man einiges vorbereiten.“

Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas